Eine kleine Stadtführung

 
"Auf den Spuren von Jung-Stilling und Goethe in Straßburg"

 

 
Leider verweisen die Stadtführer im Allgemeinen nicht auf Johann Heinrich Jung-Stilling.
Auch zu dem Aufenthalt von Johann Wolfgang (von) Goethe [1] in Straßburg ist wenig Informatives zu finden. [2]
 
Darum sei hier ein kleiner Stadtführer durch "Auf den Spuren von Jung-Stilling und Goethe in Straßburg " gegeben.
 

Dieser Führer verweist zugleich auf dem Weg auf die Sehenswürdigkeiten von Straßburg/Strasbourg nach dem – in mehreren Sprachen erschienenen – offiziellen Stadtführer "balades strasbourgeoises" / "strolling in Strasbourg" / "Spaziergänge durch Straßburg". V 1 : Die römische Ziffer verweist auf den Weg, die arabische auf das im jeweiligen Weg genannte Objekt. Fünf Wege werden dort beschrieben.
 

 
Wenn Sie wissen möchten, was Jung-Stilling über Straßburg/Strasbourg zu sagen hat, dann klicken Sie hier.
 
Viele Informationen zu Jung-Stilling und Frankreich findet man (auch) in französischer Sprache hier.
 
 

Abschnitte des Rundgangs:

 

a) 20 Minuten zum Goethe-Denkmal
b) 30 Minuten zur Anatomie
c)  8 Minuten zu St. Thomas
d) 10 Minuten zu Jung-Stillings und Goethes Wohnung
e) 30 Minuten Hirschapotheke und Münster

Alle Angaben

für langsames Gehen

ohne Pausen.

 


Die Stationen des Rundgangs:

 

Nach dem Verlassen des CIARUS, dem Ausgangs- und Endpunkt des Fußweges sind folgende Ziele gesetzt:
 

 
Die erste Etappe

 

Universitätsbibliothek

Goethe-Denkmal und Goethe-Büste
 
das
älteste Goethe-Denkmal von 1887
 
Die erste
Goethe-Gesellschaft

    

Die zweite Etappe

 

Das alte Spitaltor
 
Das Stadtarchiv 
 
Die St.-Erhard-Kapelle, die alte Anatomie
 
Die Lehrsprache in Straßburg
 
Fortsetzung des Jung-Stilling-Wegs
 
Musée Alsacien
 
Gasthaus "Zum Geist"

 

Die dritte Etappe: Fortsetzung des Wegs nach St.-Thomas

 

          Korrektur des Katalogs (zum Speisehaus)
 
St.-Thomas-Kirche
 
Das Datum von Goethes Ankunft in Straßburg/Strasbourg
 
Student Goethe hat "in seinem Obergebäude einen Sparren zuviel oder zu wenig"
 
Jung-Stillings Ankunft und Immatrikulation

 

Die vierte Etappe: Fortsetzung des Weges zu Wohnhäusern und Speisehaus

 

Das Speisehaus der Geschwister Lauth
 
Das "
Haus zu den drei Hasen"
 
Goethes Wohnung
beim Kürschner Johann Ludwig Schlag (1702-1778)

 

Das älteste Goethe-Denkmal von 1887

 

Die erste Goethe-Gesellschaft

 

Die fünfte Etappe: Fortsetzung des Wegs und Rückkehr zum CIARUS

 

Die Hirsch-Apotheke
 
Die
Kathedrale 
 
Das
Cabinet d'Estampes et des Dessins 
 
Fortsetzung des Wegs und Rückkehr
 
Place Gutenberg (Goethe-Bild) 
 
Place Kleber – Die Aubette
 
Brücke de la Fonderie, die "
Pudelbrücke"

 

 


 

   
Ausgangs- und Endpunkt des Fußweges ist das

   
CIARUS
7, rue Finkmatt,
F-67000 Strasbourg,
Tel.: 0033 (0)3.88.15.27.88; Fax: 00 33 (0) 3.88.15.27.89;
E-Mail:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

Centre International d'Accueil et de Rencontre Unioniste de Strasbourg. Alle Informationen zum Ciarus unter diesem URL.
 
Hingewiesen sei ausdrücklich auf diese web-site des CIARUS, da sich dort eine exzellente Karte Straßburgs findet, die den hier vorgestellten Weg auch über Luftbilder darstellen lässt (mit google streetview).

 

Das CIARUS
Haupteingang CIARUS Eingang zum CIARUS

Hintereingang des CIARUS

 

Verlässt man das CIARUS durch den Haupteingang und wendet sich nach recht, so sieht man bereits die Kuppel der römisch-katholischen Jung-St.-Peter-Kirche (V 12) zur Linken. Zur Rechten an der Kreuzung sieht man dann den Justizpalast (V 11). Man schreitet nach links auf den Quai Jacques Sturm und geht am Rande des Fossé du Faux Remparts entlang. Wenn keine Blätter die Sicht behindern, sieht man rechts die Türme des Straßburger Münsters und geradeaus die der Eglise St. Paul (V 47). Linker Hand auf dem Quai Jacques Sturm passiert man das alte Zivil-Kasino (V 13) und das Hauptquartier des Eurokorps.
Das Korps wurde am 5. November 1993 in Straßburg durch die Verteidigungsminister Belgiens, Deutschlands und Frankreichs feierlich in Dienst gestellt.
 
Am Ende des Quais erhebt sich links der Palais du Rhin, der ehemalige Kaiserpalast (V 23), er wird "Elefanten-Palast" genannt. Bis zu seinem Eingang geht man. Blickt man nun über den Platz der Republik (Place de la République), so sieht man in seiner Mitte das Denkmal "Mutter Elsaß mit ihren toten Söhnen". Der eine fiel für Frankreich, der andere für Deutschland im Ersten Weltkrieg; erst im Tode reichen sie wieder einander die Hände. 1936 wurde Denkmal von Léon Drivier (1878-1951) errichtet. In der Ferne erkennt man bereits das große Gebäude der alten Universität (V 61). Links sind die beiden großen Gebäude das Schatzamt (V 24) und die Präfektur (V 25). Passiert man das Denkmal, so sieht man vor sich rechts das Gebäude der heutigen Universitätsbibliothek (V 26) und das des ehemaligen Landtags, dem heutigen Nationaltheater (V 27).
 

 

Kaiserpalast - "Elefantenpalast"      "Mutter Elsass" und Kathedrale
   Kaiserpalast ("Elefantenpalast")    Denkmal "Mutter Elsass" und Kathedrale

  
Die Universitätsbibliothek, 6 Place de la République, 67000 Strasbourg, enthält viele wertvolle Bestände – auch zu Johann Heinrich Jung-Stilling. Nach der Zerstörung Straßburgs bei der Beschießung vom 24. bis 27. August 1870 unter dem Befehl des Generals August Graf von Werder (1808-1887; siehe dazu den Katalog 2010 [1]) sammelte man im neu entstandenen Kaiserreich Bücher für die wieder entstehende Bibliothek (Gründung der Universität am 1872-04-23). So entstand eine wieder umfangreiche Büchersammlung. Die alten Bestände der Bibliothèque Municipale de Strasbourg unter der Obhut der Conservatrice chargée du Patrimoine, Agathe Bischoff-Morales wurden ehemals hier dargestellt. Heute werden diese Bücher in der Mediatèque André Malraux aufbewahrt (, nachdem sie zuvor in der Rue Kuhn untergebracht worden waren; vgl. u.).

 

Mediathèque And´ré Malraux BMS in der Rue Kuhn
Mediatèque André Malraux

 BMS in der Rue Kuhn

 

Hier hat man schon die erste Begegnung mit Goethe in Straßburg/Strasbourg:

 

BNUS
Die BNUS am Abend rechter Sims der BNUS

 
Rechts im linken Bild ist Schiller nicht mehr zu sehen, jedoch Goethe und Leibniz.
 
Im Sims des Gebäudes findet sich ein Bildnis Goethes neben anderen bekannten (klassischen) Dichtern. Hier ist es das zweite Medaillon von rechts. Goethe steht zwischen (rechts) Schiller und (links) Leibniz (rechte Abbildung).
Links am Gebäude finden sich (von außen nach innen) Molière, Calderon und Dante.


Die Bibliothek enthält viele Werke Jung-Stillings und auch eine Handschrift.

Neben den alten Zettel- und Bandkatalogen ist heute alles über das Internet zu recherchieren. Aber auch hier ist man vor Fehlsuchen und Fehlern  nicht gefeit. (rot = Korrektur durch mich: Staatswirtschaftler, nicht Staatswissenschaftler)

  

Der alte Bandkatalog Eine korrekturbedürftige Karte

 
Gegenüber der Titelseite eines Buches ist ein bisher unbekannter, von mir entdeckter, Schattenriss Jung-Stillings eingeklebt, der die von der Hand von Johann Friedrich Oberlin (1740-1826; vgl. weiter unten) angefertigte Unterzeile hat:

 
"Schlecht getroffenes Silhouette von Heinrich Stilling / oder Dr. Joh Heinrich Jung. / geb. d 12 Sept 1740."


Format der Silhouette: Kopfhöhe 52 mm, Kopfbreite 47 mm, der Kopf sieht nach rechts, also dem Titel entgegen. Format: 101 x 138 (163); 71 von rechts nach links. - An achter Stelle der Bildnisse ist sie hier zu sehen.

 
Bestellungen nach Erhalt eines kostenlosen "Accès temporaire aux Salles de Lecture" bzw. einer "Carte temporaire" in der Verwaltung über den Computer im Katalogsaal; Lieferungen empfehlen sich für den Lesesaal, besonders Saal 5, wo Christine Neuner oder Bernard Reuther nebst Kolleginnen und Kollegen gern behilflich sind.

 
Siehe neben der in Anm. 1 genannten Literatur auch die Kataloge zu den Ausstellungen:

 

Ausstellung "Europa, wie Goethe es sah". Katalog herausgegeben von Volkmar Hansen [,] Goethe-Museum Düsseldorf [,] Anton- und-Katharina-Kippenberg-Stiftung [,] in Verbindung mit Gonthier-Louis Fink [,] Societé Goethe de France [,] und Alberto Destro [,] Università di Bologna [.] Düsseldorf • Saverne • Bologna 1999 (ISBN 3-9805383-2-X.) [Darin Gonthier-Louis Fink: Goethes Dialog mit Frankreich, S. 219-304.]

   
Haut-Commissariat de la Republique Française en Allemagne. Direction des Archives de France. Goethe et la France 1749-1949. Exposition organisé pour la commémoration du bicentenaire de la naissance de Goethe. Catalogue établi par Michel François. Avant-propos de Charles Braibant. Préface de André François-Poncet. 1949. [S. 65-72, Nr. 127-162: "D Le cercle des amis de Goethe à Strasbourg."]


Bibliothèque Nationale. Goethe 1749-1832. Exposition organisée pour commémorer le centenaire de la mort de Goethe. [Silhouette] Editions des Bibliothèque Nationale de France 1932. (Vorwort unterz. v. Julien Cain.) [S. 44-58, Nr. 107-161 "IV Strasbourg (1770-1771)". – Statt "Henze" ist bei Nr. 127 "Henne" zu lesen!]

   
Zwischen Bibliothek und Nationaltheater geht der Weg weiter über die Avenue de la Liberté (V 31 und V 40-45) bis zur Kirche St.-Paul (V 47).
 
Bereits vom Quai Jacques Sturm sah man auf der anderen Fossé du Faux Remparts-Seite den Turm des Artillerie-Lagers (I 10), am Place de la République dann die Stadt-Oper (IV 17), das Denkmal des Präfekten Lezay-Marnésia (IV 18) und auch das Palais der Präfektur (III 16).

 

 

 

 Über Frau von Krüdener hatte auch Jung Kontakt zu der Witwe des Präfekten.

 

Siehe dazu auch die ähnliche Stadtführung auf den Spuren Napoleons:

Circuits touristiques des Monuments et sites Napoleoniens Strasbourg et environs. Strasbourg (1987. - ISBN 2-9501704-0-4), hier S. 54 ff.

 Lezay-Marnesia

 

Von der Brücke, die Aar und Ill überquert, sieht man schon das Denkmal des jungen Johann Wolfgang Goethe. Linker Hand das bekannte Café Brant. 

 

 Der Platz vor der alten Universität
 Links das Café, in der Mitte das Goethe-Denkmal und rechts die alte Universität

    

Goethe-Denkmal Goethe als Statue
Goethe blickt in Richtung Straßburger Münster und schaut doch rechts an ihm vorbei.

    

 

Wo immer es solche Denkmale gibt, da gibt es auch deren "Nutzer":

 

Auch in Straßburg/Strasbourg werden diese Kulturgüter beschmiert und "künstlerisch" verändert. Die Stadtreinigung hat auch hier viel zu tun. Bereits kurz nach der Aufstellung des Denkmals wurde es beschmutzt. Professor Martin verlangte empört die sofortige Reinigung durch die Stadtverwaltung. Nach längerer Beratung wurden 4 Reinigungen pro Woche zu je 2 Mark bewilligt.
Goethe mit roter Mütze

   

Geschaffen wurde das Goethe-Denkmal (V 62, mit Abb.) von dem am 1. Juni 1854 in Hannover geborenen Ernst Waegener, Meisterschüler von Reinhold Begas (1831-1911).

  
Es ist nicht bekannt, dass Goethe je einen Gehstock benutzt hat; aber: sollte hier in Straßburg für die Studenten das Tragen eines Degens durch das eines Stocks ersetzt worden sein? Oder handelt es sich um den Spazierstock des Dichters mit dem Elfenbeinkopf Schillers als Knauf? Wahrscheinlich handelt es sich aber nur um einen Anachronismus.

   
Erst durch die freundliche Vermittlung von M. Louis Ludes wurde mir folgendes Detail bekannt:

 
1899 plante Strasbourg/Straßburg ein Goethe-Denkmal. Man führte ein Preisausschreiben für ein "Standbild des jungen Goethe in Strassburg" durch und setzte für den 1. Preis 3000, für den 2. Preis 2000 und für den 3. Preis 1000 Mark aus. Die 65 eingesandten Modelle wurden im Palais Rohan (III 1) ausgestellt und die Künstler mussten sich hinter einem Kennwort verbergen. Das Kennwort ist wohl vom jeweiligen Einsender gewählt worden, wie die übrigen zeigen, die manchmal durchaus lustig sind; heißt doch eines, Nr. 42, S. 262 "Hätschelhans", ein anderes, Nr. 6, S. 262 "W. W.", ein drittes, Nr. 37, S. 258 "Tantalus". Das Denkmal des Preisträgers verbarg sich hinter – Jung-Stilling!
 
So wurde es von stud. phil. O[tto]. Krüger beschrieben:

 
"Nr. 34. ‚Jung-Stilling'. / Goethe steht in ruhiger, vornehmer Haltung, die Rechte auf einen Wanderstab gestützt, mit der Linken den Mantel hinter dem Rücken tragend. Der Sockel, rechts und links Reliefs tragend, die sich auf Sesenheim beziehen, steht inmitten eines rechteckigen Plateaus, auf dem links und rechts aufwärtsschauende Sphinxe liegen."

 
Es erhielt also den "I. Preis Nr. 34 Kennwort ‚Jung-Stilling'; Einsender / Ernst Waegener, Berlin;".

 
All dies lässt sich nachlesen in den Aufsätzen von

Ernst Martin im "Jahrbuch für Geschichte, Sprache und Litteratur Elsass-Lothringens. Hrsg. v. d. Historisch-litterarischen Zweigverein des Vogesen-Clubs" 1899-1904, S. 245-251, 196-200, 252-267, 108-123; die Werkbeschreibungen ebd. von stud. phil. O[tto] Krüger.

 
Trotz der von Ernst Martin genannten Änderungen des Entwurfs hat es in der Folge dann wohl weitere Änderungen des Denkmals und seiner Umgebung gegeben.

  

Siehe auch als weitere Literatur: "Straßburger Goethevorträge. – Zum Besten des für Straßburg geplanten Denkmals des jungen Goethe. – Straßburg Verlag von Karl J. Trübner 1899. [Darin Aufsätze von Ernst Martin, Rudolf Henning, Eugen Joseph, Wilhelm Windelband, Adolf Michaelis, Jacob Stilling („Über Goethes Farbenlehre“), Theobald Ziegler.]

   
Die Rückseite des Denkmal-Podests trägt die Inschrift:

 
"Zur Erinnerung / an den / 150sten Geburtstag / des Dichters. / Errichtet 1904".


Die linke Seite des Podest zeigt eine Szene aus "Dichtung und Wahrheit": Goethe und seine Freunde auf der Plattform des Münsters, die rechte Platte bezieht Sesenheim/Sessenheim ein; Jung-Stilling ist wohl nie in diesem Ort gewesen.

 

Goethe mit seinen Freunden auf der Plattform der Kathedrale Goethe und Friederike Brion in Sensenheim
Goethe mit seinen Freunden auf der Plattform des Münsters. [3] Goethe und Friederike Brion in Sesenheim/Sessenheim.

 

Links und rechts der gesamten Denkmal-Anlage stehen die Musen der dramatischen und lyrischen Kunst (Euterpe [Aulos] und Melpomene [Maske]). 

 

Euterpe Sockelinschrift Melpomene
Euterpe Inschrift im Sockel:
Ernst Waegener. 1904

Melpomene

 

In einem unterhaltsamen Stadtführer durch Straßburg/Strasbourg von 1895 liest man zur Universität, deren Gebäude weiter unten von der Rückseite zu sehen ist.


Gustav Adolf Müller und Christian Schmitt: Lustiger Führer durch Strassburg. In Reimen von Max und Moritz. Illustriert. [Motto]. Strassburg: Zenker 1895, hier S. 9 f.

  
Vor der Universität
Jedermann in Ehrfurcht steht,
Da sie als des Reichslands Stolz
Kräftig grünt wie junges Holz.
Reimt sich auch auf ‚alma mater’
Sinn- und formgetreu der ‚Kater’,
So ist dennoch zu betonen,
Dass hier brave Leute wohnen. –
Wie viel Weisheit wird gehört! –
Mancher Beutel wird geleert! – [S. 10:]
Schon vor mehr als hundert Jahren
Kam als Studio hergefahren
Eines Abends, wohl schon späte,
Auch Herr Johann Wolfgang Goethe.
(Dieser Reim ist furchtbar schlecht,
Doch für uns gerade recht.)
Was Herr Goethe hier gethan,
Thut noch heute manch junger Mann: […]

  
 
Hinter dem Gebäude der Universität findet sich in deren Garten ein weiteres Goethe-Denkmal, über das mir noch nichts bekannt war, zu dem jedoch M. Louis Ludes wiederum einiges beitragen konnte:

 
Errichtet worden ist dieses Denkmal im September 1887.

 

 Goethe-Büste hinter der Universität  Detail

 

Die Rückseite des Denkmals trägt in der Bronze die Inschrift:

 
Modelliert von H. Manger / mit Benutzung von Frd. Tiecks / im Jahre 1820 nach der Natur gefertigten / lebensgroßen Büste Goethes. / Gegossen Lauchhammer 1872.

 
Auf der Vorderseite liest man aus Goethes "Faust":

 
Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen.

 
Christian Friedrich Tieck geb. Berlin 14.08.1776, gest. ebd. 12.05.1851. Bruder von Ludwig Tieck (1773-1853) macht 1801 in Weimar Bekanntschaft mit Goethe. Seine Goethe-Büsten 1801 und 1820 befinden sich jetzt in Weimar, Goethe-Museum; er modellierte Goethes Büste, die er später auch in Marmor für die Walhalla ausführte.
 
Heinrich Carl Johann Manger, geb. Odessa 27. Dezember 1833, seit 1869/70 in Berlin, fertigte die Kolossalbüste Goethes für Straßburg und Leipzig." Lauchhammer"; Eisenwerk im preuß. Reg.-Bez. Merseburg, Bezirk Liebenwerda an der Schwarzen Elster, berühmt durch Bronzeguss und Eisenkonstruktionen.
 
Beide Goethe-Monumente (das vor und das hinter dem Universitätsgebäude) sind sehr gut abgebildet in der Luftaufnahme, die das gesamte Universitätsgebiet zeigt. Das Luftbild ist gedruckt in Saisons d'Alsace, Revue trimestrielle, Nr. 2, Printemps, Strasbourg 1951, S. 121.

  

  
 
Die zweite Etappe

des Jung-Stilling-Weges beginnt mit dem Weg entlang der Ill in Richtung auf das Münster zu. Vom Goethe-Denkmal aus wendet man sich nach schräg links zur Ill. Vom Quai du maire Dietrich geht es den Quai des Pecheurs und dann den Quai des Bateliers entlang. Unter den Bäumen am Ufer der Ill wandert man in Richtung Kathedrale, deren Turm man rechter Hand sieht.
Auf diesem Weg kann man auch den ehemaligen Sitz der "Germania"-Versicherung (V 63), die Jugendstil-Badeanstalt (V 64) und evtl. die Kunstgewerbe-Hochschule (V 65) besichtigen.
 
Ein Blick auf die Wilhelms-Schule (IV 20), die Tabakmanufaktur (IV 21), das Mietshaus von 1828 (IV 25) und evtl. auf die ehemaligen städtischen Waisenanstalten (IV 24) ist lohnend.
 
Am Ende des Quai des Bateliers, kurz vor dem Place du Corbeau, sieht man die ehemalige Stube der Schifferzunft "Zum Anker" (III 41). Auf der anderen Ill-Seite sieht man das prächtige Gebäude Palais des Rohan (III 1) und das Haus des Händlers Zollikofer (III 45).
Beim Haus "Zum Anker" findet sich ebenfalls das ehemalige Gasthaus "Zum Raben" (II 16), und gegenüber, jenseits der Ill, die "Grosse Metzig" (II 15). Ein Abstecher zu II 17-21 ist lohnend. – Das Hôtel du Rhin (IV 3) lohnt einen Blick.
 
Am Place du Corbeau, den man nach etwa 25 Minuten Fußweg erreicht, biegt man nach links ein und geht auf den Turm zu, den man über den Häusern sich erheben sieht.

 

Dieser Turm ist das alte Spitaltor (I 1), rechts das halbrunde Gebäude das ehemalige Stadtarchiv:

 

     

Vgl.: Ad(olphe) Seyboth: Strasbourg. Historique et pittoresque depuis son origine jusqu'en 1870. Text par Ad. Seyboth. Aquarelles et dessins par E[mile]. Schweitzer et A[lbert]. Kœrttgé. Strasbourg: l'Imprimerie Alsacienne 1894; nach S. 608 Farblithographie der « Porte de l'hôpital en 1850. » 

 

 

 Das alte Stadtarchiv  Eingang des alten Archivs
 Das neue Stadtarchiv  Ein Band der alten Matrikel

 

Damit ist man wieder auf Jung-Stillings Spuren. Das rechte Gebäude mit der runden Haushälfte und den vielen Namen im Sims ist die ehemalige medizinische Schule und bis zum Jahr 2005 das Stadtarchiv (IV 4), das heute einen Neubau bezogen hat. In ihm werden die Matrikeln der Universität aufbewahrt und auch der (Teil)Nachlass Oberlins. – Eine Neu-Nummerierung der Archivalien ist erfolgt; hier sind noch die alten (!) angegeben. – Helfende Hände für Besucher hatten und haben hier Jean-Yves Mariotte † (ehemaliger Leiter des Archivs, jetzt) Mme Laurence Perry und François Schwicker sowie Mme Isabelle Misslin (zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit) neben allen anderen dort.

  
 
Diese spätere medizinische Schule, das ehemalige Stadtarchiv und heutige ENA-Gebäude, in dem sich auch die alten Matrikeln der Universität befinden, zeigt sich hier. Heute befindet sich das Stadtarchiv mit seinen Beständen in einem neuen Gebäude.

  

In den Matrikeln (rechts ein Band derselben) finden sich drei Einträge Jung-Stillings. Damals in dem rechten, heute in dem unteren Gebäude verwahrt:

   

Interessant ist z. B. Jungs Eintrag in die Matrikel am 24. September 1770: Hier wird aus dem Wort Elberfeld das Wort Ronsdorfiensis.(Siehe die Abb. in den "Sendschreiben", wo dies erstmals publiziert wurde.)

 

 

Die Aktenbündel des Archivs bergen an verborgenem Ort auch den von mir entdeckten Lebenslauf Jung-Stillings in lateinischer Sprache; er ist hier unkorrigiert nachgedruckt.

  
Der wichtige Aufsatz von Théodore Vetter: L'étape Strasbourgeoise de Heinrich Jung dit Stilling ou le déterminisme d'une double carrière schöpft aus den Materialien des Archivs und zeigt zwei Einträge in die Matrikeln, die Promotionsdeklaration und neben einem Eintrag Jung-Stillings in das Stammbuch auch den Scherenschnitt aus Oberlins Stammbuch, der Jung-Stilling zeigt. (AMS [neu 77 Z], 15 NA 466; AMS, 15 NA 204, 1801; AMS, 15 NA 204, 1805, nach Wocher.) – Ich hatte das Glück, viele übersehene Quellen zu Jung-Stilling hier zu entdecken, darunter auch seinen Lebenslauf in lateinischer Sprache (vgl. hier).

   

  
So befindet man sich nun auf dem Place de l`Hôpital. Geradeaus, gegenüber dem ehemaligen Stadtarchiv, sieht man das Hôpital Civil (III 38-39) mit der St.-Erhard-Kapelle (I 4). Dies ist die alte Anatomie, und hier hat Jung-Stilling an anatomischen Übungen teilgenommen; hat vielleicht auch Goethe hier hospitiert. [4] Dies ist also die alte Anatomie aus dem Jahr 1670, die ihre "Kadaver" aus dem anliegenden Krankenhaus bezog (so nach einem Anonymus, nicht Friedrich Rudolph Salzmann/Saltzmann, 1780).

 

Platz vor St.-Erhard-Kapelle St.-Erhard-Kapelle
 Platz vor der St.-Erhard-Kapelle  St.-Erhard-Kapelle
Eingang zum Hospital  Theatrum Anatomicum
 Eingang zum Hospital  Theatrum-Anatomicum

  
Die Kapelle kann während der Öffnungszeiten und nach Absprache mit den dortigen Pastoren (Aumonerie protestante, Tel.: 33 (0)3 88 11 60 80 ou poste 16080, Fax. 33 (0)3.88.11.57.96; pasteurs Alfred Haller, Françoise Gehenn, Wolfgang Gross-de Groer, Jean-Charles Kaiser) besichtigt werden. (Vgl. zu ihnen z. B. den jährlich erscheinenden "Almanach evangelique luthérien d'alsace et de Lorraine 2001, ed. Hans Bieber, Foyer St-Jean Château, Neuwiller-lès-Saverne 2000", ISSN 0244-609 X, S. 156 und passim und in den folgenden Jahrgängen des Almanachs.).

   

Rechts an der St.-Erhard-Kapelle entlang in Richtung auf das große Eingangstor des Hospital-Bezirks zugehend, sieht man über dem Sims eine Gedenk-Tafel, die an das "Theatrum Anatomicum" erinnert. [5]

   

Das Epitaph zu "Phil. Henr. Boecklerus" in der Kapelle rechts neben der Orgel sollte nicht übersehen werden; eine Publikation ist dazu erhältlich.

 

"La plaque commémorative du professeur d'anatomie strasbourgeois P. H. Boecler (1718-1759) par le Docteur J. M. Le Minor, Institut d'Anatomie Normale et Radiologie Médicale A".

 
Philipp-Heinrich Boecler war von 1756 bis 1759 hier der Pathologe, auch wenn es mit seinem Unterricht "nicht zum besten bestellt gewesen zu sein" scheint, wie Théodore Vetter 1976 begründet schreibt.

 

Tritt man durch das Tor, so sieht man noch Teile des alten Hospitals:

   

Das Hospital   
 Im Hospital  Die alte Pharmazie

 

Jung-Stilling schreibt über ein Erlebnis dort in seiner Zeitschrift "Der / Volkslehrer. / Zweiten Jahrgangs Erstes Stück. / 1782. / Eismond. / Leipzig, / in der Weygandschen Buchhandlung." S. 58 f.:

 
[S. 58:] Daß / ihr [Frauen] die Kranken besucht, ist sehr löblich, aber das / ist eure Sache, daß ihr dem Kranken dient, wo / ihr könnt, entweder mit Wachen und Aufwarten / des Nachts, oder daß ihr ihm mit etwas aus / eurer Küche oder dem Keller an die Hand gebt, was / er denn essen oder trinken darf, oder daß ihr tröst= / lich zusprecht, und was sonsten einer christlichen / Frau zukommt. Da gebt ihr auch manchmal / Rath, was der Kranke für Arzeney gebrauchen soll, und dadurch wird mancher Mensch ums Le= / ben gebracht. Davon will ich euch eine schreckliche / Geschichte erzählen, die ich selber erlebt habe:
In / Strasburg kam ein Mann ins Hsopital [sic; Hospital], welcher / über den ganzen Leib so voller Grind oder Kräze [sic; Krätze] / war, als wenn er die Blattern gehabt hätte. Der / Mann hatte nun, wie man leicht denken kan, ein / erschreckliches Jucken über den ganzen Leib; als nun der Doktor des Morgens die Kranken im / Spital besuchte, so fand er auch diesen Mann, / er verordnete ihm die gehörige Arzeney und sagte / zu ihm, er solle sich aber ja in acht nehmen, daß / er sich nicht mit Salbe schmierte, denn es würden / ihm die Weiber und Aufwärter im Spital vielleicht / insgeheim Salben anrathen, er sollte aber ja nicht / schmieren, denn es könte ihm sein Leben kosten. [S. 59]
Was geschah? nach ein paar Tagen kam der / Doktor wieder bei den Mann ans Bette, und / fand nun, daß er gar keinen Odem bekommen / konnte; und sein Grind war über den ganzen / Leib trocken und heil, die Brust war so verschlos= / sen, daß er nach dem Odem schnappte, als ein / Mensch der ersticken will, er starb auch des nem= / lichen Tages.
Da hatte ihm ein altes Weib gera= / ten, er solle sich schmieren, hatte ihm auch Sal= / be gebracht, er hatte sich geschmiert, und war / darüber des Todes. Es wurde auch untersucht, / und die Frau welche es ihm gerathen hatte, wurde / ein Vierteljahr bei Wasser und Brot in den Thurm / gesezt.

 
Da Jung-Stilling nun tatsächlich häufig Selbsterlebtes erzählt, könnte man vielleicht diese Geschichte noch verifizieren.

  
Im Jahr 1775 veröffentlichte ohne Nennung seines Namens Johann Friedrich Carl Grimm seine

 
Bemerkungen / eines Reisenden / durch / Deutschland, Frankreich, England und / Holland / in / Briefen / an seine Freunde. / - / [Motto: Gay] / - / [Vignette] / Erster [bis Dritter] Theil. / - / Altenburg / in der Richterischen Buchhandlung 1775.

 
In Bd. 1, S. 143 ff. findet sich ein schöner Berichte über das damalige Straßburg.
Auf S. 144 wundert sich Grimm, dass nachts keine Laternen in den Straßen brennen, was ihn erstaunt, da andere Städte das schon längst haben. Nur die Gaststätten in Straßburg haben eine solche Beleuchtung.
Grimm nennt eine Zahl von 600 Studenten für diese Zeit und vermutet S. 152-153 den Grund dafür in einem Überfluss an Leichen. Allein über 100 Studierende seien deswegen hier.

 
Es folgt eine Erzählung über die Aufbewahrung der Präparate und die Lieferung der Leichen aus dem deutschen Stadthospital. Ein Strick um den Hals kennzeichnet die protestantischen Toten, die für die Anatomie vorgesehen sind. Sie sollen so bei den später erfolgenden Beerdigungszeremonien von den römisch-katholischen Körpern unterschieden werden. Darüber schreibt er S. 154 f.:
 
Ein Verfahren, das einem Protestanten ein wenig hart, und an einem Orte, wo so viele Lutheraner leben, fast unglaublich vorkommen muß. […] Das Lächerlichste was dabey vorgeht, ist, daß bey der anstehenden Beerdigung es oft geschieht, daß die Leichen verwechselt und die Stricke den Protestanten abgebunden und dem Catholicken angebunden werden, wenn man just die Leichen der Letztern noch eine Zeitlang brauchen will, und doch der heilige Vater den Körper seines Glaubensgenossen abfordert.
  

 
Erst durch die Vorlesungsverzeichnisse aus der Zeit Jung-Stillings ist die Frage nach der Lehrsprache in Straßburg "eindeutig" geklärt: So heißt es in dem Verzeichnis für das Sommersemester 1771 der Universität zu Straßburg:

 
"Varii Doctores partes Medicinae in usum Chirurgorum, quatenos ad illos spectant, / Lingua Germanica tradunt.”

 
Schon 1780 schreibt ein Anonymus (nicht Friedrich Rudolph Salzmann/Saltzmann):

 
"Sie halten ihre Lectionen in lateinischer Sprache; doch lesen auch einige bisweilen in französischer oder teutscher Sprache."

 
Erhalten hat sich für die Jahre 1780 und 1781 der Kalender:

 
Almanach / de / Strasbourg / - / Année Bissextile / 1780. / [Vignette] A Strasbourg / chez Lorenz & Schouler, / Imprimeurs du Directoire de la Noblesse, / sous les petites arcades. / - / Avec Permission.

 
In ihm heißt es S. 61-62 zum « Théatre Anatomique »:

 
« Dans la grande salle se donnent les leçons Anatomiques en Latin pour les médecins & en Allemand pour les chirurgiens après midi deux heures de suite. »

 
Am 18. Mai 1772 schreibt Johann Heinrich Jung-Stilling aus Elberfeld an Hofrat Andreas Lamey in Mannheim, dass er in Elberfeld "eingerichtet" sei und Wundärzte (also nicht studierte Chirurgen) unterrichte u. a.:

 
"daß Ich mir vor und nach suche eine Anatomie anzulegen, ohne welche Ich schwerlich zu meinem Zweck kommen werde. Ich hoffe aber auch, daß dies nicht so schwer halten wird".

 
Rückblickend, am 1. Dezember 1809, schreibt Jung-Stilling aus Karlsruhe an Johann Friedrich von Meyer ("Bibel-Meyer"; 1772-1849) in Frankfurt u. a.:

 
"Als ich in Straßburg studierte und mich mit der Anatomie beschäftigte, da wünschte ich mir, ein recht schönes Skelett zu haben. Ich fand auch Gelegenheit, eines zu kaufen. Nun war ich willens, die astrologischen Benennungen alle auf die Knochen zu schreiben, fing auch wirklich am Cranio damit an. Auf einmal, ganz unerwartet, durchschauerte mich ein elektrischer Schlag und zugleich der Gedanke: wie, wenn der Eigentümer diese Gebeine einmal zurückforderte? Im Augenblick gab ich das Skelett zurück und von der Zeit an kommt mir die Anatomie bedenklich vor, besonders wenn Teile des Körpers als Präparat aufgehoben werden."

 
Später klagt Jung-Stilling:

 
"Warum hält man junge Studirende eine so lange kostbare Zeit mir den Untersuchungen der kleinsten Theile des menschlichen Körpers auf? wärs nicht besser, wenn man einen Lehrer des menschlichen Körpers anstellte, welcher so viel Anatomie, als zur Physiologie nöthig ist, die Physiologie und die Pathologie lehrte? – einen andern, der die Naturgeschichte, die Materia medica, und die Pharmacie, und endlich einen dritten, der in einem großen Hospital die medicinische Praxis vortrüge? – jeder macht seinen Beruf wichtig, der Lehrer der Anatomie auch, da hält sich der zukünftige Mediziner mit Pedantereyen auf, seine Zeit kommt, er weiß nun alle Wendungen, Vereinigungen und Knoten des Intercostal=Nerven, aber dem nothleidenden Kranken zu helfen, da ist er ein Stolpertus. Sumst ihr Wespen, ich ziehe mich zurück."

 
Die Anatomie gehörte zur Universität der Stadt Straßburg, die sich aus den Einrichtungen der Kirche St. Thomas entwickelt hatte. (1538 gründete Jakob Sturm [von Sturmeck; 1489-1553] ein Gymnasium, das sich unter Johannes (später: von) Sturm (1507-1589) zur Akademie entwickelte; diese wurde 1621 durch Kaiser Ferdinand II. (1578-1637) zur protestantischen Universität erhoben.)
Dementsprechend liegen die Unterlagen der Universität unter der Signatur "AST" in den AMS; also unter "Archiv St. Thomas" in den "Archives Municipales de Strasbourg".


Siehe auch zur Universität: Bibliographie de l'histoire des Universités françaises des Origines à la Révolution. Tome II d'Aix-en-Provence à Valence et Académies Protestantes par Simonne Guenée. Avant-propos de Jacques Monfrin. Paris : Picard 1978 = Institut de Recherche et d'Histoire des Textes, Institut National de Recherche Pédagogique, Commission internationale pour l'Histoire des Universités, S. 382 ff.
 

 
Zur Fortsetzung des Jung-Stilling-Wegs wendet man sich nun wieder der Ill zu. Man sieht bereits den Turm des Münsters und die alte Douane (I 2). Das Gotteshaus St. Nikolas (I 5), das Mietshaus (V 67), die Großbürgerhäuser (III 36-37), (IV 5) und (IV 3) sowie die schon genannten (II 17-21) lohnen eine Besichtigung. Zwar wollen wir über die Brücke Pont St. Nicolas die Ill überqueren, um an ihrem Ufer nach links zu gehen, aber zuvor lohnt sich ein Blick in das Musée Alsacien, 23, Quai Saint-Nicolas.
 
Das Museum beherbergte zwei schöne Oberlin-Zimmer, aber sie sind hier nicht mehr zugänglich, denn die Leiterin des Museums (Conservateur du Museé Alsacien), Mme Malou Schneider, mußte alle Oberlin-Exponate in das moderne und ausgezeichnete Oberlin-Museum nach Waldersbach abgeben. Spuren hinterließen diese Oberlin-Zimmer in den Katalogen, z. B.:

 
Georges Klein: Das Elsässische Museum in Strassburg. Strasbourg: Musées de Strasbourg o. J. ISSN 0221-9255, Übertragung von Carl Helmut Steckner. [S. 123-125: "Raum XVIII In den Vogesen-Stuben Die Oberlin-Sammlung".]

  
Neben den Oberlin-Gedenkstücken fand sich ein Kupferstich Jung-Stillings unter den Beständen. Er stammt von Marquardt Wocher. Unter der großen Porträt-Sammlung des Musée Alsacien ist ein Schattenriss Johann Heinrich Jung-Stillings erhalten geblieben, der dem oben in der B.N.U.S. nahezu identisch ist. Sicherlich sind alle diese Zeichnungen mit Hilfe des Storchenschnabels (Pantograph) entstanden. Dieser Schattenriss ist abgebildet in:

 
Les Musées de la Ville de Strasbourg. Jean-Frederic Oberlin. Le divin ordre du monde. 1740-1826. Sous la direction de Malou Schneider et Marie-Jeanne Geyer. (Strasbourg und Mulhouse:) Editions du Rhin (1991. Austellung vom 1.02.-20.05.1991 im Musée Alsacien, Strasbourg.) S. 200, mit Text S. 199-200.

 
All dies findet sich nun zentral im modernen Museée Oberlin in Waldersbach.
 
Die alte Douane, das alte Zollhaus (I 2), ist ähnlich wie die Große Metzig (II 15) vom Museum aus gut zu sehen.

 
 
Fortsetzung des Wegs nach St.-Thomas

 
Auf der anderen Seite der Ill, am Ende der Pont St. Nicolas blicken wir die breite Straße "Rue de la Division Leclerc" entlang. Rechts geht der Weg – diesmal auf der anderen Ill-Seite – in Richtung auf das Goethe-Denkmal zurück. Gleich links am Ende der Brücke in der Häuserreihe ist eine der kleinsten Straßen von Straßburg/Strasbourg durch eine Tür versperrt. Zuviel Unrat wurde hier abgeladen. Und dies in der Nähe des alten Hotels "Zum Geist", in dem Herder logierte!

  

   
Zwischen den Sprossen des Gerüstes sieht man das blaue Straßenschild mit der Inschrift "Ruelle / de l'Agneau". - Das Kopfsteinpflaster mit der Abflussrinne in der Mitte ist völlig zugewachsen. - Am Ende knickt das Gässchen nach rechts ab und endet vor einer verschlossenen Tür, die den Zugang zur Stallgasse versperrt. -  Aus den Räumen des Restaurants in der Stallgasse kann man, wenn man unter den alten Bögen des Gewölbes sitzt, durch die Fenster in das Lammgässchen sehen.

  

Das Gasthaus "Zum Geist" während des Abrisses im Jahr 1932:

  

  

Auch wenn das Gasthaus abgerissen wurde, so fanden doch "A l'occasion du Centenaire de la mort de Goethe" Konzerte in Strasbourg statt; so das dritte am 6. Juli 1932 um 20:30 Uhr im Palais des Fêtes mit Sophie Wurth-Imbert, Alfred Peter, Emile Hilbold und "de la Chorale Strasbourgoise du Corps Enseignant (Strassburger Lehrergesangverein)". – In Sessenheim/Sesenheim, auf das hier auf meiner web-site weiter nicht eingegangen wird, fand am 22. Mai 1932 ein "Fête du Centenaire de la Mort de Goethe" statt, zu dem ein vierseitiges Programm erschien.
 
Sein ursprüngliches Aussehen entsprach dem unten gezeigten Quai St. Thomas Nr. 6/6 a, allerdings ohne den oberen Balkon, jedoch dafür mit einer Gedenktafel über dem Balkon der ersten Etage mit der Inschrift:

 
"IN DIESEM HAUSE / DEM EHEMALIGEN GASTHOF ZUM GEIST / TRAFEN SICH / HERDER UND GOETHE / IM SEPTEMBER 1770."

 

Die dritte Etappe

 
Wir gehen aber nach links und auf dem Quai St. Thomas entlang des Flusses. Gleich rechts findet sich das Haus am Thomas-Staden (Quai St. Thomas) Nr. 6/6 a, das lange für das Speisehaus der Geschwister Lauth gehalten wurde (siehe unten zum eigentlichen).

  

 

Die Veranstalter der Goethe-Ausstellung von 1932 hatten auch einen Katalog ediert:

   

Goethe et l'Alsace. – Exposition a l'occasion du centenaire de la mort de Goethe organisée par la Bibliothèque Nationale et Universitaire et les Musées de la Ville de Strasbourg.

 
Dieser Katalog verzeichnete eine Fotografie (!) des Hauses aus dem Besitz des Cabinet d'Estampes et des Dessins. Vorgelegt erhielt ich hier auf Nachfrage aber die genannte kolorierte Zeichnung, die das Haus zeigt, das der Siegener Katalog wiedergibt. Neuerdings ist dies geändert worden. Ich nahm an, dass es sich um das gezeigte Abbild handelte und die Goethe-Forscher damals Froitzheim berichtigen konnten und übernahm leider, trotz Bedenken, ungeprüft diese Angabe.

 
Nun publiziert

 
Jean de Pange: Goethe im Elsass. Mit 26 Kupfertiefdrucktafeln. Baden-Baden: Verlag für Kunst und Wissenschaft MCML ([1950]. – Autorisierte Übersetzung aus dem Französischen, © 1949.)


eine Abbildung des Lauthschen Hauses nach dieser Fotografie, die im Katalog genannt ist. Gezeigt wird nun ein ganz anderes Haus! Es ist das Quai St. Thomas Nr. 6/6 a:

 

 

 

Dieses hier ist mindestens vierstöckig und liegt an einer breiten, baumgesäumten Straße. Durch einen Hinweis von Mme. Anne Marie Hickel, Barr/Frankreich (vgl. unter den Orten), konnte dieses Haus, das tatsächlich lange Zeit für das Speisehaus ausgegeben wurde, nun identifiziert werden: Es handelt sich bei dem bei de Pange abgebildeten Haus um das Haus am Thomas-Staden (Quai St. Thomas) Nr. 6/6 a.
 
Leider ist es dies auch nicht, wie die Ergebnisse der Recherchen in der Bibliothèque Municipale zeigen! Allem Anschein nach hat nämlich das gezeigte Bild keinen Balkon in der zweiten Etage! Nach dem Fotoalbum aus dem Nachlass Lauth (1933) mit einer in der Qualität sehr guten Fotografie handelt es sich nach der Unterschrift zum Bild um das später abgerissene Haus "Zum Geist"; dies hat auch keinen zweiten Balkon gehabt.

   
Bedauerlicherweise übernahm ich diese falschen Angaben in den Katalog:

 
Universitätsbibliothek Siegen. Goethes Jugendfreund Johann Heinrich Jung-Stilling im Siegerland und im Bergischen Land. Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Jung-Stilling-Gesellschaft e. V. vom 19. Oktober bis zum 26. November 1999. Siegen 1999. (Konzept und Redaktion: Ortwin Brückel, Erich Mertens unter Mitwirkung von Rudolf Heinrich; Katalog: Erich Mertens; Layout: Petra Thurner. ISBN 3-9805760-5-1) = Veröffentlichungen der Universitätsbibliothek Siegen Band 3. [XVI, 75 S., 97 Abb. + Titelporträt und Titelbild der „Jugend“ auf dem Rückeneinband. – Darin: „Vorwort“ von UB-Direktor Werner Reinhardt; „Zum Geleit“ von Gerhard Merk; S. XI-XVI: Gustav Adolf Benrath: Jung-Stilling im Herbst 1799.]

  

Bald ist die St.-Thomas-Brücke (IV 8) zu sehen, und wir kommen zu einem Mietshaus (IV 9). Der gesamte folgende Häuserblock ist "St. Thomas" (I 6).

 

 

Das Grabmal des Moritz von Sachsen (von Jean Baptiste Pigalle) steht in dieser Kirche, und Albert Schweizer spielte wie Mozart auf der Silbermann-Orgel. (Sehr gut ist die Web- Seite der St.-Thomas-Kirche (URL). Dort kann man auch einen virtuellen Spaziergang durch St. Thomas durchführen.)
 
Hier ist die Keimzelle der alten Universität, die Jung-Stilling und Goethe besuchten. Noch heute ist ein großer Teil der evangelischen Kirche und Studentenschaft nebst einer Bibliothek dort untergebracht. Pastor i. R. Dr. Gustave Koch sorgt noch immer für die Bibliothek mit ihren alten Beständen.

  
Zur Kirche siehe z. B.:

 
L[ouis]. Schneegans: L'Église de Saint-Thomas à Strasbourg et ses Monuments. Essai historique et descriptif composé d'après les sources originales. Orné de cinq gravures, exécutées par MM Ch[arles]. Perrin, architecte et Ch[arles]. Schuler, graveur. Strasbourg: Schuler 1842.

 
Zum Collegium Wilhelmitanum siehe z. B.:

 
Alfred Erichson: Das Theologische Studienstift Collegium Wilhelmitanum 1544 - 1894 zu dessen 350jährigen Gedächtnisfeier. Strassburg: Heitz 1894.

 
Zum Grabmal siehe auch

 
Jules Guiffrey: Das Mausoleum des Marschalls Moritz von Sachsen = Nouvelles Archives de l'art français 1891.

 
Vgl. "Almanach evangelique luthérien d'alsace et de Lorraine 2003, ed. Hans Bieber, Foyer St-Jean Château, Neuwiller-lès-Saverne 2003", ISSN 0244-609 X, S. 147 und die folgenden URL: 
http://www.protestants.org oder http://www.protestants.org/epal.

 

Vgl. auch Lasch, Gustav: Eine Wanderung durch die Reformationsstadt Strassburg. Strasbourg: Librairie Évangelique 1928.

  

 

Das Datum von Goethes Ankunft in Straßburg/Strasbourg:

 
Häufig liest man die falsche Angabe, dass Goethe am 2. April 1770 in Straßburg/Strasbourg eingetroffen sei. Anscheinend stammt diese Zeitangabe von George Henry Lewes (1817-1878), der 1855 in seinem Werk "The Life of Goethe" dieses Datum nannte.

  
Hier heißt es in der 2. Auflage Leipzig: Brockhaus 1864, S. 77: "He reached Strasburg on the 2nd April 1770."

   
Diese Goethe-Biographie wurde in Deutschland weit verbreitet (fast 20 Auflagen) und bereits 1857 von Julius Frese (1821, n. A. 1824-1883) unter dem Titel "Goethe's Leben und Schriften" übersetzt (Berlin: Duncker). Frese übersetzt hier S. 81 so: "Am 2. April 1770 kam Goethe in Straßburg an."

 
Dies ist jedoch falsch! Tatsächlich ist der 4. April 1770 das richtige Datum! Dies lässt sich aus den Fahrplänen der damaligen Post, vorhanden im Postmuseum in Frankfurt a. M., entnehmen.

   
Ernst Traumann nannte in seinem Buch "Goethe, der Straßburger Student. Leipzig: Klinkhardt & Biermann 1910" S. 19 zwar dieses Datum, korrigierte aber in der zweiten Auflage (Leipzig: Klinkhardt & Biermann 1923) S. 27. Traumann errechnet das richtige Datum aus dem Goethes Brief vom 19. April 1770 an Johann Christian Limprecht (1741-1812). Er schreibt dann auch, ohne die Fahrpläne eingesehen zu haben, über die "neueingerichteten, bequemen Diligence auf der linksrheinischen Straße über Worms und Speier gen Straßburg." –

  
Am 28. April 1770 immatrikulierte sich Johann Wolfgang Goethe an der Universität.
 
 
Über den Studenten Goethe erfährt man Interessantes aus

 
Erich Schmidt: Aus Rings Nachlass. – In: Goethe-Jahrbuch. Hrsg. V. Ludwig Geiger. Bd. 2, Frankfurt a. M.: Rütten & Loening 1881, S. 427-433, auf S. 427:

 
Professor Elie Stoeber schrieb am 4. und 5. Juli 1772:

 
"D. Hr. Göthe hat eine Rolle hier gespielt, die ihn als einen überwitzigen Halbgelehrten und als einen wahnsinnigen Religions-Verächter nicht nur eben verdächtig, sondern ziemlich bekannt gemacht. Er muss wie man fast durchgängig von ihm glaubt, in seinem Obergebäude einen Sparren zuviel oder zu wenig haben. Um davon augenscheinlich überzeugt zu werden, darf man nur seine vorgehabte Inaugural-Dissertation de Legislatoribus lesen, welche selbst die Juristische Fakultät ex capite religionis et prudentiae unterdrückt hat; weil sie hier nicht hätte abgedruckt werden anders, als dass die Professores sich hätten müssen gefallen lassen mit Urtheil und Recht abgesetzt zu werden".

 
Friedrich Dominikus Ring, geb. Straßburg 24.05.1726, gest. Karlsruhe 8.02.1809. -

  
Vgl. umfangreich mit Nennung dieses Zitats S. 19 und 64: Goethes Strassburger Promotion. Zum 200. Jahrestage der Disputation am 6. August 1771. Urkunden und Kommentare. Hrsg. v. Elisabeth Genton mit Beiträgen von Claude Collot, Francis Cros, Hinrich Lühmann. Basel: Heitz 1971.

 

  
Jung-Stillings Ankunft und Immatrikulation:

 
Johann Heinrich Jung kommt zwischen dem 11. und 15. September 1770 in Straßburg/Strasbourg an; nach Froitzheim am 17. (14 Tage nach Herder). Zunächst wohnt er im Gasthaus "Zur Axt" (A la Hache) gegenüber dem Zollhaus bei Herrn Johann Heinrich Blessig.

 

 

 
 
   
Vor dem Jahr 2010 Ab 2010

   

Am 18. September tragen sich dann Johann Heinrich Jung und Engelbert Troost, "Chirurgien d’Elberfeld", in die MATRICULA GENERALIS MAJOR der Universität Straßburg ein.

In die MATRICULA STUDIOSORUM MEDICINAE erfolgt die Immatrikulation des "Johannes Henricus Jung, Ronsdorfensis" am 24. des Monats. Dabei verschreibt sich Jung: Aus getilgtem "Elberfeld" wird "Ronsdorfensis". (Siehe die Matrikel oben und den Eintrag selbst.)

 

Eine Notiz der Exmatrikulation konnte bisher nicht aufgefunden werden. Jedoch verließ Jung-Stilling – wie auch Goethe – Straßburg/Strasbourg als Lizentiat. Erst ein Jahr später holte er die Promotion in absentia nach.

 

 

Hinter der St.-Thomas-Kirche, die damals die Herrschaft über die Universität hatte, liegt die Knoblauchgasse (Rue de l'Ail). Gleich die Haus-Nr. 3 ist sicher nicht das Haus der Geschwister Lauth, ein Eckhaus zur Rue du Puits; es hat einen schönen Innenhof und heute befindet sich in diesem Gebäudekomplex "La Cour / Renaissance / Antiquités / Spécialisé en Meubles Polychromes / et Art Populaire / Tél./Fax 03 88 52 01 21 / (Derrière l'Église St-Thomas)", wie die Visitenkarte aussagt.

  

Die vierte Etappe

 

 
Schreitet man die Straße weiter voran, die St.-Thomas-Kirche hinter sich lassend, so geht man an der Ruelle de l'Esprit rechter Hand vorbei und überschreitet die Straße "Division Leclerc". Das Haus Nr. 22 zur rechten Hand ist das Speisehaus der Geschwister Lauth, wie es schon der genannte Ad(olphe) Seyboth beschrieb:

 

  

Die Hausecke mit dem Straßenschild und dem Wappen:

 

  

In der kleinen Gasse finden sich in der Fassade die Initialen der Erbauer: JH = Henri Vigéra und MSL = Marie-Salomé Lobstein mit der Jahreszahl der Errichtung. (Hier im zweiten Bogen sichtbar.)

  
Anne-Marie (Anna Maria; geb. 1723, gest. 12. März 1783) und Suzanne (Susanna Margaretha; geb. 1729, gest. 25. Dezember 1785) Lauth. Beide waren unverheiratet, als sie starben; die eine 59 Jahre, 9 Monate und 13 Tage alt, die andere 56 Jahre, 10 Monate und 6 Tage alt. Ihr Bruder war Johann Daniel Lauth, von 1773-1793 Notar in Straßburg, gest. im Alter von 80 Jahren, 2 Monaten am 8. August 1812, ebenfalls unverheiratet. Ihr Vater war der am 15. Februar 1735 im Alter von 51 Jahren verstorbene Diakon an der Prediger (= Neuen) Kirche Johann Jakob Lauth. - AMS, Généalogies 417: Lauth: enthält vor allem zum Prof. med. Lauth umfangreiche Genealogie.

  
Goethe schreibt in "Dichtung und Wahrheit" von den alten Fräulein Lauth; dazu meint Ferdinand Dollinger: [6]

 
"Elles avaient 41 et 47 ans, Goethe en comptait 21: cet âge est sans pitié!"

 
Moritz Horn (1814-1874) schreibt S. 9 in "Goethe in Straßburg und Sesenheim. – Dichtung von Moritz Horn." Kassel: Jungklaus 1875:

 
"Ein Paar Jungfern, die Lauth=Demoiselles geheißen, doch
kaum noch
Von dem Schelmgott Amor gekannt,
von Hymen geflohen,
Waren berühmt von wegen der Speisen der trefflichen
Wirthschaft".

  
Vgl.: Joseph Lefftz: Goethe und das Elsass. Ein Gedenkblatt zum hundertsten Todestag des Dichters. – In: Elsaß-Land. Lothringer Heimat. Illustrierte Monatsschrift für Heimatkunde und Touristik. 12, 1932, S. 65-69. [Abb.: Gasthaus zum Geist, 1932 abgerissen; S. 67 Hof der Geschwister Lauth.]

  
Das berühmte Bild "Goethe tritt ein" zeigt den Innenraum (in der Phantasie Chodowieckis)! Die hohe Tür passt besser zum Haus Nr. 22 als zu dem nahe der Kirche gelegenen Haus Nr. 3. Ebenso spricht Lenz in einem Brief aus dem Mai 1776 von dem zweiten Stockwerk des Lauthischen Hauses. Auch hier passt die Aussage besser zu Haus Nr. 22. Der Innenhof hat schöne Galerien. Leider hat man keinen Zugang zu diesem Privathaus zur Überprüfung aller Angaben von Froitzheim und anderer, die Abbildungen der Galerien brachten (diese originalen Fotos haben sich erhalten). Im Parterre des Hauses findet sich heute die Bar "Route 66", jetzt "Noctis Bar". — (So sind demnach die Angaben in dem Katalog der Siegener Ausstellung zu berichtigen!) - Goethes Erzählung über das Zusammentreffen mit Jung-Stilling findet sich unter den Texten.
 
 
Der lustige Stadtführer "Max und Moritz" von 1895 schreibt dazu S. 31:

  
Etwas weiter abgelegen
Finden wir auf Winkelwegen,
In die dichte Häusermasse
Eingeengt, die Knoblochsgasse:
[S. 32:]
Hier die Musenjünger hausten;
Bei den Lauth’schen Schwestern schmausten
Goethe, Lerse, Jung gar fröhlich
Mit dem Doktor Salzmann 1) selig.
Herder, der die Augen schonte,
In der Salzmannsgasse wohnte. –
[…]
1) Aktuar, - nicht zu verwechseln mit dem schon genannten Pädagogen Salzmann.

   
Salzmann wohnte nach Seyboth Bd. 2, S. 466 in der rue Salzmann Nr. 6 (Sie hieß zuvor Rossgasse und Fabergasse, und dann auch – worüber sich auch zuvor schon der Baedeker amüsierte – rue d’homme de sel, weil man „ne manquèrent pas l’occasion de traduire“; also auch rue du Sel 1und 1794 auch rue de Marc Ancogne. – Ebd. S. 488: Jean-Daniel Salzmann, Goethes Freund, wohnte rue des Serruriers Nr. 12 (= Schlossergasse; zuvor Nr. 7).
 
Blickt man von hier nach rechts, so sieht man wieder die Kirche St. Nicolas und damit die Stelle, von der man von der Brücke aus nach hier geschaut hatte.

  
Man überschreitet nun die Rue de l'Epine, um dann auf der linken Seite das Haus zu den drei Hasen (III 35), heute mit der Nummer 19, zu sehen.

  

 

    

Dies ist das Tor zum Haus, das Jung-Stilling während seiner Studienzeit in Straßburg/Strasbourg bewohnte. – Über dem Torbogen die drei Hasen, der Schriftzug Hasen und die Jahreszahl 1608.

   
Vgl.: [Joh.] Froitzheim: Klassische Häuser in Straßburg. – In: Straßburger Post. (Verleger: M. DuMont-Schauberg; Red.: Max Lündner.) Morgen-Ausgabe v. Sonntag, 7. Juli 1889, Nr. 186, 3. Blatt, S. 1, Sp. 1-3 und S. 2, Sp. 1. [Zu den Wohnungen von Goethe, Herder, Jung-Stilling und Lenz in Straßburg.]

  
Johannes Froitzheim geb. Nürnberg 2. Mai 1847, gest. Straßburg 12. August 1908; seine Diss. an der Univ. Bonn vom 20. März 1873. 

  
Siehe auch Maurice Moszberger / Théodor Rieger / Léon Daul: Dictionnaire historique des rues de Strasbourg. (Illkirch:) Le Verger (2002), S. 68 zur Rue de l'Ail.

   
In diesem Haus, in der ersten Etage, muß sich die Szene abgespielt haben, die Jung-Stilling in seiner Lebensgeschichte darstellt: Er erhält den Brief mit der Nachricht, dass seine Verlobte krank sei und er schleunigst heimkehren müsse (Lebensgeschichte, hrsg. Benrath, S. 273 ff.) Daraus machte man ein Bühnenstück, dessen Text sich abgedruckt findet bei

  
Jakob Henrich: Stilling und Goethe. Ein Bühnenspiel in fünf Bildern. - In: Siegerländer Heimatkalender 1954. 29. Jg., Siegen: Vorländer 1953, S. 109-112.

  
Der Herausgeber Adolf Wurmbach leitet ein:

  
"Das schlichte Bühnenspiel erhebt keinen Anspruch auf literarische Würdigung. Doch ist es Jakob Henrich gelungen, das charakteristisch Wertvolle an der Freundschaft der beiden Hauptpersonen seines Spieles verständlich darzustellen, daß [sic] es verdient, auf guten Laienbühnen aufgeführt zu werden. Es sei allen Spielgruppen, die sich ihrer volkserzieherischen Aufgabe bewusst sind, empfohlen."

  
Hauptlehrer Jakob Henrich, im Siegerland als "Bergfrieder" bekannt, wurde in Eisern am 27. Februar 1862 geboren, er starb in Krombach am 3. Oktober 1961.

   
Schreitet man weiter in vorgedachter Richtung, so erreicht man den Alten Fischmarkt und die Rue du Vieux Marché aux Poissons.

  
Aus der Knoblauchgasse hat man nun folgenden Blick auf den Alten Fischmarkt:

    

  

Das folgende Bild setzt die Aussicht nach rechts fort.

  

  

Schräg links sieht man auf dem folgenden das himbeerfarbene Haus Nr. 36 (ehemals Nr. 74), in dem Goethe wohnte und an dem sich in der ersten Etage das Goethe-Medaillon befindet. Walther Eberbach (1878-1961) fertigte es an. Angebracht wurde zunächst aus Anlaß der Goethe-Feier – 100jähriges Jubiläum seiner Promotion – eine Marmortafel am 9. August 1871. Sie hatte die Inschrift:

  

„Hier wohnte Goethe 1770-1771“.

  

Ludwig Spach (1800-1879) hielt damals die Festrede, in der er diese Tafel „als Abschlagszahlung unserer Schuldverschreibung gelten“ ließ.

  
Auch hierzu haben sich "Max und Moritz" 1895 geäußert [S. 34:]

   
Weiter nun im Wanderplan! –
- ‚Alter Fischmarkt’ heisst die Bahn.
Mehr und mehr wird sympathetisch
Nun der Anblick und poetisch.
Rechts in Nummer sechsunddreissig 1)
Hat studiert, und zwar erst fleissig,
Wolfgang Goethe fürs Examen,
Bis ihm in die Quere kamen
Zauberstark die süssen Blicke
Einer blonden Friederike
Und er nur für Sesenheim
Briefe schrieb in Satz und Reim. –
[…]
1) Mit Gedenktafel.

   
Johann Wolfgang Goethes Hauswirt war der (evangelische) Kürschner Johann Ludwig Schlag (1702-1778), der 1765 – aus Frankfurt stammend – das Haus Alter Fischmarkt (Nr. 36) erwarb. Schlags einziger Sohn, auch Rauchwarenhändler, war mit der Schwester des Professors Jeremias Jacob Oberlin verheiratet, der ein Neffe des Hofrats Johann Salzmann (Bruder des Aktuars) war [Goethe Jahrbuch 11, 1890, S. 175]. Das Haus wurde 1787 von Schlags Erben verkauft. – 

   
Hier wohnte Goethe also, und die Wagen der Stadtführung halten für einen Moment vor dem Haus. (Hier auf dem obigen Bild von der Ecke der Rue d’Ail aus gesehen; es ist hinter der Sitzbank das Haus mit dem Sonnenschutz über der Fensterfront des Erdgeschosses.)

 
Auch wenn 1829 in Straßburg sich noch viele an Goethes Aufenthalt erinnern konnten, so war dieses Haus jedoch schon abgerissen, im Sommer 1835 war nur noch das Speisehaus zu besichtigen. Dies erfährt man aus einem Brief August Stöbers an Ludwig Uhland, wie ihn Jan-Christoph Hauschild in seiner Büchner-Biographie von 1993, S. 502 zitiert.

 
 
Wir wenden uns nun von der Ill ab und gehen hinauf in die Stadt.

 
Zwei Bürgerhäuser (II 40-41) sind beachtenswert. Bei der Rue Mercière wendet man sich nach rechts, um auf das Straßburger Münster zuzugehen. Seine Bedeutung für die Literatur und für Goethe ist bekannt. [7]

 
Die Sehenswürdigkeiten 20-22; II 42, 45, 1, 7-9; III 1-2, 6-7; IV 26; sind zu beachten.

   
Links am Ende der Rue de Mercière findet sich die "Hirsch-Apotheke", wo Jakob Reinbold [! nicht Reinhold] Spielmann (1722-1783) Vorlesungen über praktische Chemie hielt, die auch von Goethe und sicherlich auch von Johann Heinrich Jung besucht worden sind. (Siehe unten!)

 

   
Das älteste Goethe-Denkmal vor 1900: Oktober 1887

  
Es dauerte manchem zu lange, bis man in Straßburg/Strasbourg sich auf ein Goethe-Denkmal einigen konnte. So errichtete der bekannte Straßburger Johann Christian Hackenschmidt, geb. 20.05.1809, gest. 10.02.1900, in seinem Grundstück in der Krämergasse 7, direkt links neben der Apotheke, sein Goethe-Denkmal. Hier kam zu statten, dass man sein Haus lange auch für das der Schwestern Lauth gehalten hatte. Ein Schreibfehler von Lenz hatte dazu geführt. - Es ist das schmale Haus links neben der Boutique Culturelle auf der weiter unten sich findenden Abbildung.

  
Hélène Georger-Vogt konnte in ihrem Artikel Hackenschmidt, in: Fédération des Sociétés d’Histoire et d’Archeologie d’Alsace. Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne. Red.: Jean-Pierre Kintz.Nr. 14: Gre à Hal. Straßburg: Fédération 1989, S. 1358-1360; S. 1359 Abb. Jean Christian Hackenschmidt nach Collection der BNUS; "fabricant d'articles de vannerie, écrivain, poète, dramaturge d'expression allemand, dénommé "le dernier Meistersinger", philanthrope" geb. Strasbourg 20.05.1809, gest. ebd. 16.02.1900, das Goethe-Denkmal nicht erwähnen.

  
Im Hause Hackenschmidt gab (gibt ?) es eine mittelalterliche Wendeltreppe, in deren Pfeiler der Hausbesitzer zum einen eine Goethe-Büste nach Ernst Rietschel (geb. 15.12.1804, gest. 21.02.1861) aufstellte, zum anderen darunter eine Inschrift meißeln ließ. Sie hatte den folgenden Wortlaut:

  
"Der große Meister Goethe ist
Allhier zu Tisch gesessen,
Und hat wie jeder andre Christ
Supp', Fleisch, Gemüs gegessen.
Wie fröhlich klirrten Gabel und Messer,
Das Essen war gut, der Witz war besser.
Er hat uns Straßburger hochgehalten,
Drum ehren wie ihn auch, den Alten."

  
Autor dieser Zeilen ist der Pfarrer Karl Christian Hackenschmidt (1839-1915).

  
Nicht unerwähnt sollen auch folgende Informationen sein:

  
In der Brauerei Zum Dauphin am Münsterplatz, dem jetzigen (1943) Domhof, war bis etwa 1870 ein Tisch zu sehen, an dem Goethe mit seinen Genossen gesessen haben sollte. Er war lange unbeachtet, dann durch Modernisierung ersetzt, als man sich erinnerte und ihn wieder zu Ehren kommen lassen wollte, war er verschwunden, unauffindbar. – Im Pflanzenbad gab es die Gaststätte "Zum Goldenen Brünnel" an der Ecke Pflanzenbadgasse / Büchergasse, wie üblich in der damaligen Zeit mit den beliebten Schaukeln. Nur der große Baum ebd. dürfte noch Zeuge der Goetheschen Gesellschaft sein; alles andere ist vernichtet.

   

 
Die erste Goethe-Gesellschaft

   

 

  

Vom 22. bis zum 24. Mai 1943 fand in Straßburg/Strasbourg die Gründung der "Landesvereinigung der Goethegesellschaft Weimar in Straßburg" statt.

Die Ansprache hielt Anton Hermann Friedrich Kippenberg (geb. Bremen 22. Mai 1874; gest. Luzern 21. September 1950), danach fand sofort die erste Mitgliederversammlung statt unter Vorsitz von Prof. Dr. Ludwig Paul Schmitthenner (geb. Neckarbischofsheim 2.12.1884, gest. Heidelberg 12.04.1963); Dr. Schmid-Claden [Marie Franz Albert Xavier Schmitt, Pseud.: Morand Claden, Schmitt-Claden; 1895-1967; akdem. Grad anscheinend  selbst zugelegt] war der Direktor des Goethe-Hauses in Straßburg, Ruprechtsallee 43.

Dieses Haus besaß sofort eine Spezialbibliothek von 20.000 Bänden; sie enthielt rund 6.000 Stücke davon aus der Sammlung Ogoleit, die sich auf Bestände aus dem Besitz der Familie Schönemann-Türckheim zusammensetzte.

 

2009-08-11 = Die Suche nach dieser verschwundenen Bibliothek ließ mich zwar die Bibliothek der SS-Ordensburg Sonthofen und des königl.-bayer. 17. Infanterie-Regiments Orff und viele weitere „verschollene“ Bücher finden, jedoch könnte dies eine vergebliche Suche sein. Unter dem URL fand ich die Notiz, dass ein Brief Ogoleits vom Oktober 1942 belege, dass seine Sammlung bis zu seinem Lebensende in Landsberg verbleiben solle. – Die Unterlagen der BNUS bestätigen dies. - Vielleicht hilft diese Notiz doch noch, Licht in die Sache der "verschwundenen Bibliothek" zu bringen.]

  
Wilhelm Ogoleit geb. Gut Kisseln bei Stallupönen (Landsberg an der Warthe) 01.011869, gest. Bielefeld-Bethel 21. Mai 1953 (vgl. URL
; Kurt Siekmann in: Goethe-Jahrbuch Bd. 115, 1998, S. 281-282).

  
Schmitthenner eröffnete die Sitzung mit einer Rede. Nach dem Dank an Kippenberg heißt es hier zeitbedingt z. B.

  
S. 6: „in den Wettern dieses Krieges durch das Wunderwerk des Führers zur natürlichen Einheit, zu einem der schönsten Gaue des großdeutschen Reiches zusammenwächst.“ […] „Wenn schon bisher das nationalsozialistische Reich bedacht war, die geistige Kultur nicht unter den Waffen ersticken, sondern im Gegenteil als ein kriegswichtiges Lebenselement zu pflegen, so liegt auch unsere heutige Gründung auf dieser großen Linie.“

  
S. 8: „Und so ist es keine esoterische oder bürgerliche Angelegenheit, kein der Totalisierung des Krieges zuwiderlaufendes Unterfangen, wenn wir heute diese Gründung vollziehen, sondern ist bewußter Kampf auf dem Schlachtfeld der Weltanschauung, ja man könnte sagen, eine Totalisierung des geistigen Krieges selbst. Unser Volk und das neue Europa können ohne oder gegen Goethe nicht bestehen, mit ihm werden sie an Siegskraft gewinnen.“

  
Der Schlussabsatz S. 12 lautet:

  
„So soll den unsere Landesvereinigung aus innerer Berechtigung ins Leben treten. Möge sie sich ihrer Geburt mitten im totalen Kriege stets bewußt bleiben, und möge sie ihre Berechtigung als Kriegsverpflichtung empfinden zur Arbeit für das Volk und für den kommenden Sieg.“

  
[Umschlagtitel:] Staatsminister Dr. Paul Schmitthenner / - / Goethe / und / der Oberrhein / –“ [verso vakat; Titel = S. 1:] Landesvereinigung Oberrhein / der / Goethe-Gesellschaft Weimar / Straßburg / Reden und Schriften / Staatsminsiter Dr. Paul Schmitthenner / Goethe / und der Oberrhein / – [verso = S. 2 vakat, Titel = S. 3:] Dr. Paul Schmitthenner / Staatsminister / Vorsitzender der Landesvereinigung Oberrhein / der Goethe-Gesellschaft Weimar / Goethe und der Oberrhein / - / Ansprache / gehalten / in der ersten Mitgliederversammlung / der Landesvereinigung Oberrhein der Goethe-Gesellschaft Weimar / in Straßburg am 23. Mai 1943. [verso = S. 4 vakt; Text S. 5-12.]

  

 
Die Gesellschaft hatte gleich bei der Gründung 300 Mitglieder. – Der Festvortrag von Universitätsprofessor Dr. Gerhard Fricke (1901-1980) handelte von „Goethes Straßburger Wandlung“.

  
[Umschlagtitel:] Gerhard Fricke / - / Goethes Straßburger Wandlung / - [Schmutztitel = S. 1:] Landesvereinigung Oberrhein / der Goethe-Gesellschaft Weimar / Strassburg / Reden und Schriften / Gerhard Fricke / Goethes / Strassburger Wandlung / - [Titel:] Gerhard Fricke / Professor an der Reichsuniversität Strassburg / - / Goethes Straßburger Wandlung / - / Rede gehalten bei der Gründungsfeier / der Landesvereinigung Oberrhein der Goethe-Gesellschaft Weimar / in Straßburg am 22. Mai 1943. [31 S.]

  
S. 15 heißt es: „Erst von Straßburg an zählt Goethes Jugend. Erst in Straßburg wird der Dichter Goethe geboren.“

   
Die heutige Goethe-Gesellschaft unter dem Vorsitz von Gonthier-Louis Fink findet sich hier: Goethe-Gesellschaft Straßburg, Präsident: Prof. Dr. Dr. h. c. Gonthier-Louis Fink, 15, rue d’Offendorf, 67000 Strasbourg; Tel.: 00 33 (0) 3 88 31 18 76.

  

Die fünfte Etappe

     
Im Jahr 2000 gab die im Eckhaus befindliche Apotheke das Geschäft auf, und ein Schnell-Restaurant suchte dort eine Filiale zu errichten. Auf Betreiben auch der Societé des Amis du Vieux Strasbourg (s. o.) kaufte die Stadt Straßburg/Strasbourg das Haus; die weitere Verwendung des Hauses war noch  ungewiss.

  

Rechts die Boutique, daneben links das angebliche Speisehaus (s. o.) Detail: Boutique und Bauchmesser

  

Nicht übersehen sollte man die Säule an der Ecke des Hauses: Im Mittelalter diente sie, so erzählt man, dazu, den „richtigen“ Umfang und somit das „richtige“ Gewicht einer Person festzustellen. Wer hindurch passte, war seinem Ansehen, seinem „Stand“ entsprechend ernährt. Die Straßburger nennen die Säule „d’Büchmesser“ (der Bauchmesser). – Im Hintergrund das Münster, unten im Hintergrund das Haus Kammerzell.

  

  

Seit dem Sommer 2003 arbeitet in den Räumen der ehemaligen Hirsch-Apotheke das kompetente Team der „boutique culturelle“ im Auftrag der Stadt Strasbourg/Straßburg. Es versorgt Informationen suchende Touristen mit präzisen Auskünften über kulturelle Ereignisse in Straßburg/Strasbourg. (Im oberen Bild rechts die Licht-Installationen im Rahmen der Sommer-Unterhaltung.).

    
Im Livre d’or dieser Boutique findet sich dieser Eintrag für die Jung-Stilling-Gesellschaft:

 

Nous nous souvenons avec un sentiment de grande gratitude de l’influence que Strasbourg a eue en général et surtout en ces lieux de l’ancienne pharmacie du cerf sur le développement personnel et la formation professionnelle de

Wir gedenken in großer Dankbarkeit der vielerlei Anregungen, die Straßburg und dieser Ort der Hirschapotheke für die persönliche und berufliche Entwicklung von

 

Johann Heinrich Jung

dit genannt

Jung-Stilling


(1740 – 1817)

Nous souhaitons à la boutique culturelle de Strasbourg les mêmes succès et estimes que Jung-Stilling obtint à la fin de sa vie.
gehabt hat. – Wir wünschen der Boutique culturelle von Straßburg den Erfolg und das Ansehen, das Jung-Stilling in seinem späteren Leben erreichte.
Société Jung-Stilling à Siegen
Jung-Stilling-Gesellschaft e. V., Siegen
www.Jung-Stilling-Gesellschaft.de

   
Zu Spielmann und dieser Apotheke siehe man den mit seltenen Dokumenten und Abbildungen versehenen Aufsatz:

 
Walter Dörr: Goethe und Apotheker Spielmann. Zum 200. Geburtstag Goethes am 28. August 1949. Vortrag, gehalten auf der Tagung der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, Hamburg 1949 (mit 8 Abb.). – In: Süddeutsche Apotheker-Zeitung. Zeitschrift für praktische und wissenschaftliche Pharmazie 89. Jg., Stuttgart 1949, Nr. 34 v. 26. August 1949, S. 628-634.

 
In der Boutique selbst ist ein informativer, quellenreicher Aufsatz über die Hirsch-Apotheke erhältlich.

   
 
Siehe auch z. B.:

Otto Zekert: Berühmte Apotheker. Mit 84 Abb. Stuttgart: Dt. Apotheker-Verlag 1955. [Spielmann S. 41-44; m. 2 Abb.: Porträt Spielmann S. 42 und zeitgenöss. Zeichnung der Hirsch-Apotheke S. 43. – 2. Aufl. 1962; siehe auch dessen „Deutsche Apotheker“ 1942 mit einer anderen Darstellung der Apotheke S. 54.]


Pierre Bachoffner : Deux hôtes illustres de la pharmacie du Cerf a Strasbourg : Goethe et Aeneas Sylvius Piccolomini. Estratto da: Atti del congresso  s tune ionale di storia della farmacia. Aosta 1969. S. 1-10.

  
In die Mauern der Kathedrale ist mehrfach Goethes Name eingemeißelt. Auf der Plattform links vom Ausgang am Rand derselben unten ist der Schriftzug stark beschädigt. Andere Inschriften sind durch die Baumaßnahmen nicht zugänglich (gewesen).

  

  

 

Hier sieht man das Münster auf dem Titelblatt eines nach 1800 erschienenen Kalenders. Rechts ist der am 13. Juli 1793 errichtete Telegraf zu sehen; eine Erfindung von Claude Chappe (1763-1805) und seinem Bruder Jean Chappe (1760-1828). [8]

   
Rechts vom Eingang des „Frauenhauses“ (I 20) ist das Cabinet d’Estampes et des Dessins untergebracht. Auch für nicht an Jung-Stilling Interessierte ist ein Besuch des Lesesaals lohnend: Zum einen wegen der hier aufbewahrten Schätze, und: Von hier aus hat man einen ausgezeichneten Blick auf den Münsterplatz mit Maison Kammerzell und Kathedrale.

   
E-Mail:
muséDiese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!; Allgemeine Informationen unter dem URL = www.musees-strasbourg.org/F/estampes.html.

   
Der Katalog dieser Einrichtung verzeichnete zwei Abbildung zu Jung-Stilling, die genannt sind bei:

  
Goethe et l’Alsace. – Exposition a l’occasion du centenaire de la mort de Goethe organisée par la Bibliothèque Nationale et Universitaire et les Musées de la Ville de Strasbourg. Strasbourg Château des Rohan Mai – Aout 1932 -= Goethe und das Elsass – Ausstellung zum hundertsten Todesjahre Goethes veranstaltet von der National- und Universitäts-Bibliothek und den städtischen Museen zu Strassburg Strassburg im Rohan-Schloss Mai-August 1932 (« Le catalogue est établi par les soins de M. Hans Haug, Conservateur des Musées de la Ville, et de M. Théodore Lang, Bibliothécaire à la Bibliothèque Nationale et Universitaire de Strasbourg. ») [Jung-Stilling S. 65-67, Nr. 217–226 im Abschnitt „II. Les maitres, amis et émules de Goethe en Alsace Goethes Lehrer, Freunde und Nachahmer im  Elsass.“]

  

Vgl. Auch die Kataloge zu ähnlichen Anlässen!

  
Unter der Signatur Inv. 77.998.0.3159 findet sich die Abbildung von der Knoblauchgasse 22; dies ist eine farbige Zeichnung, die auf ein anderes Blatt aufgeklebt ist.

  
Jung-Stillings Schattenbild ist verzeichnet mit der Signatur „31.15 f“. Gedruckt ist dieser Scherenschnitt bei

  
Théodore Vetter: [Artikel] Jung dit Stilling Johann Heinrich. – In: Fédération des Sociétés d’Histoire et d’Archeologie d’Alsace. Nouveau dictionnaire de biographie alsacienne. Red. : Jean-Pierre Kintz.Nr. 19 : Jaeg à Kal. Straßburg: Fédération 1992 (Dep. leg. Nr. 14592. Juni 1992) S. 1843-1845. (M. 1 Abb., Scherenschnitt Jung-Stillings S. 1844.)

 

  


Fortsetzung des Wegs

  
Man kehrt zurück durch die Rue Mercière, biegt nach rechts ab und erreicht den Place Gutenberg (IV 1-2).

Das Denkmal „Monument Gutenberg“ (IV, 2) wurde am 24. Juni 1840 eingeweiht. Schöpfer der Statue und der vier Basreliefs ist Pierre-Jean David d’Angers (1788-1856). Die vier Bronze-Reliefs zeigen Asien, Amerika, Afrika und Europa. (Australien und die Antarktis zählte man damals nicht zu den Erdteilen.) Wie europäisch David d’Angers – „Et la lumière fut.“ – schon damals dachte, zeigt die Fülle der bei Europa, „Europe“, abgebildeten Personen: Goethe steht in der rechten Hälfte des Bildes auf der oberen Stufe in einer Reihe mit Kant, Kopernikus, Schiller, darunter dann Volta, Hegel u. a.

  
Steht man dergestalt wie unten links gezeigt unter dem Denkmal, so ist Goethe leicht zu erkennen: Er steht zwischen Kopernikus und Schiller.

 

 

 
 Gutenberg-Denkmal Detail: "Et la lumière fut." 
   
   

  


 


Unverzüglich geht man nun geradeaus, trifft auf den Place Kléber (seine Grabstelle und seine Grabplatte finden sich in der Tiefgarage unterhalb des Denkmals) und stößt auf die Kirche St.-Pierre-le-jeune (I 9). – Am Place Kléber die Aubette (III 21), die ihren Namen von „à l’aube“ hat, was soviel wie „in der Morgenfrühe“ (Sonnenaufgang) heißt, da dann die Soldaten mit dem Exerzieren begannen. Am Gebäude findet sich auch eine erklärende Inschrift:

  

  
Das Monument Kléber findet sich unter IV 14; es sollte, wie eine erhaltene Zeichnung aus den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zeigt, ursprünglich vor der Oper (IV 17) auf dem Place Broglie errichtet werden.

   
Am Ende des Wegs trifft man wieder auf die Ill und die Fossé de Faux Rempart.

    

  

 

Sich rechts haltend geht man am Ufer entlang und erreicht bald wieder die Brücke de la Fonderie, die als „Pudelbrücke“ bezeichnet wird, da die Löwen an ihr etwas zu klein geraten sind. – Das Bild zeigt die Pont de la Fonderie, dahinter links das Palais de Justice und rechts die r.-k. Kirche.
 
Rechter Hand kommt man zum Gymnase Schoepflin und zum Place Broglie (s. o.), aber nach links geht der Weg zurück zum CIARUS. Hier kann man sich an der „Bar“ von den Anstrengungen der Wanderung erholen.

  


  

 


  

[1] Siehe z. B.:
Jean-Marie Valentin: Goethe im Elsaß: Zentrum oder Peripherie. – In: Goethe-Jahrbuch Bd. 121, 2004, S. 82-96. – Artikel „Elsaß“ von Gonthier-Louis Fink in: Goethe Handbuch Bd. 4/1. Personen. Sachen. Begriff A-K. Hrsg. v. Hans-Dietrich Dahnke und Regine Otto (= Goethe Handbuch in vier Bänden. Hrsg. von Bernd Witte, Theo Buck, Hans-Dietrich Dahnke, Regine Otto und Peter Schmidt (†) Redaktion: Ulrike Bahrdt, Carina Janssen, Petra Oberhauser, Christoph Schumacher und Vera Viehöver. Gefördert durch die Fritz Thysen Stiftung und die Stiftung Weimarer Klassik) Stuttgart und Weimar: Metzler 1998, S. 244-248; mit Literaturhinweisen S. 248. – Artikel „Straßburg“ von Peter Müller ebd. in Bd. 4, 2. – Stiftung Weimarer Klassik. Goethe-Bibliographie 1950-1990 von Siegfried Seifert unter Mitarb. v. Rosel Gutsell und Hans-Jürgen Malles. Bd. 1. 1. Werke – 2.5.6.4. Goethe als Zeichner (0001-07355). München: Saur 2000, Nr. 04069 bis 04079. – Peter Müller: Goethes Straßburg 1770/71. Grenzüberschreitende Wirklichkeitserfahrung und literarische Innovation. – In: Wolfgang Stellmacher (Hrsg.): Stätten deutscher Literatur. Studien zur literarischen Zentrenbildung 1750 – 1815. Frankfurt am Main usw.: Lang 1998 = Literatur – Sprache – Region Bd. 1; ISBN 3-631-31319-5; ISSN 1434-3061, S. 173-209 – Wenig zum Thema bringt Susanne Schedl: Straßburg als Literaturstadt. Ein Grundriß in literaturhistorischen Längsschnitten. Phil. Diss. München 1996, S. 284-291: „4. Der Pietismus in Straßburg am Beispiel Philipp Jacob Speners und Johann Heinrich Jung-Stillings“, S. 288-291: „Empfindsamkeit als ‚säkularisierter’ Pietismus. Johann Heinrich Jung-Stilling“. – Marcel Thomann sagt zusammenfassend in NDBA 13, 1988, S. 1216-1219 im Artikel „Goethe“ S. 1219, Sp. 1, was auch ich zu Jung-Stilling sagen kann: – « La bibliographie concernant Goethe  s tune forêt touffue qu’il n’est guère possible de citer ici les innombrables publications se rapportant au séjour strasbourgeois. » - Henry Massoul: En Alsace, sur la trace de Goethe. – In: L’Illustration Nr. 4646 v. 19.03.1932, S. 357-359 (m. 11 Abb.)
 
[2] Unter diesem URL den Link Le 18e siècle, dann dort den Link Goethe öffnen; auch hier ist Jung-Stilling nicht genannt. – Aber unter diesem URL findet man einige Bücher zu Goethe.
 
[3] Ein Bild von Friedrich zu diesem Ereignis siehe unter Henry Massoul: En Alsace, sur la trace de Goethe. – In : L’Illustration Nr. 4646 v. 19.03.1932, S. 357-359 (m. 11 Abb.), S. 375.
 
[4] Vgl.: Ulrike Enke und Manfred Wenzel: Wißbegierde contra Menschlichkeit – Goethes ambivalentes Verhältnis zur Anatomie in seiner Dichtung und Biographie. – In: Goethe-Jahrbuch. I. A. des Vorstands der Goethe-Gesellschaft hrsg. v. Werner Keller, Bd. 115 der Gesamtfolge. Weimar: Böhlau 1998, S. 155-170; darin S. 159 f. zur Straßburger Anatomie.
 
[5] Siehe z. B. Rapport sur les travaux exécutés à l’amphithéatre d’anatomie de l’école de médecine de Strasbourg pendant le prémier semestre de l’an XII. Présenté à l’assemblée des Professeurs de cette école par J. J. Lobstein. Strasbourg: Levrault 1804, 46 S. (Eine vorbildliche Arbeit, die „den Beweis des großen Fleißes des Hrn. Prosectors und seiner Gehülfen, sowohl in der menschlichen -, als auch in der Thier-Anatomie“ zeigt. – Hermann Ludwig: Strassburg vor hundert Jahren. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte. Stuttgart: Frommann 1888 schreibt S. 117: „Für die anatomischen Vorträge und Uebungen hatte die Stadt der Hochschule die ehemalige Kapelle des Bürgerspitals überlassen, welch letzteres dieses Theatrum anatomicum mit Leichen versah. In demselben wurden Vorlesungen in lateinischer Sprache für die jungen Aerzte und in deutscher für die Wundärzte gehalten.“ – Théodore Vetter: Die Straßburger Anatomie und Museologie im 18. Jahrhundert und die Einflüsse der Stadtverwaltung. – In: Medizinhistorisches Journal. Internationale Vierteljahrsschrift zur Wissenschaftsgeschichte. Hrsg. v. G[unter]. Mann u. B[ernhard]. Fabian, E[dith]. Heischkel-Artelt, W[erner]. F. Kümmel. Stuttgart u. New York: Fischer, Bd. 11, 1976, S. 299 ff.
 
[6] F(erdinand). Dollinger: Jean-Daniel Salzmann, ami de Goethe. – In: Seize études sur Johann-Wolfgang Goethe. Strasbourg: L’Alsace française. [o. J.] S. 47-55 (M. Abb., darunter 2 Hotel de l’Esprit; Speisehaus Lauth, Balustrade im Innenhof] S. 49 in Anm. 6.
 
[7] Siehe auch: Reinhard Liess: Goethe vor dem Straßburger Münster. Zum Wissenschaftsbild der Kunst. (Weinheim): Acta Humaniora, 1985. ISBN 3-527-17548-2. – [Konrad] Varrentrapp: Straßburgs Einwirkungen auf Goethes historische Anschauungen. – In: Korrespondenzblatt des Gesammtvereins der deutschen Geschichts= und Alterthumsvereine. Hrsg. v. d. Verwaltungs-Ausschusse des Gesamtvereins in Berlin. 47. Jg., Berlin: Mittler und Sohn 1899, S. 186-193.
 
[8] Ich danke Mme Hélène Georger-Vogt für diesen Hinweis. Näheres dazu siehe auch Rodolfe Reuss: Histoire d’Alsace. 24. Aufl. Paris 1925, S. 260. - Paul Charbon: La ligne de télegraphe Chappe Paris-Strasbourg. – In: Annuaire de la Société des Amis de vieux Strasbourg Bd. 22, Strasbourg 1993-1994, S. 85-94.