Äußerungen über Jung-Stilling (Wilhelm von Baden, Matthisson, Lindenmeyer, Schwarz, Zwierlein) und weitere Zahlenangaben
 
 
 
   

Zur Anzahl der Augenoperationen

Anzahl der Operationen: bis etwa 3000. 
  
Im Allgemeinen siehe man das umfangreiche Werk von Gerhard Berneaud-Kötz zu Jung-Stillings Augenoperationen mit den für Jung-Stilling so wichtigen Nachkuren!
 
Weitere Angaben im folgenden Text.
  
 

"Kosten" der Operationen

Die beiden Zeugnisse stammen aus demselben Jahr und verdeutlichen sicherlich Vieles.
 
Jung-Stilling schreibt:
 
Sehr gerne will ich das Werkzeug in der Hand des Herrn seyn, um Ihrer Frau Mutter wieder Zu ihrem Gesicht Zu Verhelfen, wenn es anders sein heiliger Wille ist.
Mit den hiesigen beyden Waysenhäusern hat es folgende Bewandnis: sie nehmen die Staarpatienten Viel wohlfeyler auf, als der hiesige Bürger oder Wirth, Kost, Logis und Aufwartung kostet im Sommer wöchentlich Zween, im Winter aber 2 ½ Gulden. Dies Geld wird Von mir gefordert, ich muß es berechnen und bezahlen. Der Irrthum, als ob die Patienten umsonst unterhalten würden, hat mich sehr Viel Geld ge= 1 kostet indem die Blinden Von weitem hieher kamen, und kein Geld mitbrachten. Doch davon schweige ich, es sei dem Herrn geweiht.
Ihre Mutter muß also 7 bis 8 Gulden mitbringen, damit bezahle ich den WundarZt, die MediZin und die Waysenhäußer, dann haben Sie noch ausserdem die Hin= und Herreise Zu bestreiten, die Sie am Besten über Siegen und Dillenburg hieher machen: dann über Lasphe und Biedenkopf ist der Weg etwas Zu Mühsam, ob er gleich um eine Stunde näher ist.

 

 

Sophie von La Roche schreibt:
 

Ja, und er arbeitet jetzt mit verdoppelter Menschenliebe und Heiterkeit, seitdem der würdige Hofrath Jung in Heidelberg Ihrem Herrn Vater die Hoffnung gab, daß wenigstens ein Auge gerettet werden könne. Sie wissen, daß er, so lange er in dem Hause bey mir wohnt, immer nur die Hälfte der Bezahlung von seinen Patienten nahm, und nun will er sogar nur das Drittel der gewöhnlichen Taxe fordern. Denn, o Gott! mir soll umsonst geholfen werden. Ich will von Andern so wenig als möglich nehmen, sagte er. Ich mußte ihn durch aller mögliche Gründe überzeugen, daß er eine Ungerechtigkeit an dem Arzt der nahen Stadt beginge. Da schon die Landleute ihn wegen der halben Taxe aufsuchten, würde der gute Doctor […] aus Eigennutz völlig zurückgesetzt werden, – ja selbst noch Andere darunter leiden.

 

 

 Äußerungen über Jung-Stilling (Wilhelm von Baden, Matthisson, Lindenmeyer, Schwarz, Zwierlein) und weitere Zahlenangaben

 
Jung-Stilling äußert sich
  
Jung-Stillings Buch "Methode den grauen Staar auszuziehen und zu heilen" (1791) findet sich unter diesem Link. 
  
In dem von Johann Ludwig Ewald (1747-1822) geschrieben und herausgegebenen Nekrolog
"Leben und Tod / eines / christlichen Ehepaars, / Herrn / Dr. J. H. Jung=Stilling Großherzogl. Baden'schen Geheimen Hofraths, und / dessen Gattin. /Von / Dr. J. L. Ewald. / - [engl. Linie] / Aus der "Zeitschrift zur Nährung christli= / chen Sinnes" besonders abgedruckt. / - / Stuttgart, / bey Joh. Fried. Steinkopf, / 1817."
heißt es Seite 12:
"Er hat an beynahe 3000 Blinden ihr Gesicht / wieder gegeben, worunter nicht ganz wenige Blind= / geborene waren. Nie forderte er etwas für seine / Operationen, außer dem Reisegeld, von Wohlha= / benden, wenn er eine eigene Reise darum machen / mußte. Von Aermeren nahm er nie etwas, ver= / sorgte Hunderte noch mit Speise, Trank und La= / ger. Sein Herz war sichtbar zerrissen, wenn er / Jemand ankündigen mußte, daß er nicht helfen / könne, besonders wenn die Menschen von weitem / hergekommen waren, welches nicht selten geschah."
Die Zahl von 3000 Operationen wurde schon zum Ende des 19. Jahrhunderts in einem englischsprachigen Lexikon genannt.  
  
Markgraf Wilhelm von Baden (1792-1859) spricht in seinen "Denkwürdigkeiten" bereits im Jahr 1806 von folgender Zahl:
wir "wohnten einer seiner Operationen [bei], deren er über [!] 2000, zumeist mit Erfolg, vorgenommen hatte".  
  
Friedrich von Matthisson (1761-1831) berichtet über seinen Aufenthalt in Marburg im Jahre 1794 auch folgendes in seinen "Schriften" (Bd. 3, Zürich 1825, S. 86) über Jung-Stilling:
"Seine Geschicklichkeit den Staar zu operiren, hat ihn schon zum glücklichen Wohlthäter von fünfhundert [sic] Blinden gemacht. Alle seine Kuren sind unentgeltlich. Ganz Arme werden überdem noch, während ihrer Genesung, auf seine Kosten verpflegt. Zu letzterem Zwecke schenkte er, noch vor Kurzem, sehr beträchtliche von bemittelten Geheilten ihm übersandte Geldsummen dem Hospitale."
 
 
Ludwig Lindenmeyer schließt sich 1795/96 den Berichten Matthissons an, wenn er schreibt:
Hofrat Jung, durch seine Schriften unter dem angenommenen Namen Henrich [sic] Stilling bekannt, ein lieber, menschenfreundlicher, biederer Mann. Außer seinen Kenntnissen in den Kameralwissenschaften erwirbt er sich besonders durch seine vielen meist geglückten Staroperationen großes Verdienst um die Menschheit. Seine Kuren belaufen sich schon auf über vierhundert, und er verrichtet sie alle unentgeltlich, ja er unterstützt die armen Blinden, welche bei ihm Hülfe suchen, öfters noch mit Geld. Matthisson, dessen vertrauter Freund er ist, sagt in dem ersten und zweiten Bändchen seiner Briefe sehr viel Gutes von ihm, das er auch noch allen [S. 204:] den Zeugnissen, die ich noch gehört habe, vollkommen verdient.
Friedrich Heinrich Christian Schwarz, Jung-Stillings Schwiegersohn, schreibt in seinem "Nachwort" zur Lebensgeschichte:
"Noch im letzten Sommer [1816] gelangen seiner schwachen Hand, die aber, wie immer, von seiner Glaubensstärke festgehalten wurde, mehrere Staaroperationen. Seit mehreren Jahren schrieb er sie nicht mehr auf, nachdem er über 2000 solcher, die gelungen waren, zählen konnte, nur Wenige waren nicht gelungen; auch verdankte ihm eine nicht kleine Anzahl von Blindgebornen das Gesicht."
1914 heißt es in einer schweizerischen Publikation: „Nachdem er bisher [zum Jahr 1801] über 2000 gelungene Operationen vollzogen [hatte], schrieb er sie nicht mehr auf.“  
  
Jung-Stilling selbst spricht am 1806-12-04 von über 2000 Operationen:
"Ich habe nun ungefähr zweitausend Staarblinde operirt und das durchgeführt mit beyspiellosem Glück irdisches Intereße war dabei nie mein Zweck, sondern es geschah aus dem inneren Trieb der Pflicht-Erfüllung." (s. u.)  
  
Die Angabe von 4000 Operationen „Zeit seines Lebens“ findet sich nur bei
Ortwin Brückel: Verbindungen des Siegerländer Chirurgen Johann Franz Klein zu Hückeswagen. – In: Leiw Heukeshoven. Mitteilungsblatt Nr. 38 des Bergischen Geschichtsvereins – Abteilung Hückeswagen e. V. 1999, S. 34-36, S. 34.  
Calvin Ellis Stowe (1802-1886) schreibt 1842 von nahezu 5000 Operationen („He restored sight during his life, to nearly five thousand blind people”.)
 
   
An versteckter Stelle findet sich ein anderer Hinweis auf Jung-Stillings Star-Operationen:
Konrad Anton Zwierlein (geb. 1755) ergänzt seine neue Auflage der "Vieharzneykunst" (1771) von Johann Christian Polykarp Erxleben (1744-1777) durch "mehrere neue Entdeckungen und Beobachtungen". Neben einem Rezept aus Jung-Stillings "Lehrbuch der Vieharzneykunde" von 1787, aber er ergänzt S. 308:
"Hr. Jung kann hier [beim Star des Pferdes] aus vieler Erfahrung reden, denn er hat seit zehn Jahren über hundert Menschen auf diese Weise operirt, und ist vorzüglich glücklich [= erfolgreich] gewesen."  
 
Im "Häuslichen Leben" (LG S. 434) meint Jung-Stilling von sich, daß ihn Molitor "zum Augenarzt bildete"; und LG S. 612 (Jung-Stilling verfaßte diesen Rückblick zwischen dem 22. und dem 25. Dezember 1803): "noch jetzt, nachdem ich über fünfzehnhundert Blinde operirt habe, wandelt mir noch immer eine Angst an, wenn ich operiren soll".  
  
Bereits 1794 gibt Jung-Stilling einen Hinweis auf die Ausbildung zum Staroperateur, wenn er den jungen Max in seiner Erzählung "Gotthard und seine Söhne" ausbildet.  
 
Jung-Stilling selbst schreibt in seiner Zeitschrift "Der Graue Mann" ("Sämmtliche Schriften" Bd. 7, S. 276 f.) im achten Stück vom Jahr 1800 (dort S. 79 f.):
"ich lehre acht verschiedene Wissenschaften auf unserer hohen Schule; im Sommer halben Jahr die allgemeine Staatswirthschaft, die Forstwissenschaft, die Landwirthschaft und die Fabrikwissenschaft; und im Winter halben Jahr die Handlungswissenschaft, die allgemeine Polizeiwissenschaft, die Finanzwissenschaft, nebst dem Rechnungswesen, und die Kameralwissenschaft. Ich muß also das ganz Jahr durch täglich vier Stunden in diesen acht verschiedenen Fächern öffentlich lehren, wozu doch auch Vorbereitung gehört; hierzu kommt dann noch ein großer Zulauf von Augenpatienten aller Art aus der Nähe und Ferne, die mir auch viel Zeit wegneh= [S. 277:] men; ich kann auf ein Jahr ins andere nur allein an Staarblinden fünfzig Personen rechnen, die ich operire; und überhaupt alle an den Augen Leidende, die mich jährlich um Hülfe ansprechen, zusammengenommen, belaufen sich auf mehrere Hundert; von allen Nebengeschäften, die ein solches akademisches Amt wie das meinige ohnehin noch mit sich verbindet, will ich gar nicht einmal reden; auch davon nicht, daß meine Nerven durch viele langwierige, innere und äußere Leiden und schwere Geistesarbeiten sehr geschwächt und reizbar geworden sind, mithin öfters Ruhe und Erholung bedürfen, ohne sie ihnen gewähren zu können; und endlich will ich auch meinem sehr weit ausgedehnten Briefwechsel nichts zur Last legen, weil diesem zween ganze Tage in der Woche, nämlich Mittwochs und Sonnabends gewidmet sind, und weil auch eben dieser Briefwechsel mir sehr zum Trost, zur Stärkung und Erholung gereicht, so daß es mir leid thun würde, wenn ich ihn entbehren müßte, besonders auch darum, weil ich weiß, daß ich auch dadurch Nutzen stifte."
Im 14. Stück des "Grauen Mannes" aus dem Jahre 1803 schreibt Jung-Stilling dann S. 68 ff.:
"Nach und nach fande sich noch ein neuer und zwar sehr mühevoller Beruf dazu: Von 1774 an, hatte ich zwar vieles mit Staar=Operationen und Augen=Krankheiten zu thun gehabt, allein seit der Zeit des Heimweh's bis daher vermehrte sich dieser Theil meines Würkungs=Kreises dergestalt, daß er mich endlich fast ganz beschäftigte – jezt denke man sich meine Lage! – Mein wahrer eigentlicher Beruf, zu dem ich von meinem Fürsten berufen war, wofür ich eine sehr ansehnliche Besoldung genoß, in welchem ich acht verschiedene Staatswirthschaftliche Wissenschaften, in vier Stunden täglich, den Studierenden vortrug, war für die Kräfte eines einzelnen Mannes, der noch dazu, durch Arbeit und Leiden von Jugend auf, Nervenschwach geworden, und mit einer schweren Haushaltung, einer schweren Schuldenlast, und andern Sorgen zu kämpfen hatte, schon für sich allein zu schwer – und nun kam das unaufhörliche Herzuströmen der Augenpatienten die sich schriftliche und mündlich an mich wandten, und das Drängen und Auffordern hoher und niederer, bedeutender und unbedeutender wahrer Christus=Verehrer, für die Sache des Reichs Gottes zu arbeiten noch hinzu – zugleich hatte auch die französische Revolution, die Denkungsart und die Lage der Dinge so verändert, daß meine staatswirthschaftlichen Grundsätze, die aus politisch=religiösen Prinzipien gefolgert sind, keinen sonderlichen Beifall mehr fanden. Durch das alles zusammen, wurde hier meine Lage unaussprechlich leidensvoll – ich fühlte meine vollkommene Pflicht, mich ganz allein, und aus allen meinen Kräften meinem akademischen Lehramt zu widmen, das konnte mein Fürst mit Recht fordern, und ich hab es auch mit aller Treue, aber auch mit übermäsiger Anstrengung, bis daher redlich verwaltet.
Zugleich fühlte ich aber auch, daß es eben so sehr meine vollkommene Pflicht sey, Blinden, unter Gottes Seegen und Beystand, und nach seinem Willen, wieder zu ihrem Gesicht zu verhelfen, und andern an den Augen Leidenden hülfreich zu seyn, indem mich die Vorsehung ehmals auf eine merkwürdige Art und ganz gegen meine Erwartung zu diesem nüzlichen Beruf geleitet und bisher mit einem ungewöhnlichen Seegen begleitet hat."
Am 4. Dezember 1806 schreibt Jung-Stilling aus Heidelberg an (den augenkranken) Engelbert vom Bruck (1739-1813) in Krefeld:
"Ich habe nun ungefähr zweitausend Staarblinde operirt und das durchgeführt mit beyspiellosem Glück irdisches Intereße war dabei nie mein Zweck, sondern es geschah aus dem inneren Trieb der Pflicht-Erfüllung. Haben Sie guten Muth, Theuerster Freund! Die Vorsehung wird uns wohl einmal zusammenführen, wo Ihnen dann bald geholfen seyn wird."
Acht Jahre später, am 22. Mai 1814 schreibt Jung-Stilling dann:
"ich brauche noch keine Brille, höre vollkommen gut, mache noch immer Staaroperationen mit gleicher Leichtigkeit"
Und wieder ein Jahr später, am 10. Juni 1815, schreibt Jung-Stilling:
"Dazu kommt noch der tägliche Überlauf von AugenPatienten aller Art aus der nächsten und entferntesten Gegenden, deren ich keinen unbedient weggehen lassen darf."
Schon zuvor hatte er am 21. Februar 1815 geschrieben:
„so bitte ich Sie, ihm zu sagen, daß ich nie über die Augen Collegien gelesen, nichts darüber geschrieben, und überhaupt diese Sache nicht wissenschaftlich behandelt habe. Ich schrieb zwar vor vielen Jahren ein klein Büchlein über die Staaroperationen, aber ich weiß nicht mehr, wo ich es habe drucken lassen, und ich habe es auch selbst nicht mehr. Ich habe auch zu viel zu thun, als daß ich jemand einen Unterricht schreiben könnte.“
  
Äußerungen über Jung-Stilling (Wilhelm von Baden, Matthisson, Lindenmeyer, Schwarz, Zwierlein) und weitere Zahlenangaben
 

Literatur

Grundlegend sind die Werke von Gerhard Berneaud-Kötz. - Siehe auch:
Gerd Propach: Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) als Arzt. Köln: Forschungsstelle Robert-Koch-Straße 1983 = Arbeiten der Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln Bd. 27 = Kölner medizinische Beiträge hrsg. v. Marielene Putscher. ISSN 0172-7036. - ISBN 3-925341-26-9. [410 S., 7 Dok., 11 Abb.,
 
Trotz etlicher dort enthaltener Fehler sei genannt auch die folgende Schrift:
Uwe-Klaus Heinz: Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, und die Welt des Auges. Führer zu einer Ausstellung der Stadt Hilchenbach im Stadtmuseum Wilhelmsburg vom 9.09.-11.11.1990. [Umschlag m. 2 Abb., 20 S., geh.]

 

 

Der Erfolg der Operationen:

 

Jung-Stilling hatte 14,3 % Verluste bei 237 Operationen und damit nach Daviel die beste Ziffer.

Siehe dazu:

J[ohann]. [Baptist] Dantone: Beiträge zur Extraction des grauen Staares Kritik der während der letzten zwanzig Jahre empfohlenen Operationsmethoden mit besonderer Berücksichtigung der Statistik von 698 durch Professor Rothmund jun. vorgenommenen Extractio. Erlangen: Enke 1869, 89 S.; zugl.: München, Univ., Diss., 1868; S. 34 f. Statistik zu Erfolgen der Operationen, Jung-Stilling hat 14,3 % Verluste bei 237 Operationen und nach Daviel die beste Ziffer; danach wurde es mit dem Fortschritt der Medizin immer besser.