Theobald / oder / die Schwärmer / - / eine wahre Geschichte / von / Heinrich Stilling.
  Siehe den vollständigen, kommentierten Text hier.
 
 
1797 kündigte eine Zeitschrift den ergänzenden Band "der neue Theobald" an; siehe dazu die Textausgabe a. a. O. 
 
 
 
 
 
 
Eine Verwechselung (Nicht die Person „Schmid“ ist gemeint, sondern der Beruf des Schmieds)
 
   
Der vollständige Text nach der Ausgabe von 1785 nebst Kommentar findet sich hier.
 
 
Die Identifizierung der Familie "Blond" als Lausberg ist durch mich nachgewiesen (s. d.).
 
 
 
Der Roman trägt auf dem Titelblatt das Motto: „Mittelmaß die beste Straß.“ Im Allgemeinen bezieht man ihn immer auf den Kernspruch Ovids „Auf dem Mittelweg gehst du am sichersten.“ („inferius terras; medio tutissimus ibis“. Metamorphoseon Liber II 2, 137). –
 
 
Nun zitiert Jung-Stilling nur einmal in seiner „Grundlehre der Staatswirthschaft“ von 1792 die „Lieder der Trauer, die Tristien des Publius Ovidius Naso“.
 
 
Nicht berücksichtigt worden ist bisher, dass eines seiner häufig zitierten Lieblingsbücher, „Gottfried Arnolds unpartheyische Kirchen= und Ketzer= Historien“, auf dem Titelblatt als Vignette eben dieses Motto trägt. Anzunehmen ist daher, dass Jung-Stilling Ovids Vers über diesen Weg kennenlernte.
 
 

Über diesen Mittelweg schreibt Jung-Stilling einige Jahre später:

Damit aber meine Leser den rechten Punct nicht verfehlen mögen, besonders da diese Sache auch für jeden Christen so äußerst wichtig ist, so will ich nur mit wenigen Worten den wahren Mittelweg zwischen der Thatensucht und dem falschen Quietismus zeigen; ich glaube es mit Sachkunde thun zu können, indem ich lange genug auf beyden Extremen herumgeirrt habe, ehe ich diese Strase zum Ziel fande.
 
Thatensucht ist, wenn man ohne auf den Wink der Vorsehung zu merken, selbst nach eigener Einsicht und Gutdünken, überall Gutes stiften will. Da nun Gottes Weg nicht unsre Wege sind, so würken wir Ihm oft entgegen, und stiften Schaden, anstatt zu nützen. Hingegen falscher Quietismus ist, wenn man gar nichts thun, sondern sich blos dem beschaulichen Leben widmen, und dann warten will, bis einen die Stimme der Gottheit gleichsam deutlich auffordert zu handeln und zu würken. In jenem Fall sezt man die Vernunft hinauf auf den Thron Gottes, und in diesem stürzt man sie von ihrem Fürstenstul herab ins Gefängnis und legt sie in Ketten.
 
Der wahre eigentliche Mittelweg, der auch hier zum Leben führt, besteht darinnen, daß man beständig wachsam, und aufmerksam auf alle, auch die kleinsten Gelegenheiten ist, wo man etwas Gutes und Wohlthätiges verrichten kann; insofern verhält man sich leidend, daß man keine Gelegenheiten zum Würken sucht, oder Plane dazu anlegt, sondern nur immer auf den Gang der Vorsehung merkt, und was sie uns dann vorführt und an die Hand giebt, das muß man fest und treulich ausführen. Francke ist in diesem Stück bey der Anlage seines Waysenhauses ein Muster.
Dann muß man sich aber auch sehr hüten, daß man nicht Dinge für Winke der Vorsehung hält, die es nicht sind, z. B. wenn man sich durch Sprücheaufschlagen, oder durch andere zufällige Dingen leiten läst, wodurch man oft in ganz entsezliche Verlegenheiten und zwar von Rechtswegen gestürzt wird. Ueberhaupt, man lasse sich wie ein treuer Taglöhner immer vom Hausvater anweisen, und dann handle man fest und lasse sich durch die geheiligte Vernunft leiten. Besonders aber hat man wohl zu bemerken, daß alles was in unsern ordentlichen Beruf einschlägt, keiner besonderen Winke der Vorsehung bedürfe, denn die liegen schon im Beruf selbst; will aber die Vorsehung, daß wir auch außer demselben noch zum Besten des Reichs Gottes, oder zum zeitlichen Wohl der Menschen thätig seyn sollen, so müssen wir ihre Winke erst abwarten, und ihr ja nicht vorlaufen; zugleich müssen wir auch die Winke wohl prüfen, ob sie das auch würklich sind, wofür wir sie halten.
 
 

An Literatur ist u. a. zu nennen:

Ortwin Brückel: Heimatgeschichtliche Aspekte in Jung-Stillings Roman „Theobald oder die Schwärmer“. – In: Wittgenstein. Blätter des Wittgensteiner Heimatvereins e. V. Jg. 86, Bad Laasphe 1998, H. 3, September, S. 78-83.
 
Hermann Banniza: Als „Arzt Rosenbach“ in Jung-Stillings Theobald-Roman von 1784/85. – In: Journal 18. Jahrbuch des Kreises Mettmann 1998/99. Neustadt a. d. Aisch: Schmidt 1998 (ISSN 0722-0804; ISBN 3-87707-527-4), S. 7-12 (m. 4 Abb.: Gruitener Doktorhaus; Sterbeeintrag Jakob Lauterbach, Titelseite Theobald Bd. 1, 1784, Porträt Jung-Stillings von Henne).
 
Dietrich Gerhardt: Lavaters Wahrheit und Dichtung. – In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. Begr. v. August Sauer. Dritte Folge. Hrsg. v. Hans Pyritz. Bd. 46, Heidelberg: Winter 1952, S. 4-30.
 
Klaus Goebel: Goethe, Jung-Stilling und die reformierte Gemeinde Ronsdorf [m. 3 Abb.: Ronsdorf von Johann Wilhelm Schirmer; Johann Heinrich Danneckers Büste von Jung-Stilling nach Stahlstich von Carl Mayer; Heiratseintragung vom 17. Juni 1771]. - In: Die Reformierte. Hrsg. zum 250jährigen Bestehen der evangel.-reform. Gemeinde Ronsdorf 1991. Hrsg. v. d. ev.-ref. Gemeinde Ronsdorf, Wuppertal [Oktober 1991], S. 7, Sp. 1-4.
 
   

Eine Verwechselung

In dem Roman (1785; S. 195 ff. = SS S. 127 ff.) heißt es S. 195:
 
„in seiner Nachbarschaft wohnte ein Schmid, welcher den Ruf hatte, daß er ein Pietist und ein Alchymist sey.“ in Verbindung mit S. 201: „Athanasius der Schmid“. - Dies lässt nur - wie bisher auch in der Literatur so getan - an den Beruf des Schmieds denken. - Jedoch:
 
Bei
Otto W. Hahn: Jung-Stilling zwischen Pietismus und Aufklärung. Sein Leben und sein literarisches Werk 1778 bis 1787. Frankfurt/Main usw.: Peter Lang (1988. ISBN 3-8204-9594-0; ISSN 0721-3409; D 77.) = Europäische Hochschulschriften: Reihe 23, Theologie, Vol. 344.
 
liest man S. 69:
 
„Auch im Roman „Theobald“ (1784/85) tritt „ein Pietist“ namens „Schmid“ auf (282). Er wohnt in Theobalds Nachbarschaft. Mit ihm hat Theobald die unangenehmste Begegnung seiner Studienzeit. Mit dieser Gestalt könnte Jung-Stilling – ähnlich wie im „Florentin“ – seinen Kollegen Ludwig Benjamin Schmid im Auge gehabt und ihn damit nun bereits einer scharfen Kritik unter zogen haben, die dann freilich sowohl im Inhalt (Alchemist mit sexuell-perversen Praktiken) als auch im Stil („elender Mensch“, „tiefster Abscheu vor dem Manne“) absolut unsachlich gewesen wäre. Die Tatsache, daß in Jung-Stillings Leben in den Jahren bis zur Abfassung des „Theobald“ sonst kein einziger „Schmid“ erscheint und Jung-Stilling nach der „Lebensgeschichte“ in diesem Zeitraum lediglich in Kaiserslautern einem solchen Namensträger begegnete, mit dem er um die Zeit der Abfassung des „Theobald“ außerdem tagtäglich in seinem Beruf zu tun hatte, dem er ferner zurecht die Bezeichnung „Pietist“ zulegen konnte und zu dem das Verhältnis gerade in dieser Zeit sehr schwierig wurde, führt auf die Vermutung, daß Jung-Stilling mit seinen negativen Ausführungen über einen Mann namens Schmid seinem Ärger über Ludwig Benjamin Schmid in Kaiserslautern Luft machen wollte. Mit einer mehrfachen Verhüllung – indem „der Schmid“ im Roman so früh in Theobalds Jung-Stillings Leben auftritt und indem die inhaltliche Kritik seinen Kollegen niemals treffen konnte, den er außerdem in der „Lebensgeschichte“ später durch das Pseudonym „Siegfried“ schützt – konnte Jung-Stilling es wohl wagen, seine Distanz zu Person und Glaubenshaltung seines alten Freundes in derart schrillen Tönen auszudrücken. Mußte sich Ludwig Benjamin Schmid nicht getroffen fühlen? Hätte Jung-Stilling ihn nicht treffen wollen – warum wählte er dann eben diesen Namen mit genau dieser Schreibweise? Wenn sich schon F. H. Jacobi in dem Pseudonym „Bokey“ im „Theobald“ wiedererkennen konnte und sich gegen Jung-Stillings Äußerungen zur Wehr setzte (283): um wieviel mehr mußte sich Schmid angegriffen fühlen, als sein Name direkt erschien! Wie mag ihn die massive Veränderung der Charakteristik des Herrn „Schmid“ zum Schlechten hin im Vergleich zum „Florentin“ erschreckt und verletzt haben! Der „empfindsame Mann“ (284) Jung-Stilling war wieder einmal sehr rücksichtslos. Wäre er an dieser Stelle tatsächlich empfindsam gewesen, hätte er doch jedes erdenkliche Mißverständnis und jede mögliche Verletzung seines Freundes vermieden. Jung-Stillings Verhältnis zu Ludwig Benjamin Schmid muß zum Zeitpunkt der Abfassung des „Theobald“ auf einen Tiefpunkt gesunken gewesen sein, wenn er darin dem „Pietisten Schmid“ die schmutzigste und primitivste Rolle zulegte. Mußte sich Jung- Stilling da über die „Kälte“ im gegenseitigen Verhältnis noch wundern (285)?“
 
Dazu meint S. 201, Anm. 40:
 
Rainer Vinke: Jung-Stilling-Forschung von 1983 bis 1990. Gustav Adolf Benrath zum 7.12.91 in Dankbarkeit. - In: Pietismus und Neuzeit. Ein Jahrbuch zur Geschichte des neueren Protestantismus. I. A. der Histor. Kommission zur Erforschung des Pietismus hrsg. v. Martin Brecht, Friedrich de Boor, Rudolf Dellsperger, Ulrich Gäbler, Hartmut Lehmann, Arno Sames, Hans Schneider u. Johannes Wallmann Bd. 17, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 1991, S. 178-228.
 
„40 Ich halte es für völlig unwahrscheinlich, daß Ludwig Benjamin Schmid mit dem Pietisten „Schmid“ gemeint ist, dem Jung-Stilling in seinem „Theobald“ Roman abartige sexuelle Praktiken vorwirft (69). Für einen so weitgehenden Schluß gibt es über die Stelle in dem Roman hinaus gar keinen Anlaß. Der Name Schmid (selbst in dieser Schreibung) ist ja auch so selten nicht, daß Jung-Stilling damit gerade seinen Kollegen gemeint haben sollte. Beide lehrten bei Erscheinen des Romans in Heidelberg. Hätte Jung-Stilling ihn gemeint, so hätte er seinen Namen gewiß verschlüsselt. Immerhin liegt in der Tatsache, daß Jung-Stilling für eine Negativ- Figur seines Romans den Namen eines Kollegen wählt, im günstigsten Fall eine Unbedachtsamkeit vor.“