Johann Heinrich Jung, gen. Jung-Stilling:
Die Erzählungen des Bauernfreundes.
1788 - 1798
 
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1788
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1789
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1790
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1791
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1792
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1793
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1794
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1795
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1796
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1797
O Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1798
 
Zur Einleitung in diese Texte siehe hier: Jung-Stilling als Erzähler.
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1788. / welches ein Schalt=Jahr ist; / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
Fehldruck insoweit, daß die übliche Regententabelle zwischen S. 8 und 9 geheftet ist. – Hierin findet sich S. 9-12: "Erzehlungen des Bauernfreundes." Im Jg. 1794, S. 6 gibt sich der Autor Jung-Stilling zu erkennen (s. d.)
Jung-Stillings Erzählung vom Löffelschnitzen des Kindes für die Eltern in Anbetracht des Verhaltens gegenüber dem Großvater kommt hier ebenfalls vor; eine ähnliche Geschichte - allerdings mit Kleidern - findet sich bei Johann Peter Hebel unter dem Titel "Kindes Dank und Undank".
Süßklee = Schweizer Klee = türkischer, spanischer Klee.
 
Esparsette, Onobrychis sativa, einzige Kleesorte, die auf trockenem, felsigem Boden wächst, der allerdings kalkreich sein sollte; ist beständig, etwa 3 bis 6 Jahre. - Auf 1 ha sind bei breitwürfiger Saat ca. 170 bis 240 Körner erforderlich. Die Ernte ergibt je nach Schnittfähigkeit 20, 45 oder 50 Dz (1 Doppelzentner = Dz = 100 kg) Heu; 3 bis 11,5 Dz Körner oder 10 bis 20 Dz Stroh. Bereits die Griechen und Römer bauten im Kunstfutterbau Futterpflanzen an, besonders eben solche Leguminosen, die wegen der Fähigkeit, Luftstickstoff zu binden, als Bodenverbesserer dienten.
 
Ende des 18. Jh. machte sich vor allem der Landwirt Schubart um diese Sparte der Landwirtschaft verdient, so daß man ihn "von Kleefeld" nannte. (Hinweise Sebulon Halbach).
 
Hier bedürfte es einer Untersuchung, inwieweit Jung-Stilling oder von Thaer hier die Stallfütterung usw. zuerst propagierten; Jung-Stilling dürfte es als volkspädagogischer (!) Schriftsteller sicher zuerst getan haben.
 
200 Gulden waren damals das Jahresgehalt eines Pfarrers bzw. Predigers.
 
Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 9, Sp. 1:] Gott grüß euch alle! Ihr lieben Hessischen Bauersleute! ich heiße Bauernfreund, [Sp. 2:] und komm aus der Fremde her in Euer Land, um Euch so allerhand nützliches im Kalender zu er= / C 4 zehlen, [S. 10, Sp. 1:] zehlen, das Euch recht freuen soll; ich komme selbst von Landleuten her, und hab viel erfahren. Ich hab immer so drüber nachgedacht, was der Herr Christus sagt: man müsse Gott lieben über alles, und den Nächsten als sich selbst, und das sey eigentlich die Hauptsache des Christenthums; nun sind zwar alle Menschen meine Nächsten, aber doch vorzüglich die lieben Hessen, die gehen mich jezt am nächsten an; nun hilfts gar nichts, wenn ich Euch auch tausendmal sagte, ich hätte Euch lieb, wenn ich es Euch nicht mit der That beweise, und besser kan ich Euch doch wohl meine Liebe nicht beweisen, als wenn ich Dinge lehre, wodurch Ihr ganz gewiß bald, und mit weniger Müh reich und wohlhabend werden könnt. Hört mir nur zu, ich will Euch etwas recht schönes erzehlen.
In einem rauhen Land, wo es viele Berge und Wälder gibt, liegt ein Dorf, das heist Buchenberg, in diesem Dorf wohnten ehmals lauter arme Bauern. Kartoffeln, Haber und Buchweizen, das ist Heydekorn oder Heylof, war alles, was sie auf ihren Aeckern erziehen konnten; ihre Wiesen waren mehrentheils sauer und mit Moos bewachsen. Dann hatten sie auch wenig mageren Viehs, und etliche Ziegen, dazu war das Vieh sehr klein, und die Kühe gaben erbärmlich wenig Milch; das war aber auch kein Wunder, denn sie giengen den ganzen Sommer durch, über Berg und Thal auf der mageren Weyde, wo das Vieh weit herumstrich, sich also müde gieng, und doch wenig zu fressen bekam, so daß es der arme Bauer am Abend noch im Stall füttern mußte, und des Winters hatte man dann nichts zu füttern als Haberstroh. Auch waren die Leute gar roh und unwissend, keiner von den Bauern konnte schreiben, viel weniger lesen; wo sollten sie es aber auch gelernt haben, denn sie hatten seit hundert Jahren her keinen Schulmeister halten können, denn sie waren zu arm dazu.
Nun war in dem Dorf eine Wittwe, ihr Mann war ihr früh gestorben, sie hatte ein Gütchen von [Sp. 2:] etwa vier Morgen Wiesen, und sechs Morgen Ackerlandes; ein Morgen hält dort hundert und funfzig Ruthen. Dann hatte sie auch einen Garten. Auf dem Guth hielte die arme Wittwe drei Kühe, ein Rind und ein paar kleine Oechsgen, mit denen sie ihr Guth baute; sie mußte sich sehr kümmerlich ernähren; doch hatte sie keine Schulden gemacht, denn sie hatte nie in ein Lotto gesetzt, und nicht mehr verzehrt, als ihr unser Herr Gott bescherte.
Nun hatte die Wittwe einen einzigen Sohn, der hieß Jakob Fischer, ein gar braver Jüngling, der seiner Mutter deutlich half, fromm und fleißig war, und fleißig in die Kirche gieng, aber in der Kirche schlief er nicht, sondern er gab acht, was gesagt wurde, und zu Haus that er dann sein Bestes, um so zu leben, wie ers in der Kirche gehört hatte; nun ward seine Mutter, die arme Wittwe sehr krank, er verpflegte sie treulich, des Nachts wachte er bei ihr, und am Tage arbeitete er, außer daß er des Mittags nach Tisch etwas schlief, während der Zeit war dann jemand von den Nachbarsleuten bei der Mutter. endlich starb die arme Frau, der gute Jakob, ihr Sohn, ließ sie ordentlich und ehrlich begraben, und nun war er allein in seinem Haus.
Nun bätete er fleißig zum lieben Gott, er möchte ihm doch eine brave Frau bescheren; dann sah er sich in der Nachbarschaft um, und endlich fand er ein hübsches braves Mädchen auf einem Dorf, nicht weit von Buchenberg. Das Mädchen diente als Magd bei einem Bauern, sie hatte auch keine Eltern mehr, aber sie war hübsch, still, fromm und fleißig; sie hatte zwar nichts, aber darauf sah auch Jakob nicht sondern nur auf Tugend. Das Mädchen hies Liesgen. Nun heurathete Jakob Liesgen ohne viel Umstände, und nun fiengen sie an zusammen hauszuhalten.
Als sie nun ein halb Jahr ungefehr beysammen gewesen waren, so trug es sich zu, daß Jakob Holz holen wollte, es war so gegen Abend / im [S. 11, Sp. 1:] August und ein schöner Tag. Jakob spannte also seine beiden Ochsen an, und fuhr in den Wald; als er nun so mitten im Wald fuhr, und nachdachte, so hörte er ein klägliches Jammern, als wenn es von einer Weibsperson herkäme, und darzwischen hörte er auch einen Knaben jämmerlich weinen. Jakob band seine Ochsen an einen Baum, nahm sein Holzbeil in die Hand, und gieng auf das Jammern zu; bald kam er auf einen grünen Platz, wo eine arme zerlumpte Frau in der Abendsonne an einem Baume saß, Krämpfe und Zuckungen hatte, und erschrecklich über Leibschmerzen klagte; neben ihr saß ein Kind, ein Knabe von sieben Jahren, der auch fast nackend war, und erbärmlich über seine Mutter weinte. Jakob dachte hier nicht lang nach, ob die Frau liederlich gewesen sey, oder gar zu Spitzbuben gehöre: Nein, daran dachte Jakob nicht, sondern er gieng, holte seine Karre, um die Frau aufzuladen und nach Haus zu fahren; aber er konnte sie nicht auf die Karre bringen, denn sie war zu schwach und zu voller Schmerzen. Er fragte sie noch, und sie konnte ihm nur noch erzehlen, wo sie her sey, wie sie durch vieles Unglück an den Bettelstab gekommen, daß dieser Knabe ihr einziges Kind und daß ihr Mann schon längst gestorben sey; kaum währte der Jammer noch eine Viertelstunde, so war sie todt. Jakob weinte bey dem Trauerspiel von ganzem Herzen, denn die Frau war auch Adams Tochter und ein Mensch wie er. Nun lud er die Frau auf seinen Karren, und dan Knaben dazu, und fuhr nun nach Haus. Nun lief das ganze Dorf zusammen, um zu sehen und zu hören, wie der Jakob zu der todten Frau und zu dem Knaben gekommen sey; Jakob erzehlte alles, und nun schlich jeder still wieder nach Haus: denn den guten Leuten war bange, sie müßten zum Begräbniß, und zur Erziehung des Jungen etwas beitragen. Jakob aber dachte nicht daran, und sein Liesgen auch nicht; sie zogen die Frau aus, und Liesgen zog ihr eins ihrer Hemder an, setzte ihr eine ihrer Hauben auf, und so legten die beiden frommen Leute die Leiche aufs Stroh, und damit ichs kurz mache: Jakob und sein Liesgen liessen die arme Frau bald eine Stunde vom Dorf, wo die Kirche und der Kirchhof war, ehrlich begraben.
Nun wohnte in dem Dorf ein Pfarrer, eben der, welcher der armen Frauen die Leichenpredigt gehalten hatte, der war erst kürzlich dahin gekommen, und ein kreuzbraver Mann, so wie es wenige gibt. Diesem frommen Pfarrer hatte es in der Seelen wohlgefallen, daß der Jakob an der armen Frau so christlich gehandelt hatte; den [Sp. 2:] frommen Jakob muß ich nothwendig besuchen, sagte der Pfarrer zu sich selbst, und schlenderte an einem Nachmittag gleich nach Tisch nach Buchenberg hin, und besuchte den Jakob. Jakob wunderte sich sehr, wie er die Ehre hätte, daß ihn der Herr Pfarrer besuchte, denn das war zu Buchenberg etwas seltenes. Nun war der Pfarrer gar freundlich, auch lobte er den Jakob und seine Frau, daß sie an der armen Frauen ein so christliches Werk gethan hätten. Als sie nun so allerhand geredet hatten, so sagte der Pfarrer: Hört Jakob! ich muß euch mit Rath und That an die Hand gehen, ihr seyd ein braver Mann, ich muß euch helfen, daß ihr in eurer Haushaltung Glück und Seegen habt, Ihr müßt mir aber hübsch folgen, es soll euch nicht gereuen; habt ihr nicht irgend ein schlechtes mageres Feld, das weit abgelegen ist? O Ja, sagte Jakob, da droben am Berg liegt eins brach, womit ich nichts anzufangen weiß, denn es ist zu mager. Das ist eben recht, antwortete der Pfarrer, kommt, laßt uns einmal dahingehen.
Nun giengen die beiden hin, der Pfarrer besahe es, und nun sagte er zum Jakob: gebt Euch gleich an das Feld und pflügt es tief um, und egt es tüchtig. Dann düngt es ein wenig. Ja, sagte Jakob, wo krieg ich den Mist? der Pfarrer fragte: säet ihr denn Korn diesen Herbst? nein! antwortet Jakob; nun so düngt das Land, fuhr der Pfarrer fort, ich will Euch lehren, wie ihr diesen Winter Mist genug machen könnt. Dann säet Esparcette auf den Acker, den Saamen will ich Euch schaffen, gefällts Euch dann künftigen Sommer nicht, so bezahle ich Euch Eure Mühe und den Dünger, und die Esparcette ist mein; wollt ihr aber die Esparcette behalten, so bezahlt ihr mir den Saamen. Dem Jakob gefiel der Vorschlag, er thät wie ihm der Pfarrer gesagt hatte; der Pfarrer schafte den Saamen, und Jakob säete ihn den Herbst.
Die Esparcette ist ein gar herrliches Futter fürs Vieh, man kan sie acht Jahre lang alle drei- bis viermal mähen, das Vieh frißt sie ungemein gern, nur das erste Jahr ist sie noch nicht so recht fruchtbar, dann muß man auch das Unkraut ausjäten; nach acht Jahren ist das Feld von selbst so fruchtbar geworden, daß man darauf säen kann, was man will.
Jakob und der Pfarrer wurden indessen von den Nachbarn wacker ausgelacht, denn das ist der Bauern so ihre Art, daß sie jemand auslachen, wenn ers besser machen will als sie, und das ist ein abscheulicher Fehler, dadurch wird sehr viel Gutes gehindert. Der Pfarrer besuchte nun den Jakob alle Wochen ein paarmal, da lehrte er ihn dann, wie er mehr / Mist [S. 12, Sp. 1:] Mist machen müßte; das machte er nun so: am niedrigsten Ende der Miststätte wurde eine große Tonne ganz in die Erde gegraben, so daß alle Mistpfütze dahineinfliessen mußte; dann gieng Jakob in den Wald, holte Laub, Farrenkraut [sic; Farnkraut], Heidelbeersträucher und dergleichen, und schüttete das alles in die Tonne; wenn nun das alles verfault und zu Mist geworden war, so schöpfte er alles mit der Schaufel aus und verbreitete es über den Mist her, und holte dann wieder etwas frisches hinein; das alles lehrte ihn der Pfarrer, das thät er nun so lang bis der Schnee fiel, und sobald der Schnee weg war, fieng er wieder so an Mist zu machen, dadurch brachte er es leicht dahin, daß er im Frühjahr zur Haber und den Kartoffeln düngen konte. Im folgenden Sommer wuchs die Esparcette vortreflich, und Jakob behielt sie, und bezahlte dem Pfarrer den Saamen. Jezt rieth ihm der Pfarrer auch rothen Kleesaamen unter seine Haber zu säen; Jakob sahe, daß alles gerieth, was ihm der Pfarrer sagte, er folgte also willig; so wie er also die Haber gesäet und eingeegt hatte, so säete er auch den Kleesaamen ganz dick, und krazte ihn mit einem Harken unter, denn wenn man ihn nicht recht dick säet, so geräth er niemals.
Diesen ersten Sommer hatte nun schon Jakob mehr zu füttern, Liesgen jätete auch die Esparcette fleißig, damit das Unkraut nicht Überhand nehmen sollte, und Jakob machte indessen brav Mist vermittelst seiner Mistpfütze, die er in der Tonnen sammelte. Weil nun das Vieh besser gefüttert wurde, so gab es mehr Milch und Butter, auch mehreren und bessern Dünger, so daß der gute Mann im Herbst mehr Mist hatte als einer im Dorf. Nun riethe ihm der Pfarrer, er sollte ein großes Feld, das er da in der Sommerseite hätte, einmal mit Korn besäen; das war nun in dem Dorf etwas seltenes, Jakob schüttelte zwar den Kopf, denn man säete da selten Korn, man glaubte, es gerieth nicht. Nun lehrte ihn der gute Pfarrer, wie er das machen müste? erst sollt er das Land, welches ein paar Jahr brach gelegen hatte, um Jakobi tüchtig pflügen und eggen, das geschah dann auch; um Bartholomäi mußte ers noch einmal rechtschaffen ackern und eggen, um Michaelis mußte ers düngen, den Mist unterackern, dann Korn drauf säen, und wieder ackern und eggen.
[... Ausrisse ...] Nun wars Winter; aus der Esparcette, die sie auch im Sommer schon ein paarmal gemähet hatten ... hatten sie auch Heu gemacht, so konnten sie nun im Winter ihr Vieh besser füttern, und das ... verstreuen, dazu bekamen sie mehr Dünger, ... mehr Milch und Butter auf ihren Tisch. [Sp. 2:]
Als es nun Frühling ward, so stand Jakobs Korn ganz vortreflich, die Bauern gingen um das Korn herum, und verwunderten sich aus der maßen; einige krazten sich auch wohl hinter den Ohren, und hättens auch gern so gemacht, wie der Jakob.
Nun kam der Pfarrer wieder, und sagte: Jakob jezt hab ich euch einen Rath zu geben; ihr sollt funfzig Hämmel [sic; Hammel] kaufen, und damit auf euerem Esparcetteacker Pferchen. Jakob machte große Augen er sagte: woher soll ich das Geld nehmen? nun zog der Pfarrer den Beutel und sagte: Da habt ihr 200 Gulden, wenn die Hämmel gekauft sind, dann gebt ihr mir das Geld wieder. Jakob und Liesgen sahen sich an, und die Augen giengen ihnen über. Nun, Jakob kaufte die Schaafe; jezt lehrte ihn auch der Pfarrer, wie er das machen müßte; er mußte erst so viel Esparcette mähen, daß die Schaafe Platz hatten zu stehen, diese Esparcette wurde auf dem Stall verfüttert, dann schlug Jakob den Pferch auf dem gemäheten Platz auf, stellte die Schaafe dahinein und dann mähte er Morgens früh so viel, daß die Schaafe den Tag über genug daran hatten. Der arme Fritz, den Jakob von der armen Frau bekommen hatte, mußte dann den Tag über die Schaafe damit füttern, und des Abends trieb er sie spät nach Haus, und des Morgens früh wieder ins Feld. Wenn nun so viel Platz gemäht war, daß die Schaafe wieder Raum zum Stehen hatten, so wurde der Pferch fortgerückt, und so gieng das über das ganze Feld bis ans Ende. Nun wuchs das Futter von dem Schaafmist außerordentlich, so daß man sogleich mit dem Pferchen wieder vorn anfangen konte. Jakob hatte bald die Hämmel fett, er verkaufte sie für 300 Gulden, er gab also dem Pfarrer seine 200 Gulden wieder und 100 Gulden hatte er gewonnen, dazu noch eine Menge schöner Wolle, die er auch verkaufen konte; wie sich der Mann freute und Gott und dem Pfarrer dankte! dazu war auch sein Esparcettefeld gedüngt und er konnte im Herbst noch eine Menge vortrefliches Heu davonmachen.
[engerer Zeilendurchschuß für die beiden folgenden Absätze] Nun hatte er auch den Sommer den rothen Klee zu füttern gehabt, sein Vieh hatte nichts durch die Schaafe verlohren, und sein Korn war vortreflich gerathen; er fieng also an wohlhabend zu werden, aber das war noch alles nichts, Ihr sollt erst künftiges Jahr hören, was aus dem Jakob geworden ist; denn ich will Euch nun alle Jahre wunderbare schöne Geschichten im Kalender erzehlen.
Ihr werdet auch gern wissen wollen, wie die arme Frau zum Tode kam. Sie hatte in einem Dorf Milch gegessen, die in einem kupfernen Kesselchen gestanden hatte, das nicht verzinnt war, dadurch war sie vergiftet worden, der Junge hatte ein Butterbrod bekommen und also nicht davon gegessen.
Nun lebt wohl bis künftiges Jahr!
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1789. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 7-12: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes."
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 7, Sp. 1:] Nun will ich Euch weiter erzehlen, wie es dem guten Jakob gieng, ihr werdet wohl alles fleißig gelesen haben, was ich vorm Jahr von ihm gesagt habe, wie er seine Haushaltung anfieng, wie er dem Pfarrer hübsch [Sp. 2:] in allem folgte, wie er Esparcette, Klee und Korn säete, und wie unser Herr Gott mit ihm war, in allem was er thät, das machte, weil er fromm war, sich zu Gott hielt und bätete. / Das [S. 8, Sp. 1:]
Das folgende Jahr rieth der Pfarrer dem Jakob, daß er in seine Sommerfrucht wieder Klee säen muste; dieses muste er alle Frühjahr thun, damit ja kein Stück Landes ohne Futter brach liegen möchte, sondern brav Futter trüge, daher konnte nun Liesgen, Jakobs Frau, ihr Vieh besser füttern als alle Weiber im Dorf, das Stroh blieb nun ganz zum Streuen übrig, und so hatte er gnug zu streuen, und er bekam guten Mist auf seine Aecker; als nun Jakob so vieles Futter bekam, so kam ihm die Lust an, einige Wagen voll Heu zu verkaufen, doch fragte er den Pfarrer zuvor, ob er das wohl thun möchte? - Der Pfarrer aber widerrieth ihm das, und sagte: Seht, lieber Jakob! wenn ihr einen Wagen Heu verkauft, so bekommt ihr etliche Gulden dafür, dies Geld habt ihr, und weiter nichts, wenn ihr aber das Heu auf eurem Stall verfüttert, so bekommt ihr noch mehr Milch und Butter ins Haus, dann bekommt ihr auch mehr Mist, könnt also mehr düngen, es wächst auch also auch mehr Frucht, und so gewinnt ihr dreymal mehr, als wenn ihr das Futter verkauft hättet. Ja, antwortete Jakob, wie soll ich das aber machen? Mit dem Vieh, das ich habe, kan ich nicht alles Heu verfüttern, will ich Kälber anziehen, so dauert das lang bis sie groß sind, und da Heu fressen können, mittlerweile liegt mir das Futter da, und wird nicht benutzt, soll ich aber noch eine Kuh kaufen, so geht mir mein bisgen Geld aus dem Sack, und dann kann ich mir hernach nicht helfen. Der Pfarrer sagte darauf: wisset ihr denn keinen andern Rath, lieber Jakob! Behaltet den Sommer euer Vieh auf dem Stall, und treibt es nicht mit dem Hirten hinaus auf die Weyde; Ey! Ey! fieng Jakob an, da hab ich ja Schaden, so bekomm ich ja meinen Theil nicht an der Gemeinweyde, die andern Bauern hüten sie ab, und ich bekomm nichts davon. Der Pfarrer aber lachte dazu, und [Sp. 2:] antwortete: Guter lieber Jakob! könnt ihr denn nicht begreifen, daß das euer gröster Nutzen ist? - Seht, ich will euch das erklären: Wenn vom ersten May an bis Martini den Tag über das Vieh auf der Weyde geht, nicht wahr, so geht es vollkommen den dritten Theil des Jahrs draußen, und ist nicht auf euerm Stall? Jakob versetzte: wie soll ich das verstehen? Der Pfarrer fragte: rechnet einmal nach, man treibt das Vieh im Frühling so früh aus als man kan, schon im April, je nachdem das Wetter ist, manchmal noch früher, und im Herbst läßt man es abermal so lang hinaustreiben, als es nicht schneyt und friert; dann geht es auch täglich den Sommer über von Morgens 6 Uhr bis Abends 8 Uhr draußen, rechnet das einmal nach, so werdet ihr finden, daß das Vieh ungefehr den dritten Theil des Jahrs draußen ist. Jakob antwortete darauf, das kan wohl seyn, Herr Pfarrer! aber warum sagt er mir das? Ich begreif nicht, wo das hinaus will; der Pfarrer lächelte und fuhr fort: Wenn das Vieh den dritten Theil des Jahrs auf der Weyde draussen herumstreicht, mistet es dann nicht während der Zeit? Ja freylich! sagte Jakob und lachte dazu; nun wohlan, versetzte der Pfarrer, auf der Gemeinweyde verliert ihr also den dritten Theil eures Mistes - Das ist wahrlich wahr, rief Jakob, daran hab ich nicht gedacht. Seht ihrs, fragte der Pfarrer weiter, wenn ihr also euer Vieh das ganze Jahr auf dem Stall füttert, so bekommt ihr ein Drittel mehr Mist als jetzt, könnt also eure Aecker noch besser düngen, und also auch ein Drittel mehr Früchte ziehen als jetzt, und das trägt euch mehr ein, als wenn ihr jezt euer Futter verkauft. Aber ihr habt auch sonst noch vielen Nutzen davon, wenn ihr das Vieh auf dem Stall füttert, denn wenn es über Berg und Thal herumstreicht, so vergeht es Fleisch und Milch, gerad so wie ein Mensch, der viel geht und stark arbeitet, nicht / satt [S. 9, Sp. 1:] satt werden kan; bleibt aber euer Vieh ruhig auf dem Stall stehen, so wird es fetter und stärker, es giebt auch weit mehr Milch, damit es aber nicht steif werden, so müßt ihr es alle Tage eine gute Stunde lang, oder wenns gut Wetter ist, auch wohl länger in euerem Hof herumlaufen lassen, damit es an die frey Luft kömmt, und sich ein wenig verläuft.
Jakob freute sich über diesen Rath ungemein, er sprung auf einem Bein herum, und sagte: Ich will seinem Rath folgen, lieber Herr Pfarrer! aber noch eins fällt mir ein: Wo soll ich den Sommer überall die Streu herbekommen? Darauf antwortete der Pfarrer: Das macht euch nur den ersten Sommer etwas Mühe, denn im folgenden Jahr erzieht ihr schon wegen der größeren Menge Mist, auch so viel Früchte mehr, so daß ihr das ganze Jahr durch Stroh genug zum streuen habt; diesen Sommer müßt ihr euch also mit Laubscharren, Farrenkräutern, Ginster und Strohkaufen so dadurch schlagen, und das wird euch nicht so schwer fallen, als ihr jezt glaubt.
Der gute Jakob freute sich aus die maßen über all die guten Rathschläge, die ihm der Herr Pfarrer gab, und versprach in allem zu folgen. Nun hatte aber der Pfarrer noch eins auf dem Herzen, das er dem Jakob sagen wollte, und das betraf die Verbesserung der Wiesen: Jakob hatte ungefehr vier Morgen Wiesen, die waren aber fast alle sauer, dazu konnte er sie kaum zweimal mähen, und das saure Heu fraß das Vieh nicht gern, es bekam ihm auch übel, die Buchenberger Bauern hatten aber alle solche Wiesen, und sie glaubten vest, das liesse sich nicht ändern, daher fieng er nun auch an, den braven Jakob im Wiesenbau zu unterrichten. Hört, Jakob! sagte er also ferner: ihr habt auch lauter saure Wiesen. Ja leider! antwortete der gute Mann, die haben wir Buchenberger alle; der Pfarrer versetzte: das [Sp. 2:] könnt ihr ja leicht ändern; gebt nur acht, ich will euch das lehren: Wenn ihr einen Zuber Wasser nehmt, und da gutes süßes Gras hineinthut, nicht wahr, so wird das Gras in ein paar Tagen sauer?
Jakob: Ja, Herr Pfarrer, das ist wahr, es muß in dem Wasser sauer werden.
Pfarrer: Könnt ihr denn nun begreifen, woher es kommt, daß eure Wiesen saures Gras tragen?
Jakob: Ey! - ich muß mich einmal ein wenig bedenken.
Pfarrer: Ich will es euch erklären: wenn das Wasser auf euren Wiesen steht und nicht abfließt, das ist, wenn sie sumpfig werden, so muß ja auch euer Gras auf den Wiesen sauer werden.
Jakob: Das ist warlich auch wahr - seht! seht! daran hätt' ich mein Lebtag nicht gedacht.
Pfarrer: Wie macht ihrs denn nun, daß eure Wiesen süß werden?
Jakob: Ey nun begreif ichs, ich muß eben brav Abzugsgraben machen, damit die Wiesen trocken werden, und dann fleißig wässern.
Pfarrer: Ganz recht! aber deswegen wächst euch dann doch noch nicht so viel Gras als auf den Wiesen wachsen kann; ich will euch noch ein Mittel lehren, wie ihrs machen müßt, daß ihr alle eure Wiesen dreymal in einem Sommer mähen könnt.
Jakob: O das wäre ja vortreflich! lehr' er mich das doch, Herr Pfarrer!
Pfarrer: Das will ich thun: seht, lieber Jakob! ihr müßt eure Wiesen düngen, ihr düngt alle Jahr ein Stück mit Mist, bis ihr herum kommt; auch könnt ihr sie mit Asche bestreuen, mit Mistpfütze begießen, und dergleichen.
Jakob lachte laut, und sagte: Ja, das glaub ich wohl, daß dann Gras wächst, daran ist kein Zweifel, aber den Mist kann ich ja besser auf den Aeckern benutzen, da trägt er mir mehr ein. Der Pfarrer fuhr fort: das meynt ihr / C 4 nur [S. 10, Sp. 1:] nur so; wenn ihr nun eure Wiesen düngt, so bekommt ihr mehr Heu, nicht wahr?
Jakob: Freylich bekomm noch mehr Heu.
Pfarrer: Was macht ihr dann mit dem Heu?
Jakob: Ey das verfüttere ich mit meinem Vieh.
Pfarrer: Ganz recht, ihr haltet also ein paar Stück Vieh mehr.
Jakob: Ja freylich!
Pfarrer: Wenn ihr aber mehr Vieh halten könnt, und es noch dazu immer auf dem Stall füttert, so bekommt ihr ja den Mist alle wieder, und noch mehr als ihr auf die Wiesen gebracht habt?
Jakob: Warlich ja! seht, daran hatte mein Herz nicht gedacht, dazu bekomm ich dann auch mehr Milch, Butter und Nahrung ins Haus; ich hab mehr Vieh, kann also auch mehr Kälber und Vieh anziehen und verkaufen. Nun Herr Pfarrer! ich will ihm gewiß folgen, denn ich sehe wohl ein, daß ich dabey glücklich seyn were. Aber wenn nun alles so gut geht, was meynt er, Herr Pfarrer! soll ich dan nicht noch Güter zu den meinigen kaufen?
Der Pfarrer antwortete: Nein, Jakob! das thut wenigstens jezt noch nicht, bis ihr euer Güthgen so im Flor habt, daß nichts mehr daran zu verbessern ist; denn ihr könnt euch jezt bey euerer kleinen Haushaltung noch wohl davon ernähren, sucht nicht so sehr eure Güter zu vermehren, als vielmehr zu verbessern.
Nun gieng Jakob recht vergnügt und zufrieden nach Haus und folgte dem Herrn Pfarrer in allem, was er ihm gerathen hatte, und es gieng ihm recht wohl dabey, dann erzog er auch den armen Fritzen, den er von der verstorbenen armen Frau bekommen hatte, in aller Gottesfurcht und führte ihn zur Arbeit an.
Nun trug sich aber etwas zu, das das ganze Dorf Buchenberg in die gröste Angst und Allarm brachte.
In dem Dorf war ein Bauer Namen Jost Herbert, dieser wollte an einem Abend noch [Sp. 2:] spät nach einem Dorf gehen, wo er Geschäfte hatte: nun mußte er aber durch den Wald, in welchem Jakob ehemals die arme Frau sterbend angetroffen hatte: als er nun ungefehr an den Ort kam, wo die Frau gestorben war, so sahe er aus der Ferne eine glüende Person stehen, er erschrack, daß er laut schrie, und lief, was er laufen konnte, wieder nach Haus; alsofort erzehlte er das seinen Nachbarn, das gab einen erschrecklichen Lärm, alles lief nun in der Nacht zusammen, und keiner getraute sich recht umzusehen, so bang war den Leuten; Ja! Ja! fieng der Grebe an, das hab ich lang wohl gedacht, daß es noch so kommen würde: der Jakob Fischer hätte uns die Frau vom Hals lassen sollen, aber da will er immer klüger seyn als wir alle, ich hab schon lange gewußt, daß das Weib da im Wald umhergeht, man kann ja nun nicht sicher mehr durch den Wald gehen, und da hat er nun ihren Jungen noch bey sich, der mag ein schöner Kerl werden, ein Spitzbube wird er, der uns hernach noch alle bestiehlt, und dann haben wirs; Morgen am Tage muß mir der Bastart aus dem Dorf. Alle Bauern, Männer und Weiber, fanden das ganz recht, und der Morgens früh wurde dem Jakob angekündigt, daß er den Knaben wegjagen sollte. Dem Jakob gefiel das nun gar nicht, was sollte er machen? er wanderte alsofort wieder zum Herrn Pfarrer. Dieser lachte darüber und sagte: seyd zufriden, lieber Jakob! ich will euch bald aus dem Traum helfen: den Abend, wenns dunkel wird, komm ich zu euch, und dann will ich das glüende Weib selber besehen, und näher betrachten; Jakob schauderte dafür, und antwortete: lieber Herr Pfarrer! das thue er doch ja nicht, er könnte ja unglücklich seyn; darüber bekümmert ihr euch nicht, fuhr der Pfarrer fort, laßt mich nur machen.
Am Abend desselbigen Tages kam also der Pfarrer nach Buchenberg, er ließ alsofort alle / Bau= [S. 11, Sp. 1:] Bauern zusammenkommen, und ermahnte sie mit ihm in den Wald zu gehen, und ihm die glüende Frau zu zeigen; dazu hatte aber keiner recht Lust, sie fürchteten sich alle. Endlich aber wagten es etliche, unter welchen sich auch der Grebe, und der Jost Herbert befunden. Voller Angst giengen sie fort, und in den Wald hinein; die Bauern bäteten in sich selbst, daß sie doch unser Herr Gott bewahren möchte, der Pfarrer aber mußte über ihre Angst herzlich lachen. Endlich sahen sie nun die glüende Frau von ferne; das sah nun recht fürchterlich aus, einige glaubten sogar, sie bewegte sich nun und her, andere sahen, daß sie Hörner auf dem Kopf habe, und so weiter; alle aber stunden still und wolten nicht weiter gehen. Nun dann, fieng der Pfarrer an, so will ich dann weiter gehen, und einmal fragen, was der böse Geist denn eigentlich will? - Das wolten nun die Bauern nicht leiden; um Gotteswillen, Herr Pfarrer! riefen sie in der Wette, bleib er da weg, er könnte unglücklich seyn; aber der Pfarrer kehrte sich an nichts, sondern schritte getrost fort, bis er an das Gespenst kam. Was war es nun? - nichts anders als faules Holz; ein Bauer aus einem Dorf hatte faule Stöcke ausgebrochen, und sie hoch aufeinander auf einen Haufen geworfen; der Pfarrer mußte laut lachen, er rief den Bauern und sagte: jezt kommt nur einmal her es ist nichts anders als faul Holz, das so im Finstern leuchtet, kommt und seht selbst! - Langsam und furchtsam kamen die Bauern nun angestiegen, und nun sahen sie, daß sie sich für faulen Stücken gefürchtet hatten, sie wußten nicht, was sie sagen sollten, sie schämten sich, indessen war es wahr, sie schwiegen also ganz still und giengen mit dem Pfarrer ins Dorf; jezt ermahnte sie nun der Pfarrer uns sagte ihnen wie gefährlich es sey, wenn man so abergläubisch wäre, denn durch ihren Aberglauben wäre der arme Fritz bald weggejagt und also unglücklich geworden, und [Sp. 2:] es sey doch eine Schande, wenn man den Todten noch im Grabe ein böses Gerücht machte: die arme Frau hätte nun einmal den Ruf, sie wandere nach dem Tode, und das sey doch abscheulich. Dann lehrte der Pfarrer ferner, daß sie allemal, wenn sie etwas Verdächtiges sähen, darauf zugehen, und es genau untersuchen solten, sie würden dann finden, daß es gemeiniglich nichts böses sey, und dadurch würde viel Unheil verhütet. Niemand war hiebey froher als Jakob, denn er behielt nun seinen Fritzen, jezt gieng der Pfarrer wieder nach Haus und freute sich, daß er abermal etwas Gutes gestiftet hatte.
Niemand war mit der ganzen Geschichte übler zufrieden, als der Grebe Knoll, er wollte immer der klügste Mann im Dorf seyn, und da ärgerte es ihn, daß das Gespenst kein Gespenst, sondern faule Stöcke gewesen war; auch war er schon neidisch auf den guten Jakob, weil er in seiner Haushaltung so glücklich war, und ihm alles gut von statten gieng, denn er hätte gern gehabt, daß Jakob so wie die andern Bauern arm geblieben wäre, damit er besser den Meister spielen könnte, daher schüttelte er immer den Kopf, wenn von dem Jakob gesprochen wurde, und dann sagte er zu den Bauern und ihren Weibern so insgeheim: Ja ich weiß wohl, was ich weiß, die arme Frau wandert doch, ihr werdets schon noch erfahren, und so blieb doch das Gerücht; so daß sich Jakob und seine Frau recht darüber betrübten.
Es dauerte auch nicht lange, so fand sichs, daß der Grebe recht hatte, denn es fieng wirklich an in Jakobs Haus zu spucken: denn des Nachts um 11 bis 12 Uhr gieng etwas im Haus umher und klopfte an die Thüren, und seufzte tief, so, als wenn ein Mensch sehr traurig ist, Jakob und seine Frau hörten das mit Angst und Schrecken, das kam fast alle Nacht, und dann krochen sie unter die Decke, und bäteten, was sie bäten konnten. Nun wußte Ja= / kob [S. 12, Sp. 1:] kob keinen andern Rath, als daß er wieder zum Pfarrer gieng, der Pfarrer aber sagte ihm, daß das Gespenst niemand anders als ein Nachbar sey, der seinen Spaß mit ihm haben wolte, oder sonst gar etwas Böses mit ihm vorhätte, darum riethe der Pfarrer dem Jakob, er solte nur des Nachts einmal recht acht geben und auf das Gespenst losgehen, so würde es wohl finden. Dazu war aber der gute Jakob viel zu bang; ja Herr Pfarrer! sagte er, wenn Er bey mir wär, dann wolte ich wohl das Herz haben. Nun wolan, antwortete der Pfarrer, so will ich des Abends im Dunkeln zu euch kommen, damit niemand erfährt, daß ich bey euch bin, denn wenn das bekannt würde, so würde das Gespenst nicht kommen, ihr müßt es also auch keinem Menschen sagen. Jakob versprach, kein Wort zu sagen, und gieng wieder nach Haus.
So bald es nun am Abend finster geworden war, so kam der Pfarrer und schlich sich in Jakobs Haus, damit ihn nun niemand merken möchte, so schlich er oben ins Haus und versteckte sich; sobald nun Jakob mit seiner Frauen zu Bett gegangen war, so kam der Pfarrer in die Kammer, setzte sich im Dunkeln ans Bett und horchte, endlich fieng das Gespenst an im Haus umherzugehen, und zu seufzen, auf einmal schlich der Pfarrer geschwind hinaus, ergrif das Gespenst am Leib, und rief: Jakob! Jakob! kommt, es ist kein Geist, es ist ein Mensch, ich hab ihn. Jakob sprang auf, lief hinaus und half halten, das Gespenst schlug um sich, aber die beyden schlugen wieder. Während der Zeit zündete Jakobs Frau ein Licht an, und kam, und leuchtete, und siehe da, es war der Grebe Knoll selbst in hoher Person. - Wie sich der Mann schämte, das ist nicht zu sagen, das stand er nun, und wußte nicht, was er anfangen sollte; Jakob hätte ihn gerne tüchtig abgeprügelt, das litte aber der Pfarrer nicht. Der Grebe bat nun um Gottes willen, den Pfarrer, der Jakob [Sp. 2:] und seine Frau möchten doch nichts sagen, er wolle ihnen auch alles zu Gefallen thun; endlich versprachen sie das, und liessen den bösen Mann gehen.
Nun ermahnte der Pfarrer den Jakob und seine Frau ernstlich, daß sie nichts von dem allen sagen solten: denn wenns auskäm, so würde der Grebe sehr gestraft, dann aber bekäm er einen Grol auf sie beyde, und thät ihnen alles gebrannte Herzeleid an, so daß sie es am Ende nicht aushalten könnten; wenn sie aber schwiegen, so würde er sich immer vor ihnen fürchten, und ihnen nichts zu Leid thun, aus Furcht, sie möchten aus der Schule schwätzen. Jakob und seine Frau versprachen also zu schweigen. Indessen half das alles nichts, denn der Nachtwächter hatte den Lärm in Jakobs Haus gehört, und war hinzugeschlichen, und hatte gehorcht, was da zu thun wäre; als er nun des Pfarrers und des Grebe Stimme hörte, und sie durchs Küchenfenster sahe, auch hörte, was da vorgieng, und nun den Grebe auch wieder nach Haus gehen sah, so schlich er fort, und des andern Tages erzehlte er verschiedenen Bauern insgeheim, was er gehört hätte; das gab nun ein Geschwätz, es kam endlich vor die Obrigkeit, der Nachtwächter, der Grebe, Jakob, seine Frau und der Pfarrer, wurden abgehört, und so kam nun alles an den Tag; der Grebe wurde bey Wasser und Brod auf drey Wochen in den Thurm gesteckt, und dann abgesetzt, und weil der Jakob ein rechtschaffener braver fleißiger und sehr verständiger Mann war, so wurde er Grebe im Dorf.
Nun will ich Euch auch künftiges Jahr erzehlen, wie viel Gutes der Pfarrer und der Grebe Jakob im Dorf Buchenberg stifteten, und wie der Jakob so glücklich wurde; folgt meinen Lehren hübsch, Ihr lieben Bauersleute, so werdet ihr auch recht glücklich werden. Lebt wohl bis künftiges Jahr!
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1790. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 4-11: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 11-12: "Von Verbesserung der Butter." - S. 12: "Mittel wider die Motten."
In den "Erzehlungen" wird die ganzjährige Stallfütterung propagiert und Karlsruhe in Baden mit seiner Zuchtbullenanstalt als Lieferort für derartige Tiere empfohlen.
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 4, Sp. 1:] Nachdem nun Jakob Grebe, oder Vorsteher im Dorf Buchenberg geworden war: so kams ihm so im Gemüth vor, als wenn es gerad nicht gnug wäre, wenn er alles thät, was sonst ein Grebe thun muß. Nein! er glaubte, er müste nun auch all sein Ansehen dazu anwenden, daß auch die Leute in seinem Dorf glücklich würden. Nun hatten zwar alle seine Nachbarn mit angesehen, wie gut es ihm bey seinem Kleebau gieng, und wieviel Nutzen er davon hatte, daß er sein Vieh das ganze Jahr auf dem Stall hielt; allein sie wollten doch noch nicht anbeissen, es kam ihnen gerad so vor, als wenns doch nicht gut wäre, wenn mans ander machte als es die Alten gemacht hätte; dazu kam dann noch, daß der vormalige Grebe, der Bauer Knoll, in allem dem Jakob zuwider war; alles was der Jakob riethe oder vorschlug, das verwarf der Knoll, und wenns auch noch so gut war; das kam nun von nichts anders her, als von dem Haß und Neid, den er in seinem Herzen gegen den Jakob hatte. Doch bekümmerte sich Jakob nicht darum, er that was seine Schuldigkeit war, und ließ den Knoll thun und lassen was er wollte.
Der Pfarrer Gutmann zu Holzberg kam auch noch immer zum Greben Jakob und unterrichtete ihn in allem. Als nun dieser brave Pfarrer, der doch eigentlich schuld daran war, daß Jakob so glücklich geworden war, an einem Nachmittag so bey dem Jakob saß, und eine Pfeife Toback mit ihm rauchte, so fieng der gute Jakob an: Sag er mir doch einmal Herr Pfarrer, wie mach ich s doch, daß unsre Bauern auch den Kleebau und die Stallfütterung anfangen so wie ich? - Ja, sagte der Pfarrer, daran habe ich schon lang gedacht, hätte wir nur zehn Gulden, so wollten wirs einmal probiren. Zehn Gulden, fuhr Jakob fort, ey zehn Gulden, wenns darauf ankommt. Nun wohlan! [Sp.2 :] antwortete der Pfarrer ferner: wißt ihr was, Jakob! schießt ihr fünf her, ich will auch fünf Gulden dazu legen, und dann wollen wir einen Spaß machen: ihr laßt die Gemeinde zusammen kommen, und sagt ihnen so: Denkt, ihr lieben Nachbarn, da hab ich zehn Gulden von guten Leuten zum Präsent bekommen, die soll derjenige unter euch haben, der das gröste Stück Klee oder Esparcette gesäet hat, und der auch zugleich am besten gerathen ist, oder am schönsten steht.
Als das Jakob hörte, so sprang er auf einem Bein herum, und rief: Herr Pfarrer! da hat er recht, das geht an: denn die Nachbarn haben nun an mir gesehen, daß es gut geht, es fehlt jezt nur am Trieb, und den Trieb machen die zehn Gulden gewiß, dazu ist das auch so eine Art von Spiel, und die Bauernspielen gern, da wird jeder die zehen Gulden verdienen wollen. So bald also der Pfarrer fort war, ließ Jakob die Gemeinde zusammen kommen, und stellte ihnen die Sache so vor, wie ihn der Pfarrer gelehrt hatte; die Bauern guckten ihn an, das Ding gefiel ihnen, sie hätten schon lang gern so gewirthschaftet wie der Grebe Jakob, aber es wollte keiner anfangen, jezt bekamen sie alle Lust, jeder wollte gern die zehn Gulden verdienen, nur der Knoll wollte nicht, er murrte und brummte und sagte: ich säe keinen Klee, darum bekümmerte sich aber niemand, kein Mensch antwortete ihm darauf.
Nun giengs zu Buchenberg ans Klee= und Esparcette säen, jeder säete in seine Sommerfrucht, nur der Knoll nicht, das konnte er aber auch machen wie er wollte, denn nur er hatte den Schaden davon, und niemand anders. Als nun das folgende Jahr der Klee erwachsen war, so giengen der Pfarrer Gutmann und der Jakob über die Felder, und suchten das schönste Kleestück, dieses fanden sie nun auf einem Feld, / welches [S. 5, Sp. 1:] welches Heinzelmanns Petern gehörte, der bekam also die zehn Gulden; der freute sich nun wie ein Kind darüber, und gleich auf der Stelle kaufte er sich ein schönes Kuhrind für diezehen Gulden, das war nun recht brav von dem Peter.
Indessen hatten nun alle Bauern Futter genug, dann alle hatten Klee gesäet, nur der Knoll nicht, allein er hatte den Schaden davon und niemand anders.
Das gieng nun in dem Dorf Buchenberg so fort ein Jahr nach dem andern, alle Brachfelder wurden mit Futterkräutern besäet, und die Felder, welcher oben an den Bergen lagen, wurden mit Esparcette besäet, dann hielte jeder Bauer Schaafe, diese wurden den Sommer auf den Esparcettefeldern gepfercht, und so kamen die Leute allmählig zu einem Wohlstand, der seines gleichen nicht hatte.
Wie man das alles machen muß, das werde ich Euch mit der Zeit ausführlich erzehlen. Nun kams in dem Dorf Buchenberg bald so weit, daß die Leute Futter genug hatten ihr Vieh das ganze Jahr auf dem Stall zu füttern. An die Stallfütterung wollten die Bauern nun noch nicht recht anbeissen, denn sie hatten das Recht in dem herrschaftlichen Wald zu hüten, und da dachten sie, sie verlöhren das Recht, wenn sie nicht mehr hüteten. Da gab ihnen nun der Herr Pfarrer Gutmann den Rath, sie sollten alle Sommer zweymal, im Frühling einmal und im Herbst einmal ihr Vieh hineintreiben, dann behielten sie ihr Recht, und sie könnten doch die Stallfütterung einführen; das gefiel den Bauern, und sie machtens gerad so, wie ihnen der Pfarrer sagte. Da nun die Leute das Vieh ein Jahr ganz auf dem Stall gefüttert hatten, und nun die Menge Mist sahen, den sie bekommen hatten, so verwunderten sie sich aus der maßen, und sie wußten fast nicht wie das zugieng; nun konnten sie ihre Gärten, Wiesen und Felder stark düngen, und unser Herr Gott gab ihnen einen erstaunlichen Seegen allenthalben, so daß [Sp. 2:] sie auf ihren Aeckern weit mehr erndteten als vorher. Mit einem Wort: die Buchenberger Bauern wurde alle reiche und wohlhabende Leute.
Nun hatten sie zu Buchenberg noch immer so kleines schlechtes Rindvieh, es sah nun zwar besser aus, und war besser gefüttert, aber es war noch immer so klein und unansehnlich. Der Herr Pfarrer Gutmann hatte mit seinem Rath so lange gewartet, bis er die Bauern so weit gebracht hatte, als sie jetzt waren; nun aber wollte er ihnen auch darinnen helfen: er riethe also dem Jakob, er sollte nach Carlsruhe in der Markgrafschaft Baaden [Baden] reisen, dort hätte der Herr Markgraf eine Viehzucht von Schweizervieh, da sollte er sich einen Zuchtochsen kaufen, und von diesem sollten sie dann alle ihre Kühe belegen lassen. Jakob hatte sich bey dem Rath des Herrn Pfarrers immer wohl befunden, er reiste also dorthin, kaufte einen Ochsen und brachte ihn nach Haus. Da lief nun das ganze Dorf zusammen, um den Ochsen zu sehen, so ein Thier war ihnen ihr Lebtag nicht vor Augen gekommen, wenn er den krollichten Kopf herumdrehte, so liefen Weiber und Kinder als wenn ihnen der Kopf brennte, denn der Bursche sahe aus, als wenn er alles fressen wollte. Nun wollte jeder seine Kuh von dem Ochsen belegen lassen, das geschah auch nach und nach, das gab nun vortrefliche schöne und große Kälber, dadurch bekamen die Buchenberger Bauern Vieh, so wie es niemand im ganzen Land hatte.
Damit aber die Bauern nach und nach ihre Viehzucht noch immer mehr und mehr verbessern möchten; so lehrte sie der Pfarrer, wie sie das machen müßten: er ließ also die Bauern und ihre Weiber einmal zusammen kommen, und sprach zu ihnen: Lieben Freunde! Ihr seht nun, wie der liebe Gott euern Fleiß, eure Mühe und Arbeit segnet, ihr habt mir und dem braven Jakob bisher treulich gefolgt, wir wollen euch immerfort guten Rath geben, jetzt folgt / C 3 ihr [S. 6, Sp. 1:] ihr auch immer so wie bisher, so werdet ihr die glücklichsten Leute im ganzen Land werden: Ihr müßt erst eure Kuhrinder drey Jahre alt werden lassen, ehe ihr sie zum Ochsen laßt; denn wenn ein Thier noch nicht ausgewachsen ist, wenn man es zum Ochsen bringt, so muß die Natur noch an der Kuh arbeiten, damit sie völlig auswachse, und muß auch zugleich das Kalb im Mutterleibe bilden und ernähren; die Natur muß also ihre Kräfte theilen, und so wird nichts rechts aus der Kuh, und nichts rechts aus dem Kalb; ist aber die Kuh völlig ausgewachsen, so kan die Natur alle ihre Kräfte auf das Kalb verwenden, und so wird die Kuh nicht geschwächt und das Kalb wird stark und groß.
Dann müßt ihr auch wohl Acht geben, daß ihr keine andere als starke große Kälber anzieht, die kleinen verkauft ihr, oder schlachtet sie selbst.
Dann hatte ich auch dem Jakob gesagt, das Vieh müßte alle Tage ein paar Stunden im Hof herum laufen, es würde sich sonst bey der Stallfütterung steif stehen; jetzt hab ich aber erfahren, daß das ganz und gar nicht nöthig ist: denn es giebt Leute genug, besonders in der Pfalz, die ihr Vieh niemals herauslassen und doch das herrlichste Vieh haben; ich hatte also unrecht, daß ich dem Jakob den Rath gab; es freut mich, daß ihr das nun nicht nöthig habt. Folgt mir nun hübsch, ihr lieben Freunde, bätete und arbeitet, so wird euch der liebe Gott seegnen.
Die guten Leute verwundeten sich über den Pfarrer, und freuten sich, daß sie ihn hatten; als er nun fort war, so sagte der Heinzelmanns Peter: der Pfarrer ist ein braver Mann, solch einen Pfarrer hatten wir noch nie, der lehrt uns in der Kirche, wie wir seelig werden sollen, des Werkeltags aber zeigt er uns, wie wir hier in der Welt glücklich werden können. Das ist auch wahrhaftig wahr! sagten die andern Bauern. Doch dem Knoll was das alles nicht recht, er schüttelte den Kopf und sagte: ich weiß wohl, [Sp. 2:] was ich weiß, und gieng fort. Die Bauern verachteten aber den Knoll, denn sie wußten wohl, daß das lauter Mißgunst war.
Indessen brütete der Knoll über etwas, wie eine Henne auf ihren Eyern, er konnte unmöglich vertragen, daß der Jakob so glücklich war, und auch das ganze Dorf glücklich machte; endlich fiels ihm ein: er zog sich also eines Morgens früh an, und gieng zum Amtmann, der ein paar Stunden weit von Buchenberg wohnte; als er dahin kam, ließ er bey dem Amtmann melden, der ihn alsbald vor sich ließ; nun fieng der listige Knoll an:
Herr Amtmann! ich bin damals so dazu gekommen, daß ich abgesetzt worden bin, ich hab gefehlt, das ist wahr, aber wir Menschen fehlen alle, ich habs nun eingesehen, und will so etwas mein Lebtag nicht mehr thun. Nun hören Sie, Herr Amtmann! unser Pfarrer und der Grebe Jakob fangen so allerhand neue Dinge an wie's noch am Ende gehen wird, das wird die Zeit lehren, ich habs ihnen gnug gesagt, es ist noch nicht aller Tage Abend; ein heller Morgen bringt manchmal einen dunklen Abend.
Der Amtmann: Nun was will Er denn Knoll! Er spricht ja kauderwelsch, sprech' er doch daß mans verstehen kan.
Knoll. ich meyne mit dem Kleebau und mit der Stallfütterung.
Der Amtmann: Na, was will Er denn damit, es geht ja alle recht gut.
Knoll: Ja es geht wohl gut, aber es ist noch nicht aller Tage Abend, laßt einmal sehn, was es für ein Ende nimmt, das Ende trägt die Last.
Der Amtmann: Nur fortgemacht! was will er denn? ich hab' keine Zeit, seine Sprüchwörter alle anzuhören.
Knoll: Nu! ich wills denn nur gleich sagen: Da säen sie nun so viel Klee auf die Aecker, wo nun Klee steht, da steht keine Frucht, / und [S. 7, Sp. 1:] und da kriegt also auch der Herr die Zehnten nicht. Sieht Er, Herr Amtmann! ich bin ein treuer Unterthan, ich kan nicht leiden, wenn mein gnädigster Herr Schaden leidet.
Der Amtmann: Das ist ein anders, geh er nur hin, Knoll! ich will das Ding untersuchen.
Knoll: Ja Herr Amtmann! ich will nun gehen, ich meyne es gut, aber sag Er doch nicht, Herr Amtmann! daß ich bey ihm gewesen bin, das ganze Dorf wird mir sonst noch feinder als es ist.
Amtmann: Geht nur, geht.
Als nun der Knoll fort war, so dachte der Amtmann der Sache nach, und er fand daß der Knoll wohl recht haben könnte, er ließ also den Grebe Jakob und die Vornehmsten der Buchenberger Gemeinde citiren. Als sie nun zum Amtmann kamen, so sagte er zu ihnen: Ihr Männer! ich hab gehört, daß ihr brav Klee säet und die Stallfütterung eingeführt habt, ich höre auch, daß es euch gut dabey geht und das freut mich, aber ich habe etwas dabey zu erinnern: Ihr besäet nun viele eurer Aecker mit Klee, wo aber Klee wächst, da wächst keine Frucht, folglich verliert der Herr am Zehnten und das darf doch nicht seyn.
Der Grebe Jakob sah den Amtmann an, lächelte und sagte: Herr Amtmann! hat Er einmal die Zehent=Register nachgesehen? Nein, antwortet der Amtmann. Nun so seh Er doch einmal nach, Herr Amtmann, fuhr der Grebe fort, wie viel der Zehnte seit fünf Jahren her bis auf dieses Jahr betragen hat.
Der Amtmann grif in den Schrank, nahm die Register, sahe nach, und fand, daß der Zehnte seit ein paar Jahren um den vierten Theil zugenommen hatte. Er wunderte sich über die maßen und sagte: sagt mir doch, ihr Leute, wie geht das Ding zu?
Jakob sah seine Nachbarn an, lächelte, und antwortete: das geht sehr natürlich zu, Herr Amtmann! ich wills ihm erklären: wenn wir [Sp. 2:] mehr Futter bauen, so können wir auch mehr Vieh halten und können es auch immer auf dem Stall halten; wenn nun das Vieh immer auf dem Stall bleibt, so behalten wir auch alle den Mist, den sonst das Vieh auf der Weyde verstreut, und der also verlohren geht; wenn ich nun ein Feld ordentlich dünge und bearbeite, so wächst weit mehr drauf, als auf einem weit größern Feld, das ich nur mager düngen kan, mir wächst jezt auf einem Morgen Landes weit mehr als sonst auf anderthalben.
Ha! Ha! jezt begreif ich, sagte der Amtmann, geht in Gottes Namen, säet und pflügt wie ihr wollt, Gott geb seinen Seegen dazu!
Jakob und seine Nachbarn giengen nun fort nach Haus, und freuten sich sehr, daß es so gut bey dem Amtmann gegangen hatte. Indessen wartete der Knoll mit Schmerzen bis sie wieder kämen, denn er freute sich in seiner Seelen, wenn er sich vorstellte, wie die Leute nun würden die Köpfe hängen lassen, weil sie keinen Klee mehr säen dürften; allein, es gieng ganz anders: denn so bald der Knoll hörte, daß die Nachbarn wieder da wären, so gieng er zu einem von den Männern, und fragte, was der Amtmann gewollt hätte? Der Nachbar erzehlte ihm nun alles mit lachendem Munde, und wie schön der Grebe Jakob dem Amtmann alles erklärt hätte, so daß der Amtmann gesagt hätte, sie sollten nur so viel Klee säen und haushalten wie sie wollten.
Ey! Ey! antwortete Knoll: Nu! das freut mich doch! Ja der Amtmann ist ein gar guter Herr. Dann ließ Knoll den Kopf hängen, gieng nach Haus und fluchte in seinem Herzen.
Die Liesgen, des Greben Jakobs Frau, war auch ein gar gutes braves liebreiches Weib, sie that jedermann Guts, wo sie nur konnte; nun wurde dem Knoll ein Knabe kränklich, er hieß Fränzgen und war zehn Jahr alt; da nun der Junge wußte, daß die Liesgen ihm ein / Butter= [S. 8, Sp. 1:] Butterbrod gab, wenn er zu ihr gieng und gar freundlich mit ihm schwazte, so war Fränzgen gar oft in Jakobs Haus. Das war nun dem Knoll Wasser auf seine Mühle, nun gieng er herum und schwazte den Leuten heimlich in die Ohren, Liesgen sey eine Hexe, denn sie hätte ihm sein Fränzgen behext. das glaubten nun die Leute. O das ist ein großer Fehler an Euch Bauersleuten, daß ihr so abergläubisch seyd und an Hexerey und Teufelsbannerey glaubt! Es giebt keine Hexen, das ist lauter Aberglauben. Aber das ist wohl wahr, es giebt Leute, die wissen Kunststücke, womit sie den Menschen und dem Vieh schädliche Kräuter und Sachen eingeben und sie krank machen können, das geht aber doch natürlich zu, und ist keine Hexerey. Doch, ich will wieder fort erzehlen: Jakob und die Liesgen merkten nun bald, daß die Leute im Dorf nicht mehr so freundlich gegen sie waren wie sonst, das thät ihnen schmerzlich leid, und sie konnten nicht begreifen, woher das käme; endlich fragten sie einmal eine Nachbarin, die konnte nun nicht schweigen, sondern sie sagte ihnen, der Knoll habe gesagt, die Liesgen hätte seinen Jungen behext, darum sey er so kränklich geworden. Nun fieng die Liesgen laut an zu weinen, rang die Hände und sagte: nun hab ich meine Ehre und guten Namen für mein Lebtag verlohren, so lang ich lebe sehen mich die Leute für eine Hexe an, und Kindes Kinder haben noch die Schande davon und sind an ihrem Glük gehindert. So klagte und weinte sie laut und sie hatte ganz recht; denn ich weiß, wie das unter den Bauersleuten ist, wenn einmal jemand im Gerücht ist, so ist Ehre, guter Name und alles verlohren.
Dem Grebe Jakob giengen selbst die Augen über, und das erste was ihm einfiel war: er müßte einen Prügel nehmen, hingehen und den Knoll lederweich von Haupt zu Fuß durchklopfen, wirklich gieng er auch in die Ecke der Stube, um seinen dornen Stock zur Hand zu [Sp. 2:] nehmen. Doch er besann sich wieder, er stellte den Stock wieder hin, und sagte zu sich selbst: schlag ich den Knoll, so wird ich hart gestraft, und der Zorn thut auch nicht, was vor Gott recht ist, zudem kann ichs ja auch nicht beweisen, daß er das von meiner Frauen gesagt hat, er wird's läugnen.
Endlich, nachdem er lange hin und her gedacht hatte, was er thun sollte, und seine Frau noch immer bitterlich weinte, wie sie dessen auch Ursache hatte: so fiel ihm ein, er wolle zum Herrn Pfarrer Gutmann gehen, der würde ihm wohl Rath geben, was er thun sollte. Gesagt, gethan, Jakob zog sich an, gieng zum Pfarrer und erzehlte ihm alles; der Pfarrer bedachte sich eine Weile, endlich sagte er: das ist erschrecklich! Geht ihr aber nach Haus Jakob! seyd ganz ruhig und bekümmert euch nicht, haltet euch an Gott und bätet fleißig, ich hoffe gewiß, ich werde euch helfen; Jakob versprach das zu thun, und gieng nach Haus.
Nun wohnt ein paar Stunden von Buchenberg ein Vieharzt, der war ehemals unter den Husaren gewesen, ein versoffener aber dabey listiger Gandieb; dieser gab auch den Menschen Arzney, und er war sehr berühmt in der Gegend, denn er that große Kuren, aber es war alles Betrügerey, er schwazte den Leuten allerhand Zeug vor, sie sperrten dann Nase und Maul auf und glaubten, es gäbe keinen klügern und geschicktern Arzt in der Welt, alles war bey ihm Hexerey, überall war der Satan mit im Spiel, er konnte Geister banne, Schätze graben und dergleichen, wiewohl er selbst von dem allen nichts glaubte.
Damit nun der gottlose Knoll den Jakob und seine Frau recht beschimpfen und betrüben möchte, so gieng er auch zu dem Vieharzt; diesem gab er nun zu verstehen, daß er das Jakobs Frau im Verdacht hätte. Das war dem Betrüger, dem Arzt eben recht, er führte den Knoll in einen dunklen Keller, machte daselbst / aller= [S. 9, Sp. 1:] allerhand Gauckeleyen, und endlich zeigte er ihm im Dunkeln an der Wand in einem Spiegel eine Weibsperson, und sagte: das ist die Hexe! - Dem Knoll wurde angst und bang, und er glaubt nun selbst, er habe Jakobs Liesgen im Spiegel gesehen. Nun gab er dem Knoll eine Arzney mit, die aber seinem armen Jungen nicht half. Nun sagte der Knoll jedermann ins Ohr, und das ganze Dorf erstaunte und erschrack; die armen Leute fiengen nun fast an zu glauben: der Kleebau und die Stallfütterung, die sie vom Jakob gelernt hätten, sey all mit Hexerey zugegangen.
Endlich erfuhr Jakob auch insgeheim die ganze Geschichte, nun wuste er sich für Jammer nicht mehr zu lassen, seine Frau weinte Tag und Nacht und schrie zu Gott um Hülfe. Jakob wuste indessen keinen andern Rath, als wieder zum Pfarrer zu gehen. Anstatt aber, daß ihn der Pfarrer bedauert hätte, klopfte er in die Hände und sagte: seyd getrost Jakob! jezt sollt Ihr sehen, wie herrlich euch unser Herr Gott in Kürze erretten wird, geht nur hin, seyd ganz ruhig und bekümmert euch nicht. Jakob wurde so froh als wenn ihn ein Engel getröstet hätte, er weinte für Freuden, gieng nun nach Haus, und erzehlte alles seiner Frauen, die auch nun froh ward.
Jezt dachte der Pfarrer nach, wie er dem Jakob helfen könnte, endlich fiels ihm ein, er fieng die Sache recht klug an, wie ihr nun hören sollt: Er nahm den Schulmeister und einen Kirchen=Aeltesten zu sich, und unterrichtete sie von seinem ganzen Vorhaben, beyde waren kluge und gescheute Männer; an einem Abend verkleideten sie sich alle drey in Bauernkleider, zogen leinene Kittel an, schlugen die Hüte nieder und machten sich nun die Augenbrauen etwas grau, so auch die Bärte, so daß sie wie alte Männer aussahen, nun nahmen sie dornene Stöcke in die Hand, und reisten zu dem Vieharzt, wo sie dann des Abends spät ankamen. [Sp. 2:]
Nun fiengen sie an dem Vieharzt vieles zu erzehlen, wie ihr Vieh krank geworden sey, und daß sie eine alte Frau in Verdacht hätten, und so machten sie das Ding recht arg und gefährlich, dann stellten sie sich ganz einfältig, als wenn sie alles glaubten, was der Vieharzt sagte; dieser rückte nun heraus, bekräftigte alles, und machte das Ding so arg, daß die drey Männer, wenn sie nicht gewußt hätte, daß alles Betrug wäre, fast selbst geglaubt hätten, die alte Frau sey eine Hexe, und sie hatten ihm doch von einer Frau vorgeschwäzt die gar nicht in der Welt war. Als sie nun das alles heraus hatten, so nahmen sie Medicin mit, bezahlten den Schelmen und giengen noch die nämliche Nacht wieder fort; des andern Tages zogen sich die drey Männer, der Pfarrer, der Schulmeister und der Kirchen=Aelteste ordentlich an und giengen nun zum Amtmann, dem erzehlten sie alles, was vorgefallen war; auch erzehlte der Pfarrer die Geschichte mit dem Knoll und mit der Liesgen; da legte ers nun dem Amtmann recht ans Herz und bat ihn, nun einmal den Vieharzt recht tüchtig abzustrafen. Der Amtmann versprach das; er ließ daher auch den folgenden Tag den Vieharzt durch eine Wache holen und ins Gefängniß setzen; dann wurde auch die ganze Buchenberger Gemeinde citirt, und so auch der Knoll und der Jakob, kein Mann durfte ausbleiben. Dann erschienen auch der Pfarrer, der Schulmeister und der Aelteste. Als nun alles beysammen auf der Amtsstube war, so ließ der Amtmann den Vieharzt holen, und fragte ihn vor allen Leuten: ob er nicht vor ein paar Tagen drey Männer bey ihm gewesen wären, die Arzney für ihre Kühe geholt hätten?
Vieharzt: Ja, sie wären da gewesen.
Amtmann: Ob er diesen Leuten nicht gesagt hätte, das Vieh sey behext?
Vieharzt: Nein! das hab er nicht.
Amtmann: Herr Pfarrer, Schulmeister / C 4 und [S. 10, Sp. 1:] und Aeltester! hat er Ihnen nicht behauptet, eine gewisse alte Frau habe ihr Vieh behext?
Nun trat der Pfarrer dem Kerl vors Gesicht und hielt ihm alles Wort für Wort vor, was sie gesagt hatten, und was er gesagt hatte. Jezt wurde der Spitzbube blaß und nun gestund er alles. Knoll wäre nun auch gern weit weg gewesen, er sichte auch wirklich fortzuschleichen, allein das gieng nicht an, denn der Amtmann gab acht, und befahl den Buchenberger Männern, sie sollten ihn ja nicht weglassen.
Nun fragte der Amtmann den Vieharzt: ob er denn wirklich an Hexerey glaube? Nein! antwortete der Schurke, ich glaube nicht dran.
Amtmann: Wie macht ihr das, daß ihr den Leuten die Hexen im Spiegel weisen könnt?
Vieharzt: Erst hab ich ein Glas in der Wand im Keller, hinter dem Glase ist ein dunkel Kämmerchen, dahin stellt sich meine Frau, die horcht nun alles was ich spreche, dann verkleidet sie sich, so wie sie hört, daß es seyn muß, und stellt sich vor das Glas; das es nun dunkel ist, so kan man ihr Gesicht nicht recht erkennen, und man glaubt nun die Hexe zu sehen.
Amtmann: Ja, da sieht man auch wirklich eine wahre Hexe, denn das ist wahre Hexerey, wenn man die Leute so betrügt. Habt ihr noch mehr solche Kunststücke? Gesteht nur alles, denn nun ists doch hinaus, und das läugnen hilft nicht mehr.
Vieharzt: Ja, ich kan auch die Hexe in einem Zuber Wasser zeigen; ich hab einen Zuber im Keller, der hat einen Boden von Glas und er steht auf einer Grube, in welche Licht von außen hineinfällt; in den Zuber wird nun Wasser geschüttet. Während der Zeit ich nun meinen Hokus Pokus mache, kleidet sich meine Frau, wie sie weiß daß es seyn muß, in Manns= oder Weibskleider, kriecht dann in das Loch und legt sich unter den Zuber, da sieht man wieder - Nein! ich sag nicht mehr, die Hexe. [Sp. 2:]
Seht ihrs, ihr Männer! sagte nun der Amtmann zu den Bauern, wie ihr betrogen werdet, und zu dem Spitzbuben geht ihr, wenn ihr krank seyd und krank Vieh habt. Knoll hervor! Knoll kam zitternd und bebend.
Amtmann: Knoll, seyd ihr nicht bey diesem Mann gewesen?
Knoll (mit jämmerlicher Stimme) Ja, Herr Amtmann! ich wills nur alles sagen; ich habe einen Hass auf den Jakob und seine Frau, weil er glücklicher, ich kan auch wohl sagen, besser ist als ich, und da wollt ich ihm einen Schandfleck anhängen; aber, Herr Amtmann! und all ihr Nachbarn, ich will einen Eid schwören, daß Jakob und seine Frau brave Leute sind, und das Liesgen gewiß keine Hexe ist. Ich bitte nur um gnädige Strafe.
Was wollte sie eine Hexe seyn, fieng nun der Vieharzt an, es giebt keine Hexe.
Der Amtmann: Gottloser Mensch! und ihr verführt die Leute so und bringt sie ins Unglück. Nun, ihr Buchenberger Männer! ihr habt gröblich gefehlt, daß ihr den braven Greben und seine Frau so beschimpft habt, jezt bittet ihn alle um Verzeihung. Das litte aber der Jakob nicht, nein, sagte er ich wünsche und bitte nur, daß meine Nachbarn meine Frau nicht mehr im Verdacht haben mögen, denn sie sehen nun, daß sie unschuldig ist. Da riefen sie nun alle laut, deine Frau ist unschuldig und wir bitten sie um Verzeihung sobald wir nach Haus kommen.
Nun ließ der Amtmann den Vieharzt an den Pranger stellen, dann auspeitschen und zum Land hinausjagen; und der Knoll sollte drey Wochen bey Wasser und Brod im Thurm sitzen, aber Jakob bat für ihn, und so kam er mit fünf Gulden Strafe davon. Wie sich nun Liesgen freute, als die Männer ihr alles erzehlten, das könnt ihr nicht glauben. / Nun [S. 11, Sp. 1:]
Nun will ich euch einmal ein Räthsel aufgeben: That der Pfarrer wohl oder übel, daß er sich mit dem Schulmeister und dem Aeltesten verkleidete, und daß sie den Vieharzt so [Sp. 2:] hinters Licht führten? Denkt einmal darüber nach. das folgende Jahr will ichs euch dann erklären, und sagen: obs recht oder unrecht war.
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1791. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 4-11: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 11-12: "Eine wahre Geschichte. / Etwas zur Beherzigung für Eltern." [Die Famliengeschichte der Familie Gilster.]
 
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 4, Sp. 1:] Nun, ihr lieben Bauersleute! habt ihr nun drüber nachgedacht, obs wohlgethan war, daß sich der Pfarrer Gutmann, der Schulmeister und der Aelteste verkleideten, und den Vieharzt so dran kriegten? - Ja es ist so eine Sache! Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so muß ich gestehen, daß es nicht recht war; fromme rechtschaffene Leute haben auch Fehler, wir wollen dem braven Pfarrer darum nicht böse werden, denn er meynte es herzlich gut, aber gefehlt hat er immer, und das will ich euch nun erklären. Lügen darf man nie in keinem Fall, und doch log hier der Pfarrer doppelt, denn er gab sich für einen Bauern aus, und er wars doch nicht, und dann sagten sie ja dem Vieharzt lauter Sachen, die nicht wahr waren. Man muß nie etwas Böses thun, um Gutes zu stiften; vorzüglich muß sich ein Pfarrer davor hüten, denn die Leute nehmen ein Exempel dran und machen so etwas nach, und dann geht's nicht immer so gut, wie es hier gieng. Man hätte ja den Vieharzt auf andre erlaubte Weise überzeugen könne, ich wenigstens glau= [Sp. 2:] be nicht, daß der Herr Pfarrer recht gethan hat. Doch ich will nun weiter erzehlen, wie es zu Buchenberg gieng.
Alles war nun in Ordnung; des Greben Jakobs Frau, die Liesgen, hielt niemand mehr für eine Hexe, der Knoll war verachtet und verhaßt wie ers verdiente, und die ganze Gemeinde war in äußerster Flor und kam immer mehr in Wohlstand, alle fütterten nun das ganze Jahr das Vieh auf dem Stall, und selbst der Knoll fieng auch nun an Klee zu säen, und sein Vieh auf dem Stall zu füttern.
Nun hatte aber die Buchenberger Gemeinde verschiedene Plätze, die der ganzen Gemeinde zusammen gehörten, und worauf das Vieh gehütet wurde; zum Exempel, da drüben gegen dem Dorf über war ein langer und breiter Hügel, da wurde nichts gesäet und nichts gepflanzt, sondern man hütete da das Vieh, und der Plätze und Weiden hatte man manche. Jezt brauchten aber die Buchenberger alle diese Stücke nicht mehr zum Weiden, da lagen sie nun. Oft rathschlagten die Bauern zusam= / men [S. 5, Sp. 1:] men, was denn damit anzufangen wäre? aber keinem fiels bey; ey! sagte der Grebe, wir wollen einmal den Herrn Pfarrer fragen; das gefiel den Männern. Der Grebe lud ihn also zum Essen ein, und nach dem Essen ließ er die Gemeinde zusammen kommen, und nun trugen sie dem Pfarrer die Frage vor, was sie nun mit den Gemeinen Weidplätzen machen sollten? Der Pfarrer Gutmann lächelte, und sagte: Wißt ihr das nicht, ihr lieben Leute? Sie antworteten nein! wir wissens nicht. Nun so will ichs euch sagen, fuhr der Pfarrer fort: kan keiner unter euch mehr Aecker brauchen? O ja! sagten die mehresten; nun wohlan! sprach der Pfarrer weiter, so theilt die Stücke unter euch, und macht Aecker daraus.
Der alte Conrad aber, ein alter ehrlicher Graukopf von Bauern, der ein großes Guth hatte, und wohlhabend war, schüttelte den Kopf und sagte: Herr Pfarrer, nehmt mirs nicht für ungut, da, glaub ich, habt ihr unrecht.
Pfarrer: Wie so?
Conrad: Das will ich euch sagen: wie wollen wir da theilen? Der die größten Güter hat, giebt am mehresten Schatzung und Contribution, der bekommt also auch das größte Stück, und das, deucht mich, ist doch nicht ganz recht: da werden ja die großen Güther noch größer und die kleinen noch immer nicht groß genug.
Pfarrer: Ehrlicher Conrad! da habt ihr ganz recht, aber wisst ihr den auch, wie ichs meynte? - Ihr macht aus den Gemeinde=Weidstücken lauter Aecker von einer ordentlichen Größe, nicht zugroß und nicht zuklein, und dann verpachtet ihr sie unter euch an den Meistbietenden.
Die Bauern sahen sich an, das gefiel ihnen; doch bedachte sich der alte Conrad wieder, und sagte: Ja das geht wohl an, aber niemand wird etwas geben wollen.
Gut! antwortete der Pfarrer, so laßt die Leute unter euch, die kleine Güther haben, einmal [Sp. 2:] die Probe machen, laßt sie einen oder den andern Acker ausroden, so wird sichs hernach zeigen, sieht man, daß etwas herauskommt, so kan man hernach verpachten.
Hierauf war der Grebe Jakob der erste, der sich erbot, einen ganzen Morgen von 150 Ruthen da drüben auf dem langen und breiten Hügel mit Esparcette zu besäen, und einen Acker heraus zu machen, denn er hatte ein kleine Guth und konnte noch mehr brauchen; sobald der Grebe das beschloß, so waren der geringen Bauern noch etliche, die es auch so machen wollten.
Allein, die guten Leute hatten die Rechnung ohne den Wirth gemacht, daran hatten sie nicht gedacht, daß eine herrschaftliche Schäferey da wäre, und daß der Schäfer das Recht hätte, auf ihrer Gemein=Weide zu hüten. Doch auch darinnen gab der Pfarrer guten Rath, die Schäferey war nicht verpachtet, er rieth also der Buchenberger Gemeinde, sie sollten der Herrschaft die Schäferey abpachten, dann die Gemeinweide nach und nach mit Esparcette besäen, und dann die Schaafe darauf pferchen, wie ich euch in den vorigen Kalendern erzehlt habe, so würden sie nicht nur die Pacht wohl bezahlen können, sondern noch viel an den Schaafen gewinnen, und die Gemeinplätze würden noch dazu allmählig sehr gute Aecker werden. Da nun die Leute sahen, daß alles gut gieng, was ihnen der Pfarrer rieth, so folgten sie ihm in allen Stücken; und ihr werdet in den folgenden Jahren in dem Kalender finden, was für ein großer Seegen dadurch entstanden ist.
Während der Zeit, daß nun alles zu Buchenberg im Seegen war, und die Bauern nach und nach so wohlhabend wurden, trug sich wieder etwas sonderbares zu. Im Sommer, in der schönsten Jahreszeit, kamen zween fremde Männer nach Buchenberg, sie waren gut gekleidet und sahen ganz ehrbar aus; nun war auch ein Wirth zu Buchenberg, der Bier / C 3 und [S. 6, Sp. 1:] und Brantwein feil hatte, wo die Nachbarn des Sonntags Nachmittags so zusammen kamen, und von allerhand schwatzten, wenn auch eine Hochzeit im Dorf war, so war sie gewöhnlich in diesem Haus, und dann tanzten auch wol zuweilen die jungen Leute oben auf der großen Stube; wenn das nun ehrlich und ordentlich zugieng, so hatte auch der Herr Pfarrer nichts dagegen. In diesem Hause herbergten die zween fremden Männer.
Diese beiden Männer hielten sich nun ganz still, kein Mensch wußte was sie da machten, denn sie sprachen mit niemand, bezahlten alles ordentlich was sie verzehrten, und führten sich so auf, daß man glauben mußte, sie wären gar vortrefliche und sogar vornehme Leute. Die Buchenberger Männer und Weiber verwunderten sich sehr und sprachen untereinander, was das doch wol für Männer seyn möchten? Sie fragten auch wohl den Wirth, ob er denn nicht erfahren könnte, was sie eigentlich da machten? der Wirt wuste aber eben so wenig als sie; nur das erfuhren sie bald, daß die beyden Fremden des Abends spät in den Wald giengen, und daß sie allerhand sonderbare künstliche Sachen bey sich hätten, die wunderbar aussähen; dann sagte auch der Wirth, die Leute seyen gar fromm, denn er höre sie zuweilen gar andächtig bäten; nun verwunderten sich die Buchenberger noch mehr und sie hatten vielen Respect gegen diese Männer, doch getraute sich niemand recht zu fragen, wo sie her wären, und was sie da machten?
Der Grebe Jakob war im Grund am allerneugierigsten; er wagte es also, gieng ins Wirthshaus, und sagte dem Wirth, er mögte doch die fremde Herren fragen, ob sie ihm nicht erlauben wollten, daß er einmal ein Wort mit ihnen reden dürfte; der Wirth gieng hinauf auf die Stube, und fragte die Männer; O ja! sagten sie, der Grebe soll nur heraufkommen. Jakob gieng also zu ihnen; nehmt mir nicht [Sp. 2:] übel, ihr Herren! fieng er an, daß ich euch besuche, ich höre daß ihr fromme brave Herren seyd, und da möchte ich doch gern ein paar Worte mit euch reden.
Die Männer. Das soll uns lieb seyn, was wollt ihr uns denn?
Jakob. Ha, ich will eben nichts, es wundert uns so, daß ihr euch hier im Dorf so lang aufhaltet, da können wir nun nicht begreifen was das bedeutet; wir haben nun eben kein Verdacht auf euch, bewahre Gott! aber wir sind unverständige Bauersleute und ihr seyd gescheidte Männer, da möchten wir doch gerne etwas von euch lernen.
Die Männer. Hört Freund! wir sehen, daß ihr ein verständiger Mann seyd, wenn ihr nun schweigen könnt, so wollen wir euch ein großes Geheimniß offenbaren.
Dem guten Jakob lief ein Schauer über die Haut, als er von dem großen Geheimniß hörte, er sperrte Nas und Maul auf, und sagte: O ja, ich kan schweigen!
Nun sagten die Männer mit leiser Stimme, und so, als wenn sie etwas außerordentlich wichtiges wüßten: Freund! hier in der Gegend gehen große Dinge vor; wir sind Geisterseher.
Jakob erschrack, daß er zitterte und bebte, und es war ihm grad als wenn die Männer selber Geister wären. Ach Gott! rief er, was ist das? - Was sind denn das für große Dinge?
Die Männer antworteten: eine halbe Stunde von hier, da hinter dem Wald, ist ein altes verfallenes Schloß, ihr werdet dich die Bocksburg wissen? o ja! stammelte Jakob voller Angst, die weiß ich sehr wohl.
Nun fuhren die Männer fort: auf diesem Schloß wohnte vor alten Zeiten ein Ritter, der Ritter Heinze von Bocksburg, ein gar böser Mann, er raubte und plünderte wo er nur konnte, dann bracht er die Leute um, und hatte so seine Freude dran, wenn er sie nur recht martern konnte. Nun trug sichs zu, daß unser / Herr [S. 7, Sp. 1:] Herr Gott des Lebensmüde wurde, denn der Graf von Topshausen kam und belagerte die Bocksburg; als nun der Ritter Heinze sahe, daß er sich nicht mehr helfen konnte, und der Graf das Schloß bekommen würde: so erstach er seine Frau und Tochter, begrub dann all sein Geld, und nun gieng er eben auf einen Saal, und erhieng sich an einem Strick.
Des andern Tages eroberte der Graf das Schloß, und nun fanden sie des Ritter Heinzens Frau und Tochter tod in ihrem Blut liegen, und erhieng droben an einem Strick. Nun ließ der Graf alle drey begraben, dann zerstörte er das Schloß und gieng fort. [Vgl. in der Lebensgeschichte, Hrsg. Benrath, die Geschichte von Johannes Hübner.]
Nun kommen die drey Geister alle hundert Jahr einmal und spucken ein Vierteljahr lang auf der Burg und im Wald umher, die Geister der Frauen und der Tochter jagen den Geist des Ritters Heinze im Schloß und im Wald umher; der Geist des Heinze sieht schrecklich feurig aus, die andern zween aber sind blaß wie Nebel, gestern Abend haben wir sie noch gesehen, und sie angeredet, auch sahen wir einen Bären mit glüenden Augen und Flammen im Rachen, der den großen Schatz des Heinze noch immer bewacht.
Jakob war wie versteinert, mit Zittern sagte er: Ach Gott! das ist schrecklich, da wird einem ja angst und bange!
Die Männer zuckten die Schultern und schwiegen eine Weile; endlich fieng der eine, welcher der älteste und vornehmste zu seyn schien, an: Freund! wenn ihr schweigen könnt, so wollen wir euch etwas entdecken.
O ja! antwortete Jakob, ich will euch einen Eid schwören, daß ich schweigen will. Gut! fuhren die Männer fort: so wollen wirs euch dann sagen. Wir haben mit den Geistern gesprochen, und da haben wir vernommen, daß sie nicht eher zur Ruhe kommen können, bis der Schatz wieder unter Menschen kommt, und also Nutzen stiftet; so bald also das Geld aus [Sp. 2:] der Erde kommt, und an gute brave Leute gebracht wird, so kommen die armen Geister zur Ruhe.
Lieber Gott! sagte Jakob, das ist ja eine große Pflicht, daß man den armen Geistern hilft, und das Geld könnte auch noch manchem gut thun; aber wißt ihr Herren denn nicht, wie viel es ist?
Die Männer. O ja! das wissen wir sehr wohl, es liegen da in dem Gewölbe, das noch zum Theil ganz ist, acht Schuh tief in der Erde zwanzigtausend Dukaten in Gold, und sonst noch viel kostbar Geräthe, Edelgesteine und dergleichen.
Jakob erstaunte gewaltig über das alles was er hörte, endlich fieng er an und sagte: es wundert mich doch, ihr Männer! daß ihr das Geld nicht da wegnehmt, ihr könntet es ja selbst nehmen, und viel Gutes damit stiften.
Die Männer. Behüte Gott! guter Freund! die Geisterseher dürfen das Geld nicht selber behalten, da würden ihnen die Geister die Hälse brechen, ihr versteht das nicht.
Jakob legte die Finger an die Nase, dachte nach, und sagte: ja so, das ist etwas anders, das Geistersehen ist also wol eine gefährliche Arbeit?
Ja wohl! antworteten die Männer.
Dem guten Jakob war wunderlich zu Muthe - Gott! dachte er, wenn er das Geld all bekommen könnte, und dann dachte er wieder, er dürfte es doch nicht behalten, denn wenn es die Obrigkeit erführ, so nehme sie es ihm ab, und strafte ihn vielleicht noch dazu.
Da nun die Männer sahen, daß er nachdachte, so fiengen sie an: Freund! wir müssen nun jezt wieder fort, denn wir fürchten, hier im Dorf giebts nicht so viel fromme Männer, als zu dem Schatzheben nöthig sind, wir müssen also an einem andern Ort suchen.
Darüber erschrack Jakob und sagte: ach ich weiß nicht, was ich sagen soll, wie viel / frommer [S. 8, Sp. 1:] frommer Männer sind dann nöthig? Die heilige Zahl sieben, antworteten die Geisterseher.
Jakob sagte: die wollte ich wohl zusammen bringen; freylich wär der Pfarrer Gutmann wol fromm genug, aber der glaubt an so etwas nicht. Die Männer riefen: Behüte Gott! kein Geistlicher darf es wissen, sonst ist alles verlohren, denn die Geister können sie durchaus nicht leiden; wenn ihr aber hier im Dorf sieben fromme Männer zusammen bringen könnt, so wollen wir sehen, was wir thun können. Jakob bedachte sich ein wenig, dann nannte er sich und noch sechs andere Nachbarn, die er für rechtschaffen hielt. Kurz, die fremde Männer verstanden sich endlich dazu, daß sie den Buchenbergern sieben braven Männern den Schatz heben wollten; und nun wurde verabredet, daß Jakob die andern sechs Männer an einen abgelegenen Ort in den Wald bringen, aber ihnen ja nicht das geringste sagen sollte.
Jakob schlich also in die sechs Häuser, und sagte den Männern, daß sie Morgen Abend in der Dämmerung an den und den Ort im Wald kommen möchten, da würden sie Dinge hören, wodurch sie auf Lebenslang die glücklichsten Menschen werden könnten, sie müßten aber verschwiegen seyn, und auf verschiedenen Wegen hingehen, damit niemand etwas merke, und es im Dorf kein Aufsehen gebe.
Die Männer verwunderten sich sehr, und erstaunten über die Sachen, alle versprachen aber mit Freuden, daß sie kommen wollten.
Kaum konnte Jakob den andern Abend erwarten, und er rechnete schon nach, was er mit seinem Theil von dem Gelde machen wolle: bald dachte er, er wolle sich ein neues Haus bauen, mehrere Güter kaufen und den Armen viel Guts erzeigen; bald dachte er aber wieder an die Obrigkeit, und daß es auskommen möchte; dann nahm er sich vor in ein fremdes Land zu ziehen, wo ihn niemand kannte, und dann da wie ein großer Herr zu leben. [Sp. 2:]
Unter dergleichen Vorstellungen rückte endlich die Zeit herbey, es wurde Abend, und nun schlichen die sieben Männer aus dem Dorf, einer hier der andere da hinaus, und zur bestimmten Stunde kamen sie auf einem grünen Platz im Walde an; der Platz war nicht groß und rund umher mit einem dichten dunkeln Gehölze umgeben, es sahe recht fürchterlich aus.
Hier stand nun einer von den fremden Männern mitten auf dem grünen Platz, er hatte einen langen schwarzen Rock an und eine weiße Ruthe in der Hand, auch hatte er ein weißes Band über die Schulter hangen, auf welchem allerhand Zeichen mit Farbe gemahlt waren. Als nun die sieben Männer kamen, so machte er einen Kreiß um sich her mit der Ruthe und befahl nun den Männern sehr ernsthaft, ja nicht in diesen Kreis zu gehen, sie mögten sonst unglücklich seyn; der Fremde war allein, er hatte seinen Kameraden nicht bey sich. Die Bauern standen nun da, es schauerte ihnen über die Haut, und sie waren voller Furcht, was aus dem Ding werden würde. Nun erzehlte der Geisterseher den Bauern alles, was er auch dem Greben Jakob von dem Ritter Heinze, von den drey Geistern und von dem Schatz erzehlt hatte. Die Bauern sahen sich an, und die Haare standen ihnen zu Berge für Schrecken, doch wünschten sie alle die zwanzigtausend Dukaten zu haben; sehr ernstlich fragten sie den Geisterseher, ob sie denn aber auch nichts zu fürchten hätten? - Er versicherte ihnen, daß ihnen allen kein Haar gekränkt werden sollte, wenn sie ihm nur folgten und nicht zu vorwitzig wären; nun waren sie zufrieden, doch traten sie alle ganz nah zusammen, und faßten sich an den Armen, denn es war ihnen sehr bange.
Nun sagte der Geisterseher, jezt wollte er den Geist des Heinze beschwören, der müßte erscheinen und sagen, was bey dem Schatzgraben zu thun sey. Er thut uns doch nichts? riefen / die [S. 9, Sp. 1:] die Bauern sehr ängstlich. Nein, gewiß nicht, antwortete der Geisterseher.
Nun reckte er die weiße Ruthe gegen den Wald aus und rief mit starker Stimme: Alzazel lama parakatschi! auf einmal stand da ein glüender Mann; etwas zurück im dunkeln Wald; den Bauern war erschrecklich zu Muthe, einer sahe den andern an, und sie sagten gegeneinander: Gott bewahre uns doch für der Höllen! Nun sagte der Geisterseher: Bist du der Geist des Ritter Heinze? eine hohle Stimme rief aus dem Walde: Ja!
Der Geisterseher fragte ferner: was müssen wir denn thun, daß du zur Ruhe kommst?
Der Geist antwortete: Du und die sieben Männer dort, ihr müßt Morgen zur Nacht um Mitternacht auf meiner alten Burg erscheinen, die Männer müssen stille an der Wand stehen, damit ihnen kein Unglück wiederfährt, dann müssen dir die Männer zweihundert Thaler geben, diese mußt du mir zeigen, dann trägst du den feuerspeienden Bären von meinem Schatz weg, und wenn du wiederkommst, so wird der Schatz wie feurige Kohlen in die Höhe steigen, die müßt ihr sammeln, und wenns Tag ist, so werdens lauter Dukaten seyn; das Geld aber, die zweihundert Thaler, trägst du in Tyrol in das Kloster zu Inspruck, so werde ich von meiner Qual erlöst werden. Der Geisterseher war sehr erschrocken über die Rede, er reckte also die Ruthe gegen den Geist und sagte: Azazel, die Männer haben kein Geld, du mußt ihnen kein Geld abfordern. Auf einmal wurde der Geist noch glüender, es flammte und knallte und der Geist rief mit schrecklicher Stimme: Warum hast du mich dann gerufen? Die Bauern fielen auf die Knie und bäteten, daß sie doch der liebe Gott bewahren möchte; Jakob rief auch mit erbärmlicher Stimme: Herr Geisterseher, darf ich reden? O ja! sagte der Geisterseher. Nun sagten die Männer allzugleich, die zweihundert [Sp. 2:] Thaler wollen wir ja gerne mitbringen, nun wurde der Geist auf einmal wieder heller und ruhiger. Nun fragte der Geisterseher weiter: die Männer haben doch nichts zu befürchten? - der Geist antwortete, nein! wenn sie sich nur still halten; da er das gesagt hatte, verschwand er.
Jezt empfahl der Geisterseher den Männern nochmals Verschwiegenheit, wenn auch nur einer unter ihnen mit seiner Frauen das geringste davon spräche, oder sonst zu verstehen gäbe, so würde er in wenigen Tagen eines unglücklichen Tods sterben; wenn aber sieben Tage um wären, so dürften sie hernach alles sagen. Mit Schrecken und voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, giengen die Männer nach Haus, keiner sagte auch nur ein Wörtchen von der Sache.
Nun was geschah? des andern Tages des Abends schlichen die sieben Männer auf verschiedenen Wegen nach dem alten Schloße: einem wards noch bänger als dem andern, doch kamen sie endlich mitten im Schloße zusammen, die zweihundert Thaler hatten sie mitgebracht; hier fanden sie nun den Geisterseher wieder allein; Jakob fragte ihn, wo denn sein Kamerad wäre, er antwortete der wär verreist, um an einem Ort eine arme Seele wegzubannen, die die Leute im Hause gar sehr beunruhigte. Der Geisterseher erzehlte ihnen nun noch allerhand wunderbare Geschichte von Geistern, und was er alles erfahren hatte. Endlich kam die stille fürchterliche Mitternachtsstunde, den Bauern wars eiskalt in allen Gliedern, als der Geisterseher mit ihnen ins Gewölbe gieng; sie wären gewiß nicht hineingegangen, aber das Geld, das liebe Geld, den Schatz wollten sie gar zu gerne haben.
Nun sahen sie, wie sie ins Gewölbe kamen, dort in einer Ecke den schrecklichen Bären liegen, die Augen leuchteten wie Lichter, und in seinem offenen Maul brannten Schwefelflam= / C 4 men [S. 10, Sp. 1:] men. Hu! da liefs den Bauern kalt über den Rücken hinab; damit ihnen nun der Bär nichts thun sollte, so rief der Geisterseher: Baratara Buhi, Vogel rühr dich nicht! Dann hieß er die Bauern da an die Mauer stehen, sie durften aber nicht vom Platz gehen, bis er sie hiesse, dann befahl er ihnen auch kein Wörtchen miteinander zu sprechen.
Nun machte der Geisterseher allerhand Ceremonien, und nun erschien der glüende Geist des Heinze wieder dort mitten in den Mauern des Schloßes; der Geisterseher sprach noch erstaunliche Dinge mit ihm, dann packte er den Bären auf seinen Rücken und trug ihn zum Gewölbe hinaus zu dem Geist; dann kam er, forderte die zweihundert Thaler von den Bauern, die sie ihm dann auch gaben, und nun sagte er: jezt will ich gehen, dem Geist das Geld zeigen und ihn dann weit wegbannen, in einer Stunde komme ich wieder, dann will ich den Schatz beschwören, so wird er wie feurige Kohlen aus der Erde heraus steigen, und wir wollen ihn dann heben. Nun gieng der Geisterseher hinaus zu dem Geist, und sie sahen, wie sie beyde langsam durch ein Loch in der Mauer hinausgiengen.
Die Bauern stunden voller Angst an der Mauer, es dauerte eine Stunde, zwo Stunden, es wurde Morgendämmerung, kurz der Geisterseher kam nicht wieder. Der erste Gedanke, der dem Jakob einfiel, war, ob irgend der Geisterseher vom Geist umgebracht worden wäre? Noch immer stunden die sieben Männer an der Wand und rührten sich nicht, auch sagten sie nichts, denn das war ihnen verboten. Endlich als es 4 Uhr war und die Sonne aufgieng, bekamen sie mehr Muth, sie sahen sich lange an; endlich sagte Jakob; wo mag wohl der Geisterseher bleiben? Sie wunderten sich sehr nun wagten sie es doch herauszugehen. So wie sie herauskamen, sahen sie dort, wo der Geist war, etwas Schwarzbraunes lie= [Sp. 2:] ge: sie giengen alle zusammen hin, und fanden da nun den Bären liegen, er war aus einer schwarzbraunen wollenen groben Decke gemacht, und mit Moos ausgestopft, der Rachen war aus eisern Blech, hinten staken noch Schwefelhölzchen, die noch nicht ganz verbrannt waren, die Augen waren auch eiserne Röhren in denen Schwefelhölzchen steckten.
Jezt guckten sich die sieben braven frommen Männer mit Nase und Maul an; das war also der fürchterliche Bär gewesen; als sie nun zum Loch in der Mauer hinausgiengen, so sahen sie auch dort auf dem Rasen etwas weißes, sie giengen hin und fanden einen Mann aus Papier geschnitten und mit Stangen und Stecken auseinander gespannt, hinten auf den Stecken waren viele Wachslichter angeklebt gewesen, denn man sahe die Stümpfchen, wie sie beinah verbrannt waren, das war also auch der Geist. Jezt sahen die guten Bauern, wie sehr sie betrogen waren; die Geisterseher waren indeßen mit den zweihundert Thalern fort. O wie schämten sich die Männer! Keiner durfte den andern ansehen, der eine fluchte, der andre stampfte mit den Füßen, der dritte zerriß den papiernen Geist in tausend Stücke, und Jakob weinte für Zorn, wenns nur der Herr Pfarrer nicht erfährt, sagte er; endlich schwuren sie, daß keiner etwas sagen sollte, denn sie würden sonst schrecklich ausgelacht werden. Das glaub ich, sagte der Jakob, daß wir den andern Spitzbuben nicht sahen, der hat bey dem Geist gestanden und für ihn gesprochen, ey ihr verfluchte Kerl! Ihr! - Nun schlichen sie sich ganz stille nach Buchenberg und in ihre Häuser.
Jakob schlich sich in sein Haus, er war so böse, daß er die Stühle umstieß und die Schaufeln und Hacken aus einer Ecke in die andere warf, allein was halfs? das Geld war fort. Nun kam auch Liesgen, sie war eben in den Garten gegangen; als sie nun sahe, daß ihr / Jakob [S. 11, Sp. 1:] Jakob so verdrieslich war, so fragte sie ihn, was ihm doch wohl fehle? Aber ergab ihr keine Antwort, sondern er brummte nur; nun sagte sie ihm, der Herr Pfarrer habe ihm einen Boten geschickt, er möchte doch sogleich zu ihm nach Holzberg kommen; darüber erschrack Jakob recht herzlich, ob er nun gleich wohl denken mußte, daß der Herr Pfarrer noch von nichts wüßte, so hatte er doch kein gutes Gewissen, und das Herz klopfte ihm gewaltig, er gieng aber doch.
Als er nun zum Herrn Pfarrer in die Stube trat, so fand er da den Oberförster Klingel bey dem Pfarrer sitzen; dieser Klingel war ein sehr rechtschaffner Mann, er hatte auch studirt und kannte die Welt. So wie Jakob in die Stube trat, fieng der Pfarrer an. Ey guten Morgen, Jakob, ihr habt mir doch wohl eine Handvoll Dukaten mitgebracht? - Der arme Mann stand da wie Butter an der Sonne [vgl. Grellmann S. 132, und Anm. 708 = Sämtliche Schriften, Bd. IX, S. 762.], er wußte nicht, was er sagen und denken sollte, roth wurde er bis an die Ohren, und die Thränen kamen ihm in die Augen; der Oberförster aber hielt seinen dicken Bauch und lachte, was er nur lachen konnte. Endlich fieng Jakob an: Ja, wir sind abscheulich betrogen, aber wer sollte das auch gedacht haben; nur muß ich mich sehr wundern, wie der Herr Pfarrer das erfahren hat.
Nun fieng der Oberförster an zu erzehlen: er war gerad den Abend, wie der Geisterseher die Bauern auf den grünen Platz im Walde [Sp. 2:] beschieden hatte, so wie die Jäger pflegen, im Walde herumgestrichen, er hatte also alles mit angesehen und angehört, denn er hatte nahe bey dem Geist hinter einem Baum gestanden; nun hatte er sich vorgenommen, die Spitzbuben ihre Schelmerey vollenden zu lassen, er hatte also zween Jägerburschen mit geladenem Gewehr zu sich genommen, und nun diesen Morgen den Geisterseher aufgepaßt, sie gefangen genommen und zum Beamten geführt.
Als das Jakob hörte, sprang er auf einem Bein herum, und rief: Gott lob! nun werden die Spitzbuben doch gestraft, und wir bekommen unser Geld wieder.
Daß nun der Pfarrer dem Jakob noch tüchtig die Meynung sagte, das könnt ihr leicht denken. Indessen die Bauersleute verstehens nicht besser, und können also leicht betrogen werden. O wie gut wär es, wenn man sorgte, daß sie bessere Schulen hätten, die die Kinder besser unterrichteten, damit sie hernach nicht so leicht betrogen werden könnten!
Die Geisterseher wurden nun ins Zuchthaus geschickt, das Geld bekamen die Bauern wieder, doch mit der Warnung, wenn sie sich noch einmal so anführen liessen, so sollten sie tüchtig gestraft werden. Wie es nun weiter zu Buchenberg gieng, das sollt ihr künftiges Jahr erfahren.
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1792. / welches ein Schaltjahr ist; / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-9: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 9-12: "Ueber Lebensgenuß. / Ein Stückchen Philosophie des Lebens. / - / In Briefen an einen Freund; von dem Hrn. General=Superintendent Ewald, zu Detmold. / -". - Es handelt sich nach dem "ich" des Hrsg. S. 10, Sp. 1 um einen Nachdruck aus dem "Jahrbuch für die Menschheit".
 
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 3, Sp. 1:] Den Buchenberger Bauern war also ihre Schatzgräberey und Geisterseherey übel bekommen, wie ihr im vorjährigen Kalender werdet gelesen haben; man hörte nun nichts mehr davon, denn jedermann schämte sich der Sache. Uebrigens kam das Dorf Buchenberg ungemein in Flor: denn die Bauern säeten nun alle Klee in die Gerste und Haber; anstatt der mageren Brachfelder hatten sie nun das schöne Kleefutter, sie konnten also mehr Viehhalten, das Vieh gab auch viel mehr Milch und Butter und Dünger, sie konnten also auch mehr und besser düngen, und daher mehr Feldfrüchte erzielen.
Da nun alles so gut gieng, so dachte nun auch der rechtschaffene Pfarrer Gutmann darüber nach, ihre Schule zu verbessern, er [Sp. 2:] sprach also mit dem Greben Jakob und mit den vornehmsten Bauern, daß sie die Zinsen von den verpachteten Aeckern aus den Gemeinweiden zur Schule stiften möchten, es kostete auch nicht viel Mühe, die Leute dazu zu bereden; denn sie sahen wohl ein, daß es gut wäre, wenn die Kinder etwas rechte lernten, und besseren Unterricht in der Religion bekämen.
Als nun ein hübscher Lohn für einen braven Schulmeister festgesetzt und bestimmt war, ohne daß die Bauern etwas zu bezahlen brauchten, denn aus den Zinsen von den verpachteten Gemeinweiden, wovon ich vorm Jahr im Kalender erzehlte, konnte der Schulmeister recht wohl bezahlt werden; so beschrieb nun der Pfarrer einen sehr geschickten ( C 2 vor= [S. 4, Sp. 1:] vortreflichen Mann, der zu Buchenberg Schul halten sollte, dieser Mann hieß Ehrenmann, er kam hin und fieng nun an Schul zu halten; das gieng nun ganz anders zu wie vorher: denn er ließ die Kinder den Katechismus nicht auswendig lernen, sondern er erklärte ihn so, und übte dann die Kinder dergestalt im Antworten, daß sie alles aus ihrem eigenen Kopf beantworten konnten; das gefiel den Buchenberger Bauern so ziemlich, obschon etlich den Kopf darüber schüttelten, und sagten: sie wollten keine Neuerung haben, ihre Kinder sollten brav so unterrichtet werden, wie es von Alters her gebräuchlich gewesen, und was sie alles daher schwazten, doch giengs immer so fort, und die Kinder lernten vortreflich. Ehrenmann lehrte sie die Kräfte der Natur kenne, woher der Regen, Schnee und Hagel und schön Wetter entstünde? Er unterrichtete sie auch in der Natur der Kräuter, Bäume und Thiere, damit sie hernach auch besser säen und pflanzen und ihr Vieh versorgen könnten; den Ackerbau und die Viehzucht, Rechnen und Schreiben, und viele dergleichen gute Sachen, wurden den Buchenberger Kindern gelehrt; viele Bauern waren damit zufrieden, viele auch nicht, doch bliebs noch immer bey dem Murren, weiter kams nicht; der Pfarrer aber und der Grebe Jakob freuten sich im Herzen, und wo sie nur konnten, da suchten sie die Bauern zu überzeugen, daß der Schulmeister die Kinder vortreflich unterrichte, und daß fromme und brave Leute aus ihnen werden müßten, wenn sie so fort führen. Bis daher gieng alles gut, denn wenn auch hier oder da einer unzufrieden war, und raisonnirte, so bliebs doch beym raisonniren, es kam nicht weiter, aber nun entstand eine Geschichte, woran die Buchenberger denken werden, so lang die Welt steht.
Das Dorf Buchenberg liegt im Fürstenthum Auffenburg, im Kirchspiel Erlenbach, [Sp. 2:] wo Gutmann Pfarrer war. Nun regierte zu der Zeit im Fürstenthum Auffenburg ein vortreflicher Fürst, der hieß Ferdinand, er war ein gar frommer Herr, ders sehr gut mit seinen Unterthanen meynte, das glaubten sie aber nicht, denn wenn sie für den Herrn arbeiten, oder etwas bezahlen mußten, so murrten sie, und sie glaubten immer der Herr thät ihnen unrecht. Das verstunden sie aber nicht besser, denn wenn sie dem Herrn nicht arbeiteten und Abgaben entrichteten, so konnte sie ja auch der Herr nicht beschützen, womit sollte er dann die Beamten bezahlen, die Recht und Gerechtigkeit handhaben mußten? Dann wäre ja kein Mensch seines Lebens sicher gewesen.
Indessen giengs denn doch noch gut, und alles blieb ruhig; nun hatte aber der Fürst einen Hofprediger der auch ein sehr würdiger und frommer Mann war. Dieser sahe ein, daß das bisherige Gesangbuch viele Lieder enthielte, die offenbaren Unsinn in sich hatten; auch der Katechismus, den die Kinder in den Schulen brauchten, war nicht gut; das sahen aber die Unterthanen nicht ein, denn die verstehen mehrentheils so etwas nicht, und sie glauben, alles was ihre Eltern und sie gelernt haben, wäre so recht, das ist aber manchmal weit gefehlt. Der Hofprediger schlug also dem Fürsten vor, er möchte doch befehlen, daß ein besser Gesangbuch und ein besserer Katechismus eingeführt würde; dem Fürsten gefiel das, weil er zu größerer Ehre Gottes, und zu mehrerer wahren Gottesfurcht unter seinen Unterthanen dienen würde, er befahl also dem Ober=Consistorium für ein gutes Gesangbuch und einen guten Katechismus zu sorgen. Das geschah nun, das neue Gesangbuch wurde vortreflich, und so auch der Katechismus; der Pfarrer Gutmann hatte vielen Antheil an der Verbesserung, denn er hatte an dem Katechismus machen helfen, und / auch [S. 5, Sp. 1:] auch einige gute Lieder zum Gesangbuch gesammelt.
Das neue Gesangbuch und der neue Katechismus sollten nun gerade zu der Zeit eingeführt werden, als die Buchenberger den Schulmeister Ehrenmann eine Weile gehabt hatten, und sie schon mürrisch darüber waren, daß er ihre Kinder anders unterrichtete, als sie waren unterrichtet worden. Jezt stiegs ihnen in den Kopf, das wollten sie nimmermehr leiden, und da sie hörten, daß das ganze Land darüber murrte, so wurden sie noch kühner; und nun erhob Knoll sein Haupt wieder, er dachte bey sich selbst, jezt ist es Zeit, jezt kannst du dich an dem Pfarrer Gutmann und an dem Jakob tüchtig rächen, er sprach also überall von Verletzung der Religion, er gieng von Haus zu Haus, und sagte: Nein! das dürfen wir nicht leiden, unsre liebe alte Religion geht verlohren, wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen, und was er alles sagte; dem Greben Jakob war das nun ein Greuel, er ließ also die Gemeinde zusammen kommen, und stellte seinen Bauern vor: das alte Gesangbuch hätten ja auch Menschen gemacht, die Bibel sey Gotteswort, so lang man ihnen die Bibel liesse, so lange könnte die Religion nicht Noth leiden, sie sollten sich doch zur Ruhe begeben, denn wenns der Fürst erführe, so würde es ihnen übel gehen; allein das macht die Bauern nur noch böser, und Knoll knipste dem Jakob die Faust vor dem Gesicht, und sagte: Du und dein Pfarrer ihr seyd an allem schuld, ihr fangt immer Neuerungen an, ihr wärt werth, daß man euch an einen Baum aufknüpfte. Da nun Jakob sahe, daß alle seine Nachbarn aufgebracht waren, und daß er leicht Prügel bekommen könnte, so gieng er fort und nach Erlenbach zum Pfarrer Gutmann; dieser erschrack nun heftig über diese Nachricht, r gieng also mit Jakob nach Buchenberg, aber während der [Sp. 2:] Zeit hatten die Bauern getrunken, Knoll hatte sie noch mehr aufgehezt, sie kamen dem Pfarrer und dem Jakob mit Prügeln entgegen, diese mußten also über Hals und Kopf flüchten, und es war noch ein Wunder, daß sie Jakobs Liesgen und ihre Haushaltung in Ruhe liessen.
Gutmann und Jakob überlegten nun was zu thun sey? - Denn Jakob getraute sich nicht nach Haus zu gehen, indessen schlich er doch des Abends im Dunkeln heim, und der er alles ruhig fand, so legte er sich schlafen.
Den folgenden Sonntag sollte nun aus dem neuen Gesangbuch gesungen werden, der Pfarrer Gutmann war auch so vorsichtig, daß er ein altes bekanntes Lied aus dem neuen Gesangbuch singen ließ, doch war eine Unruhe in der Kirche, daß dem guten Pfarrer angst und bange auf der Kanzel wurde, er redete also in der Predigt sehr vernünftig von der Sache, er ermahnte die Unterthanen, ihrer Obrigkeit gehorsam zu seyn, und wie eine schreckliche Sünde es wäre, sich gegen sie aufzulehnen; der gute Pfarrer hatte auch recht: denn man denke nur einmal nach, wenn man sich gegen die Obrigkeit empört, so ist ja alles aus, da kann ja jeder Spitzbube rauben und morden wie er will, und jeder, der einen Menschen hat der ihm böse ist, ist ja seines Lebens nicht sicher, denn der Herr kann ja niemand mehr schützen, weil ihm die Unterthanen nicht mehr gehorchen und er keine Gewalt mehr hat; allein alle Ermahnungen des guten Pfarrers halfen nicht, Knoll hezte immer die Leute noch mehr auf, so daß der Pfarrer nach der Kirche über Hals und Kopf flüchten mußte, der Grebe Jakob machte sich auch aus dem Staub, er und der Pfarrer giengen zusammen, und reisten zum Fürsten, um ihm ihre Noth zu klagen; während der Zeit aber schlugen sie im Pfarrhaus Thüren und Fenster ein, so daß die Frau Pfarrerin beynahe des/ C 3 Todes [S. 6, Sp. 1:] Todes gewesen wäre, dazu verderbten sie vielen Hausrath, und eben so machten sie es auch zu Buchenberg in Jakobs Haus, so daß Liesgen auch mit ihren Kindern entlaufen mußte, sie hätten sie sonst todt geschlagen.
Jezt waren die Buchenberger und Erlenbacher Bauern recht in der Wuth, und Knoll führte sie an, sie zogen nun mit Flinten, Degen und Knüppeln bewafnet auf die nächsten Dörfer, wo sie auch viele Bauern aufhezten, und so gieng das fort bis beynahe das halbe Land wegen dem Gesangbuch und Katechismus in Aufruhr war. Der Fürst vernahm das alles mit größter Betrübniß, er zog also etliche Compagnien Soldaten zusammen, rückte dann selbst mit ihnen ins Feld und den Bauern entgegen.
Ehe er aber Gewalt brauchte, schickte er einen Geheimen Rath, einen alten grauen sehr rechtschaffenen und verständigen Mann an die aufrührerischen Bauern ab, dieser lagen wohl fünfhundert in dem Flecken Stollheim, wo sie frassen und soffen und schrecklich hasselirten, Knoll war aber ihr Oberster; als nun der Geheime Rath nach Stollheim kam, so ließ er die Bauern zusammenkommen, und stellte ihnen vor, wie sehr sie sich an Gott und ihrem guten Fürsten versündigten; sie sollten nun die Waffen weglegen und hübsch zu ihren Weibern und Kindern nach Haus gehen, der Fürst wolle ihnen dann auch das alte Gesangbuch und den alten Katechismus lassen, nur den Knoll müßten sie ausliefern, denn der müßte gestraft werden, weil er sie alle so verführt hätte, wenn sie aber nicht gehorchten, so würde der Fürst Gewalt brauchen, und dann gäb es Blut, sie sollten an ihre Weiber und Kinder denken.
Wie dem Knoll dabey zu Muth war, das läßt sich leicht vorstellen, er rief also gleich: Ihr Nachbarn laßt mich nicht im Stich, ich meyne es gut mit euch, es ist nicht allein um [Sp. 2:] das Gesangbuch und den Katechismus zu thun, wir haben auch sonst noch Beschwerden, die der Fürst abschaffen muß, ehe wir nach Haus gehen, der Fürst giebt euch gute Worte, weil er bang ist, laßt euch doch nicht überreden, das sind faule Fische. Jetzt wurden die Bauern wieder so hitzig, daß der brave Geheime Rath über Hals und Kopf entlaufen mußte; er kam also zum Fürsten und erzehlte ihm mit nassen Augen wie es ihm ergangen wäre; nun seufzte der Fürst tief und sagte: Lieber Gott! so muß ich ja wohl gegen meine eigene Unterthanen streiten, er commandirte also seine Soldaten, und zog mit ihnen vor den Flecken Stollheim; die Stollheimer Bürger hieltens auch zum Theil mit den Bauern, der Magistrat aber und die verständigsten Männer hieltens insgeheim mit dem Fürsten. Als nun der Fürst mit seinen Soldaten vor dem Flecken stand, so schickte er einen Trompeter hinein und ließ ihnen noch einmal Frieden anbieten; hierauf kam der Magistrat mit den gutgesinnten Bürgern auf dem Rathaus zusammen, kaum waren sie aber da, so drang auch Knoll mit vielen Bauern hinein; da war nun freylich nichts zu machen, die Aufrührer besetzten das Rathhaus und hielten alles was darinnen war gefangen; als der Trompeter nun sahe, wie alles zugieng, so machte er sich hinaus und erzehlte dem Fürsten alles treulich.
Nun sahe der Fürst wohl ein, es würde Menschenblut kosten, wenn er die Bauern im Flecken angriffe, und das wollte er doch schonen so viel als möglich wäre, zu dem wären auch Häuser ruinirt worden; er beschloß also die Bauern mit List herauszulocken.
Der Flecken war mit einer Maurer umgeben und hatte zwey Thore, nun ließ er seine Truppen also blind laden, und gegen das eine Thor anrücken, inwendig hatten die Bauern auch die Thore besetzt; bald war das eine / Thor [S. 7 Sp. 1:] Thor aufgesprengt, und nun schossen die Soldaten unter die Bauern, da aber keiner fiel, so kriegten die Bauern Muth und drungen heraus, jezt flohen die Soldaten über Hals und Kopf ins freie Feld, dann zerstreuten sie sich, aber so, daß die eine Hälfte hinter einem Hügel herumlief, die andere Hälfte floh nun langsamer, auf einmal aber commandirte der Fürst, der bisher auch in vollem Trab vor den Soldaten hergeritten hatte, und nun standen die Soldaten da in ihren Gliedern und machten Front gegen die Bauern. Die Bauern stutzten gewaltig, denn sie glaubten, die Soldaten würden am Laufen bleiben, sie hofften sogar den Fürsten gefangen zu bekommen, allein nun sah es anders aus, sie kehrten also um, und gaben sich ans Laufen, allein wie erschracken sie, als sie sahen, daß die andere Hälfte der Soldaten, die hinter dem Hügel hergelaufen waren, auch nun hinter ihnen in geschlossenen Gliedern standen, und ihnen da auch Front machten; jezt wollten sie seitwärts fort, allein die rechten und linken Flügel schlossen einen Bogen und nun waren die Bauern umzingelt; Knoll, der sich hübsch immer in der Mitten hielt, wo er am wenigsten Gefahr hatte, erschrack als wenn der jüngste Tag da gewesen wäre, er sahe gar wohl ein, daß er immer den Hals würde hergeben müssen, wenn sich die Bauern ergäben, er wußte also keinen andern Rath als sich durchzuschlagen; er stellte also den Bauern vor, sie müßten mit Gewalt durch den Kreis brechen, und sich durchschlagen, denn sonst würden sie gefangen genommen und dann schändlich hingerichet. Viele glaubten ihm, viele aber auch nicht; während der Zeit ritte nun der Fürst selbst zu ihnen und versprach ihnen Verzeihung, wenn sie ruhig nach Haus gehen tausend Gulden ans Regiment bezahlen und ihm den Knoll überliefern wollten, so wie der Fürst ausgeredet hatte, warfen alle Bauern [Sp. 2:] das Gewehr von sich, und riefen: Ja! Ja! Verzeihung Ihre Durchlaucht! Ja wir wollen die tausend Gulden gern zahlen, und hier ist der Verführer, der Knoll.
Nun giengen alle Bauern wieder nach Haus, und alles ward ruhig, der Fürst freute sich über nichts mehr, als daß kein Menschenblut wäre vergossen worden; den Knoll aber ließ er an Händen und Füßen gebunden nach Auffenburg führen und ins Gefängniß werfen.
Der Pfarrer Gutman und Jakob giengen nun auch wieder nach Haus, die Bauern kamen ihnen entgegen und holten sie ein, dann liessen sie ihnen auch alles wieder machen, was sie verdorben hatten und ersetzten ihnen allen Schaden. Auch der Fürst erzeigte dem Pfarrer Gutmann viele Gnade, er vermehrte ihm sein jährliches Gehalt mit zweihundert Gulden, und dem braven Greben Jakob schenkte der fromme Fürst fünfhundert Gulden. Die Buchenberger Bauern waren nun wieder ruhig, sie bezahlten gleich ihren Antheil an den tausend Gulden fürs Regiment, und damit sie auch zeigten, daß sie sich wirklich gebessert hätten, so machten sie eine Supplik an den Fürsten und baten ihn, er möchte nun das neue Gesangbuch und den neuen Katechismus einführen, der Fürst bewilligte das auch, und bald darauf wars im ganzen Land eingeführt, und am Ende war alles sehr wohl damit zufrieden.
Aber mit dem Knoll sah es übel aus, da saß er auf einem hohen Thurm an Ketten angeschlossen, in der Mauer war nur ein kleines Fensterchen, wodurch das Licht, und am Tage einmal gegen Abend die Sonne auf ein wenig Stroh schien, das ihm zu seinem Nachtlager diente. Da saß er nun, und womit konnte er sich trösten? Gewiß nicht mit der Gnade Gottes, denn die hatte er durch seine Uebelthaten lange verscherzt; inwendig plag= / te [S. 8, Sp. 1:] te ihn also das böse Gewissen wir ein nagender Wurm, und dann, was hatte er anders zu erwarten als einen sehr schmerzhaften und schmählichen Tod auf dem Gerichtsplatz? Da saß er nun den lieben langen Tag, die Ketten rieben ihm Hände und Füsse wund, und zu geniessen hatte er nichts als Brod und Wasser, auch schickte ihm niemand etwas warmes, denn jedermann hatte einen Abscheu für ihn. Seine Frau und Kinder weinten zu Haus blutige Thränen, und hatten Tag und Nacht keine Ruhe. Endlich dachte der Pfarrer Gutmann, er müßte doch den Knoll einmal in seinem Gefängniß besuchen, denn er hatte nur sechs Stunden zu gehen bis Auffenburg, er machte sich also früh auf den Weg, so daß er den Nachmittag hinkam. Nun gieng er gleich zu dem Knoll ins Gefängniß, so wie ihn Knoll sahe, fieng er an: Ach Herr Pfarrer! da kommen Sie zu mir armen Sünder! ich bins ja nicht werth, daß Sie mich besuchen. Ach! was soll ich nun anfangen? Das will ich Euch sagen, antwortete Gutmann, Ihr könnt nun freylich nichts bessers thun, als Eure viele und schwere Sünden herzlich bereuen, und Euch vorzunehmen wenn Ihr wieder frey würdet, so wollet Ihr, so viel als möglich ist, alles wieder gut machen. Ach! sagte Knoll, sollte ich dann wohl wieder los werden? Schwerlich! versetzte Gutmann, denn Ihr habt Euch gegen unsern guten Fürsten empört. Ihr seyd der Rädelsführer gewesen, und werdet also wohl hingerichet werden. Nun heulte der Knoll laut und sagte: kann ich dann aber auch wohl selig werden? Der Pfarrer antwortete: das steht bey Gott, er vergiebt zwar um Christi Leiden und Sterben willen auch die schwersten Sünden, allein dazu gehört eine sehr ernstliche Reue, und ein himmelfester Vorsatz alles wieder gut zu machen, was man verdorben hat. So sprach der Pfarrer viel mit dem Knoll, so daß er [Sp. 2:] endlich recht zur Erkänntniss seiner Sünden kam und nun wohl einsahe, daß er den schändlichen Tod auf dem Gerichtsplatz wohl verdient hätte. Nun gieng der Pfarrer wieder nach Haus.
Bald darauf erscholl das Gerücht durchs ganze Land, der Fürst habe dem Knoll das Urtheil gesprochen, ihm sollte zuerst an einem Ungetreuen und meyneidigen Unter hauen die rechte Hand abgehauen, und ihm dann der Kopf abgeschlagen werden: alle Menschen erschracken, zitterten und bebten, aber der Fürst hatte ganz recht, denn der Knoll mußte andern zum Beyspiel und zur Warnung so schrecklich gestraft werden. Die Hinrichtung sollte auch zu Erlenbach geschehen, damit es alle seine Nachbarn und die ihn wohl gekannt hatten, mit ansehen und ein Exempel daran nehmen können. Den Sonntag vor der Hinrichtung hielt der Pfarrer Gutmann eine Predigt, worinn er alle seine Zuhörer warnte, nicht mehr gegen den Fürsten zu rebelliren, sondern ihm treu zu seyn, und ihm zu gehorchen, damit sie nicht auch eines so unglücklichen Todes sterben müßten.
Den Donnerstag darauf sollte die Hinrichtung des Knolls geschehen, seine Frau fiel aus einer Ohnmacht in die andere, Jakobs Liesgen war bey ihr und stärkte und labte sie, die Buchenberger Bauern mit ihren Weibern und Kindern giengen aber alle nach Erlenbach um den Knoll hinrichten zu sehen, sie weinten aber alle, und waren sehr traurig.
Nicht weit von Erlenbach ist ein großer grüner Platz, auf demselben war ein Gerüst aufgeschlagen, auf dem Gerüst stand ein Stuhl und ein Block, auf dem Block sollte die Hand abgehauen werden, und auf dem Stuhl sollte er sitzen, wenn ihm der Kopf abgeschlagen würde; viele tausend Menschen standen nun auf dem Platz um das Gerüst her, und warteten mit Schrecken, wenn man den Knoll brin= / gen [S. 9, Sp. 1:] gen würde, endlich kam er, er saß in einem schwarzen Kittel auf einem Schlitten, ein Pferd zog ihn, auf welchem ein Henkersknecht saß, der es führte, hinter dem Schlitten her gieng der Scharfrichter in einem rauhen Rock, in der einen Hand hatte er ein scharfes Beil, und in der andern das Richtschwerdt, dann ritte der Amtmann mit einigen Gerichtspersonen hinten nach; Knoll sahe wie ein Todter aus, er konnte auch kein Wort reden und niemand ansehen, ihm war erschrecklich zu Muthe,
Als er nun an das Gerüst kam, so hob man ihn vom Schlitten, und trug ihn die Treppe hinauf, auf das Gerüst; nun wollte er noch etwas zu seinen Nachbarn sagen, aber er konnte nichts als stammeln, so sehr war er erschrocken; nun musste er an den Block knien, und die Hand darauf legen; plötzlich kam ein fremder Herr heran gesprengt, der rief Gnade! Gnade! für den armen Sünder! der Scharfrichter hob nun den Knoll auf, er war erstarrt, er lächelte wie ein Sterbender, auf einmal fieng er an zu weinen, die [Sp. 2:] Freudenthränen flossen ihm die Wangen herunter.
Nun stieg der fremde Herr aufs Gerüste und rief: Stille! - als nun alles stille war, so sagte er: Ihre Hochfürstliche Durchlaucht, mein gnädigster Herr, schenken dem Knoll das Leben, darum weil durch den ganzen Aufruhr doch kein Menschenblut vergossen und niemand umgekommen ist. Knoll soll also frey und losgelassen werden, er hätte auch wohl verdient, lebenslang im Gefängniß zu sitzen, aber auch das wird ihm geschenkt, nur soll er innerhalb drey Wochen aus dem Land ziehen, und nie wieder in seine Heimath kommen.
Nun gieng jedermann wieder nach Haus, Knoll verkaufte nun sein Haus und Guth zu Buchenberg an die Gemeinde, die es zur Schule stiftete, und dann zog Knoll nach America, ob er da noch lebt, das weiß ich nicht.
Seht, meine lieben Bauersleute! so endigte sich dieser gottlose Aufruhr, nun waren die Buchenberger Bauern ruhig, und immer glücklicher. Wie es nun weiter gieng, das sollt ihr künftig Jahr erfahren. Lebt wohl!
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1793. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-10: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 10-12: "Fortsetzung über Lebensgenuß. / (Siehe den vorjährigen Kalender.)" -Abgedruckt wird nun der 2. Brief.
 
[S. 3, Sp. 1-2:] Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[Sp. 1] Ich habe Euch im vorigen Jahr erzehlt, meine lieben Bauersleute! was es mit dem Knoll zu Buchberg für ein trauriges Ende genommen, und wie er nach Amerika gezogen, so daß man weiter nichts von ihm gesehen und gehört hat. Der war nun, Gott lob! fort, denn er hatte bisher viel Böses [Sp. 2] angestiftet, auch waren nun die Buchenberger alle ruhig und mit ihrem guten Fürsten zufrieden; so will es aber auch unser Herr Gott haben, der Obrigkeit, die er uns gegeben hat, der sollen wir gehorchen, und ihm für unsern Fürsten danken, denn wenn wir ihn nicht hätten, so wären wir alle unseres / C 2 Lebens [S. 4, Sp. 1:] Lebens nicht sicher; Raub, Mord und Todschlag würden aller Orten überhand nehmen, und wir würden sehr unglücklich seyn.
Nun will ich weiter erzehlen, wie es zu Buchenberg hergieng: Die guten Leute kamen nun nach und nach alle in den Wohlstand; durch den Kleebau und die Stallfütterung bekamen sie nun schöner und besser Vieh, weit mehr Mist zum Düngen als vorher, sie konnten also auch mehr erziehen, säen und pflanzen. Durch das bessere Düngen bekamen sie nun auch fruchtbarere Felder, auf denen alles wuchs, was man nur verlangte, so daß sie nun auch mehr Frucht, Obst, Getraide, Gemüße, Milch, Butter und Käse zu verkaufen hatten; dadurch wurden sie nun allmählig nach einander reich und wohlhabend.
Wie es aber gemeiniglich geht, wenn man reich wird, so giengs auch den Buchenbergern: Die Männer fuhren auf die Märkte umher, und verkauften da ihr vieles schönes Korn, Waizen, und dergleichen, was sie erzogen hatten; dann bekamen sie schöne Säcke voll Geld, die machten sie muthig und froh, sie giengen dann ins Wirthshaus und betrunken sich im Wein oder Brantewein, dann gabs Händel, sie kriegten sich an den Köpfen, so daß mit der Zeit der Amtmann genug zu thun hatte, um ihre Zänkereyen und Streitigkeiten zu richten und zu schlichten. Durch das alles wurde nun das Geld verschwendet, viele Zeit verfaullenzt, viele Arbeit blieb also liegen, und der Unfriede zwischen den Familien wurde immer größer. Während der Zeit fiengen dann auch die Weiber an, es eben so zu machen: wenn sie ihr Gemüße, Milch, Butter, Käse und dergleichen verkauft hatten, so nahmen sie sich für das Geld Caffee und Zucker mit, dann setzten sie sich beysammen, trunken ihren Caffee, versäumten also ihre Zeit und ihre Hausgeschäfte, und schwazten dann auch so viel Böses von ihren Nachbarn, daß dadurch [Sp. 2:] ebenfalls lauter Zank und Streit entstand, und das Geld wurde auch verthan. Beb [sic; bei] diesen Umständen würde es also mit dem Wohlstand der Buchenberger Bauern nicht lange gewährt haben, wenn sichs nicht geändert hätte; wie das nun zugieng, das will ich euch erzehlen.
Der Grebe Jakob war zwar kein Säufer, und seine Frau auch keine Kaffeeschwester, allein er fieng denn doch an zuweilen ein Gläsgen zu trinken, und Liesgen kochte doch wenigstens den Sonntag einmal den Kaffee. Der Pfarrer Gutmann, der das alles wohl merkte, und wohl einsahe, daß es mit der Zeit kein gut thun würde, fieng nun an nachzudenken, wie man dem Uebel am besten steuren könnte; wenn er so zuweilen nach Buchenberg kam, so ermahnte er die Bauern und ihre Weiber recht herzlich, den Wein und den Kaffee abzuschaffen; er rechnete ihnen auch den großen Schaden vor, den sie von diesem Getränke hätten, allein das liessen sie zu einem Ohr hinein, und zum andern wieder hinausgehen, es half nichts, und selbst der Grebe Jakob und sein Liesgen schwiegen still dazu, und thaten dann doch was sie wollten. Das einzige, was noch am mehresten half, war: daß der Schulmeister Ehrenmann die Kinder in den Schulen von dem Schaden des Wein= und Kaffeetrinkens unterrichtete, und ihnen einen Abscheu dagegen beybrachte, so, daß man hoffen konnte, wenn sie einmal groß würden, so würde diese böse Gewohnheit ganz abkommen. Doch was geschah? Eine äusserst traurige Geschichte, die ich Euch nun erzehlen will, machten dem Wein= und Kaffeetrinken auf einmal ein Ende.
Es war einmal im Herbst ungefehr in der Mitte des Octobers, ein gar schöner Tag, so als wenn es noch einmal wieder Sommer werden wollte; an diesem Tage fuhren viele Buchenberger Bauern nach Stollheim, um / dort [S. 5, Sp. 1:] dort Frucht zu verkaufen, denn eben an diesem Tage war zu Stollheim Fruchtmarkt. Nun waren ein paar alte Eheleute in Buchenberg, der Mann hieß Walther und seiner Frau Barbe, sie waren gar brave stille und fromme Leute, und hatten sich ein hübsches Vermögen mit Gott und mit Ehren zusammengespart. Beyde hatten auch drey Kinder miteinander gezeugt; das älteste war ein Sohn, der hieß Conrad, ein hübscher stiller junger Mann von 28 Jahren; das zweyte wieder ein Sohn von 24 Jahren, Namens Christoph, auch dieser war ein recht ordentlicher fleißiger Mensch, und das dritte war ein Mädchen von 20 Jahren, sie hieß Gretchen, ein recht hübsches stilles und fleißiges Mädchen, so daß jedermann seine Freude an den Kindern hatte; alle drey waren noch unverheurathet. Nun sagte Vater Walther den Abend vorher zu seinen Söhnen Conrad und Christoph: Morgen müßt ihr beyde nach Stollheim auf den Markt fahren und Korn verkaufen, denn wir brauchen Geld, wir müssen noch Contribution bezahlen, und dann möchte ich auch gern jezt dem Michels Andrees den Garten vollends bezahlen, denn ich mag keine Schulden haben. Gut! sagten die beyden Söhne; dann legten sie sich zu Bette. Des andern Morgens stunden sie früh auf, schirrten das Pferd an, thaten das Korn in Säcke, und luden es auf die Karre; Gretchen aber machte ihnen während der Zeit eine warme Suppe, diese assen nun die drey miteinander, und nun fuhren die beyden Brüder fort, sie waren die ersten, die aus Buchenberg wegfuhren, die andern waren alle noch nicht fertig; als nun Conrad und Christoph so durch das Thal neben dem Pferd und der Karre hingiengen, und die Sonne so schön und helle oben an die Berge schien, fieng endlich der Christoph an: höre Conrad! ich weiß nicht, wie mir ist, es ist mir so bang, [Sp. 2:] gerade als wenn mir etwas bevorstünde! - Mir auch! - antwortete Conrad, wie mag das seyn, es ist mir gar zu angst? -so redeten sie zusammen, endlich kamen sie auf andere Gespräche, und unter diesem Reden gelangten sie nach Stollheim, hier fuhren sie auf den Markt, thaten dann das Pferd in den Stall, und fiengen nun an ihr Korn zu verkaufen. Indessen kamen nun auch die andern Buchenberger, nebst noch vielen Bauern aus der umliegenden Gegend; da nun der Markt recht gut abgelaufen war, so war alles froh, muthig und guter Dinge.
Nun war ein Wirthshaus in Stollheim, zum schwarzen Bock genannt, hier hielten sich gewöhnlich die Buchenberger auf, wenn sie dahin kamen, jezt waren ihrer auch wieder viel da, und unter andern auch die beyden Brüder Conrad und Christoph. Diese beyden saßen allein an einem Tischgen in der Eck, und trunken ein Glas Bier und assen etwas dazu, das sie von Haus mitgebracht hatten; einige unter den Bauern bekamen nun indessen etwas in die Köpfe, sie wurden muthig, und fiengen an, die beyden Brüder, den Conrad und den Christoph zu vexieren, daß sie keinen Wein tränken. Conrad vertrug das lange, endlich sagte er: es wäre besser wenn sie auch keinen Wein trünken, und so brachte ein Wort das andere, bis sie endlich mit Worten hintereinander kamen. Indeß giengen die beyden Brüder einmal hinaus, um nach dem Pferd zu sehen, und sich zum Nachhausfahren fertig zu machen, während der Zeit schüttete ihnen einer einen halben Schoppen Brantewein in ihren Bierkrug, und sagte: die waren ihr Lebtag noch nicht trunken, ich möchte doch sehen, was sie anfiengen, wenn sie besoffen wären. Bald kam Conrad zuerst wieder, er schenkte sich ein Glas Bier aus und trunk, ob er nun etwas gemerkt hat, das weiß man nicht, gnug er trunk, nun kam / C 3 auch [S. 6, Sp. 1:]auch sein Bruder Christoph, der trunk auch, und weil sie geschwind fort wollten, so trunken sie auch schnell, um den Krug leer zu trinken; das dauerte nun keine halbe Viertelstunde, so waren sie so berauscht, daß sie kaum stehen konnten, ärgerlich waren sie schon vorher, nun dauerte das Vexiren fort, Conrad und Christoph wurden endlich wütend, es kam zu Schlägen, etliche Bauern hielten zu ihnen, und etlich waren gegen sie, und ehe Leute zu Hülfe kommen konnten, bekam der arme Conrad einen Schlag auf den Kopf, daß er auf der Stelle todt zur Erden stürtzte, Christoph bekam ebenfalls so viel Schläge, daß er sich auf dem Boden in seinem Blut wälzte, und für todt da lag, noch zween andere lagen ebenfalls in Ohnmacht. Jezt kamen Leute herzu und brachten die besoffenen und wütenden Bauern auseinander. Nun ward alles ruhig, und jezt sahe man erst, daß Conrad todt war, das machte nun freylich die Bauern nüchtern, allein es war zu spät, die Wache kam herzu, und sie wurden alle gefangen genommen.
Indessen saßen die beyden armen alten Eltern, der Walther und seine Frau, des Abends beysammen, und wartete mit Schmerzen auf ihre Söhne, sie konnten nicht begreifen warum sie so lang ausblieben; Gretchen mußte alle Augenblicke hinaus oben auf das Feld laufen, und horchen, ob nicht das Thal herab etwas gefahren käme, und ob sie das Knallen der Peitsche nicht hörte, allein sie sahe in die dunkle Nacht hin, sahe und hörte nichts; dann kam sie zu ihren Eltern gelaufen, rung die Hände und sagte: Ach Gott! ich kann noch nichts sehen und hören. Als sie nun so da in der Angst beysammen saßen, kam endlich um neun Uhr ein Bote gelaufen, der erzehlte nun was vorgegangen war, daß nämlich ihr Sohn Conrad todtgeschlagen wär, und daß ihr Christoph und noch zween andere Bauern für todt [Sp. 2:] da lägen, und daß alle Bauern gefangen säßen. Walther rief laut, er wankte hinaus in die Nacht, er lief im Hof umher und jammerte zu Gott, die alte Barbe war ohnmächtig für Schrecken, und Gretchen lief durchs ganze Dorf und rief Jammer und Mordio; nun lief alles in Walthers Haus zusammen, das ganze Dorf war voller Wehklagen, Zorn und Eifer über das verfluchte Weinsaufen, erfüllte jedes Herz, denn sie hörten von dem Boten, daß es blos daher gekommen wäre, und so brachte man die ganze Nacht mit lauter Weinen und Klagen zu. Dazu kam nun noch der entsetzliche Zufall, daß die alte Barbe ihren Verstand verlohr, und man sie ein halb Jahr bewachen mußte, damit sie sich keinen Schaden thät, bis sie endlich starb, der alte Walther grämte sich auch so, daß er ein Jahr hernach starb; Christoph war so am Kopf zerschlagen, daß man ihm den Kopf dreymal aufbohren mußte, und doch starb er acht Tage nach der Schlägerey, so daß Gretchen also allein übrig blieb.
Indessen machte die Obrigkeit die Sache aus; der, welcher den Brantwein ins Bier gegossen hatte, kam auf ein halb Jahr ins Zuchthaus, zween andere, die eigentlich das Schlagen gethan hatten, kamen auf vier Jahre ins Zuchthaus, wo sie zuzeiten tüchtig mit Ruthen gepeitscht wurden; andere kamen auf einige Wochen ins Gefängniß, und andere die weniger schuldig waren, mußten Geldstrafen entlegen.
Diese schreckliche Geschichte machte auf die Buchenberger einen tiefen Eindruck, und jezt glaubte der Pfarrer Gutmann etwas rechts ausrichten zu können; er gieng daher vierzehn Tage nach der Schlägerey nach Buchenberg, hier ließ er nun die ganze Gemeinde, Männer, Weiber und Kinder, in die Schule kommen, und dann hielt er folgende Rede an sie: / "Liebe [S. 7, Sp. 1; jede Zeile beginnt mit Anführungszeichen:]
"Liebe Zuhörer! mit traurigem und höchstbeklemmten Herzen bin ich hergekommen, Euch in dem schrecklichen Gericht, das der gerechte und erhabene Gott, über Euch verhängt hat, ein paar Worte ans Herz zu reden; Ihr habt Euch durch Eure Sünden, durch Euer Weinsaufen die gerechte Rache des großen Richters aller Welt gegen Euch gereizt, ich hab Euch gewarnt, aber Ihr wolltet Euch nicht warnen lassen; jezt müßt ihr nun die schwere Hand des Allmächtigen fühlen; wo waren wohl edlere und bravere Jünglinge, als Conrad und Christoph waren? - Ihr alle hattet sie lieb, sie thaten niemals jemand etwas zu leyde, sie waren fromm und treu in der Erfüllung ihrer Pflichten, und nun liegen sie beyde da im kühlen Grabe; - erschlagen - todtgeschlagen sind sie; sie sind nicht sanft in den Armen ihrer Eltern und Schwester gestorben, nein! ein wütiger Satan, ein böser Geist der Völlerey und des Weinsaufens hat sie erwürgt.; Gott hats ihm zugelassen, er will sehn, ob Ihr Buchenberger Euch nun bekehren wollt. O laßt Euch nun warnen, damit Gott die Hand nicht ganz von Euch abzieht, und Euch verläßt; laßt Euch warnen und folgt mir, damit er Euch wieder gnädig werde, und Euch wieder segnen möge! Jezt ist es noch Zeit umzukehren, jezt macht einen Bund miteinander, einen festen Contract, daß derjenige, der sich hinführo unter Euch trunken trinkt, zehn Thaler an die Armen bezahlen soll."
Der Pfarrer Gutmann redete noch mehr zu den Bauern, aber ich habs nicht alle behalten, dadurch wurden sie so bewegt, daß sie alle weinten. Der Grebe Jakob trat nun darauf hervor, und sagte: Ihr Nachbarn! der Herr Pfarrer hat ganz recht [,] hätten wir ihm gefolgt, so wär das große Unglück nicht geschehen, ich bin damit zufrieden, [Sp. 2:] wer sich voll säuft, der soll hinführo zehn Thaler an die Armen in unserer Gemeinde geben; wer damit zufrieden ist, der sags! -Jezt fiengen die Weiber alle zugleich an zu schreyen; Ja ihr Männer thuts! thuts! - Pist! rief der Grebe: wenn ihr versprecht, daß ihr dann auch keinen Kaffee trinken wollt! -da wurden sie alle mausestill; endlich fieng eine dahinten an: ja beym Kaffee schlägt man sich aber nicht todt! -Ist einerley! antwortete der Grebe: ihr schlagt euch doch mit der Zunge untereinander todt, versäumt die Zeit und verschlampampt das Geld; ihr müßt eben so gut mit dran als wir Männer.
Nun ward wieder alles still; jezt kam einer nach dem andern, und jeder versprach, sich nie, weder im Wein noch im Brantewein noch im Bier vollzusaufen; Halt! sagte der Pfarrer: das müssen wir schriftlich machen, er schrieb also einen Aufsatz, der das Versprechen enthielte, daß jeder, der sich volltränke, zehn Thaler an die Buchenberger Armen geben sollte. Diesen Contract unterschrieben sie nun alle nacheinander, und der Grebe mußte versprechen, darauf auch zu geben, daß das Versprechen hübsch gehalten würde.
Nun mußten auch die Weiber mit ihrem Kaffee dran, sie mochten nun wollen oder nicht, sie mußten ebenfalls einen Contract unterschreiben, daß sie bey Strafe von zehn Thalern an die Armen, keinen Kaffee mehr trinken wollten; doch wurde beschlossen, wenn ein ordentlicher Arzt irgend einer Frauen wegen Krankheit oder Schwächlichkeit den Kaffe erlaubte, so durften sie ihn trinken. Die Buchenberger Männer und Weiber hielten auch den Vertrag so treulich, daß die Armen sehr selten zehn Thaler bekamen, und der Grebe Jakob gab auch sehr scharf auf alles acht. Jezt giengs nun gut, im ganzen Dorf entstand überall Wohlstand und Ruhe, so daß Gott und Menschen Wohlgefallen daran hatten. / Nicht [S. 8, Sp. 1:]
Nicht lange hernach trug sich wieder in Buchenberg etwas zu, daß ich Euch doch auch erzehlen muß, weil ihr viel daraus zu Eurem Unterricht lernen könnt.
Ihr wißt, daß der Grebe Knoll sein Haus und seine Güter verkaufte, und dann nach Amerika zog; dieses Haus war zur Schule gemacht worden, der Schulmeister Ehrenmann wohnte darinnen, und die Güther waren verpachtet, der Schulmeister bekam den Pacht zum Gehalt, den Garten aber bestellt er selbst, damit er mit seiner Frau und Kindern Gemüße zu essen hätte, und nicht alles zu kaufen brauchte. Eine Zeitlang gieng alles gut; endlich aber einmal an einem Abend als sich der Schulmeister eben zu Bett gelegt und das Licht ausgeblasen hatte, hörte er sehr tief seufzen, dieses Seufzen geschahe oft nach einander, dann hörte er eine Stimme, die sagte sehr leise: Gott sey mir armen Sünder gnädig! - Nun war zwar der Schulmeister Ehrenmann gar nicht abergläubisch, aber es war Nacht, überall finster und stille, es gieng ihm daher ein kalter Schauer über die Haut, und seine Frau kroch unter die Decke. Das Seufzen dauerte als noch fort. Endlich faßte der Schulmeister Muth; er stand auf, machte das Licht wieder an, und gieng nun hinaus um zu sehen was da wäre, aber nun sahe und hörte er nichts mehr. Ein paar Abende wars still, aber den vierten Abend eben zu der Zeit als der Schulmeister wieder ins Bett gegangen war, kams wieder und seufzte noch stärker als vorher, sagte auch wieder, mehr als einmal, Gott sey mir armen Sünder gnädig! Ehrenmann stand wieder auf, zündete wieder ein Licht an, suchte, und fand abermal nichts. Den folgenden Abend kams wieder, seufzte, sprach obige Worte, und pochte leise an die Stubenthür; jezt stand der Schulmeister wieder auf, aber er sahe und hörte nichts. Nun wollte [Sp. 2:] seine Frau nichts mehr im Haus bleiben, der Schulmeister erzehlte also dem Greben Jakob was geschehen wäre; der rieth nun, man sollte den Herrn Pfarrer fragen, denn der hätte ihnen noch immer guten Rath gegeben, und aus vielen Verdrießlichkeiten geholfen. Das gefiel dem Schulmeister, er gieng also auf der Stelle nach Erlenbach und erzehlte dem Herrn Pfarrer Gutmann die ganze Sache; da steckt was ganz anderes hinter, sagte der Pfarrer, als er alles gehört hatte; gebt einmal Acht, ihr werdets erfahren, aber wir müssen entdecken was das Ding ist, ich will diesen Abend zu Euch kommen, und die Nacht im Haus wachen.
Am Abend im Dunkeln kam also der Pfarrer nach Buchenberg, er gieng zum Schulmeister und blieb in der Stube sitzen. Endlich um zehn Uhr hörten sie wieder das Seufzen und Pochen an der Thür, es war aber jezt noch viel schlimmer als sonst jemals; nun machte der Pfarrer die Thür auf, und er sahe gegen über an der Wand im Dunkeln einen ordentlichen Menschenkopf, der war so hell, als wenn der Mond durch ein Fenster ins Dunkle scheint; der Schulmeister welcher hinter ihm stand, erschrack, daß er laut schrie, allein Gutmann lachte, und gieng auf den Kopf zu, so wie das nun geschah, so verschwand der Kopf und war nicht mehr zu sehen. Die Nacht über war's nun ganz ruhig, und man hörte und sah nichts ausserordentliches.
Einige Tage war alles still, so daß der Pfarrer, welcher ein paar Abende nacheinander gekommen war, nunmehr ausblieb; allein auf einmal wurde es schlimmer, als es noch je gewesen war; denn das Pochen und Seufzen wurde noch schlimmer als es je gewesen war, und in der Stube sahe man öfters ein feuriges Kreuz, welches an der Wand hinzog, bald erschien ein glüender Kopf an / der [S. 9, Sp. 1:] der Wand, bald eine Schlange, bald sonst etwas fürchterliches, so daß nun der gute Schulmeister selbst vest glaubte, es seyen böse Geister in seinem Hause. Im ganzen Dorf aber hieß es: der Knoll seye in Amerika gestorben, und käme nun wieder nach seinem Tode; kurz! es gab ein Landgeschwätze, so daß öfters Fremde dahin kamen, die das Spektakel sehen wollten, allein wenn irgend ein Fremder, oder auch der Pfarrer im Haus war, und wachte, so war nichts zu hören und zu sehen.
Da nun das Ding so arg wurde, so fieng der Schulmeister an sich zu beklagen, er könnte nicht mehr im Hause bleiben, man möchte ihm also ein ander Haus miethen, oder er müßte wegziehen; besonders fieng seine Frau an zu kränkeln, und von den vielen Schrecken schwach zu werden, so daß also die Gemeinde zu Buchenberg in die größte Verlegenheit kam. Dem Pfarrer Gutmann ärgerte das Ding, denn er wußte gewiß, daß Betrügerey dahinter stach, er beschloß also die Sache zu entdecken, es möchte auch kosten was es wolle, und siehe da! es gelung ihm nach Wunsch: er ließ nämlich den Grebe Jakob und noch zween verständige Männer zu sich kommen, und sagte zu ihnen: Hört, Freunde! ich bin überzeugt, daß in dem Buchenberger Schulhaus Betrügereyen mit den Gespenstern vorgehen, es steckt jemand dahinter, der das Haus gern wohlfeil haben will, deswegen sucht ers dem Schulmeister leyd zu machen, denn wenn niemand mehr darinnen wohnen will, so wird es wohlfeil verkauft. Wir müssen also einmal ein paar Nächte daran wagen, und um das Schulhaus herumschleichen, ohne daß es jemand erfährt, was gilts, wir kommen dahinter. Gesagt, gethan! Der Pfarrer und die drey Männer schwiegen also ganz still, und verabredeten sich, daß sie den Abend um zehn Uhr herbeyschleichen und etwa einen [Sp. 2:] Steinwurf weit vom Buchenberger Schulhaus das Haus umstellen wollten, und wenn einer oder der andere etwas entdeckte, so sollte er nur pfeifen.
Das alles geschah; den Abend um zehn Uhr schlichen sie alle vier in der Stille in den Hof am Schulhaus und stellten sich von einander entfernt an die Hecke; kaum hatten sie eine Viertelstunde da gestanden, so sahen sie einen Kerl hinter der Scheune her auf das Haus zuschleichen; die Männer pfiffen aber nicht, damit der Kerl nichts merken konnte. Nun sahen sie wie der Kerl Feuer schlug, und in einem Kästchen ein Licht anzündete, dann gieng er mit dem Kästchen, das nun hell leuchtete, an das Schulhaus, und zwar an das Küchenfenster, welches zunächst an der Stubenthür war, die es machte er nun ein wenig auf, seufzte dahinein, und machte alle die Stimmen, die man allemal im Haus gehört hatte; dann gieng er zurück, trat hinter einen dicken Apfelbaum und ließ dann das Licht aus seinem Kästchen bald auf das Stubenfenster und bald auf das Küchenfenster strahlen.
Jezt wars nun Zeit, auf einmal liefen die vier Männer herzu, und griffen den Kerl, als er eben wieder ans Küchenfenster gehen und seufzen wollte. Jezt kam es nun dazu, daß der Spitzbube in vollem Ernst seufzen konnte, er wollte entlaufen, aber er konnte nicht, denn man hielte ihn vest. Der Pfarrer gieng indessen ans Fenster und rief: Freund Ehrenmann, macht auf! wir haben das Gespenst gefangen. Der Schulmeister war von Herzen frohn, als er das Pfarrers Stimme hörte, er zündete also ein Licht an, und machte nun die Thür auf, die Frau stunde auch auf, und freute sich, daß sie nun Gesellschaft bekam, denn sie hatte sich wieder sehr geängstigt.
Nun brachten sie den Kerl in die Stube, es war ein Savoyer, von denen, die so auf den Märkten und Messen herumziehen, und / C 4 das [S. 1,Sp. 1:] das Schattenspiel an der Wand zeigen. Freylich war dem Schurken nicht wohl zu Muth, und er hätte auch tüchtige Wixe gekriegt, wenn es der Pfarrer Gutmann nicht gehindert hätte; denn er sagte: wir dürfen den Menschen nicht selbst strafen, das müssen wir der Obrigkeit überlassen. Aber sie fragten ihn doch alles aus, und der Kerl gestund auch gleich, daß der Peter Fuchs zu Buchenberg ihm drey Karolin versprochen hätte, wenn er in der Schulen Gespenster machte, und den Schulmeister herausjagte; er hätte also auf den Dörfern in der Nachbarschaft herum sein Schattenspiel gezeigt, und dabey gebettelt, des Abends hätte er sich dann herüber geschlichen, und in der Schule die Gespenster gemacht. Dann mußte er ihnen alles zeigen, wie ers gemacht hatte, und nun sahen sie alle, daß die Spuckerey gar nichts böses gewesen war.
Damit nun alles geheim bliebe und der Peter Fuchs nichts erfahren könnte, so brachten die Männer den Savoyarden alsofort in der Nacht noch zum Amtmann, er verhörte ihn nun gleich, und schickte dann den Büttel mit ein paar handvesten Kerl nach Buchenberg, um den Peter Fuchs auch abzuholen, der wollte nun zwar nicht gleich gestehen,, aber er mußte wohl, da kams dann heraus, daß er einmal da in einem Dorf im Wirtshaus ge= [Sp. 2:] sessen, und ein Glas Brantewein getrunken hätte, der Savoyarde wäre auch mit seinem Kästchen da gewesen, nun hätte er so mit ein paar Bauern von des Knolls Güthern geredet, daß er sie wohl gerne gekauft hätte, sie wären aber von der Gemeinde zur Schule gekauft worden. Das alles hätte der Schattenspielsmann nun mit angehört, als er nun nach Haus gegangen wäre, so hätte ihn der Savoyarde begleitet, und hätte ihm versprochen Gespenster in der Schule zu machen, damit niemand mehr darin wohnen wollte, und also alles wohlfeil verkauft würde; dann hätte ers dann kaufen wollen: und wenn die Gemeinde das Guth nicht mit dem Haus hätte verkaufen wollen, so hätten die Gespenster in Buchenberg so lang fortgewüthet, bis das auch geschehen wäre. Der Amtmann erstaunte über alle die Bosheit, und sezte den Peter Fuchs drey Wochen bey Wasser und Brod in den Thurm, und en Savoyarden ließ er tüchtig auspeitschen und dann des Landes verweisen.
Seht, Ihr lieben Bauersleut! so giengs in Buchenberg; künftiges Jahr erzehl ich Euch nun wieder nützliche und artige Sachen, besonders wie es die Buchenberger machten, daß sie immer reicher wurden.
  
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1794. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 4-11: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 11-12: "Fortsetzung über Lebensgenuß."
S. 6: "ich bin der Hofrath Jung in Marburg". Ebd. S. 9 wird auch das "Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute" von Rudolf Zacharias Becker (1731-1822) empfohlen; es erschien erstmals 1778.
 
 
[S. 4, Sp. 1:] Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
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Nun muß ich wieder fortfahren und Euch erzehlen, wie es die Buchenberger Gemeinde anfieng, daß die Bauern immer reicher wurden; es ist so ein kurioses Ding um das Reichwerden, wenn mans nur recht anfängt, so kans einem nicht wohl fehlen, wenn man nur jedermann recht thut, und nicht durch Betrug Geld und Güter erwerben will. Fleiß, Arbeit, Sparsamkeit, und das tägliche Gebät zum lieben Gott, das sind so die rechten Mittel, wer die gut anwendet, den segnet unser Herr Gott gewiß; freylich bleibt auch Kreuz und Trübsal nicht aus, allein wir Menschen sind hier in der Welt noch alle Kinder, die gezogen werden müssen, da bleibt nun die Ruthe nicht aus, und diese Ruthe ist das liebe Kreuz, das uns unser himmlischer Vater zuschickt, wenns uns nützlich ist.
 
Die Buchenberger Bauern erzogen nun wohl die Hülle und Fülle an Feldfrüchten, Gemüße und allerhand Gewächsen; allein sie konnten nun den Ueberfluß nicht alle verkaufen und zu Geld machen, und sie konnten doch auch nicht alles selber essen und verbrauchen; das kam nun alles daher: ein jeder baute Klee und Esparcette und hatte seine Wiesen in sehr gutem Stand, daher bekam also auch jeder viel Futter, dieses machte, daß auch jeder viel Viehhalten und das ganze Jahr auf dem Stall füttern konnte, dadurch bekam nun auch jeder Ueberfluß an Milch, Butter und Käse, besonders aber viel Dünger, der viele Dünger brachte nothwendig viele Fruchtbarkeit in die Felder, so daß nun eine Menge Frucht und allerhand Gewächs auf denselben gezogen werden konnte, mehr als die Bauern selber brauchten, und mehr als sie verkaufen und zu Geld machen konn= [Sp. 2:] ten. Der gute Grebe Jakob dachte nun oft so darüber bey sich selbst nach, was man wohl am nützlichsten erzöge, und wofür man am leichtesten und am mehresten Geld bekommen könnte? allein er konnte nichts finden; endlich fiel ihm ein, der Pfarrer Gutmann hätte doch noch immer Rath gewußt, den wollte er doch einmal fragen, was der wohl dazu sagen möchte; er gieng also einmal zum Pfarrer und erzehlte ihm die Sache; unter andern sprach der brave Jakob zum Pfarrer Gutmann: Seht, Herr Pfarrer! da haben wir Buchenberger nun wohl an allem Ueberfluß genug, allein wir können den Ueberfluß nicht recht zu Geld machen, wir verkaufen wohl unser Korn und Haber, allein die Früchte sind so wohlfeil, daß es der Mühe nicht werth ist, es fehlt also in unserer Gemeinde an baarem Gelde, und da wissen wir nicht, wo wirs herbekommen sollen? Gut! antwortete der Pfarrer, ich will euch einmal wieder einen Rath geben, der soll vortrefflich seyn: Ihr wißt solch, wie gut der Rübsamen, woraus man Oehl schlägt, bey euch geräth: da muß nun die Buchenberger Gemeinde gemeinschaftlich eine Oehlmühle bauen, dann will ich euch lehren, wie man vortrefliches Oehl, von allerhand Art, aus dem Rübsaamen, aus Bucheckern oder Bucheln, und aus allerhand Kernen machen kann; ein Oehl, das eben so gut zum Salat und zu Kochfett ist, als das beste Baumöhl. Bey der Oehlmühle müßt ihr dann einen recht guten großen gewölbten Keller haben, mit Lagerfässern, worinnen ihr das frische Oehl aufbewahret, dann wird es hernach, wenn es ordentlich aufgefüllt und abgezapft wird, immer besser, dann handelt ihr hernach mit dem alten Oehl, das ein= zwey und mehrere Jahre alt ist, und / bekommt [S. 5, Sp. 1:] bekommt dann noch einmal so viel dafür, als wenn es noch frisch ist.
Der Grebe Jakob schüttelte den Kopf und sagte: das ist etwas weitläuftig, ja wenns nur recht angienge! Das geht gewiß an, antwortete der Pfarrer, denn in Holland wird's so mit dem Oehl gemacht, und das Holländische Oehl ist ja durch die ganze Welt berühmt. Nu! Nu! fuhr der Grebe fort, wenn es nur die Buchenberger auch thun, ich wills ihnen doch einmal vorschlagen. Das thut, sagte der Pfarrer, und damit es eine bessere Art hat, so will ich lieber mit Euch gehen. Das gefiel nun dem Jakob wohl; der Pfarrer gieng also mit nach Buchenberg, wo Jakob die Gemeinde zusammenberief, und wo ihnen nun der Pfarrer den Vorschlag mit der Oehlmühle ganz ausführlich erklärte.
Die Bauern glaubten nun freylich ihrem guten Pfarrer alles, sie glaubten also auch jetzt, daß der Vorschlag mit der Oehlmühle recht nützlich seyn und ihnen mit der Zeit vieles Geld eintragen könnte; allein die erste Auslage mit dem Mühlenbau war ihnen zu stark. Endlich, nachdem sich der Pfarrer lange hin und her besonnen hatte, so fiel ihm ein Mittel ein. Hört, ihr guten Leute! sagte er: wollt ihr wohl bey unserer Kirche so viel Geld lehnen als die Oehlmühle und die ganze Auslage kostet? Ich stehe euch dafür, daß ihr nach zehen Jahren so viel mit der Mühle verdient habt, daß ihr der Kirche das Kapital bezahlen könnt, und dazu sollt ihr noch alle Jahr brav gewonnen haben, ihr braucht der Kirche nur eine sichere Obligation zu geben, die Interessen sollen bald aus der Mühle selbst bezahlt werden.
Die Bauern bedachten sich eine Zeitlang, endlich willigten sie ein, sie machten also eine Supplik an den Landesherrn, worinnen sie um die Erlaubniß baten, eine Oehlmühle bauen zu dürfen, diese Erlaubniß bekamen [Sp. 2:] sie; nun besorgte ihnen der Pfarrer einen geschickten jungen Mann, einen Oehlmüller, der auf sein Handwerk in Holland gewandert hatte, und ders also verstunde, wie eine Oehlmühle gebaut werden mußte. Mit einem Wort, das Ding gieng gut von statten, die Oehlmühle wurde in einem Jahr fertig, und nun fieng der Oehlmüller an Oehl zu schlagen; das wurde nun so gemacht: die Bauern zogen viel Rübsaamen, dann brachte jeder seinen Rübsaamen in die Mühle, hier wurde nun angeschrieben, wie viel Saamen jeder brachte, dann wurde berechnet, wie viel Oehl man aus einem Viertel Saamen bekam, und so wurde dann auch jedem Bauern soviel Oehl aufgeschrieben, als ihm nach seinem Saamen zukam, dann wurde alles Oehl ordentlich und reinlich behandelt, erst in kleine reine Fässer gethan und aufgefüllt, wenn es dann eine Zeitlang gestanden hatte, so wurde das klare abgezapft und in die Lagerfässer gebracht; wenn es nun da ein= oder zwey Jahre gelegen hatte, so wurde es an die Krämer verkauft; und dann wurde das Geld unter die Bauern alle Jahr vertheilt. Da nun das Oehl außerordentlich gut war, so gab das bald weit und breit ein Gerüchte, so, daß jeder von dem Buchenberger Oehl haben wollte, und also die Bauern nicht genug Saamen ziehen, und nicht Oehl genug schlagen konnten.
Nun muß ich Euch doch auch sagen, wie es mit dem Oehlmachen zugieng, der Oehlmüller verstund seine Sache aus dem Fundament: der Rübsaamen wurde in der Mühle erst zu Mehl gestampft, dann war da ein eingemauerter Kessel mit Wasser, unter den Kessel wurde so ein starkes Feuer gemacht, daß das Wasser immer kochte, in dem Wasser stand nun ein großer eiserner Tiegel, in diesem wurde das Mehl gewärmt, ehe es geschlagen wurde; auf diese Art wurde also das Mehl nicht zu heiß, denn wenn es zu heiß / C 3 gemacht [S. 6, Sp. 1:] gemacht wird, so wird das Oehl nichts nutz und es verdirbt bald; dann preßte auch der Müller das Mehl nicht stark, und dis erste Oehl sammelte er in reinen Töpfen, hernach aber wurde es sehr stark gepreßt, und dieses zweyte Oehl wurde dann besonders gethan, weil es schlechter war; das erste gute Oehl wurde hernach, wenn es ein paar Jahre gestanden hatte, zum Kochen gebraucht, das schlechte aber verkaufte m an zum Brennen auf die Oehllichter.
Nun ermahnte auch der Oehlmüller die Bauern, daß sie im Herbst brav Bucheln im Wald schütteln und auflesen sollten, denn es waren große Buchenwälder um Buchenberg herum. Das thaten nun die Bauern; mit den Bucheln wurde es dann eben so gemacht, wie mit dem Rübsaamen, und so bekamen sie Oehl, das dem besten Baumöhl nichts nachgab; dieses wurde nun wieder, und zwar sehr teuer verkauft, da könnt ihr nun nicht glauben, was das alles zusammen Geld gab. Endlich mußten die Bauern auch weißen Mohn ins Feld säen, denn der weiße Mohnsaamen giebt auch eben so gutes Oehl als das Baumöhl. Damit ichs kurz mache: der Grebe Jakob gab acht, daß alles richtig zugieng, der Pfarrer kam auch zuweilen und gab guten Rath, und der Oehlmüller war auch ein recht braver geschickter Mann. Alle Jahr wurde Rechnung abgelegt, dann wurde erst aus der Kasse das Interesse für das von der Kirche geliehene Kapital bezahlt, dann wurde jedem sein Oehlsaamen nach dem Marktpreis bezahlt, und das noch übrige Geld wurde zum Abtragen des Kapitals gebraucht; nach acht Jahren war das Kapital schon bezahlt, und nun konnten die Bauern das Geld unter sich theilen und der Oehlmüller bekam auch einen guten Lohn. Die Oehlmühle kam endlich so weit, daß sie jährlich über tausend Thaler an baarem Gewinn eintrug. [Sp. 2:9
Wenn man einmal im Segen Gottes ist, so kömmt dann eins zum andern, so giengs auch zu Buchenberg. Denn als es nun mit der Oehlmühle so gut ging, so rieth der Oehlmüller der Gemeinde, so sollten nun auch eine Seifensiederey anlegen, denn den unreinen Bodensatz, der in den Oelfässern zurückblieb, wenn das Oehl abgezapft wurde, konnten sie nicht verkaufen, denn niemand wollte ihn haben, aber zur Schmierseife ist er vortreflich. Es wurde also ein guter Seifensieder bestellt, Holzasche gabs zu Buchenberg gnug, folglich bekam die Gemeinde nun auch eine vortrefliche Seifensiederey, die wiederum viel Geld einbrachte. Dabey bliebs noch nicht, es wurde auch nach dem Rath des Pfarrers Gutmann eine gemeinschaftliche Bierbrauerey angelegt, wozu die Bauern Gerste und Hopfen erzogen, das Bier wurde ganz vortreflich gemacht und mit der Brauerey wurde eine Ochsenmast verbunden, endlich kam auch noch eine Brandeweinbrennerey dazu, so daß es nun an baarem Geld zu Buchenberg nicht mehr fehlte. Vielleicht erzehle ich Euch ein andermal, wie man das alles macht und anfangen muß; sollte auch irgend jemand gern wissen wollen, wie man so etwas macht so kann man nur an mich schreiben, so will ichs dann einem jeden umständlich und umsonst lehren, ich lehre Euch gerne etwas nützliches, und dafür verlange ich keine Belohnung, die erwarte ich vom lieben Gott an jenem Tage. Vielleicht wißt Ihr aber meinen Namen nicht, und da könnt Ihr ja nicht an mich schreiben; ich bin der Hofrath Jung in Marburg, Ihr braucht also nur auswendig auf den Brief zu schreiben: An den Hofrath Jung in Marburg, so kommt der Brief gewiß an mich, inwendig im Brief braucht ihr keine große Titel und Ceremonien zu machen sezt Ihr nur oben über den Brief: Lieber Bauernfreund! und damit ist alles gut. / Nun [S. 7, Sp. 1:]
Nun trug sich wieder eine Geschichte in Buchenberg zu, die für Euch Bauersleute, alt und jung, sehr lehrreich ist, und die ich Euch nun wieder umständlich erzehlen will: Zu Buchenberg wohnten zween Bauern, der eine hieß Peter Kleefuchs und der andere Hans Ohnebach; der Kleefuchs hatte vier Kinder, von denen das älteste ein hübsches flinkes Mädchen von zwanzig Jahren war, der Ohnebach aber hatte nur einen einzigen Sohn. Nun waren die beyden Bauern reich und hatten schöne Güter, dazu waren sie auch rechte gute Freunde, die sich immer lieb hatten und in Noth und Tod beystunden. Nun giengen die beyden einmal zusammen in die Kirche, wo sie dann unterweges so von allerhand sprachen, endlich kamen sie auch auf ihre Kinder zu sprechen. [Vgl. GAB 2 ff. die ähnliche Geschichte.] Hör, Peter! fieng der Hans Ohnebach an, wie wärs, wenn du meinen Jost dein Gretheliesgen gäbst? - Siehst du! ich hab nur den einen, der bekommt einmal alles von mir, und da thät dein Mädchen eine gute Heurath; Peter Kleefuchs hörte das mit heimlicher Freude an, denn er konnte seine Tochter unmöglich besser anbringen, doch sagte er: Nu ja! da läßt sich von reden, mein Mädchen kommt auch nicht nackend, dazu ist es auch recht hübsch und fleißig, es giebt einmal eine tüchtige Hausfrau. Gnug! die beyden Väter vertieften sich so sehr in den Vorschlag, daß sie nicht in die Kirche kamen, sondern im Wirthshaus sitzen blieben, und sich fest verabredeten ihre Kinder sollten sich heurathen.
Hier muß ich Euch nun sagen, daß die beyden Väter sehr Unrecht daran thäten, daß sie eine Heurath beschlossen, ohne ihre Kinder vorher zu fragen; denn die Eltern haben das Recht nicht, ihre Kinder zu verheurathen, wie sie wollen und wie es ihnen gefällt, da werden manchmal junge Leute zusammengezwun= [Sp. 2:] gen, die sich nicht lieb haben, und nicht lieb haben könne, weil sie verschiedene Naturen haben; die Kinder sollen aber auch mit den Eltern zu Rathe gehen, wenn sie heurathen wollen, und sich nicht heimlich versprechen, das geht auch gemeiniglich nicht gut; kurz! Eltern und Kinder müssen in dieser wichtigen Sache freundschaftlich miteinander reden und die Sache vernünftig überlegen, wenn das nicht geschieht, so geht es oft wie ich Euch nun erzehlen will.
So bald als nun die beyden Männer wieder nach Hause kamen, so erzehlten sie ihren Weibern, was sie unterweges beschlossen hätten; das war nun auch den beyden Frauen ganz recht, diese giengen nun auch den Nachmittag zusammen und schwazten sich recht müde von der Sache. Jetzt kams nun darauf an, daß man die beyden jungen Leute unterrichtete, wie sie sich zu verhalten hätten, damit sie sich hübsch in einander verlieben möchten; allein, lieber Himmel! die hatten beyde nicht so lang gewartet: dem Peter Kleefuchs seine Tochter Gretheliesgen hatte schon lang Michel Schöpfens Sohn Caspar, gern gesehen, und dieser auch sie, und des Hans Ohnebachens Jost war in Valentin Krebsens Annchen vernarrt, als daher die Mütter ihren Kindern von der beschlossenen Heurath sageten, so gabs gar traurige Gesichter.
Als nun Hans Ohnebach merkte, daß sein Jost bey Kleefuchsens Gretheliesgen nicht anbeissen wollte, so ward er bös, nun waren sie gerad im Feld und meheten Haber, denn es war gerade in der Erndte. Hör du Jost, fieng der Vater an, warum willst du denn Gretheliesgen nicht haben? sag mirs nur!
Jost. Ey, sie gefällt mir nun einmal nicht.
Vater. Gefallen hin! Gefallen her! Du mußt sie nun einmal nehmen, ich und deine Mutter wir wollens beyde absolut haben. / Jost. [S. 8, Sp. 1:]
Jost. Vater! Laßt mich zufrieden, ich nehm sie in Ewigkeit nicht.
Vater. Was! Du willst mir trotzen! Ich will wetten, du hast eine andere im Schild, aber du kriegst sie nicht, und wenn sie auch eine Prinzessin wär.
Jost. Ja Vater! Ich will auch eine andere haben, ich will Valentin Krebsens Annchen heurathen, gegen die könnt Ihr nichts haben, denn sie ist brav, sie hat auch in die Milch zu brocken, und sie will mich auch.
Vater. Ey nu sieh doch! Bist du schon so weit mit der, wenn ichs aber nun nicht haben will?
Jost. Ja und die Gretheliesgen ist auch schon mit Michel Schöpsens Caspar versprochen, und die beyden schicken sich auch recht gut zusammen.
Vater. Noch besser! Aber Jost! Jost! nimm dich in acht, ich will mit dem Kleefuchs reden, der solls nicht leiden, daß sein Gretheliesgen den Caspar nimmt, und ich leide es auch nicht, daß du die Annchen nimmst. Ihr möcht thun was ihr wollt, wir wollens nun einmal so haben und nicht anders.
Nun schwieg Jost still und weinte, er war ein guter Junge, aber von Natur schwermüthig und zur Traurigkeit geneigt, wenn ihm nun etwas widriges begegnete, so fraß ers alles in sich und schwieg. So bald als nun sein Vater Hans Ohnebach des Mittags nach Haus kam, so erzehlte er seiner Gertrud alles, daß ihr Jost die Gretheliesgen nicht haben wollte, daß die Gretheliesgen mit Michel Schöpsens Caspar versprochen sey, und daß der Jost durchaus Valentin Krebsens Annchen haben wollte; das ärgerte nun die Gertrud gewaltig, erst zankte sie mit dem Jost, dann gieng sie sogleich nach dem Essen in Kleefuchsens Haus, und schimpfte über Gretheliesgen und seinen Caspar; nun ging auch da der Lärm an, [Sp. 2:] denn die Eltern wußten auch von dem Versprechen nichts, da ward nun auf Michel Schöps und auf Valentin Krebs geschimpft was das Zeug halten wollte, und doch wußten diese Männer eben so wenig von der Verlieberey ihrer Kinder, als es vorher Kleefuchs und Ohnebach gewußt hatten; da wurden nun die vier Häuser bitter böse aufeinander, sie fluchten und schimpften alle aufeinander, und es war keine Ruhe und kein Frieden mehr unter ihnen. Die vier jungen Leute aber kehrten sich an das alles nicht, sie wurden nur desto verliebter in einander, Caspar und Gretheliesgen versprachen sich nun noch vester, und Jost und Annchen auch; heimlich und in der Dämmerung schlichen sie oft zu einander und klagten sich ihr Leid.
Endlich wurden aber die Sachen so arg, daß die Eltern ihre Kinder schlugen, und den Jost und das Gretheliesgen zusammenzwingen wollten; darüber wurde nun der Jost endlich so schwermüthig, daß er sich nicht zu lassen wußte, dann weinte er, dann lief er herum, wie ein Mensch, der den Verstand verlohren hat. Da hätten sich nun seine Eltern über ihn erbarmen, und sich seiner annehmen sollen, allein das geschah nicht, Vater und Mutter schimpften und schlugen ihn.
Darüber wurde es nun Herbst, tief im October, nahe vor Allerheiligen, an einem recht dunkeln nebelichten Tage, verlohr sich der arme Jost, und man konnte ihn nirgends finden; jezt gerieth alles in Angst und Jammer, sein Vater und seine Mutter rissen sich die Haare aus dem Kopf, allein das half alles nicht, ihr armer Jost war fort. Auch sein Annchen erfuhr bald, daß ihr lieber Jost verlohren sey, die fiel nun auch einer Ohnmacht in die andere, denn Annchen merkte bald was geschehen sey, denn er hatte ihr bei dem letzten Besuch gesagt, er wolle hingehen und ins Wasser springen; das hatte sie ihm nun / zwar [S. 9, Sp. 1:] zwar nicht geglaubt, aber jetzt da er fort war, glaubte sie es, sie sagte auch allen Leuten: Ach! mein armer Jost ist ins Wasser gesprungen, und so erfuhren es nun auch die Eltern, die nun noch in größere Noth geriethen; die Gertrud gab nun ihrem Mann die Schuld, und ihr Mann sagte: du solltest mirs auch abgerathen haben, aber du halfest ihn zwingen, daß er die Gretheliesgen heurathen sollte, so gut wie ich. Während des Jammerns und Klagens fiengen nun die Nachbarn an den Jost zu suchen, aber sie fanden ihn nirgends, das war aber auch kein Wunder, denn er war ganz an einem andern Ort, als da, wo ihn die Leute suchten.
Jost war an dem dunklen Tag im October in der Angst seines Herzens ans Wasser gegangen, um da hinein zu springen; nun war aber zu Buchenberg das Wasser zu klein, er konnte nicht darinnen ertrinken, folglich gieng er dem Wasser nach bis nach Erlenbach, wo es größer war, und wo es hin und wieder tiefe Löcher hatte; das wußte Jost, er gieng also bis unterhalb Erlenbach auf die Wiese, als er nun dahin kam, so war es schon beynahe Nacht und nur noch so eben dämmericht, auf einmal sprung er ins Wasser, dies sahe aber zum Glück der Erlenbacher Schulmeister, der in der Nähe eine Wiese hatte, wo er das Wasser aufkehrte um sie zu wässern, er lief also was er laufen konnte, nahm seine Hacke, und zog den Jost wieder heraus, der aber schon für todt da lag. Nun wußte der Schulmeister, daß man solche Leute, wenn sie noch nicht lange im Wasser gelegen haben, wieder zurecht bringen kann, aber er wußte nicht recht, wie mans machen müßte, er lief also was er laufen konnte ins Dorf zum Pfarrer Gutmann; dieser nahm nun auch den Küster mit, und sie giengen sie alle drey zu Josten, der noch immer ohnmächtig da auf der Wiese lag; nun huben sie ihn auf und tru= [Sp. 2:] gen ihn ins Pfarrhaus, dort legten sie ihn in ein Bett, und nun rieben sie ihn mit wollenen Tüchern über den ganzen Leib, auch blies ihm der Pfarrer Tobacksrauch in die Nase und in den Mund, dann bürstete man ihn mit einer Bürste unter den Fußsohlen, und was man als mehr thät. Ihr könnte in dem Noth= und Hülfsbüchlein lesen, wie mans machen muß, um solche Leute, die ins Wasser gefallen sind, oder die sich erhangen haben, oder die vom Kohlendampf erstickt sind, oder die vom Blitz erschlagen worden, wieder lebendig zu machen, oft geräth es. Jetzt gerieth es auch, der Jost kam wieder zu sich, nun kannten sie ihn, daß er des Hans Ohnebachs Sohn von Buchenberg war; als sich der arme Jost nun wieder erholt hatte, so fragte ihn der Pfarrer, wie er zu dem Unglück gekommen wäre? Der gute Jüngling erzehlte alles, wie ihn sein Vater zwingen wollte, daß er des Peter Kleefuchsens Gretheliesgen heurathen sollte, daß er das aber unmöglich thun könnte, weil er sich mit Valentin Krebsens Annchen versprochen habe, und die Gretheliesgen sey auch mit Michel Schöpsens Caspar versprochen, nun hätte ihn sein Vater immer geschlagen, das hätte er nicht ausstehen können, und da sey er so schwermüthig geworden, daß er ins Wasser hätte springen müssen.
Als nun der Pfarrer Gutmann alles gehört hatte, wie die Sachen stunden, so mußten die beyden Männer, der Küster und der Schulmeister, eidlich versprechen, keinem Menschen etwas zu sagen, den Jost behielt er aber heimlich im Haus und des andern Morgens früh wanderte der brave Pfarrer Gutmann nach Buchenberg und gerade in Hans Ohnebachs Haus; hier fand er nun den Hans und seine Gertrud in der tiefsten Betrübniß, sie hatten sich die Augen roth geweint, und sie weinten noch immer fort und rungen die Hände; so wie sie den Pfarrer sahen, riefen sie: / C 4 Ach,[S. 10. Sp. 1:] Ach: Herr Pfarrer! unser armer Jost! unser einziges Kind!
Gutmann Nun, wo ist denn euer Jost?
Ohnebach. Ach Gott! wir wissens nicht. Ach! er hat gesagt, er wolle hingehn und ins Wasser springen; wenn er das nur nicht gethan hat!
Gutmann Warum wollten denn euer Jost ins Wasser springen, was fehlt ihm dann?
Ohnebach. Lieber Gott! ich meynte es so gut mit ihm, er sollte Kleefuchsens Tochter heurathen, das wollte er aber nicht, sondern er wollte Krebsens Anne haben, das stieg mir nun in den Kopf und da wollte ich ihn zwingen.
Gutmann. Hans! Hans! das war sehr unrecht, denkt nur einmal nach, wenn sich nun Jost hätte zwingen lassen, und die Gretheliesgen auch, wenn nun beyde wären zusammengekommen, was hätte das für eine Ehe gegeben? - Da ist immer nichts als Zank und Streit, Sünde und Verderben; da ist kein Segen und kein Gedeihen, und wer wäre dann an dem allen schuld gewesen?
Ohnebach. Gott ja! ich sehe es nun wohl ein, allein dadurch hab ich doch nun meinen Jost nicht wieder.
Gutmann. Nun, so will ich Euch denn sagen, daß euer Jost bey mir im Pfarrhaus ist.
Das war eine Freude - die Gertrud fiel ihrem Hans um den Hals, weinte laut und rief: Hans! Hans! unser Jost lebt noch, ich muß hin, ich muß meinen Jost wieder holen, und der Hans rief auch, Gott sey Dank! aber jetzt möchte ich den Schlingel tüchtig abwichsen, daß er uns eine falsche Angst abgejagt hat. Nein! sagte der Pfarrer: Ihr müßt ihm nichts zu Leibe thun, denn er war wirklich ins Wasser gesprungen, und er wäre gewiß ertrun= [Sp. 2:] ken, wenn ihn der Schulmeister nicht gerettet hätte, der war just auf der Wiese gestern Abend in der Dämmerung, er sahe euern Jost ins Wasser springen, flugs lief er hin und zog ihn heraus, dann rief er mir, wir trugen ihn in mein Haus, und wir hatten genug zu thun, daß wir ihn wieder zurecht brachten, denn er was schon wie ein Todter. Jez fiengen die beyden Eltern wieder an zu weinen und dankten Gott und dem guten Pfarrer; nun sagte Gertrud: der Schulmeister soll dafür mein erstes Kalb haben, das mir die scheckichte Kuh bald bringen wird, wäre der Schulmeister nicht gewesen, ach Gott! wo wär mein armer Jost dann jetzt!
Nun verabredeten sich der Pfarrer und Hans und Gertrud, daß die beyden Eltern am Abend im Dunkeln nach Erlenbach kommen und ihren Sohn wieder abholen sollten; Gutmann gieng aber jetzt gleich nach Haus und erzehlte dem Jost, daß er bey seinen Eltern gewesen wäre, und daß sie nun zulassen würden, seine Anne zu heurathen; was das eine Freude war! er gieng an wie ein Licht und war nun munter und froh.
Jetzt machte sich der Pfarrer auch an den Jost und stellte ihm vor, welch eine erschreckliche Sünde er begangen habe, daß er sich selbst hätte umbringen wollen, und wie es ihm in der Ewigkeit ergangen wäre, wenn er wirklich ertrunken wäre; dann sagte er ihm auch: er habe sehr übel gethan, daß er sich ohne seiner Eltern Wissen mit Annchen versprochen habe, in Heurathssachen müsse man die Eltern hübsch fragen und Rath mit ihnen pflegen. Jost erkannte das alles, besonders schauderte ihm die Haut, wenn er daran dachte, daß er sich hätte ersäufen wollen, und er versprach heilig, daß er so etwas in seinem Leben nicht mehr thun wollte, es möchte ihm auch noch so übel gehen. Nun kamen des Abends seine Eltern, sie weinten und lachten, zankten und liebkosten, kurz sie wußten nicht, was sie anfangen sollten für / Freu= [S. 11, Sp. 1:] Freuden, Jost freute sich auch und gieng mit ihnen nach Haus. Bald darauf heurathete Jost seine Anne und Caspar bekam seine Gretheliesgen am Ende auch. Wäre also der Jost nicht ins Wasser gesprungen, so wäre aus allen den Heurathen nichts geworden; deswegen müssen aber nun junge Leute nicht ins Wasser springen, wenn ihnen ihre Eltern nicht ihren Willen thun wollen. Nein! Ihr Jungen und Mädchen das geht nicht, wenn ihr das probiren wollt, so liesse man Euch nur springen das Ersaufen solltet ihr wohl bleiben lassen.
Jetzt ist aber die Geschichte doch noch nicht aus: Denkt nur einmal an! die Erlenbacher nahmen dem Schulmeister sehr übel, daß er den Jost aus dem Wasser gezogen hatte, sie sagten, er wäre dem Scharfrichter ins Amt gefallen, der Jost wäre ein Selbstmörder und ein Selbstmörder gehöre für den Scharfrichter. Sie wollten ihm ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken, denn sie sagten, er sey kein ehrlicher Mann mehr; ist das nun nicht eine Schande, daß es nicht Bauers= und Bürgersleute giebt, die so denken? - Erstlich ist es nicht wahr daß die Scharfrichter und ihre Knechte unehrlich sind, es ist schon lange auf dem Reichstag zu Regensburg ausgemacht, daß sie so ehrlich sind als andere Leute. Spitzbuben hinzurichten ist ja etwas Gutes und Löbliches; Gott möchte uns gnädig seyn, wenn das [Sp. 2:] nicht geschehe! und ist dann einer unehrlich, wenn er etwas Gutes und Löbliches thut? - Und das Abziehen gestorbener Thiere ist ja auch nichts böses, denn in Holland giebt es keine Schinder, da zieht jeder Bauer selber sein Vieh ab, wenns krepirt ist, deswegen sind doch die Holländische Bauern eben so ehrlich als wir, unehrlich kann einer nur dann werden, wenn er etwas schändliches thut, nun ist aber das Hautabziehen nichts schändliches, denn das thun die Schlächter alle Tage, ob nun das Thier an einer Krankheit gestorben, oder ob es geschlachtet worden ist, das macht keinen Unterschied im Hautabziehen. Das sind schändliche Vorurtheile, die müßt ihr ablegen, liebe Bauersleute!
Den Pfarrer Gutmann verdroß es sehr, daß der brave Schulmeister für seine gute That so belohnt wurde, er schrieb daher an den Landesherrn, was der Schulmeister gethan hätte, der Fürst schrieb alsofort selbst an den Schulmeister, er lobte ihn sehr, daß er einem Menschen das Leben gerettet hatte und sagte auch in dem Brief, unser Herr Gott würde ihn an jenem Tage die ewige Herrlichkeit dafür schenken; dann schenkte der Fürst noch dem Schulmeister fünfzig Thaler. Und das alles hätte ich auch gethan, wenn ich Fürst gewesen wäre. Nun lebt wohl, ihr lieben Bauersleute! übers Jahr will ich euch wieder etwas recht schönes erzehlen.
 
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1795. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-10: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 11-12: "Fortsetzung über Lebensgenuß. / - / (Schluß des zweiten Briefes.)" - Innerhalb der "Fortsetzung" S. 8. ein Einschub: nacherzählt wird die Geschichte von dem Kind, das für die Eltern die hölzerne Schüssel schnitzt = ein Auszug aus der "Jugend". (Wiederholt ähnlich im Jg. 1798.) Ebd. S. 5 wird Elberfeld als Viehmarkt genannt; anscheinend spielt die gesamte Erzählung mit den Ortschaften in der Umgebung dieser Stadt.
 
 
[S. 3, Sp. 1:] Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
Ihr werdet Euch noch erinnern, liebe Bauersleute! wie der Grebe Jakob einmal eine arme Frau im Walde fand, die einen Jungen hatte der Fritz hieß, und wie der Jakob die Frau, die ihm unter den Händen starb, auf seine Karre lud, mit nach Haus nahm, und sie dann ehrlich begraben ließ; auch wie er den armen Fritz bey sich behielt, und ihn ordentlich erzog, in die Schule schickte, und ihn dann auf seinem Guth als Knecht brauchte. Das alles war nun recht brav und christlich, und eben darum hatte ihn nun auch der liebe Gott so gesegnet, daß er ein wohlhabender Mann geworden war, und das ganze Dorf Buchenberg war durch ihn glücklich geworden.
Dieser arme Fritz war nun groß geworden, auch war er recht fromm und fleißig, so daß jedermann Freude an ihm hatte; der einzige Fehler war nur, man wußte nicht einmal, wie er sich schrieb, und es e sich eigentlich mit ein= [Sp. 2:] nen Eltern verhalten hatte: freylich hatte zwar seine Mutter dem Jakob erzehlt, wo sie her wäre und wie sie durch vieles Unglück an den Bettelstab gekommen seye, aber alles konnte er doch nicht erfahren, denn die arme Frau starb über dem Erzehlen.
Jetzt, da der Fritz nun zwanzig Jahre alt war, gefiel ihm des Nachbar Diedrichs Tochter, welche Dorothee hieß, und er gefiel ihr auch, denn er war ein recht hübscher Bursche. Nun hätte zwar der Nachbar Diedrich nichts gegen die Heurath gehabt, wenn nur der Fritz nicht arm gewesen wäre, und wenn man nur recht gewußt hätte, ob er auch wol von ehrlichen Leuten herkäme? Der Grebe Jakob, der es gern sahe, daß sein Fritz glücklich wurde; denn er hatte ihn so lieb wie seinen eigenen Sohn, gab sich alle Mühe, um recht zu erfahren, was es mit den Eltern des Fritz für eine Bewandtniß gehabt habe, der Pfarrer Gut= / C 2 mann [S. 4, Sp. 1:] mann hatte auch seinetwegen bald hierhin bald dorthin geschrieben, allein er konnte nicht hinter die Sache kommen; und doch wollte der Diedrich dem Fritzen seine Dorothee nicht geben, bis er erst gewiß wüßte, daß seine Eltern keine schlechte Leute gewesen; daß er arm war, darüber hätte Diedrich endlich hinausgesehen, aber wenn er nur heut oder morgen erfahren hätte, daß der Vater des Fritzen entweder am Galgen gestorben, oder sonst ein unehrlicher Mann gewesen wäre, und das konnte doch möglich seyn, so hätte ihn das denn doch geärgert.
Darinnen kann ich dem Diedrich nun eben nicht groß Unrecht geben, denn ich mochte selbst nicht gern meine Tochter einem Burschen geben, der keine ehrlichen Eltern gehabt hätte; freylich hätte Fritz nichts dafür gekonnt, allein es ist doch so eine Sache.
Nun hatte der Fritz so eine besondere Lust zum Handeln, er verstands auch rechtschaffen; wenn der Grebe Jakob eine Kuh oder einen Ochsen kaufen oder verkaufen wollte, so hielt Fritz immer an, daß er ihn doch möchte handeln lassen, welches dann auch Jakob gerne geschehen ließ, denn Fritz handelte glücklicher als er selbst; auch schickte er sich gut dazu, denn er hatte gut rechnen und schreiben gelernt, und dann war er auch ehrlich und klug, er betrog niemals jemand, denn er wuste wohl, daß man einen betrügerischen Handelsmann scheut, und daß unrecht Guth nicht gedeiht.
Nun hatte der Jakob einen glücklichen Einfall: in dem Dorf Buchenberg war die Viehzucht recht im Flor, es gab da Butter und Käse die Menge, so daß die Buchenberger Bauern manchmal nicht wußten, wo sie mit alle der Butter und dem Käse bleiben sollten. Da fiel nun dem Grebe Jakob ein, er wollte den Buchenbergern alle ihre überflüßige Butter und Käse abkaufen, so lange bis er eine Pferdskarre voll beysammen hätte; dann wollte er damit [Sp. 2:] nach Elberfeld, oder sonst nach einer grosen Stadt fahren, und dann dort seine Butter und Käse verkaufen. Gesagt! gethan! er schafte sich ein starkes gutes Pferd an, und kaufte nun seinen Nachbarn alle ihre übrige Butter und Käse ab; und fuhr damit zehen Stunden weit nach Elberfeld und verkaufte da seine Waare so gut, daß er wol zehn Thaler reinen Profit bey diesem Handel machte.
Das Ding gefiel dem Grebe Jakob außerordentlich, aber dem Fritz gefiel es noch besser; er bettelte so lange an seine Herren, bis ers ihm erlaubte auch einmal nach Elberfeld zu fahren. Das Ding gieng so gut, daß Fritz noch weit mehr profitirte als Jakob selbst, deswegen ließ nun Jakob den Fritzen immer dorthin fahren.
Nun was geschah? Als der Fritz auch einmal mit Butter zu Elberfeld war, und so da auf dem Markt feil hielt, so kam eine hübsche Bürgersfrau, die kaufte ihm 100 Pfund Butter für 25 Gulden auf einmal ab; als die Butter nun gewogen war, so gieng Fritz mit der Frauen in ihr Haus, um sein Geld zu holen: hier sah er nun, daß die Leute einen Laden hatten, der Mann von der Frauen, die ihm die Butter abgekauft hatte, war also ein Krämer, der ungefehr 60 Jahr alt seyn mochte. Dieser Krämer fragte nun den Fritzen, wo er her sey? Fritz antwortete: es sey von Buchenberg. Ach Gott! sagte der Krämer, das ist der Ort, wo vor 14 Jahren meine arme Schwester im Wald gefunden worden ist, ich habs erst kürzlich gehört, daß ein braver Buchenberger Bauer meine arme kranke Schwester mit ihrem Knaben krank gefunden habe, und daß sie ihm unter den Händen gestorben sey; dann hörte ich ferner, der fromme Mann habe dann ihren Jungen erzogen und bey sich behalten. Dann erzehlte der Krämer weiter, er habe damals weit weg in der Fremde gewohnt und / sey [S. 5, Sp. 1:] sey erst vor einem halben Jahre nach Elberfeld gezogen, nun hätte er immer einmal nach Buchenberg reisen wollen, um sich nach seiner Schwestersohn zu erkundigen, aber er hätte es bisher noch nicht gekonnt.
Nun denkt einmal nach, wie da dem guten Fritz zu Muthe war; er war ja der Sohn der armen Frau selbst, und nun fügte es der liebe Gott so wunderlich, daß er seiner Mutter Bruder, also seinem Blutsvetter, Butter verkaufen und ihn so von ungefehr antreffen mußte.
Fritz stand da und hielt Maul und Nase offen, er wußte nicht was er sagen sollte, endlich kamen ihm die Thränen in die Augen; Herr Gott! fieng er an, das bin ich ja selbst, ich bin der Sohn von der armen Frauen, ist die denn Eure Schwester gewesen?
Der Krämer riß die Augen noch mehr auf, und rief: Ey Herr Jeminich! - wie hieß denn eure Mutter? Fritz antwortete: Anne Barbe hieß sie. Der Krämer schlug seine Hände über dem Kopf zusammen, und rief: Ja so hieß meine Schwester, aber wie heißt Ihr denn? und wie alt seyd Ihr? - Fritz sagte: ich heiße Johann Friedrich, aber ich weiß nicht, wie ich mich schreibe, und ich bin jezt 20 Jahr alt.
Nun lief der Krämer auf den Fritz zu und fiel ihm um den Hals und weinte, und sagte: Du schreibst dich Lange, und bist meiner lieben Schwester Sohn. Nun mußte der Fritz da bleiben und mit seinem Vetter essen. Die Freude könnt Ihr Euch nicht vorstellen. Fritz mußte seinem Vetter alles erzehlen, und der Krämer erzehlte dem Fritzen auch alles, dann lief auch der Krämer hin und holte dem Fritzen seinen Taufschein bey dem Pfarrer, womit er nun beweisen konnte, wer er wäre, wie er sich schriebe, und daß seine Eltern ehrliche Leute gewesen seyen.
Der Krämer schrieb sich Freymann, er war nicht sehr reich, auch hatte er selbst Kinder, er [Sp. 2:] konnte dem Fritzen also eben nichts schenken, das hatte aber Fritz auch nicht nöthig, wie ihr nun hören werdet.
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, welch eine Freude der Fritz jetzt hatte - wenn er 100 Thaler gefunden hätte, so hätte er sich so nicht gefreut: denn nun durfte er mit aufgestreckten Ohren zu Diedrich und zu seiner Dorothee gehen, er war nun ein eben so ehrlicher Kerl wie der.
Als er nun nach Hause kam, so klopfte ihm des Herz für Freuden, er erzehlte dem Grebe Jakob alles, der sich auch aus der maßen freute; nun hatte aber der Fritz nicht nöthigeres zu thun, als daß er auch zu Diedrich und Dorothee lief, und ihnen ebenfalls erzehlte, daß er von ehrlichen Eltern herstamme, und daß er nun Fritz Lange hieß. Das Ding gefiel dem Diedrich sehr gut, aber der Dorothee doch noch besser. Diedrich sagte also zu dem Fritz: Ja Jung! du sollst meine Tochter haben, aber ihr müßt noch ein paar Jahre warten, ihr seyd beyde noch jung. Du hast kein Guth und meine Tochter auch nicht, und ihr müßt Euch doch ehrlich ernähren können, während den paar Jahren sieht man dann, wo ihr unterkommt.
Fritz und Dorothee waren mit dieser Erklärung wohl zufrieden es war ihnen jetzt gnug, daß sie sich haben sollten und nun oft beysammen seyn durften; nun dachte aber auch Fritz sehr ernstlich daran, wie er zu einem guten Broderwerb kommen könnte, und jetzt will ich Euch erzehlen, wie er das anfieng.
Der Grebe Jakob ließ nun den Fritz immer mit Butter nach Elberfeld fahren, wo er dann allemal seinen Vetter, den Herrn Freymann besuchte. Nun erzehlte der Fritz dem Freymann auch, daß er eine Braut habe, die Dorothee hieß, die er heurathen wollte, so bald als er sie ernähren könnte; Freymann hatte auch nichts dagegen, und er rieht dem Fritz, er sollte zu Buchenberg eine Baumwollspinnerey an= / C 3 legen [S. 6, Sp. 1:] legen; damit könnte er einen hübschen Thaler Gelds verdienen, und wohl gar selbst, mit der Zeit ein Kaufmann werden; das gefiel dem Fritz außerordentlich: denn er hatte zu nichts in der Welt so große Lust als zum Handeln.
Die Baumwollspinnerey wurde also zu Buchenberg eingeführt, Fritz brachte die Baumwolle mit von Elberfeld, dann ließ er sie in Buchenberg spinnen; es waren ein paar Weiber da, die Baumwolle spinnen konnten, von denen lernten es die anderen, dann wurden auch die Kinder zum Baumwollspinnen angeführt; wenn es nun schlecht Wetter war, daß man draußen nicht arbeiten konnte, und dann auch den Winter über, so konnten die Leute, alte und junge, etwas verdienen, da gab nun Fritz hübsch acht, daß recht gut gesponnen wurde, und dann wog er auch nicht einem jeden die Baumwolle, die er ihm zu spinnen gab, und schrieb es an in ein Buch, und wenn dann der Spinner das Garn brachte, so besahe er es, ob es gut wäre, und dann wog er das Garn wieder, so konnte man ihn nicht betriegen [sic; betrügen]. Wenn er dann mit Butter nach Elberfeld fuhr, so nahm er das Garn mit, und brachte dann auch wieder Baumwolle mit zurück. Nun bezahlen ihm die Kaufleute immer mehr für das Garn, als er den Spinnern zu geben brauchte, er verdiente sich also einen hübschen Thaler Gelds, und unser Herr Gott segnete ihn auch, und ließ ihm alles wohl gelingen, weil er fromm und gottesfürchtig war, und niemand betrog, sondern wo er jemand Gutes thun konnte, da that ers, und dann war er besonders barmherzig gegen die Armen.
Als das mit der Baumwollspinnerey so gut gieng, so dachte Fritz weiter: Ach! dachte er, wenn ich nur auch ein Kaufmann werden könnte! lang dachte er nach, wie er das wohl machen müßte, doch wollte er niemand etwas sagen, damit ihn die Leute nicht auslachten; denn sie hätten gesagt: der arme Fritz! wie [Sp. 2:9 will der zum Kaufmann werden, der hat ja die Handlung nicht gelernt! und dann hätten sie ihm die Schuld gegeben, er wäre stolz, er hielt also alles bey sich und schwieg still.
Nun war aber ein geschickter Leinweber zu Buchenberg, der hieß Franz Hahn, er war ein frommer braver Mann, und hatte lange in Elberfeld gearbeitet, und konnte also alle das Zeug weben, das in Elberfeld aus baumwollen= und leinen Garn gemacht wird; zu diesem Hahn gieng einmal Fritz an einem Abend und sprach mit ihm. Hört, Nachbar Hahn! sagte der Fritz, wie wärs, wenn wir anfiengen Baumwollenzeug zu machen? - Wir wollen das Garn zusammen kaufen, ihr sollt das Zeug weben, und ich will damit zu Markt gehen und es verkaufen. Ja! das wäre wohl hübsch, antwortete der Leinweber Hahn, aber es gehört mehr dazu: da müßten wir eine Bleiche haben, wir müßten färben können, und dann wird viel Geld erfordert.
Hört, Nachbar Hahn! sagte nun wieder der Fritz, dazu weiß ich Rath: Seht, ich fahre alle drey Wochen nach Elberfeld, ich will also hier das ungebleichte leinen Garn kaufen, dann in Elberfeld bleichen lassen, und dann, wann es weiß ist, wieder mitbringen; dann will ich uns auch ein paar Pfund Baumwolle kaufen, die wollen wir hier spinnen lassen, dann nehm ich das Garn mit, und laß es auch in Elberfeld blau und roth färben. Nun wir wollen s einmal mit einem Stück Zeug versuchen, sagte Hahn.
Die beyden schwiegen nun ganz stille, und legten einige Thaler Geld zusammen; Fritz machte es nun wie er gesagt hatte, er kaufte leinen Garn, ließ es bleichen, kaufte Baumwolle, ließ sie spinnen und färben, und nun webte Hahn ein sehr schönes Stück Zeug daraus; dieses Stück trug nun Fritz in eine Stadt aufs Markt, und das Zeug gieng reissend ab: denn Fritz nahm nur einen billigen Profit, hätte er noch zehn Stück gehabt, so hätte er sie alle ver= / kaufen [S. 7, Sp. 1:] kaufen können. Das Ding gefiel ihm, er kam also zu Hahn zurück und brachte das Geld. Aber nun fieng er an: Hört, Hahn! laßt uns das Geld nun so beysammen lassen, und uns behelfen, wir wollen wieder leinen Garn und Baumwolle dafür kaufen, so können wir schon zwey Stück Zeug machen, und sie verkaufen. Hahn hatte nichts dagegen, sie machten also nun zwey Stück Zeug, die giengen wieder so gut ab.
Die beyden beholfen sich sehr, waren sehr sparsam und kamen bald so weit, daß sie nun auch etwas von dem Profit für sich behalten konnten, auch nahm Hahn noch einen Gesellen an, so daß er nun noch mehr Baumwollenzeug machen konnte. Nach und nach kam das Ding so weit, daß eine kleine Fabrike daraus entstand, unser Herr Gott war mit den beyden Leuten, sie waren auch fleyßig und sparsam und handelten ehrlich, sie machten gute Waare und überforderten keinen Menschen, sondern sie nahmen nur, was recht und billig war.
Das Handeln gefiel dem Fritz so gut, daß er nun auch anfieng Wolle zu kaufen die er spinnen und färben und dann Strümpfe daraus weben ließ; diese nahm er dann auch mit auf die Märkte und verkaufte sie mit Nutzen, er kam also immer weiter und verdiente viel Geld.
Dem Nachbar Diedrich gefiel das Ding gar nicht übel, er sagte also einmal zu dem Fritzen: Du könntest nun wol meine Dorothee heurathen, wenn Du nur Haus und Hof hättest, wo ihr beyde wohnen könntet; Fritz sahe wohl ein, daß Diedrich Recht hätte, er gab sich also alle Mühe und dachte nach wie er wohl zurecht kommen könnte, endlich fiel ihm etwas ein, und das gieng gut.
Unten am Ende im Dorf, nahe an der Wiesen stand ein Haus allein; in diesem Hause wohnten zwey alte Leute, die keine Kinder hatten; es wurde ihnen sauer, denn sie hatten sich in ihrem Leben viel geplagt, und doch nichts vor sich gebracht, wie man unter Euch Bauersleu= [Sp. 2:] ten häufig findet; da soll denn unser Herr Gott die schuld haben, denn man sagt wol, unser Herr Gott hat uns nicht gesegnet, und gemeiniglich liegt die Schuld an uns selbst, wir haben es nicht darnach gemacht, daß uns unser Herr Gott segnen konnte.
Nun hieß der alte Mann Paul und seine Frau hieß Ursel. Paul und Ursel hätten gern einen Vetter bey sich verheurathet und ihm ihr Haus und Guth übertragen, aber der Vetter hatte keine Lust dazu; das Haus und das Guth hätte er wohl gerne gehabt, aber die alten Leute mochte er nicht haben.
Fritz dachte dem Ding nach, Hey! dachte er: wenn mich die alten Leute bey sich verheurathen wollen, so will ich das gern annehmen; ich will die alten Leute gern verpflegen, so als wenn sie meine Eltern wären, unser Herr Gott wird mich dafür segnen.
Er sagte also zu seinem Pflevatter dem Greben Jakob, was er thun wollte; dem Jakob gefiel das Ding nicht übel,, nur erinnerte er den Fritz: er sollte sich wohl prüfen, ob er und seine Dorothee auch wol Geduld genug hätten, alte Leute zu ernähren, und mit ihnen zu leben: denn alte Leute wären oft wunderlich, und man könnte sich gar leicht an ihnen versündigen, daß man dann hernach keinen Seegen und kein Gedeihen mehr in der Haushaltung hätte.
Dann erzehlte auch Fritz sein Vorhaben dem Diedrich und seiner Dorothee auch, die warens zufrieden; nur Diedrich fürchtete sich auch für den beyden Alten, Fritz aber und Dorothee fürchteten sich nicht, sondern sie nahmen sich vest vor, den Alten lauter Liebes und Gutes zu erzeigen, sie möchten auch noch so verdrießlich und wunderlich seyn.
Als nun Fritz, so wie recht und billig war, mit seinem Pflegvater Jakob, mit seinem künftigen Schwiegervater Diedrich und mit seiner Dorothee gesprochen, und ihre Meynung gehört hatte: so gieng er nun zu dem alten Paul / und [S. 8, Sp. 1:] und seiner Frauen, er traf sie beyde in der Stube an, wie sie beysammen sassen. Ursel sponne Flachs und Paul rauchte seine Pfeiffe Taback, nun fieng Fritz von seiner Sache an zu reden, wie er gerne bey sie ziehen, und das Guth von ihnen kaufen und sie beyde verpflegen wollte. Da that er nun den Vorschlag: sie sollten ihm das Guth, Haus und Hof auf ein Geld setzen, darüber wollten sie dann einen Kaufbrief aufsetzen. Das Capital sollte stehen bleiben, bis beyde alte Leute todt wären, dann sollte das Capital an Paul und Ursels Erben bezahlt werden; so lange aber die Alten lebten, wollte er sie für die Interessen und für den Genuß des Guths ernähren, und damit sie auch noch einen Thaler Gelds in der Hand hätten, so wollte er ihnen jährlich noch 20 Thaler zahlen.
Das kam den beyden Alten so billig vor, daß sie beyde gleich einwilligten, und ihm das Guth mit Haus und Hof nur für 600 Thaler anschlugen. So wurde nun der Contract gemacht, Fritz heurathete seine Dorothee, und sie zogen bey die beyden alten Leute ins Haus, das Guth wurde ihnen übertragen, und nun fieng Fritz an Hauszuhalten, seine Handlung setzte er mit dem Hahn fort, und seine Landwirthschaft richtete er auf den besten Fuß ein, er säete Klee und Esparcette, ließ sein Vieh das ganze Jahr auf dem Stall, und machte es so gut, daß er alle Bauern im Dorf übertraf, er hatte Hülle und Fülle in seiner Haushaltung, und die alten Leute wurden so gut verpflegt, daß sie Gott alle Tage herzlich dankten, daß er ihnen den Fritz und seine Dorothee bescheret hatte.
Hier muß ich Euch eine nöthige Erinnerung geben, meine lieben Bauersleute! - ich habe oft erfahren, daß die jungen Leute mit den Alten so unbarmherzig umgehen: wenn die Eltern alt werden, so pflegen sie wol einem ihrer Kinder das Guth zu übertragen, und es bey sich zu verheurathen; aber das ist nicht gut, so lang nur die Alten kriechen können, sollten sie [Sp. 2:] ihr Guth selber behalten, denn selten geräth es, daß die Kinder liebreich gegen die Eltern sind, immer leben ihnen die Eltern zu lange, da müssen dann die guten Eltern manchmal saure Gesichter sehen, und gar Mangel leiden, da fahren die Kinder über die Eltern her und putzen sie aus; o das ist eine große Sünde! die Kinder bedenken also, daß sie von den Eltern ihr Leben und alles haben, und daß sie die Eltern so viele Mühe und Sorge gekostet haben, bis sie groß geworden sind. Hier fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein, die ich erlebt habe, als ich noch in die Schule gieng, ich vergeß diese Geschichte in meinem Leben nicht.
In einem Flecken in meinem Vaterland, wo ich in meiner Jugend die lateinische Sprache lernte, wohnte ein Schmidt, sonst ein braver ordentlicher Mann, der hatte einen sehr alten Vater; dieser alte Mann sahe nicht gut mehr und zitterte sehr, wenn er nun am Tische saß und aße, so verschüttete er vieles, und war nicht recht reinlich im Essen; das eckelte nun den Schmidt und seine Frau, deswegen ließen sie nun immer den alten Vater hinter dem Ofen aus einem irdenen Schüsselchen allein essen; ihr könnt denken, wie wehe das dem alten Manne thät, daß er nun nicht mehr mit seinem Sohn am Tisch essen durfte; und da er sehr zitterte, so zerbrach er oft sein irdenes Schüsselchen, das verdroß dann den Sohn und seiner Frau, damit das also nicht mehr geschehen möchte, so gaben sie ihm endlich eine hölzerne Schüssel, woraus er nun immer essen mußte; wenn nun da der alte Mann so allein hinter dem Ofen saß, und seine hölzerne Schüssel auf den Knieen hatte, so weinte er oft in sich selbst, aber er sagte nichts.
Nun hatte auch der Schmidt einen Jungen von ungefehr fünf Jahren; als nun einmal an einem Mittag der Schmidt mit seiner Frauen am Tisch, und der alte Vater mit seiner hölzernen Schüssel hinter dem Ofen saß, und sie alle / am [S. 9, Sp. 1:] am Essen waren; so lief der kleine Junge in der Stube herum, und schleppte Stückelchen von Brettern zusammen, um damit zu spielen; der Vater sahe das so an, endlich sagte er: Peterchen, was machst du denn da? Das Kind antwortete: ich mache einen Trog, daraus sollt Ihr essen, wenn ich einmal groß bin. - Das gieng aber dem Schmidt und seiner Frau durch Mark und Bein - So! - dachte er bey sich selbst: da wird es mir recht bezahlt werden, daß ich meinen Vater hinter dem Ofen sitzen, und ihn aus eine hölzernen Schüssel essen lassen - ich soll gar wie eine Sau aus einem Trog essen, wann ich alt bin. Nun holten der Schmidt und seine Frau den alten Vater wieder an den Tisch, und liessen ihn wieder mit sich essen wie vorher.
Seht! das war eine schöne Warnung von dem Kinde - das Kind sagte das in aller Unschuld, aber es sahe den Großvater allein aus einer hölzernen Schüssel essen, nun dachte es: es wollte es auch so machen wie sein Vater, wenn es groß wäre, und ihm also jezt schon einen Trog machen, damit er früh genug fertig seyn möchte. Man kann sich an nichts so leicht versündigen als an seine alten Eltern. Das wußte der Fritz; denn obgleich der Paul und sie Ursel nicht seine Eltern waren, so waren sie doch alte Leute, die sich nicht mehr helfen konnten, und in der Bibel steht auch: Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen, und die Alten ehren.
Jezt will ich nun weiter erzehlen, wie es dem Fritz und seiner Dorothee gieng.
Daß er Glück und Seegen in seiner Haushaltung und in seiner Handlung hatte, das wißt ihr schon, er lebte also so fort; er und seine Frau waren fromm und fleißig, und so hatten sie aller Orten Glück und Seegen. Aber der liebe Gott züchtiget auch die Seinigen, er machts mit uns, wie ein guter Vater mit seinen Kinder, er erzieht uns durchs liebe Kreutz, [Sp. 2:] damit wir fromm und brav werden mögen. So giengs auch dem Fritz, unser Herr Gott schickte ihm ein schweres Kreutz zu, und das will ich Euch nun auch erzehlen.
Fritz hatte sieben Stück Vieh im Stall, das schönste Vieh, das man nur sehen kann; als er nun so recht im Wohlstand war und ihm alles gut gieng , so ward ihm auf einmal seine beste Kuh krank. Nun hatte er bey seinem Pflegvater, dem Grebe Jakob, so allerhand gelernt, was man dem Vieh eingeben muß, wenn es krank ist, er docterte also selber an seiner Kuh, aber es wollte alles nichts helfen, es währte vierzehn Tage mit ihr, da starb sie.
Für einen jungen Anfänger in der Haushaltung ist das schon ein harter Schlag, wenn ihm seine beste Kuh drauf geht, es that also auch dem Fritz und seiner Dorothee leid, aber was wollten sie machen? Sie konntens doch nicht ändern. Das dauerte acht Tage, so ward wieder eine Kuh krank, und zwar an der nemlichen Krankheit, er brauchte wieder seine Mittel, aber vergebens; jezt wurde ihm bange, er gieng also zu einem berühmten Vieharzt, der ein paar Stunden von Buchenberg in einem Dorf wohnte. Als er nun dem Vieharzt alles erzehlt hatte, so machte der Mann ein bedenkliches Gesicht, und schüttelte den Kopf. Fritz wollte wissen, warum er den Kopf schüttelte? Da kams dann heraus, er sagte: das Vieh wäre behext, und wenn man die Hexe nicht heraus kriegte und ihr das Handwerk legte, so gieng all sein Vieh drauf.
Nun glaubte Fritz nicht an Hexerey, er hatte das besser von Pfarrer Gutmann und dem Grebe Jakob gelernt, er sagte also: was Hexerey! - das glaub ich nicht, wenn ihr mir so etwas vorschwazt, so geh ich auf der Stelle fort, und nehm nichts von Euch, da wollt Ihr mir etwas in die Ohren hängen, daß ich eine von meinen Nachbars Weibern für eine Hexe halten soll, aber das geräth Euch nicht; / C 4 wenn [S. 10, Sp. 1:] wenn Ihr mir nichts für mein krankes Vieh rathen könnt, so laßt es bleiben.
Nu! Nu! fieng der Vieharzt an, werdet nur nicht gleich so böse, ich will Euch was mitgeben, aber Ihr sollt sehen, es wird nichts helfen, und Euer Vieh wird Euch alle sterben. Da sey Gott vor! sagte Fritz, aber wann Ihr selber glaubt, es hülfe nichts, so nehm ich auch keine Arzney mit. Fritz gieng also ohne Arzney nach Haus, wie er nun zu seiner Thür herein trat: so sahe er, daß Dorothee weinte, ach lieber Gott! rief sie ihm entgegen, die Kuh ist auch todt, und die dritte ist schon wieder krank.
Jezt erschrack aber Fritz von Herzen, und er ward sehr bekümmert, er fieng bald an zu glauben, daß doch wohl der Vieharzt recht haben könnte; er lief also zum Grebe Jakob und erzehlte ihm das Unglück, der wuste aber keinen Rath, denn er hatte so etwas auch in seinem Leben nicht gehört. Nun gieng Fritz zum Pfarrer Gutmann, dem erzehlte er ebenfalls sein ganzes Unglück und auch das, was ihm der Vieharzt gesagt hatte, aber der Pfarrer wuste auch nicht, was er sagen sollte; doch als er sich ein wenig bedacht hatte, so sagte er: Hört Lange, geht doch einmal zum Doctor Röder, der versteht so etwas, der kann Euch vielleicht etwas nützliches rathen, an Hexerey denkt nur ja nicht, das ist Aberglaube, und der Aberglaube ist eine himmelschreyende Sünde.
Der Doctor Röder wohnte eine Stunde weiter zu Friedenshausen, Fritz nahm also seinen Stock in die Hand, und gieng dahin; nun erzehlte er auch dem Doctor alles, der Doctor bedachte sich ein wenig, dann fragte er den Fritz, was er seinem Vieh zu fressen gäbe? Fritz antwortete: sein Vieh bekäme nichts als [Sp. 2:] Gras und Klee und frisches Wasser, dann gieng auch seine Frau alle Abend und graste an den Hecken und Rainen allerhand Grünes zusammen, womit sie den Abend das Vieh fütterte. Jezt schlug der Doctor einen Schnipps mit der Hand und sagte: da haben wirs, eure Frau soll einmal etliche Wochen lang nicht grasen, so wird Euer Vieh gesund bleiben; dann erkundigt Euch doch einmal, wo sie gegrast hat, und behaltet den Ort, ich komme in etlichen Tagen durch Buchenberg, dann will ich mit Euch dahin gehen, und zusehen, was da für Kräuter wachsen. Endlich gab er dem Fritz noch Medicin mit.
Fritz gieng ziemlich beruhigt nach Haus; seiner Kuh gab er die Arzney ein, und sie wurde bald wieder recht gesund; Dorothee hörte auch auf zu grasen, und nun wurde ihm auch keine Kuh mehr krank, und nach dreyen Tagen kam auch der Doctor Röder nach Buchenberg. Er besuchte den Fritz und gieng mit ihm dahin, wo seine Frau immer gegraset hatte, da fand er nun zwar schönes Graswerk, aber zwischen dem Gras stand viele junge Wolfsmilch, Schierling und allerhand giftige Kraut in Menge; nun erklärte der Doctor dem Fritzen alle die Kräuter, und wie schädlich sie dem Vieh wären. Fritz merkte sich das, er bedankte sich bey dem Doctor für den guten Rath, und nahm sich nun in Zukunft in acht.
Das war also die Hexerey! hätte nun Fritz dem Vieharzt geglaubt, so hätte Dorothee immerfort da gegraset, das Vieh wäre ihm also der Reihe nach gestorben, und eine unschuldige Frau wäre in Verdacht gekommen. Nun lebt wohl, liebe Bauersleute! übers Jahr erzehle ich weiter.
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1796. / welches ein Schalt=Jahr ist; / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-12: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - Hier heißt es S. 3: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes. / Ich hab' Euch einige Jahre her viel schönes / und nützliches von dem Dorfe Buchen= / berg erzehlt, jezt bin ichs nun einmal müde, / immer von dem Jakob und seinen Nachbarn zu reden; ich will also etwas anders anfangen, das Euch eben so gut, wo nicht noch besser, ge= / fallen soll. ..." Leineweber Gottlieb und seine Frau Catharine sowie deren Sohn Friedrich, dem einzigen überlebenden Kind von etlichen des Ehepaars. S. 10-12 sind engstens gedruckt; darin die Geschichte vom Seelenverkäufer.
 
 
[S. 3, Sp. 1:] Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
Ich hab' Euch einige Jahre her viel schönes und nützliches von dem Dorfe Buchenwald erzehlt, jezt bin ich nun einmal müde, immer von dem Jakob und seinen Nachbarn zu reden; ich will also etwas anders anfangen, das Euch eben so gut, wo nicht noch besser, gefallen soll.
In einem ziemlich großen Dorf in Deutschland, wohnte ein Leinweber, der hieß Gottlieb, und seine Frau Catharine, beyde hatten nichts als sie sich heuratheten, er war ein Handwerksbursche, der aber sein Handwerk recht gut verstand, und seine Catharine diente bey dem Herrn Pfarrer als Küchenmagd. Nachdem sich die beyden geheurathet hatten, so mietheten sie sich ein Häuschen mit einem kleinen Garten daran, und da sie beyde recht fleissig waren, und von Herzen Gott fürchteten, so segnete sie auch unser Herr Gott, so daß sie recht ordentlich, wie's braven Handwerksleuten zukommt, leben konnten.
So giengs einige Jahre fort, Gottlieb webte fleißig, und seine Catharine spulte ihm, versah den Garten, gieng auch wohl in Taglohn, und so kamen sie ohne Nahrungssorgen von einem Tage an den andern; Catharine bekam auch einige Kinder, sie sturben aber alle bis auf das älteste, welches ein wackrer bra= [Sp. 2:] ver Junge war, der sich recht gut schickte. Dieser Knabe hieß Friedrich. Dieser Friedrich wurde fleißig in die Schule geschickt, er lernte auch brav, und bestand in der Kinderlehre immer am besten; das kam aber auch viel daher, weil seine Eltern christliche Leute waren, die zu Haus unter sich von Gott und seinem Wort redeten, und das Gebät nicht versäumten. Ihr glaubt nicht, meine lieben Bauersleute! wie sehr das zu einer guten und Gott gefälligen Kinderzucht hilft, wenn die Eltern selbst fromm und gottesfürchtig leben und ihren Kindern mit einem guten Exempel vorgehen.
Endlich kam aber das Hauskreuz mit vollem Maaße: Gottlieb wurde schwächlich, allmählig bekam er die Lungensucht und dann die Auszehrung; jezt konnte nun der arme Mann nichts mehr verdienen, die gute Catharine arbeitete nun beständig im Taglohn, um sich und ihren kränklichen Mann und ihr Kind durchzubringen, aber das konnte sie nun auch bald nicht mehr, denn ihr Gottlieb wurde bettlägerig und mußte Aufwartung haben, jezt war also die Noth groß, aber Catharine verzagte nicht, oft gieng sie in eine Ecke allein, fiel dann auf die Knie und bätete so zum himmlischen Vater im Verborgenen mit heissen Thrä= / C 2 nen. [S. 4, Sp. 1:] nen, daß er sie doch nicht verlassen möchte, und Gott erhörte sie: denn der gute Pfarrer bey dem sie ehemals als Küchenmagd gedient hatte, lebte noch, dieser nahm sich ihrer treulich an, denn ober wohl selbst nicht reich war, so that er doch was er konnte, und munterte dann auch die Bauern im Dorf auf, daß sie ebenfalls die armen Gottliebs Leute unterstützten.
Endlich starb Gottlieb als ein wahrer Christ, er gieng mit Freunden in die seelige Ewigkeit über, und befahl Gott seine Frau und sein Kind recht herzlich, seine letzten Worte waren: Traut auf Gott, der wird euch nicht verlassen noch versäumen; der Herr Pfarrer aber hielt dem frommen Gottlieb eine schone Leichenpredigt über den Text: Psalm 126, V. 5 und 6. Die mit Thränen säen, werden mit Freuden erndten, sie gehen hin und weinen und tragen edlen Saamen, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. Nicht lange aber nach dieser Leichenpredigt gieng es dem frommen Pfarrer eben so, er starb auch, und nach einem halben Jahr kam ein neuer Pfarrer dahin, der von dem seel. Gottlieb, seiner Catharine, seinem Sohn und von allen Umständen nichts wußte; er lernte nun wol die Wittwe Catharine und ihr Kind kennen, fragte auch wol die Leute im Dorf, was die Catharine für eine Frau wäre? Da sagten ihm dann die Nachbarn, ihr Mann sey ein Leinweber gewesen, der nichts gehabt hätte, und die Catharine hätte auch nichts gehabt, da hätten sie dann geheurathet; nun sey de Mann gestorben und das Dorf hätte nun seine Last mit der Frau und dem Kind, und müßte sie am Ende noch gar erhalten. So sprachen die Leute im Dorf gar lieblos von der guten Catharine und ihrem Kinde: denn sie hätten doch bedenken sollen, daß man gegen Gottes Vorsehung nichts kann; hätte unser Herr Gott den seel. Gottlieb gesund und am Leben erhalten, so hätte er sich mit Frau und Kin= [Sp. 2:] dern recht gut nähren können, daß er aber nun so lange kränklich war, und endlich starb, das war je seine Schuld nicht; wer ein Handwerk gut versteht und gesund ist, der hat auch das Recht eine brave häusliche Frau zu nehmen.
Nun was geschah? - Die Catharine gieng beständig in Taglohn, und ihr Friedrich, der nun zehn Jahr alt war, sponne fleißig Baumwolle, so daß sich also die arme Wittwe wieder rechtgut nährte, aber wie es dann bey abergläubischen Leuten geht, die fromme christliche Catharine kam in Verdacht, daß sie eine Hexe wäre, und das gieng so zu: sie half einsmals in des Schulzens Haus waschen; da nun gerad die Magd aufs Feld geschickt war, so sagte des Schulzens Frau zur Catharine, sie sollte melken! die gute Wittwe that das gerne, sie molk das Vieh und siehe da! die beste Kuh gab Blut anstatt Milch, und nicht lange nach dem Melken trauerten alle Kühe und wollten nicht fressen; das gab nun sogleich Verdacht, man wollte eben nichts sagen, aber man war doch schon mürrisch gegen die Catharine.
Anstatt, daß nun der Schulz hätte zu einem verständigen Arzt gehen und ihn um Rath fragen sollen, gieng er zu einem alten Scharfrichter, der Geister bannen konnte; dieser fragte nun gleich, das Vieh sey behext, und gab ihm Zaubermittel mit, die der Schulze auch fleißig brauchte, sie halfen aber nichts, und es gieng lange Zeit dazu, bis das Vieh wieder zurecht kam. Das Uebel kam nun von nichts anders her, als von schädlichen Kräutern, die das Vieh auf der Weide gefressen hatte, aber was halfs? die fromme Catharine, diese christliche brave Frau, mußte das Vieh behext haben.
Nun hatte aber in dem Land die geistliche und weltliche Obrigkeit sehr scharf verboten, daß man jemand der Hexerey beschuldigen sollte, das wußten die Bauern, sie hielten also auch die Sache ganz geheim, sagten sichs aber untereinander ins Ohr, so daß es doch jeder= / man [S. 5, Sp. 1:] man erfuhr. Von nun an war die fromme Catharine verlassen, niemand gab ihr mehr Arbeit, und sie hätte Hungers sterben müssen, wenn sie nicht Gelegenheit gefunden hätte, mit Baumwollspinnen sich zu ernähren, das gieng aber so knap her, daß sie kaum das liebe Brod hatte.
Lange konnte die arme Wittwe nicht begreifen, woher es doch kommen möchte, daß kein Mensch mit ihr umgehen wollte, endlich aber erfuhr sie es; jezt weinte sie Tag und Nacht, und kränkte sich so, daß sie endlich auch die Auszehrung bekam und bettlägerig wurde. Nun gieng erst recht ihr Leiden an: denn sie konnte nun nichts mehr verdienen, kein Mensch bekümmerte sich um sie, und ihr Friedrich war auch nicht im Stande, seine Mutter mit dem Baumwollspinnen zu ernähren, indessen thate doch der arme Junge was er konnte, er schlief kaum sechs Stunden, Morgens war er früh auf und sponne dann bis in die späte Nacht, das reichte aber nicht zu, denn er mußte auch seiner kranken Mutter aufwarten.
Endlich sahe die arme kranke Catharine keine Hülfe und keinen Rath mehr, und dennoch blieb sie vest in ihrem Glauben und Vertrauen auf Gott, sogar der kleine Friedrich tröstete sie und sagte ihr oft den Spruch vor, den er in der Kinderlehre gelernt hatte: Der Herr thut, was die Gottesfürchtigen begehren, er erhörete ihr Schreyen und hilft ihnen. Oft bäteten dann Mutter und Kind miteinander und weinten bittere Thränen.
Vielleicht fällt Euch wol der Herr Pfarrer ein; vielleicht fragt ihr in Euerem Gemüth, ob sich der nicht um die kranke Catharine bekümmert habe? - Es thut mir leid, daß ich Euch nicht so viel Gutes von ihm sagen kann, als von dem verstorbenen Pfarrer; ja er gieng wohl zuzeiten hin, gab ihr dann auch wol ein paar Pfennige, auch wol zuzeiten einen Batzen, aber was half das? Er hätte [Sp. 2:] die ganze Gemeinde zur Wohlthätigkeit aufmuntern, und sie zur Liebe und zum Mitleid gegen die arme Frau aufwecken sollen, aber das thät er nicht, folglich mußte die gute Seele mit ihrem lieben Kinde vieles leiden.
Wenn die Noth am grösten, so ist Gottes Hülfe am nächsten; Catharine und ihr Knabe hatten Gott vertraut, und in der Probe ausgehalten, jezt sollten sie auch nun errettet werden.
Eine kleine halbe Stunde von dem Dorf war noch ein kleines Dorf, hier wohnte ein alter Mann, Namens Jakob, er war ein sehr geschickter Schreiner, was aber noch weit mehr zu bedeuten hatte, er war ein wahrer Christ, ein durchaus rechtschaffener Mann. Seine Frau, die alte Salome, war eben so fromm, wie ihr Mann, sie hatten vier Kinder, zween Söhne und zwo Töchter; den ältesten Sohn hatte er bey sich ins Haus verheurathet, er hatte aber seine eigene Haushaltung; der zweyte Sohn hatte sich auswärts verheurathet, die älteste Tochter hatte einen Bauern, und die jüngste Tochter war noch ledig und half den Eltern.
Nun trug es sich zu, daß der armen kranken Catharine ihr Friedrich einsmals über Feld gehen mußte, um gesponnene Baumwolle wegzutragen und ungesponnene zu holen; auf dem Wege begegnete ihm der alte Schreinermeister Jakob. Dieser alte Greiß hatte noch so gute Augen, daß er sehen konnte, daß der kleine Friedrich geweint hatte, er stand also still und fragte den Knaben:
Jak. Junge! wo bist du her?
Friedr. ich bin von Bruchhausen (so hieß das Dorf, wo seine Mutter wohnte.)
Jak. Von Bruchhausen? - Wie heißt dann dein Vater?
Friedr. Mein Vater war der Leinweber Gottlieb, der ist aber nun lange beym lieben Gott im Himmel, und ich wollte, ich und / C 3 meine [S. 6, Sp. 1:] meine Mutter wären auch da (er weinte wieder.)
Jak. Gehts Euch denn übel?
Friedr. Ach du lieber Gott! gar übel! - meine Mutter ist nun bald ein halb Jahr krank, ich spinne von vier des Morgens bis des Abends um zehn, aber ich kann doch nicht so viel verdienen, als wir beyde brauchen, und dann muß ich auch noch meiner Mutter aufwarten.
Jak. Geben Euch denn die Bruchhäuser Leute nichts?
Friedr. Kein Mensch sieht sich nach uns um.
Jak. Kommt denn der Herr Pfarrer nicht zu deiner Mutter?
Friedr. O der Herr Pfarrer! - Ja dann und wann!
Jak. Warum gehst du dann nicht längs den Thüren und bittest um etwas?
Friedrich sahe den Jakob mit Unwillen an, und sagte: Meister Jakob! ich soll betteln? - Nein, das thue ich nicht!
Jak. Du hast recht Junge! - aber wenn nun endlich kein Rath anders mehr wäre?
Friedr. Nun ja! dann müßte ich wol, aber der liebe Gott wird uns ja dafür bewahren, ich und meine Mutter wollen so lange bäten, bis uns Gott das Betteln schenkt.
Nun gieng Friedrich seines Weges, der Meister Jakob aber hatte nun nichts nöthigers zu thun, als die kranke Catharine zu besuchen, spornstreichs lief er, so gut es seine alten Beine vermochten, nach Bruchhausen, und suchte die arme Wittwe auf; man zeigte ihm ihr kleines baufälliges Häuschen, er gieng dahinein und fand die kranke christliche Mitschwester auf einem Strohsack elend darnieder liegen; freundlich setzte sich Jakob bey ihr Bett auf einen dreybeinigen hölzernen Stuhl, und sagte:
Ich hab' Eueren Jungen auf dem Feld angetroffen, der hat mir Euere jämmerliche Um= [Sp. 2:] stände erzehlt; der Junge gefiel mir wohl, er will nicht betteln, sondern so lang bäten und arbeiten, bis Gott hilft, ist das auch Eure Meynung?
Cathar. Ja freylich! ist das auch meine Meynung; ich hab' viel ausgestanden, Meister Jakob! aber ich habe mich immer vest an den lieben Gott gehalten, der wird mir nicht inehr [sic; mehr] auflegen, als ich tragen kann, und mich nicht verlassen.
Jak. Das wird er auch gewiß nicht! - aber wie kommts denn, daß Euch die Leute hier im Dorf gar nicht beystehen, die Bruchhäuser sind doch sonst eben nicht unbarmherzig?
Jezt erzehlte im Catharine die ganze Geschichte mit der Hexerey; der alte Jakob schüttelte den Kopf und sagte: das ist Hexerey, wenn man die Nothleidenden verläßt; aber verlaßt ihr Euch auf Gott und auf mich; Ihr sollt keinen Mangel leiden.
Catharine weinte für Freuden, sie faltete die Hände, sahe gen Himmel und dankete Gott in ihrem Herzen.
Nun wanderte der fromme Jakob wieder nach Haus, unterweges wars ihm so wohl, wie es einem immer ist, wenn man was recht Gutes vor hat; die Sonne schien ihm nun noch einmal so schön als vorher, und es war ihm, als wenn er empfände, daß unser Herr Gott nahe bey ihm wäre. Als er nun nach Haus kam, so erzehlte er seiner Salome die ganze Geschichte mit Catharine; die gute Frau hörte das alles aufmerksam an, und antwortete: Jakob, da müssen wir Rath schaffen; spann du den Ochsen in die Karre, ich will Stroh und Bettwerk darauf legen, und dann wollen wir beyde hin nach Bruchhausen und die Catharine holen; Jakob schwieg still, gieng und jochte den Ochsen, und spannte ihn in die Karre; Salome holte Stroh und Bettwerk und setzte sich dann auf die Karre, denn sie war nicht wohl zu Fuß, / sie [S. 7, Sp. 1:] sie nahm auch etwas Quetschenmuß und Weißbrod mit, um die Kranke damit zu laben. So fuhren die beiden Alten in Gottes Namen nach Bruchhausen und hielten vor dem alten Häuschen der guten Catharine still. Die Nachbarn guckten aus den Fenstern, was es da geben sollte. Die Mannsleute kamen auch nach und nach herangeschlendert und standen von ferne, um zu sehen, was der Jakob da machen wollte. Jakob aber kehrte sich an nichts, er legte seinem Ochsen Heu vor, und gieng dann in die Stube zu der Kranken, wohin seine Salome schon vorher gegangen war; die gute Frau labte die Kranke mit ihrem Quetschenmuß und Weißbrod, und erzehlte ihr dabey, daß sie nun mit nach Kirschenhofen gehen sollte, wo sie recht gut verpfleget werden sollte. Das Dorf, wo der Meister Jakob wohnte, hieß Kirschenhofen. Die fromme Catharine konnte nichts anders als weinen und Gott danken, sie drückte der Salome einmal ums andere die Hand, und wußte keine Worte zu finden, die kräftig genug waren, um dem Jakob und seiner Frauen ihre Erkenntlichkeit an die Tag zu legen.
Als nun alles bereit war, so nahmen Jakob und seine Frau die kranke Katharine zwischen sich, und führen sie langsam hinaus zur Karre. Das wenige, was Catharine noch an Hausrath hatte, wurde mit dazu gepackt. Nun klagte aber Catharine, daß sie noch die Hausmiethe von diesem Jahr schuldig wäre; seyd Ihr zufrieden, sagte Jakob, die will ich bezahlen; Catharine konnte nichts als weinen.
Nun standen wol zwanzig Menschen, Männer, Weiber und Kinder da herum, Jakob rief also: Kommt Euer einer her, der mir die kranke Frau auf die Karre heben hilft! Alle schwiegen, aber keiner kam, der helfen wollte, dann jedem war angst, die Catharine möcht ihn behexen.
Kommt denn keiner? rief endlich Jakob. - [Sp. 2:] Nein! sagte ein Bauer, das wagt unser keiner, seht Ihr, wie Ihr zurecht kommt! - Jakob ward böse, und sagte: Ihr mögt wol eher Hexenmeister seyn, als andere ehrliche Leute. Die Bauern scholten wieder, Jakob aber schwieg, und faßte die Frau, wie man ein Kind aufhebt, und legte sie auf die Karre, und seine Frau setzte sich zu der Kranken. Hier fehlte nun Jakob, daß er die Bauern Hexenmeister hieß, er hätte das nicht thun sollen, aber was halfs, es war nun geschehen. Als er nun eben wegfahren wollte, so kam ein Bauer schnell aus dem Felde gelaufen, es war der Mann, dem das Häuschen gehörte, in welchem die Catharina gewohnt hatte. Halt! rief der Mann, ich lasse die Frau nicht weg, bis ich mein Geld habe; Jakob erkundigte sich, wer er sey? Als er nun von der Catharina hörte, daß e der Hausherr sey, so sagte er: ich bezahle die Miethe! - Ja aber sogleich, rief der Bauer. Nun ja, versetzte Jakob, Ihr sollts noch heute haben, und zwar vom ganzen Jahr, obgleich noch ein Vierteljahr fehlt; nun war der unbarmherzige Mann zufrieden, und sagte: so fahrt dann in Gottes Namen!
Jezt kam auch der kleine Friedrich, er machte gewaltig große Augen, als er seine Mutter auf der Karre sah; als er aber hörte, wie die Sachen stunden, so hüpfte und sprung er umher und dankte Gott recht kindlich.
Nun giengs los; Friedrich wollte aber gerne seine Mutter selber fahren, er sagte: er möchte auch gern etwas bey der Sache thun; Jakob erlaubte ihm das gerne, und gab ihm die Peitsche in die Hand.
Nun kamen sie bald nach Kirschenhofen: Mariechen, Jakobs jüngste Tochter, stand an der Thüre und wartete, sie hatte schon oben im Haus eine reinliche Kammer mit einem Bett in Ordnung gebracht; dahin wurde nun die kranke Catharine gebracht, und so gut ver= / pflegt, [S. 8, Sp. 1:] pflegt, als wenn sie ein Kind im Haus gewesen wäre; auch Friedrich wurde an Kindesstatt aufgenommen; jezt war nun den guten Leuten geholfen.
Aber einige Tage hernach wurde Jakob vor das Amt citirt, er konnte nicht begreifen, was er da thun sollte, aller er erfuhr es bald: denn als er dahin kam, so hörte er, daß ihn die Bruchhäuser Bauern verklagt hatten, weil er sie Hexenmeister gescholten hätte.
Als nun der Amtmann dem Jakob die Klage vorhielt, und ihn fragte, ob das wahr wäre, so redete der Jakob folgendergestalt:
Herr Amtmann! Sie wissen, daß ich noch nie wegen eines Verbrechens verklagt worden bin; jezt hab' ich nun freylich gefehlt, und ich bitte um gnädige Strafe, aber diese Leute, die da neben mir stehen, habens darnach gemacht. Denken Sie! sie haben dem seel. Leinweber Gottlieb seine brave Frau für eine Hexe gehalten; die Bruchhäuser haben ihr deswegen keine Arbeit mehr gegeben, sie haben sie darben lassen, und in ihrer Krankheit nicht unterstützt, sie wäre vergangen in ihrem Elend, wenn ich sie mit ihrem Kinde nicht zu mir ins Haus genommen hätte, um sie bis an ihr Ende zu versorgen. Als ich sie nun auf meiner Karre abholen wollte, und diese Männer alle da herum standen, und ich sie bat, daß sie mir doch die Frau möchten helfen auf die Karre heben, so sagten sie: sie hülfen mir nicht, denn das wagte keiner. - Nun sagen Sie selbst, Herr Amtmann! warum wagte das wohl keiner? Ich wußte das wohl, weil man sie im ganzen Dorf für eine Hexe hielt; dies ärgerte mich nun, so daß ich sagte: Ihr mögt wol eher Hexenmeister seyn, als andere ehrliche Leute; nun weiß ich wohl, daß ich das nicht hätte sagen sollen, aber der Zorn thut nie, was vor Gott recht ist; aber Herr Amtmann! wenn Sie's erlauben, so will ich aus der Bibel beweisen, daß diese Männer da eine Zauberey= [Sp. 2:] sünde begangen haben, und wer eine Zaubereysünde begeht, der muß doch wol ein Zauberer, das ist: ein Hexenmeister seyn.
Der Amtmann lächelte und sagte: nun das beweist mir dann einmal! Jakob antwortete, das will ich thun! nicht wahr, Herr Amtmann! es wäre doch wol eine christliche Pflicht gewesen, daß mir die Männer da, die Frau hätten helfen aufladen?
Amtm. Allerdings!
Jakob. Was nun eine christliche Pflicht ist, das hat unser Herr Gott geboten, das müssen wir also thun.
Amtm. Gewiß müssen wir das thun.
Jakob. Wenn wir es nun aber nicht thun, so sind wir ungehorsam gegen Gott, nicht wahr?
Amtm. Freilich sind wir das.
Jakob. Ganz recht! nun steht aber 1 Buch Samuel 15, V. 23. Denn Ungehorsam ist eine Zauberey=Sünde; wenn nun diese Männer da dem Gebot Gottes ungehorsam gewesen sind, so haben sie eine Zaubereysünde begangen, und wer die begeht, der ist ein Zauberer oder Hexenmeister.
Der Amtmann lächelte, und sagte zu den Bruchhäusern: nun was habt Ihr dagegen einzuwenden?
Nichts, antwortete einer, als daß wir alle, der Jakob da, der Herr Pfarrer, der Herr Amtmann und unser Fürst selbst, auf die Weise Hexenmeister wären, denn alle Menschen sind Sünder.
Der Amtmann mußte nun noch mehr lachen, und antwortete: Ja das ist wahr; wie wollt Ihr Euch da heraus helfen, Meister Jakob?
Ja, sagte Jakob lachend, da sitze ich freylich eben so gut im Koth, wie wir alle, ich bitte um gnädige Strafe. Nun sprach der Amtmann zu den Bruchhäusern: Seyd Ihr zufrieden, wenn Euch der Jakob um Vergebung bittet? O ja! sagten sie: er muß aber auch noch etwas an unsre Armen geben. Nun / trat [S. 9, Sp. 1:] trat der gute Jakob herzu, gab jedem von den Bruchhäuser Bauern die Hand, und bat ihn um Vergebung. Als das geschehen war, so fragte der Amtmann den Jakob, ob er die arme Catharine aus seinen eigenen Mitteln verpflegen wollte? - Jakob antwortete: das nicht allein, sondern ich will auch noch für ihr Kind sorgen. Jezt sagte der Amtmann zu den Bruchhäusern: glaubt ihr, daß es recht sey, wenn der Jakob nun auch noch etwas an eure Armen geben müßte?
Die Männer schämten sich, und antworteten: Nein! er thut genug.
Aber nun, fuhr der Amtmann fort: jezt wären wir also mit dem Meister Jakob fertig, aber mit Euch, Ihr Bruchhäuser! bin ichs noch nicht; Ihr werdet nächstens mehr von mir hören. Nun ließ er die Leute nach Haus gehen.
Bald nachher ließ der Amtmann die ganze Bruchhäuser Gemeinde vor Amt citiren, hernach auch alle Weiber; da brachte er dann die Hexereysache bald heraus. Der Schulze wurde abgesetzt, weil er und seine Frau die Catharine in das böse Gerücht gebracht hatte, und alle die etwas zu dem Geschwätz beygetragen hatten, wurden nach Befinden mit Geld bestraft, - der alte Scharfrichter aber, der die Hauptursache an allem war, wurde ins Zuchthaus gebracht; das war nun auch ganz recht, denn dahin gehörte er.
Als nun die Catharine bey dem Jakob war, und so gut verpflegt wurde, so erholte sie sich zwar wieder, aber es währte doch nicht lang, so starb sie an der Auszehrung.
Nun war der Friedrich ein armer Waysenknabe, der alte Jakob nahm sich zwar seiner an, so lang er lebte, allein er starb auch bald hernach, als Friedrich erst im dreyzehnten Jahr war; die alte Salome konnte sich seiner nicht mehr annehmen, und dem jungen Mann und seiner Frauen war auch schon die alte Mutter zu viel im Haus, geschweige daß er auch den Betteljun= [Sp. 2:] gen, wie er ihn nannte, hätte dulden sollen, er jagte also den armen Friedrich an einem Morgen früh fort, in die weite Welt.
Da gieng nun der arme Friedrich so über das Feld hin, es war im Frühling des Morgens, die Vögel singen schön, und Feld und Wiesen waren schön grün, und der Wald auch, und allenthalben glänzten die schönsten Blumen in der lieben Sonne. Der gute Junge weinte sehr, er hatte zwar gute Kleider von dem seel. Jakob bekommen, auch hatte ihm Salome einige Hemder gemacht, die er in einem Bündel auf dem Rücken trug, aber er hatte doch keinen Heller Geld, und auf den Mittag nichts zu essen; er konnte auch nichts anders als Baumwolle spinnen, und dazu hatte er nun keine Gelegenheit, doch fiel ihm ein, er wollte einmal zu dem Mann gehen, für den seine seel. Mutter gesponnen hatte, vielleicht gäbe ihm der wohl etwas zu verdienen, er gieng also dahin, aber der Mann wollte ihm keine Baumwolle geben; du könntest mir damit fortgehen und sie verkaufen, sagte der unbarmherzige Mann, und jagte ihn fort.
Nun wußte der arme Friedrich keinen Rath, er lief über die Straße hin, und weinte laut, so daß es einen Stein hätte erbarmen mögen, denn er fieng auch an hungrig zu werden, und wuste nicht, wo er ein Stück Brod bekommen sollte; da er nun so daher gieng und weinte, so fiel ihm ein, daß er mit seiner seel. Mutter so oft gebätet, und daß sie beyde der liebe himmlische Vater oft unversehens versorgt hätte, er gieng also hinter eine Hecke und bätete: Lieber Gott! gieb mir doch heute ein Stück Brod! dann bätete er noch allerhand, und schlenderte dann seines Weges fort. Ungefehr nach einer halben Stunde sahe er einen Fuhrmann vor sich hinfahren, er gieng also geschwinder bis er zu ihm kam; der Fuhrmann sah den Jungen an, er war ein hübscher artiger Knabe, denn ein Kind, das gut erzogen wird, und Gott fürchtet, das wird artig; der Friedrich gefiel dem Fuhrmann, er / C 4 fieng [S. 10, Sp. 1:] fieng also ein Gespräch mit ihm an, und da erzehlte nun Friedrich dem Fuhrmann alles, wie es seiner seel. Mutter und ihm gegangen hätte; dem Fuhrmann kamen die Thränen in die Augen. Nun war der gute Junge hungrig, und doch scheute er sich etwas zu sagen, aber dem Fuhrmann fiels ein, er fragte also: bist du hungrig? Blöde sagte der Friedrich, Ja! alsbald machte der Fuhrmann seinen Knappsack auf, und machte dem Jungen ein Butterbrod, welches ihm treflich schmeckte. Jetzt fiel dem Knaben ein, wie Gott sein Gebät hinter der Hecke so gnädig und so bald erhöret hatte, er wurde herzlich froh, dankte dem lieben Gott, und versprach ihm, daß er nun auch recht brav seyn wollte.
Als nun der Friedrich das Butterbrod gegessen hatte, so fragte ihn der Fuhrmann: ob er wol mit ihm gehen wollte, er wolle ihn versorgen, er sey aber weit her, aus einem fremden Land? O Ja! antwortete der Junge mit Hüpfen und Springen, ich will wol mit Euch gehen bis nach Amerika.
Nein so weit nicht, sagte der Fuhrmann, ich fahre nach der großen Stadt Bremen, du sollst mit mir dahin gehen, und dann fahre ich wieder nach Haus ins Hannöverische, dahin will ich dich mitnehmen, wir wollen dann schon sehen.
Jetzt war der Friedrich froh und versorgt, der Fuhrmann packte auch sein Bündelchen auf seinen Wagen und schnitte ihm dann einen haselnen Stock aus einem Strauch, und so zogen die beyden miteinander ihre Straße.
Endlich kam der Fuhrmann mit seinem Jungen nach Bremen, hier ließ ihn der Fuhrmann im Wirthshaus, und er lude dann seinen Wagen ab, und versahe seine Geschäfte in der Stadt. Während der Zeit kam ein reicher Bauer aus dem Budjadinger Land, welches nicht weit von Bremen ist, und wo es erstaunlich viel Vieh und vortrefliche Butter giebt, in das Wirthshaus; der Bauer sahe den artigen Knaben da sitzen, er gefiel ihm wohl und fieng an mit ihm zu reden; Friedrich erzehlte dem reichen Bauern alles, was er auch dem Fuhrmann erzehlt hatte, und wie ihm der Fuhrmann auf der Straße gefunden und mitgenommen hatte. Der Bauer schwieg nun still, bis der Fuhrmann kam, nun redeten die beyden miteinander; der Bauer wollte den Jungen gern haben, und der Fuhrmann wollte ihn gern behalten, endlich gab sich der Fuhrmann drein, und sagte zum Bauern: weil Ihr ihn besser versorgen könnt als ich, so will ich ihn Euch mitgeben. Der Bauer nahm also den Friedrich mit ins Budjadinger Land.
Dieser brave und reiche Bauer hieß Diedrich Petersen, er war noch jung und hatte eine rechtschaffe= [Sp. 2:] ne Frau und fünf Kinder, zween Söhne und drey Mädchen, das älteste war ein Knabe, der eben so alt war als der Friedrich, er hieß Peter. Nun hatte der Diedrich Petersen einen eigenen Schulmeister in seinem Hause, der ein vortrefflicher Mann war, denn er unterrichtete die Kinder nicht allein im Christenthum, sondern er führte sie auch ernstlich zur wahren Gottesfurcht an, und lehrte sie dann auch sehr gut lesen, schreiben und rechnen, auch lehrte er sie sonst noch viel nützliches, so daß des Diedrichs Kinder die frömmsten und geschicktesten im ganzen Lande waren. Das alles lernte nun auch der Friedrich; Diedrich und seine Frau hielten ihn ebenso wie ihre eigene Kinder, und die Kinder liebten ihn auch gerade so, als wenn er ihr leiblicher Bruder gewesen wäre, es wurde gar kein Unterschied unter ihnen gemacht. Mit der Zeit wurde Friedrich auch zum Abendmahl confirmirt, und da er wohl gewachsen war, so gefiel er jedermann, er war ein überaus artiger Bursche.
Diedrich Petersen war, wie ich schon gesagt habe, ein reicher Bauer, er hatte selber viele große und schöne Kühe, von denen er des Jahrs etliche Centner Butter machte, dann kaufte er auch noch Butter von andern Bauern dazu, und fuhr dann damit nach Bremen und nach Hamburg, wo er sie mit großem Profi an Bürger und Kaufleute verkaufte; er nahm dann bald seinen Peter, bald noch den Friedrich mit, um sie zum Butterhandel anzuführen; dann seine Meynung war, der Friedrich sollte mit der Zeit den Butterhandel anfangen, er wollte ihm dann ein Stück Geldes dazu vorschießen.
Als nun der Friedrich achtzehn Jahr alt war, so schickte Diedrich, weil er nicht recht wohl war, seinen Peter und den Friedrich mit einer Karre Butter nach Hamburg, sie kamen glücklich dort an und verkauften auch die Butter mit großem Nutzen. Als nun der Peter und der Friedrich so vor den Wirthshaus stunden und froh waren, daß sie so gut gehandelt hatten, so kam ein dicker starker Kerl, der einem Viehhändler ähnlich war, daher gegangen, er sahe die zween Burschen eine Weile an, dann fragte er sie, wo sie her wären? Aus dem Budjadinger Land, sagten sie; der Mann fragte ferner: was macht Ihr denn hier, Ihr werdet Butter zu verkaufen haben? Sie antwortete: Ja! wir haben sie schon verkauft; der dicke Kerl fuhr fort; mein Bruder möchte gern zehn Centner Butter haben, er verkauft sie an die Schiffleute, Ihr könnt einen guten Handel mit ihm machen, denn er bezahlt sie theuer, kommt mit, ich will Euch zu ihm führen, dann könnt Ihr den Kauf mit ihm schliessen.
Peter und Friedrich freuten sich aus der maßen / über [S. 11, Sp. 1:] über diese schöne Gelegenheit, und Peter sagte zu seinem Kammeraden: Hör, Friedrich! gehe du mit und schliesse den Kauf, ich will bey den Pferden bleiben. Nein! geht Ihr beyde mit! rief der Fremde; Peter aber erwiederte: das geht nicht an, es muß jemand bey den Pferden seyn. Nun gieng also Friedrich mit dem dicken Kerl fort.
Die beyden giengen eine Weile durch enge Nebengassen, und kamen endlich an ein altes abgelegenes Haus, vor dem ein Schild hieng, als wenns ein Wirthshaus wäre, hier kehrten sie ein; sie giengen nun durch das Haus durch, dann durch einen Hof, und traten nun in eine sehr große Stube, wo viele junge starke Kerle sassen, einige soffen, hasselirten und lärmten, andre sassen da stille und traurig, wieder andre weinten und heulten und rissen sich die Haare vom Kopf. Friedrich machte gewaltig große Augen, er wusste nicht was er sagen sollte, der dicke Kerl aber sprach nun, hier warte ein wenig, mein Bruder wird sogleich kommen, dann gieng er fort, und Friedrich sahe ihn nicht wieder. Ungefehr nach einer Stunde kam der Wirth herein, der sahe nun den Friedrich mit einem stieren Blick, wie ein Ochse, von Haupt zu Fuß an, und sagte dann: du bist ein ganzer Kerl! du wirst dein Glück machen. Friedrich wollte von dem Butterhandel reden, aber man lachte ihn aus, und nun erfuhr er zu seinem größten Schrecken, daß der dicke Kerl ein Seelenverkäufer war, und daß er nun Matrose, das ist Schiffsknecht, werden sollte. Der arme Friedrich fiel auf die Knie, er flehte und bate und weinte wie ein Kind, man möchte ihn doch nach Haus gehen lassen, aber das half alles nicht, man lachte ihn nur aus, er mußte sich darin ergeben. Nun setzte er sich in höchster Traurigkeit hinter den Ofen, und dachte über seinen Zustand nach, jetzt kams ihm recht zustatten, daß er in aller Gottesfurcht erzogen worden; er bätete also beständig in seinem Herzen, und spürte nun bald den Trost in seiner Seelen, daß ihn auch Gott auf dem Meer bewahren, und ihn auch da glücklich machen könnte; nach und nach gewöhnte er sich daran, und tröstete sich mit dem Gedanken, daß er nun viele fremde Länder sehen, und merkwürdige Dinge lernen und erfahren werde.
Während der Zeit wartete der gute Peter im Wirthshaus mit Schmerzen auf seinen Kammeraden, aber er kam nicht; endlich klagte er dem Wirth seine Noth, und erzehlte ihm, wie der dicke Kerl zu ihnen gesprochen, und daß Friedrich mit ihm fortgegangen seye. Der Wirth erschrack, und antwortete: Ach Gott! das ist ein Seelenverkäufer gewesen! - Peter ward fast ohnmächtig für Schrecken, [Sp. 2:] er wollte augenblicklich zur Obrigkeit laufen, aber man sagte ihm, daß das nichts hülfe: denn erstlich wisse man ja in der großen Stadt nicht, wo man ihn suchen sollte, und dann sehe auch die Obrigkeit den Seelenverkäufern durch die Finger, um der Holländer willen: denn die Schiffsknechte würden nicht für die Stadt Hamburg, sondern für die Holländer geworben. Nun war also nichts weiter zu thun. Peter mußte seinen Kammeraden Gott befehlen, und wieder nach Haus fahren, und auch Diedrich und alle seine Leute trauerten lange des Friedrichs wegen, denn sie verzweifelten ganz und gar, daß sie ihn jemals in ihrem Leben wieder sehen würden.
Während der Zeit saß der arme Friedrich noch immer in dem abgelegenen Wirthshaus in der großen Stube hinter dem Ofen, unter einer Menge roher Kammeraden, die ihn auch zum Saufen und zur Liederlichkeit verführen wollten. Er bekam etwas Handgeld, dafür ließ er sich eine Bibel kaufen, an welche hinten ein Gesangbuch gebunden war, man lachte ihn zwar aus mit seiner Bibel, aber darum bekümmerte er sich nicht, sondern er verwahrte sie wie einen kostbaren Schatz und sie war sein bester Freund, mit dem er sich immer unterreden konnte. Da er nun noch nichts zu thun hatte, so saß er immer hinter dem Ofen und las in seiner Bibel. Die schlechte Kost, die er bekam, bekümmerte ihn nicht, denn er war von Jugend auf an schlechtes Essen gewohnt, auch schlief er auf dem Stroh ganz ruhig, denn er hatte ein gutes Gewissen.
Als der Friedrich sechs Wochen an diesem traurigen Ort zugebracht hatte, so sollten nun alle neu angeworbenen Schiffsknechte, deren zusammen sechzig waren, nach Amsterdam gebracht werden; daher wurden sie an einem Morgen früh, unter einer Begleitung von Soldaten an die Elbe geführt, so heißt das große Wasser bey Hamburg; hier brachte man sie alle auf ein Schiff, das Schiff fuhr nun ab, und so giengs dann auf Holland los. Die sechzig Rekruten mußten nun schon auf dem Schiff anfangen Dienste zu thun, viele waren ungehorsam und wollten sich nicht schicken, aber Friedrich dachte: unser Herr Gott hat nun einmal dies Unglück über mich verhängt, ich hab mich ja mit Wissen und Willen nicht drein gestürzt; er will nun haben, daß ich Schiffsknecht seyn soll; nun so will ichs dann auch gerne und treulich seyn, und meinen Vorgesetzten in allen Dingen gehorchen, und thun was ich kann.
Die Reise nach Amsterdam währte nicht lang, sie gieng recht gut vonstatten; dort wurden alle die neuen Schifsknechte nun alle wieder in ein großes wohl= / verwahr= [S. 12, Sp. 1:] verwahrtes Haus gebracht, damit keiner entlaufen konnte; hier waren sie aber nicht lange, denn es gieng ein Schiff nach Ostindien, auf welchem sie dienen sollten. Friedrich machte sich nichts daraus, er hatte sich in den Willen Gottes ergeben, er freute sich sogar auf die große Reise und die vielen fremde Länder, alle die schönen Städte und große wunderbare Thiere zu sehn, aber es kam ganz anders als er gedacht hatte.
An einem Morgen früh kam ein Schiffs=Oficier ins Matrosenhaus, wo die Schiffsknechte waren, und nun hieß es: Marsch! - sie giengen alle fort durch die Stadt, bis ans Meer, hier waren nun große Nachen, darinn brachte man sie, und führte sie darinnen zu dem großen Schiff, das wohl eine Stunde weit, dort auf dem Meer war, weil bey der Stadt das Wasser für die großen Schiffe nicht tief genug ist. Als sie nun an das Schiff kamen, so mußten sie hinauf steigen; oben stund ein Schreiber, der sie alle mit Namen und Zunamen aufschrieb, und sie dann die Treppe hinunter unten ins Schiff weiß, wo ein großer dunkler Behälter mit Menschen voll gepropft war, so daß Friedrich kaum einen Platz fand, wo er stehen konnte, und doch kamen noch immer mehrere dazu; hier war nun das Stoßen, das Lärmen und der Gestank so groß, daß Friedrich kaum Odem schöpfen konnte, er glaubte, er könnte es nicht ausstehen, er drängte sich also wieder zur Treppe und wollte hinauf steigen, um frische Luft zu schöpfen, aber es trat ihn einer von oben her so hart auf den Kopf, daß er darnieder fiel, dann brüllte einer von oben herab: bleib drunten, du Vieh! Friedrich mußte also wieder in das stinkende Loch zurück und geduldig seyn.
Als nun alle Schiffsknechte im Schiff waren, die dazu gehörten, es waren ihrer hundert und achtzig, die alle unten in dem Behälter steckten, so kam einer mit einem dicken Seil, so lang wie ein Arm, sie nennen es das Endgen, und befahl, daß sie alle oben auf das Schiff gehen sollten; nun giengs die Treppe hinauf, wer nun nicht geschwind lief, der bekam mit dem Endgen einen Hieb in die Seite, daß er laut schrie und taumelte. Friedrich merkte sich das und eilte was er konnte. Oben auf dem Schiff mußten sie nun helfen die Kaufmannswaaren in das Schiff laden, das war eine schwere Arbeit, und es gab Hiebe genug mit dem Endgen, Friedrich aber bekam keinen Schlag, weil er immer sehr hurtig, und im Arbeiten der vorderste war.
Das Einladen dauerte lang und die Arbeit war sehr schwer, Friedrich meynte oft, er müßte für Müdigkeit, Hunger rund Durst zu Boden sinken, aber was halfs, es mußte gearbeitet seyn, wenn man nicht das Endgen schmecken wollte, und das schmeckte sehr bitter. Endlich wars geschehen und nun bekam jeder eine Schüs= [Sp. 2:] sel mit Erbsen und Stockfisch, das schmeckte vortreflich, aber nun kam auch ein Zuber voll Bier, der wurde dahingestellt; als aber Friedrich sahe, wie der eine mit dem Hut, den er von seinem Grindkopf nahm, und der andere mit seiner Schüssel, worinn noch Erbsen und Stückelchen Stockfisch hingen, das Bier aus dem Zuber schöpfte und trunk, so eckelte ihn das dergestalt, daß er unmöglich trinken konnte, ob er gleich erschrecklich durstig war, er mußte alles brechen, was er nur im Leibe hatte. Dieses sahe ein Officier, dieser hatte Mitleiden mit ihm, und brachte ihm Bier in einem Krug, woran er sich dann wieder herzlich erquickte, doch so giengs nicht immer, er mußte sich an das schweinische Leben gewöhnen, denn es war nicht zu ändern, wenn er nicht für Hunger und Durst sterben wollte.
Zu diesem Jammer kam nun noch ein neues Unglück: denn nach etlichen Tagen fande Friedrich daß er am ganzen Leibe voll Ungeziefer war, das war nun ein eckelhaftes erschreckliches Uebel, allein er ertrug alles geduldig, reinigte sich so gut er konnte, und dachte, Gott würde ihm beystehen.. So dauerte das vierzehn Tage, nun war das Schiff zum Abfahren bereit, es gieng auch wirklich Nachmittags um vier Uhr in das weite Meer hinaus, und nun bekam es Friedrich etwas besser, denn die Schiffsknechte hatten nun nicht so viel mehr zu thun.
Vierzehn Tage hatten sie schon gefahren, als sie zwischen Spanien u. England das Biscaische Meer kamen, bis dahin hatte alles gut gegangen, aber nun stieg von Abend her, ein schweres Gewitter auf, es war so schwarz wie die Nacht, der Wind fieng mit starken Stößen an zu blasen, nun kamen hohe Wellen wie Berge von Abend her, diese huben das Schiff auf, bis an die Wolken, und dann sank es wieder tief hinab, bald lag das Schiff auf dieser, bald auf jener Seiten, so daß alles drunter und drüber gieng. Das Schreyen und Lärmen der Schiffsleute, das Donnern und Blitzen, das Bäten und Fluchen durcheinander, und nun das Hin= und Herschleudern des großen Schiffes, das alles machte dem guten Friedrich so bange, daß er sich nicht zu rathen noch zu helfen wußte, er weinte und bätete während der schweren Arbeit, wobey er dann immer in beständiger Todesgefahr war, es war ihm erschrecklich zu Muth. Dieser Sturm dauerte vier und zwanzig Stunden, und als sich das Wetter wieder aufheiterte, so waren sie so nahe an England gekommen, daß sie es von weiten schon sehen konnten. Da nun vieles am Schiff beschädigt war, so beschloß der Schiffs=Capitain, nach Plymouth in England zu fahren, welches eine Stadt am Meer ist, um das Schiff wieder ausbessern zu lassen; niemand freute sich mehr darüber als Friedrich, denn er wars auf dem Meer schon herzlich müde, u. er glaubte, wenn er nur einmal wieder auf vestem Boden wäre, so wäre ihm geholfen.
Das Schiff fuhr also nach Plymouth, wie es da nun dem Friedrich weiter ergangen ist, das sollt ihr künftiges Jahr, geliebts Gott, in Euerem Kalender lesen.
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1797. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-9: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes."
 
 
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
Ich hoffe, die Erzehlung von den Schicksalen des armen Friedrichs, wie er seiner guten kranken Mutter so treulich beystand, wie der fromme Meister Jakob ihn und seine Mutter mit nach Kirschenhofen in sein Haus nahm und verpflegte, wie ihn nach Jakobs und seiner Mutter Tod der Sohn im Haus wegjagte, wie er da zu einem Fuhrmann kam, der ihn mit nach Bremen nahm, wo ihn ein Bauer aus dem Budjadinger Land mit sich nahm, und ihn so schön erzog; wie er, nachdem er nun groß geworden war, auf den Butterhandel nach Hamburg kam, wo er von den Seelverkäufern weggenommen wurde, dann nach Holland, und da auf ein Ostindisches Schiff kam, wie er auf dem Schiff auf dem Meer Sturm erlitt, und nun mit dem Schiff zu Plymouth in England wieder ans Land kam, dies alles, meine lieben Landsleute! werdet ihr nun gelesen und auch behalten haben, folglich will ich nun weiter erzehlen, wie es dem guten lieben Friedrich ergangen ist. [S. 3, Sp. 1:]
Zu Plymouth in England fuhr das Schiff ans Land, damit es wieder geflickt und ausgebessert werden möchte; wer nun auf dem Schiff krank war, der wurde in ein Lazareth gebracht, Friedrich war aber gesund, er mußte also brav helfen arbeiten; das that er nun wohl gerne, aber, lieber Gott! ihm graute für der Seereise, wenn er nun in etlichen Wochen mit dem Schiff wieder fortmüßte, er bat daher den lieben Gott herzlich, er möchte ihm doch helfen, daß er von dem Schiff wegkäme, allein er bätete vergebens; denn der liebe Gott wußte besser was ihm gut war, und er konnte ihn auf dem Wasser so gut bewahren als auf dem Trockenen. Indessen hofte Friedrich doch noch immer auf Rettung, aber sie kam nicht; endlich, nach etlichen Wochen war das Schiff wieder im Stande; alles was nun gesund war, mußte mit fort, folglich auch Friedrich.
Jetzt giengs aber nun besser; sie hatten das schönste Wetter von der Welt, und da sie auch guten Wind hatten, so kamen sie schnell weg; / C 2 jetzt [S. 4, Sp. 1:] jetzt dankte unser Friedrich dem lieben Gott, denn er fühlte es in seinem Herzen, daß Gott mit ihm war, und daß Er ihn bewahren, und noch glücklich machen würde. So vergiengen etliche Wochen, bis sie ans Vorgebürge der guten Hofnung kamen, dies gehörte damals den Holländern, und es ist eine schöne Stadt da, wo man sich nach einer so langen und schönen Reise wieder etwas erquicken kann Hier blieb aber das Schiff nicht lange, sondern da es so schön Wetter war, so schifften sie weiter, und kamen endlich, nachdem sie ein halb Jahr auf der Reise gewesen waren, vor der schönen und großen Stadt Batavia in Ostindien an.
Friedrich war gesund und nun schon des Seelebens gewohnt; da nun das Schiff bald ausgeladen war, so hatte er wenig zu thun, und er konnte sich ein Verdienst suchen. Nun konnte er aber gut schreiben und rechnen, das hatte er bey dem Diedrich Petersen im Budjadinger Land gelernt, jetzt kams ihm recht zu paß: denn in Batavia war ein reicher Holländer, der mit allerhand seltenen Kräutern handelte, die er in den Bergen da herum sammeln ließ, dieser Holländer hieß Claaß; bei diesen Herrn Claaß kam unser Friedrich in Dienste, wo ers nun recht gut hatte, und sich viel Geld verdiente.
Nun mußte aber unser Friedrich zuweilen mit in die Berge gehen, damit er auch die Kräuter und Wurzeln recht kennen lernte; einsmals gieng er auch mit einem Knecht des Morgens früh fort, weil sie den Tag etwas weit ins Gebirge gehen wollten, beyde hatten Flinten, um sich gegen die wilden Thiere wehren zu können; als sie nun gegen Mittag tief im Walde waren, und an nichts böses dachten, so sahen sie neben sich einen Baum, und mit dem grausamsten Schrecken sahen sie eine große Riesenschlange, welche mannsdick und über dreißig Schuh lang war, diese hatte sich um den Baum hinaufgeschlungen, und kuckte [Sp. 2:] nun mit ihrem gräßlichen Kopf und schrecklichen Augen zwischen den Aesten herab, auf die zween Menschen. Friedrich und der Knecht standen da starr und todtenblaß, und ehe sie sichs versehen, schoß die Schlange von oben herunter auf den Knecht, und hatte ihn schon bis an die Hüften im Rachen, ehe sich Friedrich besinnen konnte; jezt sprang er aber etliche zwanzig Schritte zurück, und schoß die Schlange auf den Kopf, aber das war so viel, als wenn er ihr eine Erbse an die Stirne geschnellt hätte, es gab nicht einmal Blut, die Schlange kehrte sich an nichts, sondern kaute an dem armen Kerl fort. Jezt lief nun Friedrich fort, und weinte laut um den armen Kerl; als er nun wieder aus dem Gebirge heraus, und ins ebene Land kam, so gieng er in die Häuser, die da herum lagen, um die Leute zu bewegen, daß sie mitgiengen, im die Schlange umzubringen, allein dazu konnte er niemand bewegen: denn dort macht man sich aus so etwas nicht viel, weil es oft geschieht, und weil es eine sehr gefährliche Sache ist, solche Schlangen zu jagen; er gieng also wieder zu seinem Herrn nach Batavia, dem er nun auch das Unglück erzehlte, allein auch dieser zuckte blos die Schultern, und machte sich weiter nicht viel draus. Friedrich aber mochte nun nicht mehr ins Gebirge gehen, er blieb nun zu Haus und half seinem Herrn, der auch wohl damit zufrieden war.
Friedrich war nun etwa ein Vierteljahr bey Herrn Claaß gewesen, als einsmals an einem Vormittag ein fein gekleideter Mann, der hochteutsch redete, ins Haus kam. Dieser Mann gefiel dem Friedrich ausserordentlich, und Friedrich gefiel auch dem Mann gar sehr, beyde redeten miteinander und Friedrich mußte dem Manne erzehlen wo er her sey, und wie es ihm in der Welt gegangen sey; während dem Erzehlen kamen dem Mann oft die Thränen in die Augen; denn ihr müßt wissen, meine lieben / Lands= [S. 5, Sp. 1:] Landsleute! daß die mehresten; die nach Ostindien kommen, zu Haus schlechte Burschen gewesen sind, die ihre Eltern nicht haben hören wollen, oder die sonst etwas Böses gethan haben, oder sonst zu Hause kein gut thun wollten; als daher der Mann hörte, daß Friedrich kein so schlechter Kerl gewesen wäre, sondern daß ihn der liebe Gott auf wunderbaren Wegen dahin geführt hätte, so gewann er ihn noch lieber, und sagte zu ihm: Hört, lieber Freund! wenn ihr mit mir gehen wollt, so will ich euch glücklich machen; Ja, antwortete Friedrich, wenn ich vom Schiff loskommen könnte, so wollte ich gern mitgehen. O! sagte der Mann, dafür will ich sorgen; dessen war nun Friedrich sehr wohl zufrieden.
Herr Werner, so hieß der Mann, gieng als weg, des Nachmittags kam er wieder, und brachte dem Friedrich seinen Abschied, so daß er nun gehen konnte, wohin er wollte.
Nun setzten sich die beyden, Herr Werner und Friedrich zusammen auf ein Schiff und fuhren nach der Insel Ceylon, wo sich Herr Werner aufhielt; hier hatte er eine Handlung, in welcher er viel Geld verdient hatte, er hatte keine Frau und Kinder, sondern nur einen Bedienten und eine Magd, und Friedrich half ihm schreiben und rechnen. In diesem Hause giengs gar fromm und christlich zu, und es war dem Friedrich so wohl, als es ihm in seinem Leben nie gewesen war. Ach, meine lieben Landsleute! wenn ihr nur wüßtet wie wohl es einem thut, wenn man so recht christlich lebt, fromm ist, fleißig bätet und arbeitet, und dann Gott vertraut, ihr würdet euch gewiß alle Mühe geben, recht fromme Christen zu werden.
Friedrich war drey Jahre bey dem Herrn Werner, und es gieng ihm da aus der maßen wohl, allein diese frohe angenehme Zeit nahm auch ein Ende; Herr Werner wurde kränklich und bekam die Auszehrung, Friedrich sahe das, und weinte bitterlich, allein was war zu [Sp. 2:] thun? - Indessen wartete er seinem Herrn treulich auf, blieb Tag und Nacht bey ihm, und las ihm bald etwas erbauliches vor, bald bätete er mit ihm; hier wurde nun Friedrich erst ein wahrer frommer Christ: denn nichts erbaut und bessert den Menschen mehr, als der Umgang mit frommen Kranken, und nichts ist auch dem lieben Gott und unserm Herrn Jesu Christo angenehmer, als wenn man dem kranken Mitmenschen treulich aufwartet, besonders, wenn des Kranke arm ist, das war nun wohl Werner nicht, sondern der war sehr reich.
Endlich giengs mit dem guten Herrn Werner zu Ende; als er daher anfieng, sehr schwach zu werden, so ließ er einsmals an einem Abend den Friedrich zu sich kommen, und sprach zu ihm: Lieber Friedrich! ich fühle, daß es nun mit mir zu Ende geht, daher will ich dich nun noch bescheiden, wie es nach meinem Tode gehen soll. Ich habe keine nahe Anverwandten in der ganzen Welt, die sind alle todt, und meine weitläuftigen Verwandten sind reich; da du mir nun so treu gedient hast, und da ich weiß, daß du fromm bist, und mein Vermögen wohl anwenden wirst, so vermache ich dir alles was ich habe; ich hab ein Testament gemacht, worinn ich meinem Bedienten und der Magd jedem zweytausend Gulden vermacht habe, das übrige alles, das ungefehr achtzigtausend Gulden beträgt, sollst du haben, schaffe Gutes damit und sey nur immer wohlthätig gegen die Armen; du wirst Seegen mit meinem Vermögen haben, denn es ist kein ungerechter Heller dabey.
Wie es bey diesen Worten dem Friedrich zu Muth war, das kann ich Euch nicht sagen; gern wär er allein in ein Eckelchen gegangen, da auf die Knie gefallen, und hätte Gott gedankt, allein das schickte sich nun da sogleich nicht, er thats also in seinem Herzen; und doch konnte er sich auch des Lautweinens nicht enthalten so leid that ihm das Sterben seines guten und frommen Herrn. / C 3 Zween [S. 6, Sp. 1:]
Zween Tage nachher starb Herr Werner sanft und seelig, und nun war Friedrich ein reicher Mann, denn nachdem er alles verkauft , und dem Knecht und der Magd das Ihrige gegeben hatte, so behielt er noch fünf und achtzig tausend Gulden übrig. Nun mochte aber Friedrich nicht mehr in Ostindien bleiben, sondern er wünschte von Herzen wieder nach Teutschland und in seine Heymath zurück zu kehren; sobald also wieder ein Schiff nach Holland abgieng, so setzte er sich mit seinem Geld in das Schiff, dankte Gott, und fuhr übers Meer dahin. Jezt war er nun ein anderer Kerl, als vor vier Jahren, wie er nach Ostindien reiste, aber er wußte auch wohl, wem ers zu verdanken hatte, darum nahm er sich auch vor, immer recht christlich und fromm zu leben, und den Armen Gutes zu thun.
Seht! so weiß unser Herr Gott alles wohl zu machen; er verkehrt das gröste Unglück in Freude und den Fluch in Seegen; allein es geht doch auch nicht immer so, daß man, wenn man viel gelitten hat, am Ende immer reich wird; Gott weiß was uns gut ist, manchem würde der Reichthum mehr schaden als nützen, solchen Leuten verspart der liebe Gott, wenn sie sonst fromm und fleißig sind, den Seegen auf jene Welt.
Nun giengs unserm Friedrich gut auf seiner Heimreise, zuweilen gabs wohl einen Sturm, aber daraus machte er sich nicht vielmehr, denn er war es gewohnt, und nachdem sie wieder ein halb Jahr unterwegens gewesen waren, so kam Friedrich mit seinem Gelde glücklich zu Amsterdam an.
Jezt dankte er wiederum Gott von Herzen; er hielt sich aber in Amsterdam gar nicht auf, sondern er eilt weiter. Zuerst nahm er sich vor, seinen zweiten Vater, den Dietrich Petersen im Budjadinger Land zu besuchen, er reiste also dahin, und trat in die Stube, gerade als eben Dietrich mit allen seinen Leuten am [Sp. 2:] Tisch saß. Anfangs kannten sie ihn nicht sogleich, denn er hatte sich verändert, aber der Sohn aus dem Haus, sein alter Freund Peter, erkannte ihn am ersten, der sprang nun auf, und rief: Gott im Himmel! unser Friedrich! und fiel ihm um den Hals; alle sprungen auf, weinten, lobten Gott, und umarmten ihn; auch Friedrich konnte sich des Weinens nicht enthalten. Hier blieb nun Friedrich etliche Tage; Dietrich hätte ihm gern eine seiner Töchter gegeben, allein Friedrich hatte andere Dinge im Kopf, er machte sich also wieder fort, und reiste n ach dem Dörfchen, wo er mit seiner seeligen Mutter in Armuth gelebt hatte; da giengs nun an ein Lärmen, und Zusammenlaufen und Verwundern, aber Friedrich kehrte sich nicht viel daran, sondern das erste was er thät, war, daß er das Häuschen kaufte, worinnen sein Vater und Mutter gewohnt hatten, dieses ließ er abbrechen, und ein schönes großes Haus dahin bauen. Nun wußten die Nachbarn nicht, wie der Friedrich zu all dem Geld kam, er sagte es aber auch keinem Menschen; denn er glaubte, das thäte den Leuten nicht nöthig zu wissen.
Jezt war nun Friedrich fünf und zwanzig Jahre alt, er hatte Geld und ein schönes Haus, nur fehlte ihm noch eine brave Frau, und wie er die bekam, das will ich Euch erzehlen.
Ihr werdet Euch noch des frommen Pfarrers erinnern, der Friedrichs Vater und Mutter so viel Liebe erzeigt hatte, und noch vor seiner Mutter gestorben war. Dieser brave Pfarrer hatte nun eine Wittwe zurückgelassen, die mit ihren zweyen Töchtern in größter Armuth lebte; die Mutter und die älteste Tochter waren kränklich, die jüngste Tochter aber war recht gesund, und nur erst zwanzig Jahr alt, aber sie hatte vierzigjährigen Verstand, und war sehr gottesfürchtig und fleißig: denn sie ernährte ihre Mutter und Schwester so gut sie konnte mit Nehen [sic; Nähen] und Spinnen. / Von [S. 7, Sp. 1:]
Von diesen guten Leuten wußte nun Friedrich nichts, und es fiel ihm auch nicht ein nach ihnen zu fragen, bis er endlich erfuhr, daß sie zwey Stunden von Bruchhausen in einem Flecken in einem armen Zustand lebten, und daß die jüngste Tochter Mutter und Schwester ernährte. Jezt erinnerte er sich des seeligen frommen Pfarrers wie er ihm erst die Gottesfurcht eingepflanzt habe, die ihm nun so nützlich gewesen sey, und wie er seiner seeligen Mutter in ihrer Noth so treulich beygestanden habe; diesen Leuten mußt du helfen, dachte er bey sich selbst, und flugs nahm er Huth und Stock, wanderte nach dem Flecken, und gieng in das Haus, in welchem die Wittwe mit ihren Töchtern wohnte.
Die Frau Pfarrerin mit ihren beyden Töchtern empfiengen den Friedrich höflich, aber sie kannten ihn nicht, und hielten ihn blos für einen Fremden, der etwas bey ihnen zu bestellen habe; doch hatten sie von dem Friedrich gehört, daß er aus der Fremde wieder gekommen sey, ein großes schönes Haus gebaut habe, und daß kein Mensch wisse, wie er zu dem Gelde gekommen sey, und was er nun anfangen wolle; daß aber der gegenwärtige Fremde der Friedrich sey, das ahneten sie nicht. Als er sich nun bey sie niedergesetzt hatte, so fieng er an: Ich bin der Friedrich, des Leinewebers Gottliebs und der armen Catharine Sohn, ich bin etliche Jahr in der Fremde gewesen, und da mir der seelige Herr Pfarrer in meiner Kindheit so viel Liebe erzeigt und auch meinen Eltern so viel Gutes gethan hat, so komme ich nun zu Ihnen, um zu hören, wie es Ihnen geht, und ob ich Ihnen auch wieder Gutes erzeigen kann?
Als nun die Frau Pfarrerin und ihre beyden Töchter hörten, daß er der Friedrich war, so verwunderten sie sich sehr, und sie freuten sich, daß er so gut aussahe, und nun ein Herr geworden sey. Doch hatte die Frau Pfarrerin noch eine Bedenklichkeit bey der Sache, darum sag= [Sp. 2:] te sie: Ach nehmen Sie mir doch nicht übel, lieber Herr Friedrich! ich muß Sie doch etwas fragen: wir hören, daß Sie ein so schönes Haus zu Bruchhausen gebauet haben, wie sind Sie zu dem vielen Geld gekommen? Ach verzeihen Sie mir, ich meyne es gut, Sie haben es doch nicht mit Unrecht gekriegt? Friedrich lächelte und sagte: Liebe Frau Pfarrerin! das nehme ich Ihnen gar nicht übel, Sie haben ganz recht, daß Sie darnach fragen, Gott soll mich für jedem ungerechten Heller bewahren! - denn an jenem Tage muß man von jedem Heller Rechenschaft geben, wie man ihn erworben hat, hat man ihn nun mit Unrecht erworben, so kann man nicht seelig werden: oder man müßte ihn in diesem Leben wieder an den rechten Mann gebracht haben.
Das ist auch wahr! sagte die Frau Pfarrerin.
Nun fuhr Friedrich fort, und erzehlte ihr und den beyden Töchtern seine ganze Geschichte; die drey Frauenspersonen verwunderten sich sehr, und lobten Gott für seine wunderbaren Wege.
Als nun der Friedrich auserzehlt hatte, so sagte die Frau Pfarrerin: Ach lieber Gott! es geht uns freylich knapp, aber wir behelfen uns, und sind zufrieden, wenn wir auch nur das trockene Brod haben; da, meine jüngste Tochter, meine Amalie, ernährt uns beyde mit ihrer Hände=Arbeit, der liebe Gott wird sie auch dafür seegnen. Die Jungfer Amalie wurde blutroth im Gesicht, und antwortete: Ach liebe Mutter! sage Sie das doch nicht, ich thue ja nur meine Schuldigkeit, wie viel Sorge und Mühe hat sie mit mir gehabt, ehe ich groß geworden bin, das kann ich ihr nimmermehr vergelten. Dieses Antwort gefiel dem Friedrich aus der maßen, und das Mädchen gefiel ihm auch, daher sagte er: Hören Sie Frau Pfarrerin! und auch Sie Jungfer Amalie! Sie können aus aller Ihrer Noth errettet werden, wenn Sie nur ein kleines / Geschenk [S.8, Sp. 1:] Geschenk von mir nehmen wollen; dies Geschenk geb ich aber nur der Jungfer Amalie, weil sie so fromm und gut gegen ihre Mutter ist; es ist aber noch die Frage, ob es auch die Jungfer Amalie will? Amalie wurde noch röther und sagte: wer so arm ist als wir, der ist auch mit einem kleinen Geschenk zufrieden. Nun sagte Friedrich: So will ich denn einmal probiren, ob Sie mein Geschenk nehmen werden, es ist mein Herz! Jezt verhüllte Amalie ihr Gesicht ins Schnupftuch, der Frau Pfarrerin aber und ihrer ältesten Tochter Sophie strömten die Thränen aus den Augen. Ich will Ihnen nun Zeit lassen, sich zu bedenken, fuhr Friedrich fort, heut über acht Tage komm ich wieder, und dann will ich hören, ob Sie auch mein Geschenk haben wollen? Jezt nahm Friedrich Abschied; die Frau Pfarrerin und ihre beyden Töchter konnten für Weinen nichts sagen, so bestürzt waren sie für Freuden über dies große Glück; denn daß Amalie noch einen so reichen, und dabey so frommen Mann bekommen würde, das war ihr niemals eingefallen. Indessen war es doch auch dem Friedrich bey den Pfarrers=Leuten ganz anders geworden als vorher; Amalie gefiel ihm aus der maßen, und in seinem Leben waren ihm keine acht tage länger geworden, als die, welcher er der Amalie zur Bedenkzeit gegeben hatte; indessen auch diese lange Zeit gieng herum, und am achten Tag des Morgens gieng er wieder zu seinen Pfarrers=Leuten, die er ganz froh und munter antraf; besonders war Amalie vergnügt, denn sie fand bald, daß ihr Bräutigam ein vortreflicher Mensch war, so wie er auch fande, daß er keine bessere Frau in seinem Leben würde bekommen haben, als eben diese Amalie.
Was soll ich Euch aber, meine lieben Landsleute! viel mit der Erzehlung von Friedrichs Hochzeit aufhalten, ihr habt ja alle mehr Hochzeiten erlebt, und wißt wie es da zugeht, es ist genug wenn ich Euch sage, daß Friedrich seine Schwiegermutter und Schwägerin zu sich [Sp. 2:] nahm, und sie von nun an, bis in ihren Tod, recht treu und christliche verpflegte und versorgte.
Hier muß ich Euch aber doch einige Erinnerungen geben, die Euch sehr nöthig und nützlich sind: Wenn Ihr Euere Söhne und Töchter verheurathet, so seht Ihr gemeiniglich auf Geld und Guth, und weniger auf Tugend und Häuslichkeit, das ist aber gar nicht recht. Wenn Euer Sohn nur eine gute Haushälterin kriegt, die fromm und brav ist, so ist er immer glücklicher, als wenn er eine reiche Frau bekommt, die reichen Weiber wissen gemeiniglich auch, daß sie reich sind, und wollen deswegen dem Manne nicht nachgeben, da giebts dann Leid und Unseegen in der Ehe; oder wenn eine solche reiche Frau auch keine gute Haushälterin ist, so geht wieder alles den Krebsgang, und mit dem Reichthum ists dann bald geschehen,
Ja, wenn man immer so alles beysammen haben könnte, so wäre das freylich gut, aber das ist ein seltener Fall; man muß also immer zuerst auf Häuslichkeit und Tugend sehen, und hernach auf den Reichthum.
Nun konnten sich aber die Bruchhäuser nicht gnug über den Friedrich verwundern; in allen Häusern wurde von ihm geschwatzt, und in den wenigsten sprach man Gutes von ihm: da sagte der Eine, ja wer weiß wo er das Geld gekriegt hat, man findets so nicht in er Welt, wer weiß ob ers nicht gestohlen hat; der andere sagte: er wird wohl bey den Seeräubern gewesen seyn, und mit an der Beute getheilt haben; dann fieng eine der Weiber an: Nein, Ihr wißt's alle nicht, ich weiß es besser, er hat was von seiner Mutter gelernt, die konnte mehr als andere Leute, wer weiß wie es uns hier im Dorf noch gehen wird, Gott wolle uns nur gnädig seyn! - Schweig still! sprach dann wieder einer, du weißt wies uns gieng, als wir seine Mutter für eine Hexe hielten, jezt könnte es uns noch schlimmer gehen, und wenn auch die seelige Catharine hätte Geld hexen / können [S. 9, Sp. 1:] können, so wäre sie nicht so arm gewesen. So schwazten die Bruchhäuser Leute zusammen, wenn sie des Abends so vor den Thüren standen, und die Männer ihre Pfeife Toback rauchten. [Sp. 2:]
Friedrich kehrte sich aber an das alles nicht, und daran that er auch wohl; denn das Geschwätz konnte ihm im Geringsten nicht schaden.
Künftiges Jahr erzehl ich nun weiter, wie es dem Friedrich ergangen ist.
 
 
"Hessen=Casselischer / Kalender / auf das / Jahr nach Christi Geburt 1798. / worinn / der Evangelische= neue Katholische= und alte Julianische Kalender, / ein Genealogisches Verzeichniß / der jetztlebenden höchst= und hohen Häuser in Europa, / und eine alphabetische / Tabelle der vornehmsten Messen und der Kram= und Vieh=Märkte, / sowol in hiesigen als benachbarten Landen / nebst / andern Kalender= und gemeinnützigen Sachen / enthalten sind. / [Wappen] / - / Mit hochfürstl. Heßischen gnädigstem PRIVILEGIO. / - / Cassel, im Druck und Verlag des Armen= Waisen= und Findelhauses."
S. 3-10: "Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes." - S. 10 heißt es abschließend: "[...] / wie Ihr nun hören werdet, wenn ich künftiges / Jahr wieder komme, bis dahin lebt wohl!" - Es folgt S. 11-12 der erste Teil einer langen Reiche von "Kurzgefaßte Geschichte der Deutschen seit der Erwählung Rudolfs von / Habsburg bis zum Tode Karls des Fünften, oder seit der Wiederher= / stellung des deutschen Königthums bis zum Religionsfrieden 1273-1558." - Damit endet der nachweisbare Teil der Beiträge von Jung-Stilling; s. o. 1787 zum Kalender.
In diesem Teil wird die Schüssel-Geschichte der "Jugend" ähnlich wie im Jg. 1795 wiederholt.
 
 
Fortsetzung der Erzehlungen des Bauernfreundes.
[S. 3, Sp. 1:] Vorm Jahr erzehlte ich Euch, meine lieben Bauersleute! wie der gute Friedrich geheurathet, und wie die Leute von ihm schwatzten und ihm Uebels nachsagten, das doch alles nicht wahr war; jezt will ich nun in meiner Erzehlung fortfahren.
Ihr werdet Euch noch erinnern, daß Friedrich in dem Dorf Bruchhausen wohnte, und die arme Pfarrers=Tochter, die Jungfer Amalie geheurathet hatte. Nun war aber ein alter Bauer in dem Dorf, der hies Tho= [Sp. 1: Thomas] mas; er und seine Barbe waren alt und steif von der vielen Arbeit; sie bewohnten ein Lehngut, auf dem sie sich zwar ehrlich genährt, auch keine Schulden gemacht hatten, aber sie hatten doch auch nichts übrig behalten. Diese beyden alten Leute hatten einen einzigen Sohn der Franz hies, der bey sie verheurathet war; bey dieser Heurath war auch der Reichthum die Hauptsache, und Tugend die Nebensache gewesen, wie das bey Euch Bauersleuten leyder! so gewöhnlich der Fall ist, und so / C 2 giengs [S. 4, Sp. 1:] giengs dann auch darnach, wie ich Euch nun weiter erzehlen will.
Der Franz und seine Liese wollten gern Herr und Frau im Haus seyn, daher gaben sie den alten Eltern auch gar gute Worte, sie möchten ihnen doch das Gut und die Haushaltung übertragen, sie sollten dann sehen, wie gut sie ihnen aufwarten, und wie sie sie so gut verpflegen wollten. Thomas und seine Barbe glaubten endlich ihren Kindern, sie übergaben ihnen das Gut und die Haushaltung, und behielten sich dann etwas vor, damit sie doch einen Thaler Geld in der Hand haben möchten. Im Anfange giengs eine Weile gut, aber bald fiengen Franz und Liese an mürrisch zu werden, die Alten lebten ihnen zu lang, dann assen sie ihnen zu viel, auch glaubten sie, die Eltern könnten wohl mehr arbeiten, und wenn der alte Thomas einen Kreuzer brauchte, so hatte sein Sohn Franz kein Geld, oder er brauchte es an einem andern Ort nöthiger, und so giengs endlich den beyden guten Alten so jämmerlich, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen.
Einsmals kam auch Friedrich durch das Dorf gegangen, er hatte eine Wiese besehn, die er kaufen wollte, um doch ein paar Kühe halten zu können; nun kam er vor Franzens Thür vorbey, wo der alte Thomas auf einem Klotz saß und weinte; nun geht's einmal einem Menschen, der nur noch einen Funken Gefühl von Gott und der Religion hat, durchs Herz, wenn er einen alten Graukopf weinen sieht, so giengs also auch dem Friedrich, er stund daher stille und fragte: warum weint Ihr, Nachbar Thomas? - Der alte Greis sah sich furchtsam um, ob Franz und Liese nicht in der Nähe wären; Dann [sic] sagte er leise: Ach lieber Herr Nachbar! - ich und meine Frau habens gar übel, wir haben nicht satt zu essen, wir leiden an allem Mangel, und haben keinen Frieden im Hause. Friedrich [Sp. 2:] sahe ihn starr an, und antwortete: Das ist ja abscheulich! kommt sogleich mit eurer Frauen zu mir! - Nun gieng Friedrich fort, der alte Thomas aber stund ganz steif auf, und krumm gebückt für Alter und Jammer suchte er seine Barbe, und als er sie fand, sagte er mit Freuden zu ihr: komm Barbe! wir sollen zum Herren Friedrich kommen, ich glaube der will uns etwas geben! - Barbe weinte für Freuden, und beyde stolperten langsam und gebückt zu Friedrichs schönem Hause hin; nun hatte Friedrich schon seiner Frauen, seiner Schwiegermutter und seiner Schwägerin erzehlt, was er thun wollte, und sie freuten sich alle darüber, denn sie waren gute und fromme Leute; als daher die beyden Alten kamen, so gieng Ihnen Friedrich freundlich entgegen, führte sie dann in die Stube, ließ sie sich setzen, und sagte zu ihnen; diesen Abend sollt ihr mit mir essen, seyd nun einmal recht froh, denn ich will Euch aus aller eurer Noth helfen. Wie sich die beyden Alten freuten, das kann ich Euch nicht sagen; sie assen mit dem Friedrich und seinen Leuten, und waren so munter, als wenn sie wieder jung geworden wären.
Als es nun Zeit Schlafengehens war, so sagte Friedrich: jezt geht ihr nun nach Haus und in Gottes Namen schlafen, Morgen sollt Ihr mehr von mir hören. Des andern Morgens aber schickte er seine Magd zu Franz und Liese, und lies ihnen sagen, sie möchten doch auf einen Augenblick zu ihm kommen; Franz und Liese kamen; als sich nun beyde gesetzt hatten, so setzte sich Friedrich zu ihnen und sprach: Gestern kam ich bey euerm Haus vorbey, und fand euern Vater vor der Thür sitzen und weinen; ich höre daß ihr mit den alten Eltern übel umgeht, ich hab euch also zu mir kommen lassen, um einmal mit euch davon zu reden, damit ihr euch nicht an euern Eltern versündiget. / Was [S. 5, Sp. 1:]
Was geht das euch an? fuhr alsbald Franz heraus, ich hoffe doch nicht, daß ihr im Dorf befehlen wollt!
Still! Still! fuhr Friedrich fort, es möchte euch sonst reuen; ich frage euch nur, ob ihr eure Eltern liebreich, so wie es Kindern geziemt, verpflegen wollt, oder ob ich es thun soll? Franz sprang auf und rief: ich frage noch einmal, was euch das angeht? - Nun stand auch Friedrich auf, und sagte ganz gelassen: das werdet ihr nun bald erfahren. Franz und Liese brummten und liefen fort. Nun fürchtete Friedrich, die beyden Alten möchten es entgelten müssen, er schickte hin und ließ ihnen sagen, sie möchten doch gleich zu ihm kommen; sie kamen mit Freuden, und Friedrich gab ihnen oben in seinem Haus eine Stube ein, wo sie so lange wohnen sollten, bis er die Sache in Ordnung hätte, dahin schickte er ihnen dann auch zu essen und zu trinken.
Nun war der Lehnsherr von Franzens Gut ein geheimer Rath der in der Stadt wohnte, zu diesem gieng Friedrich noch denselben Tag, und erzehlte ihm die ganze Sache; der Geheime Rath schüttelte den Kopf und sagte: ich habs wohl gedacht, daß es so gehen würde; der arme Thomas! er war ein guter frommer Lehnsmann, aber dem Ding will ich ein Ende machen, ich will den jungen Leuten das Gut wieder abnehmen und den alten geben; ich hab so viel Aergerniß mit dem Gut, ich wollt ich könnte es verkaufen. Ey! antwortete Friedrich, ich wills Ihnen abkauen; Topp! rief der geheime Rath, und beyde wurden des Handels bald einig, in wenigen Wochen war Friedrich Lehnsher von Franzens Gut.
Jezt war nun die Reihe an Franzen; er und seine Frau kamen und gaben gute Worte, und baten den Friedrich um Verzeihung. Die sollt ihr haben, antwortete Friedrich, [Sp. 2:] aber ich nehme Euch das Lehen wieder ab, und gebe es euern Eltern wieder, die sollen es dann behalten, so lang als eins von ihnen lebt, und wenn ich nur die geringste Klage höre, daß ihr sie nicht ordentlich behandelt, Seht! so jag ich Euch beyde weg, und gebe das Gut einem Fremden, oder nehme es selbst, und brauche es, oder ich verpachte es, den Ihr wißt daß ich das Recht dazu habe.
Von nun an hatten Thomas und Barbe Ruhe, und ihre Kinder verpflegten sie ordentlich, wie es auch recht und billig ist.
Wie sehr wäre zu wünschen, daß es in unserm lieben Vaterland keine Franzen und Liesen gäbe, aber lieber Gott! allenthalben giebts ihrer gnug, allenthalben findet man junge Leute, die sich so an ihren Eltern versündigen, und Gottes gerechten Fluch auf sich laden. An jenem Tage wird der gerechte Richter gewiß auch keine Barmherzigkeit mit solchen gottlosen Kindern haben, und auch hier schon müssen die jungen Leute gar oft in ihrem Alter von ihren Kindern das nämlich erfahren, was sie an ihren Eltern gesündigt haben.
Allemal, wenn ich so einen Gräuel sehe, daß die Kinder ihre alten Eltern so quälen und Mangel leiden lassen, so fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein, die ich erlebt habe, als ich noch zur Schule gieng. An dem Ort wohnte ein alter Hufschmied, der nur einen einzigen Sohn hatte, welcher bey ihm ins Haus verheurathet war. Dieser junge Mann war eben nicht so böse, auch seine Frau war nicht so übel, man hielt sie beyde für brave Leute; sie führten die Haushaltung, und der alte Vater gieng dann bey seine Kinder an den Tisch.
Im Anfang giengs gut, indessen wurde der alte Vater immer älter; er sahe endlich nicht viel mehr, und dann zitterte er auch gar sehr; daher kams dann, daß er am Tisch unreinlich aß, er verschüttete immer vieles aus dem Löffel / C 4 und [S. 6, Sp. 1:] und weil er nicht gut sehen konnte, so sah er das nicht, und so wars dann freylich unappetittlich mit ihm zu essen. Dies eckelte nun die jungen Leute, sie liessen also den alten Vater während dem sie assen, hinter dem Ofen sitzen, und gaben ihm seine Kost in einem irdenen Schüsselchen auf seinen Schooß. Daß es nun dem guten Alten sehr wehe thun mußte, sich von seinem eigenen Tisch, an dem er über siebzig Jahr gegessen, und an dem er seinen Sohn bey zwanzig Jahr ernährt hatte, ehe er sein eigen Brod verdienen konnte, vertrieben zusehen, das könnt Ihr leicht denken; allein der alte Graukopf sagte doch nichts, er schwieg still, und weinte dann und wann stille Thränen. Indessen bliebs noch nicht dabey, denn weil der alte Vater zitterte und nicht gut sahe, so fiel ihm oft das irdene Schüsselchen vom Schoos und zerbrach; das ärgerte nun die jungen Leute, daher kauften sie ihm eine hölzerne Schüssel, aus der er nun essen mußte. Das kränkte den alten Vater noch mehr.
Als das so etliche Wochen gedauert hatte, so saßen die jungen Leute einsmals des Mittags am Tisch; hinter dem Ofens aß der Alte mit seinem hölzernen Schüsselchen auf dem Schoos, und das kleine Kind, das einzige welches die jungen Leute hatten, ein Bübchen von drey Jahren spielte in der Stube mit kleinen Brettern, die der Knabe zusammenschleppte und damit baute. Ohne an irgend etwas zu denken, sagte der junge Mann zu dem Kind: Nun, Peterchen, was willst da denn da bauen? - Ich baue einen Trog, sagte der Junge, aus dem sollt Ihr essen, wenn ich einmal groß bin. Das gieng den beyden Eltern durch Mark und Bein, im Augenblick holten sie den alten Vater hinter dem Ofen weg, setzten ihn an den Tisch, und liessen ihn nun wieder mit aus ihrer Schüssel essen bis an seinen Tod, und das hölzerne Schüsselchen wurde niemals wieder gebraucht. [Sp. 2:]
So kann manchmal unser Herr Gott durch den Mund eines Kindes die Alten lehren und warnen; laßt Euch dies auch zur Warnung dienen, Ihr jungen Leute! die ihr Eure Eltern so schlecht behandelt; Gott straft jeden der sich an seinen alten Eltern versündigt, geschieht es auch nicht immer in diesem Leben, so geschiehts in der Ewigkeit gewiß. Nun will ich wieder erzehlen, wie es weiter mit dem Friedrich gieng.
Die Bruchhäuser Bauern waren beynahe alle dem Friedrich nicht gut, und er that ihnen doch gar nichts zu leyd, im Gegentheil er war ein recht guter Nachbar, und er that jedermann Gutes wo er nur konnte. Wie kams nun daß sie ihm nicht gut waren? - Da rathet einmal! - blos deswegen weil er als ein armer Junge im Dorf gewesen, und nun reich geworden war, das gönnten sie ihm nun nicht; war das nun recht? -allein Friedrich kehrte sich gar nicht daran, er war gegen jeden freundlich, und diejenigen die ihn am meisten haßten, die suchte er mit Liebe zu gewinnen, so wie es einem wahren Christen ansteht.
Indessen war es doch dem Friedrich gar nicht recht, daß er da saß und nichts zu thun hatte, und so blos von seinem Gelde und von seinen Interessen leben sollte; er glaubte er müßte doch auch in der Welt etwas thun, etwas nützliches schaffen, um seinem Nebenmenschen, und seinem Vaterland dadurch nützlich zu sein, und daran hatte er auch ganz recht.
Er baute also eine recht gut eingerichete Oehlmühle nahe bey das Dorf an den Bach; die Bauern lachten ihn damit aus, und dachten was er da mit der Oehlmühle machen wollte, aber er kehrte sich nicht daran, sondern fuhrt fort zu bauen und einzurichten bis er fertig war. Jezt fieng er nun an, und kaufte allenthalben Wintersaamen, Sommersaamen und Bucheckern ein, nahm dann einen guten Oehlmüller an, und fieng nun an Oehl / zu [S. 7, Sp. 1:] schlagen. Das machte er aber ganz anders als es gemeiniglich die Oehlmüller machen; denn er ließ allen Saamen erst kalt und sehr reinlich schlagen, dies reine und feine Oehl that er dann in reinliche Fässer allein hernach schlug er dann das noch übrige Oehl warm aus den Kuchen und Saamen; dies warm geschlagene Oehl that er dann in andere Fässer, eben so machte er es auch mit den Bucheckern.
Zugleich hatte er sich auch einen großen kühlen gewölbten Keller, in welchem er das Oehl in großen Lagerfässern verwahrte; ehe aber das Oehl in die Lagerfässer gethan wurde, war es in kleinen Fässern, wo es so lange abgezapft wurde, als es noch einen Bodensatz absetzte; dadurch wurde dann alles Oehl so rein wie Baumöhl, und wenn es dann vollends zwey Jahr alt wurde, so war das kalt geschlagene Oehl aus dem Winter= und Sommersaamen wie Schmelzbutter, so daß man recht wohl damit kochen und backen konnte.
So machte es Friedrich mit dem Oehl, er wartete zwey Jahr lang, ehe er mit dem Verkaufen anfieng; da war nun sein großer Keller voller Fässer, und alle Fässer waren voll Oehl, auf der einen Seite lag das kalt geschlagene, und auf der andern das warmgeschlagene Oehl, das erste verkaufte er theuerer, und das andere wohlfeiler, er verkaufte aber immer nur das älteste. Sobald nun die Krämer in der ganzen Gegend gewahr wurden, daß da Bruchhäuser Oehl eben so gut, und noch besser war als das Holländische, so konnte Friedrich nicht so viel Saamen bekommen und nicht so viel Oehl schlagen, als er verkaufen konnte, er bezahlte so den Saamen theuer, und legte noch ein Geläufe in seiner Oehlmühle an, so daß er auch noch einmal so viel Oehl machen konnte, auch vergrößerte er nun seinen Keller.
Jezt sahen die Bruchhäuser Bauern ein, daß Friedrich klüger war wie sie, und da er [Sp. 2:] ihnen auch ihren Saamen theuer abkaufte, so bauten sie so viel Saamen als sie nur konnten, und holten dann bey Friedrich das Geld dafür, das war ihnen nun eine gute Gelegenheit, und sie fiengen nun an dem Friedrich recht gut zu werden: denn durch den Saamenhandel wurden sie nach und nach immer reicher und wohlhabender, und Friedrich auch.
Dabey bliebs aber noch nicht; Friedrich bekam nun auch viel Bodensatz in seinen Oehlfässern: denn so oft er das Oehl aus den Fässern abzapfte, so fand er unten in den Fässern dickes unreines Oehl, einen Bodensatz, den man nicht brauchen kann; aber Friedrich wußte ihn wohl zu brauchen; denn er miethete sich einen Seifensieder, und lies Holländische Schmierseife daraus kochen, die wurde nun vortreflich, und die Krämer kauften sie ihm theuer ab; da er nun auch viel Holzasche zu dem Seifensieden brauchte, so kaufte er den Bruchhäusern alle ihre Asche ab, die sie in ihren Haushaltungen übrig hatten, und so lösten sie auch daraus Geld, welches sie vorhin nie gethan hatten; das alles gefiel nun den Leuten so wohl, daß sie den Friedrich erstaunlich lieb bekamen, und Gott dankten, daß er in ihr Dorf gezogen war.
Jezt wurde nun Friedrich nach und nach immer reicher, er gewanne viel Geld, aber er steckte es nicht in Kleiderpracht oder in Essen und Trinken, sondern er kleidete sich nett und ordentlich, und lebte gut, aber nicht unmäßig. Jezt war ihm das aber noch nicht genug, er wollte sich und andern noch mehr Nutzen schaffen; da nun auch der Waitzen [Weizen] dort wohl gerieth, so fieng er auch an Stärke zu machen; er miethete sich also einen jungen Menschen der es verstunde, kaufte dann Waitzen und machte Stärke und Puder. Als er nun sahe, daß es gerieth, so baute er ein besonderes Gebäude dazu, in welchem der Stärkemacher wohnen, und alle Arbeiten verrichten / konn= [S. 8, Sp. 1:] konnte. Die Stärke und das Puder geriethen natürlicher weise sehr gut, denn der Waitzen war gut, und es wurde auch alles so gemacht wie mans machen muß.
Nun gabs aber bey der Stärkefabricke viel Abfall, daher kaufte nun auch Friedrich magere Ochsen die er damit mästete, fein machte, und verkaufte, so g abs Geld an allen Enden, und weil auch Friedrich ein frommer und gottesfürchtiger Mann war, so segnete ihn auch der liebe Gott, und wenn er ihm auch zuzeiten ein Hauskreutz schickte, so diente es nur zu seinem Besten, und machte ihn nicht unglücklich. Das Mästen der Ochsen gieng sehr gut, er hielt auch Schweine die er fett machte, und so konnte er auch die Oehlkuchen aus seiner Oehlmühle noch recht gut zu Nutze machen. Jezt war also Friedrich ein ansehnlicher fabricirender Kaufmann geworden, er hatte nun einen großen Oehlhandel einen großen Seifenhandel, einen großen Stärckhandel und einen beträchtlichen Handel mit fettem Vieh, so daß er also weit und breit berühmt wurde.
Als nun Friedrich so recht im Werk und so ganz glücklich war,, und sich auch seine Frau und Kinder recht wohl befanden; so setzte ihn der liebe Gott auf eine harte Probe; wie das zugieng, das will ich Euch nun erzehlen.
Es war einsmals im höchsten Sommer, als Amalie, Friedrichs Frau, des Morgens früh ein kleines Kind draussen vor dem Stubenfenster weinen und wimmern hörte, sie erschrack, sprang auf, guckte zum Fenster hinaus, und sahe nun da ein neugebohrnes Kind auf der Erde sizen. Nun hatte sie selbst kleine Kinder, auch tränkte sie eben ein kleines, doch bedachte sie sich nicht lange, sondern sie zog sich etwas an, lief dann hinaus und holte das arme Würmchen herein. Friedrich der darüber wacker geworden war, sagte: liebe Amalie! da hat uns der liebe Gott eine [Sp. 2:] Gelegenheit geschenkt, Gutes zu thun, laßt uns das Kind mit dem unsrigen aufziehen. Amalie antwortete: O Ja! es ist ein hübsches Bübchen ich bins wohl zufrieden, drauf legte sie es an ihre Brust, tränkte es und reinigte es; das Kind konnte etliche Tage alt seyn.
Was sie aber beyde am meisten wunderte, das war, daß das Kind so hübsche Kleiderchen und so schöne Windeln und Wickelband hatte; das muß ein vornehmes Kind seyn, sagte Amalie, als sie es aufwickelte, um es zu reinigen; aber sie erstaunte noch mehr, als sie in den Windeln ein sammetnes Beutelchen fand, in welchem ein Ring und ein Briefgen war, da Briefgen lautet folgendergestalt:
"Nehmen Sie mir nicht übel, Hochgeehrter Herr! und hochgeehrte Frau! daß ich unglückliches Frauenzimmer es wage, dieses mein Kind Ihnen zur Verpflegung anzuvertrauen, wenn Sie wüsten wer ich bin, und wie unschuldig ich bin, so würden sie herzliches Mitleiden mit mir haben, und mir gern verzeihen![Jede Zeile beginnt mit den Anführungszeichen.] Erziehen Sie nur mein Kind in der Furcht Gottes, und lassen Sie es, wenn es am Leben bleibt, etwas lernen, womit es hernach sein Brod erwerben kann, wenns auch nur ein ehrliches Handwerk ist. Sollten sich einst meine Umstände ändern, so kann ichs Ihnen vielleicht vergelten, kann ichs aber nicht, so wirds Gott gewiß thun, Er, der keine Wohlthat unvergolten läßt; den Ring verwahren Sie meinem Kind als ein Andenken seiner unglücklichen Mutter."
Friedrich und Amalie verwunderten sich aus der maßen, als sie den Brief lasen, ja sagten sie beyde, wir wollen bey dem Kind unser Bestes thun. Gott erbarme sich seiner armen Mutter! Friedrich zeigte nun auch der Obrigkeit an, was geschehen war, und erklärte sich, daß er das Kind behalten und erziehen wolle. / Nun [S. 9, Sp. 1:]
Nun stand aber in dem Brief nichts davon, ob das Kind getauft wäre? - er zeigte dies also dem Pfarrer zu Bruchhausen an, der ein braver Mann war, und das Kind taufte; Friedrich vertrat Pathenstelle, und gab ihm den Namen Theodor, das heist auf teutsch von Gott geschenkt. Dann gab er ihm auch einen Zunamen; weil man die Herkunft des Kindes nicht wußte, so nannte er es Dunkel, das Kind hieß also Theodor Dunkel.
Indessen hatten die Bruchhäuser Weiber viel Redens von Friedrichs Findling; die eine wollte rathen wer seine Mutter wäre, die andere riethe auf den Vater; indessen kamen sie mit der Mutter nicht zurecht, aber den Vater funden sie bald, und das war der Friedrich selbst, ja der Friedrich wars, das war ihnen eine ausgemachte Sache.
So wie nun die klügste unter allen Weibern im Dorf des Jostens Catharina ausgemacht hatte, daß Friedrich Vater zu dem Kind wäre, so giengs wie ein Lauffeuer durchs ganze Dorf; die eine that dann noch etwas dazu, dann auch die andere, so daß man endlich die ganze Geschichte haarklein wuste, oder doch wenigstens zu wissen glaubte; das gieng so weit daß sogar die Männer das Ding glaubten, und die Kinder auf den Straßen davon schwatzten.
Von dem allem wußten nun Friedrich und seine Amalie nichts; ausser seine Schwiegermutter die alte Frau Pfarrerin erfuhr es am ersten; denn als sie einsmals im Garten war, so kam eine Nachbarin mit ganz betrübtem Gesicht zu ihr, und sagte: Ach liebe Frau Pfarrerin! weis sie dann auch wohl wer der Vater zu dem Findling ist, denn das ganze Dorf weiß es.
Die alte Mutter wunderte sich sehr, Nein! sagte sie das weiß ich nicht. Nun so will ichs Ihr sagen, antwortete die Nachbarin, aber [Sp. 2:] um Gotteswillen verrathe sie mich nicht, es ist der Herr Friedrich selber. Die Frau Pfarrerin lachte laut darüber, und versetzte: Nun wenn Ihr nichts ander wißt, so weiß ichs denn doch besser. Ey Herr Jemini! fuhr die Nachbarin fort, weiß Sie's besser, nun wer ist's denn? - Die Pfarrerin erwiederte: Ja das darf ich Euch nicht sagen, aber so viel weiß ich, daß mein Schwiegersohn nicht Vater zum Kind ist; da denk mir einmal einer an! sagte nun die Frau, was doch die Leute alles schwatzen.
Dabey bliebs nun, die Nachbarin gieng fort, und erzählte dann von Haus zu Haus, was die Frau Pfarrerin gesagt hatte, indessen bliebs doch dabey, der Friedrich mußte Vater zu dem Kind seyn.
Obgleich die Frau Pfarrerin das Ding nicht glaubte, so giengs ihr doch im Kopf herum, sie machte sich also fort und ging zum Friedrich auf seine Stube, und erzählte ihm was sie gehört hatte. Friedrich lachte nun zwar darüber, allein recht lächerlich war ihm die Sache doch auch nicht, allein was wollte er machen? - Er sagte zu seiner Schwiegermutter und zu seiner Frauen, es sey nicht wahr, sie glaubtens auch nicht, und dabey bliebs dann, indessen wurde denn doch Friedrich einsweilen für den Vater des Kindes gehalten, jedermann sahe ihn dafür an, und so bekam der brave rechtschaffene Mann für seine Menschenliebe und Frömmigkeit bey den Menschen einen sehr schlechten Lohn, aber desto besser wird er dafür in der Ewigkeit belohnt worden seyn; doch kams auch noch mit der Zeit heraus, daß er nicht der Vater zu dem Kind war, wie Ihr zu seiner Zeit in diesem Kalender lesen werdet.
Hier muß ich Euch, meine lieben Leser! eine nützliche Erinnerung geben, und ich bitte Euch, daß Ihr sie doch recht zu Herzen nehmt; es ist eine erschreckliche Sünde wenn man seinem Nebenmenschen etwas übels nachsagt - es ist / C 4 schon [S. 10, Sp. 1:] schon eine schwere Sünde wenns wahr ist: denn man soll seines Nächsten Fehler mit dem Mantel der Liebe zudecken, aber nicht ausbreiten; wenns aber nun vollends nicht wahr ist, so ist das Verbrechen noch viel größer und Gott wird es gewiß nicht ungestraft lassen, oft straft es auch Gott schon in diesem Leben, wie Ihr nun hier lesen werdet.
Des Jostens Catharine hatte eigentlich das Geschwätz, daß Friedrich Vater zu dem Kind sey, unter die Leute gebracht, sie war Schuld an dem allen, Friedrich wußte das auch wohl, aber er schwieg doch stille und sagte ihr nichts, nun trug sichs aber zu, daß diese Catharine an einem Nachmittag bey einer andern Nachbarin auch Uebels von den Leuten schwatzte, und besonders auch wieder über den Friedrich und sein Kind lästerte. Indem sie nun so da saß und plauderte, und die Nachbarin dann zuhörte, sich verwunderte, und bald, Ach Herr Jemini! - bald Ey das wäre! und bald wieder: ists möglich? sagte: so kommt ein Kind von dieser Nachbarin, ein Mädgen von 4 Jahren, so bey die Catharine, und thut als wenn es ihr auf den Schooß steigen wollte; die Catharine nimmt auch das Kind auf den Schooß, ist freundlich mit dem Kind, greift dann in den Sack, und giebt ihm einen Apfel, das Kind ißt den Apfel, und wird von dem Augenblick krank, bekommt die Auszehrung, und nach einen Vierteljahr starb es.
Jezt giengs nun los; die Leute waren einmal vors erste Jostens Catharine nicht gut, weil sie jedermann Böses nachsagte, und zweytens waren sie alle noch sehr abergläubisch, daher kams dann, daß alle Leute im Dorf die Catharine für eine Erz=Hexe erklärten, die das ar= [Sp. 2:] me Kind tod gehext hätte. Das war nun nicht wahr und abscheulich von den Bruchhäusern, daß sie die Frau für eine Hexe erklärten, aber für die Catharine war es doch eine gerechte Strafe Gottes, weil sie auch so viele brave Leute durch ihr Schandmaul beleidigt hatte.
Jezt lamentirte nun die Catharine; sie meynte sie müste vor Leidwesen vergehen, denn niemand wollte mehr mit ihr umgehen, niemand mehr etwas mit ihr zu thun haben, was sie kochte wollte niemand essen als ihre Leute, in der Kirche saß sie immer allein, denn niemand setzte sich nahe zu ihr, niemand mochte mehr Butter, Eyer, Käse oder Milch von ihr kaufen, aus Furcht, es möchte Hexerey darinnen stecken, und wenn sie in ein Haus kam, so bätete man, daß sie der liebe Gott für der Catharine bewahren möchte.
Friedrich und der Herr Pfarrer sahen den Jammer an und da sie gewiß wußten, daß der Catharine Unrecht geschahe, so suchten sie auf alle Weise die Leute zu überzeugen, daß es keine Hexerey gäbe, und also die Frau unschuldig wäre; allein das half alles nichts, da glaubten die Leute besser zu wissen. Bey den Bauersleuten ist der Glaube an die Hexerey so tief eingewurzelt, daß noch viele Zeit dazu gehört, um diesen Aberglauben auszurotten; und doch ist in der Welt nichts gewissers, als daß es keine Hexerey giebt: denn alles was man dafür hält, das geht ganz natürlich zu, und so hatte es auch mit dem Kind gegangen, das nach dem Essen des Apfels den ihm die Catharine gegeben hatte, gestorben war, wie Ihr nun hören werdet, wenn ich künftiges Jahr wieder komme, bis dahin lebt wohl!
 
 
 
Damit endet der Text ohne jegliche Begründung.