In den „Erzählungen / von / Heinrich Jung / genannt Stilling. / - [eL 65 mm] / Drittes Bändchen. / - [eL 22 mm] / Frankfurt am Main, 1815. / In der Joh. Christ. Hermannschen Buchhandlung.“ findet sich auf den Seiten 154-172 die Erzählung „Sonderbares Beispiel einer Erbsünde“ als veränderter Nachdruck aus Ewalds Zeitschrift „Urania“ (1795; SS Bd. 12, S. 419 ff.; S. 426 Gall eingeschoben).

Besonders interessant ist dieser Einschub zu Gall. Hier handelt es sich hier um den deutschen Arzt und Hirnanatomen, der die Phrenologie begründete, Franz Joseph Gall (geb. 9. März 1758 in Tiefenbronn bei Pforzheim, Baden; gest. 22. August 1828 in Montrouge bei Paris, heute Département Hauts-de-Seine). Gall hielt z. B. vom 6. bis 21. Juli 1805 Vorlesungen in einem Gasthaus in Halle, und Goethe nahm an einem Tag Teil daran.

Ähnliche Vorlesungen hielt Gall im Oktober in Marburg und reiste dann nach Heidelberg, wo er nur wenige Zuhörer hatte. Hauptgegner dort war Jacob Fidelis Ackermann (1765-1815), der daraus die Publikation

„Die Gall‘sche Hirn- Schedel- und Organenlehre vom Gesichtspunkte der Erfahrung aus beurtheilt und widerlegt von Dr. J[acob]. F[idelis]. Ackermann, Churfürstl. Badischem geheimen Hofrath, der Anatomie und Physiologie an der Universität zu Heidelberg ordentlichem öffentlichen Lehrer. - Heidelberg, bey Mohr und Zimmer, Frankfurt, bey  J. C. B. Mohr. 1806.“

machte. Dies rief wiederum die Gegenschrift hervor:

„Beantwortung der Ackermannschen Beurtheilung und Widerlegung der Gall‘schen Hirn-Schedel- und Organen-Lehre vom Gesichtspuncte der Erfahrung. Herausgegeben von einigen Schülern des Hrn. Dr. Gall und von ihm selbst berichtigt. – Halle, im Verlage der Neuen Societäts-Buch-und Kunsthandlung 1806.“

Unter diesen Umständen kam Gall im Dezember 1806 nach Karlsruhe – nach Edition Schwinge S. 380, Anm. 1: vom 8. bis 13. 12. – um seine Vorlesungen zu halten, und er endete sie in Rastatt am 1806-12-31. (Beilage zum Nro. 5. des Reichs der Todten, v. Mi 1807-01-14, letzte Seite; ebd. Bis 24. Dezember in Karlsruhe; Gazette nationale, ou le moniteur universel. 38. Jg., Nr. 19 vom Montag, 1807-01-19, S. 71 Sp. 3, nach dem Journal politique de Mannheim). Nach diesem Bericht gab Gall für den badischen Hof eine und für die Stadt Karlsruhe zwei Vorstellungen. Der Großherzog war zufrieden und belohnte Gall und seinen Helfer Johann Gaspar Spurzheim (geb. Longuich bei Trier 31.12.1776, gest. Boston, Massachusetts 10.11.1832) mit einem „riche présent“ und ordnete eine Besichtigung der Zucht-, Arbeits- Narrenhäuser usw. in Freiburg, Pforzheim, Mannheim, Bruchsal u. a. Orten unter Leitung von Arbeitshauskommissar Hofrat Philipp Heinrich Holzmann (Kur-Badischer Hof- und Staats-Calender für das Jahr 1805, S. 87, 95) an, damit Gall „proposer les changements nécessaires“.

Über die Vorstellungen des Dr. Gall in Karlsruhe, der für seine Sammlungen einen sechsspännigen Wagen verwendete, schreibt Jung-Stilling am 1806-12-12 an seine Gattin (Edition Schwinge S. 379-380; MÜLLER: Seele Nr. 41, S. 105-114, hier S. 105-106):

„Carlsruhe, 12. Freytags Morgens 1806. […] Dr. Gall liest uns jeden Abend von sieben bis neun Uhr ein Collegium; seine Sachen sind wahrlich höchst interessant und wichtig. Die hiesigen Ärzte wohnen den Vorlesungen fleißig bei. Gall ist ein feiner, artiger und bescheidener Mann, nichts weniger als ein Scharlatan, und wir sind alle überzeugt, daß er in der Hauptsache recht hat; in Nebensachen bin ich noch nicht völlig überzeugt.

Man wird es hier den Heidelbergern übelnehmen, wenn er dort nicht wohl aufgenommen wird. Sage dies alles doch unserm lieben Schwarz, auch wäre es gut, wenn mit Ackermann gesprochen würde, daß er sich artig beträgt, denn Gall wird ihn gewiß überzeugen.“

Am 1807-02-06 (Edition Schwinge S. 37) ergänzt er, den Heidelberger Chirurgen Peter Joseph Blattner (1804-02-28 als Hebarzt lizensiert) meinend: „Es ist mir lieb, daß Blattner den Gall hören kann; ich hatte ihm versprochen, mit Gall seinetwegen zu reden, aber Gall kam nicht wieder hier her.“

Gall reiste nämlich weiter nach Basel und Paris; über die zehn Vorlesungen Galls in Basel berichten die Miszellen der neuesten Weltkunde (1807, Nr. 86, S. 344); wo auch die Darstellung, dass er mehrspännig fahre, als Neid bzw. Mißgunst bezeichnet wird.

Aus den Erfahrungen der Vorstellungen seiner Ideen entwickelt Gall eine neue Ausgabe seiner Ideen:

 

„Dr. F. J. Galls neue Entdeckungen in der Gehirn=, Schedel= und Organenlehre. - Mit vorzüglicher Benutzung der Blöde'schen [Blöde, Karl August, 1773-1820] Schrift über diese Gegenstände, ganz umgearbeitet und nach den neuesten Gall‘schen Unterredungen bereichert. - Mit Herrn Dr. Galls Bildniß und drey Kupfern. - Zweyte verbesserte und vermehrte Auflage. -Carlsruhe in der C. F. Müller’schen Verlagshandlung. 1807.“

 

Hiervon erschien eine Übersetzung:

 

« Cranologie ou découvertes nouvelles du Docteur F. J. Gall, concernant le cerveau, le crâne, et les organes. Ouvrage traduit de l’Allemand. [… Motto, Vignette] Paris, » H. Nicolle 1807. (Mit Porträt.)

 

Die Chronik der Teutschen, Nr. 15 v. 1807-04-15, S. 119 kündigt dieses Werk umfangreich an. Es heißt dort am Beginn: „Dr. F. J. Galls neue Entdeckungen in der Gehirn= Schedel= und Organenlehre. Mit vorzüglicher Benützung der Blöde'schen Schrift über diese Gegenstände, dargestellt und mit Anmerkungen begleitet, nach den Gall‘schen Unterredungen zu Karlsruhe im Dec. 1806.“

 

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