Jung-Stilling und Mesmer

Mit dem Tode von Franz Anton Mesmer, dem Begründer der Lehre vom Animalischen Magnetismus, in Meersburg am 1815-03-05 blieb die Überzeugung bei den Jung-Stilling-Forschern: Wahrscheinlich gibt es keine (nachweisbare) Verbindung zu Jung-Stilling, auch keine Begegnung, keine evtl. Korrespondenz. Dies bleibt mit einem Fragzeichen versehen, denn Jung-Stilling ist einerseits der Meinung „Der tierische Magnetismus beweist unwidersprechlich, daß wir einen inneren Menschen, eine Seele haben.“ (Theorie 1808, S. 363, § 9); andererseits warnt er vor Mesmer, dessen Werke er zur Kenntnis nahm (SCHWINGE: Lit); ebenso las er 1813 gleich nach seinem Erscheinen das Werk von

Friedrich Karl von Strombeck: „Geschichte eines allein durch die Natur hervorgebrachten animalischen Magnetismus und der durch denselben bewirkten Genesung; von dem Augenzeugen dieses Phänomens, dem Baron Friedrich Karl von Strombeck, [Titelei ….]. Mit einer Vorrede des Herrn Geheimen-Raths Dr. Marcard. -Braunschweig, 1813. Bei Friedrich Vieweg.“ – Henrich/Heinrich/Hinrich Matthias Marcard, geb. Walsrode 18.11.1747, gest. Hannover 16.03.1817.

Gernot und Hartmut Böhme machen darauf aufmerksam, dass Jung-Stilling im Zeitalter Mesmers lebte und er die wissenschaftlich fundierte Elementenlehre ignoriert. Die „Theorie“ wurde damals also im Rahmen des Mesmerismus und des animalischen Magnetismus gesehen (SCHWINGE: Diss S. 268; BRIEFE S. 211-212, Anm. 5; Jung-Stilling an Lavater1797-07-12 (Brief S. 209-213)) – M. M. Backus [evtl. Mary Moorhead Backus (Transactions of the American Art-Union fort he Year 1847, S. 57, Sp. 1. – Evtl. geb. McCord, die Andrew Backus ehelichte)] meinte 1844: Jung-Stilling brachte den „mesmerism“ in die Romanwelt ein – , Nils Freytag sieht Jung-Stilling eher in der Tradition Swedenborgs aber auch von Kant (Träume …, 1766; Aberglauben im 19. Jahrhundert, S. 273 f.).

1777, „seitdem ein Gaßner selbst Lavatern hingerissen hat, etwas auf fremde Aussagen anzunehmen“ konnte ein Rezensent sich selbst ohne eigene Prüfung zu nichts entscheiden. (x). Ein anderer schreibt wenige Wochen später: „Herr Mesmer macht anitzt wahre Wunderwerke, … da sie glauben zu sehen, daß eine Blinde, die wirklich nicht sieht, so gut sehe, wie sie selbst.“ (x).

Sieben Jahre später schreibt ein Beobachter über diese Wunderwerke: „In der That ist Herr Mesmer sehr glücklich damit, erwirbt sich aber auch erstaunliche Reichthümer. Er wird bald alle Hauptstädte Europens besuchen, und wenn seine Ernde dort auch so reichlich ausfällt, als wie hier, so wird dieses der reichste Arzt in der Welt.“ (x) Er hatte „gegen anderthalb Millionen Liver gesammelt“ und sich „dadurch die Aufmerksamkeit der Franzoesischen [sic] Aerzte und Naturkundiger, und endlich ihren Neid auf sich“ gezogen; denn „noch Niemand, den Hr. Mesmer nach seinem Geheimnis behandelt hat, [hat sich] über Hrn. Mesmer beschwert“. (x).

1786 meinte man: „Daß der Mesmersche Magnetismus Charlatanerie war, glaubt nun jeder Vernünftige in Paris. Jezt haben sich aber andere Magnetisten gefunden, die noch größere Wunder als Mesmer thun. Sie bewirten eine magnetische Nachtwandlung (somnambulisme magnetique,) und eine Desorganisation. Die magnetisirten Personen weissagen sogar ! Wir werden unsern Lesern nächstens von diesen Wundern mehreres bekannt machen.“ (x) Zu diesen Nachfolgern gehörte Armand Marie Jacques de Chastenet de Puységur, der Marquis de Puységur, geb. 1751, gest. 1825; er war zunächst Schüler von Franz Anton Mesmer, dann zerstritt sich mit seinem Lehrer und gründete eine eigenständige Seitenlinie des Mesmerismus, die in Folge einige Jahrzehnte den Mesmerismus in Frankreich dominierte. Ausschlaggebender Unterschied zur Auffassung Mesmers ist, dass Puységur den Aspekt des Fluidums vernachlässigte und den psychologischen Aspekt des Hypnotisierens als wesentlich für das Zustandekommen des Rapports zwischen Mesmerisierer und Mesmerisierten betonte.

de Puységur/Puisegur arbeitete mit der Societé harmonique in Straßburg zusammen (gegr. 1785-08-25, in Paris gegründet 1784-05-18) und heilte z. B. Katherine Gagnier magnetisch; darüber entstand ein Bericht, der bei einer Auflage von 150 Explaren, die verschenkt werden, 82 Sitzungen enthält; darin u. a. zu Lavater, der seine Frau magnetisierte; über Frau Reich, die in Straßburg magnetisierte, eines ihrer Gespräche wird hier abgedruckt; über die Herren Pichler und Weiler; Ehrmann ist Vorsitzender; eine Somnambule verschreibt Rezepte.

Die Straßburger Gelehrten Nachrichten berichten ausführlich über dieses Thema, das Georg Friedrich Seiler 1787 geschickt in einem zusammenfassenden Überblick über die Literatur darstellt. Baldinger, Birnstiel, die Berlinische Monatschrift und die Allgemeine deutsche Bibliothek werden u. a. genannt.

Im Jahr 1810 versuchte ein „O.“ Mesmer wieder bekannt zu machen. Er schreibt „Ueber Mesmer.“, der „groß, stark, und ungeachtet bereits 75 Jahr alt, doch sehr munter, lebendig und gesellig“ ist. Auch ist er „wirklich sehr reich und thut gar nichts ums Geld.“ Dieser O. hält es „für heilige Pflicht“, Mesmer wieder in die medizinische Forschung einzubeziehen, damit dieser nicht „unbenutzt stirbt“ und sein „unschätzbares Gut für die Menschheit verloren“ ist. x)

Mesmer war bereits 1887 in Karlsruhe und wiederholte diesen Besuch im 1788-06. In einem Bericht aus Frankfurt vom 1788-07-01 berichtet eine Zeitung am 1788-07-08, dass Mesmer und von Krock in Karlsruhe angekommen seien. (x)

Baron Johann von Krock/Kroock bekleidete seit 1766 den Posten eines russischen Gesandtschaftssekretärs und war seit 1779 Chef der deutschen Abteilung im auswärtigen Amte zu Petersburg. 1783 wurde er außerordentlicher Gesandter; er ehel. Anna Helena von Dietz (geb. Petersburg 25.08./5.09.1752, gest. Dresden 28.10./9.11.1834); mit ihrer Tochter besuchte ! sie 1786 Lavater und wurden dabei begleitet von dem Kaiserlichen Rat von Maria Theresias Gnaden R. M. Cuninghame van Goens. von Krock gab den Reisebericht seiner Frau heraus. (x)

1787 gibt das „Journal von und für Deutschland“ einen gutem Überblick „Ueber Meßmers Magnetismus. Vom Bodensee den 23sten März 1787.“

 

Im 17. Heft des „Grauen Mannes“, im Jahr 1805, schreibt Jung-Stilling: „Zu unsern Zeiten hat man die Kunst erfunden, Leute, welche kränklich sind, und sehr empfindsame Nerven haben, in diesen Zustand zu versetzen; man nennt diese Kunst, den thierischen Magnetismus.

Da man die Krankheit des entwickelten Ahnungs=Vermögens nicht kannte, und zugleich glaubte, kein Mensch könne irgend et was von der Zukunft ahnen, so sahe man die Sache als etwas Göttliches an, und bezog sie auf die Propheten des alten Testaments; die Kranken glaubten dies nun selbst, ihre glüende Imagination alterirte das Ahnungs=Vermö gen, und so kamen abscheuliche Sekten und Schwärmereyen zum Vorschein, die Christum und seine Religion entehrten.“

Das Intelligenzblatt der Jenaischen Allgemeine Literatur-Zeitung vermerkt im Nekrolog (x): „Am 6 März zu Mörsburg am Bodensee der als Entdecker des thierischen Magnetismus hinlänglich bekannte Arzt, Anton Friedrich Mesmer, im 81 Jahre seines Alters.“

 

Soweit war dies alles bekannt. Weniger bekannt dürfte das im folgenden Text Dargestellte sein.

 

Jung-Stilling, Mesmer und Hartmann

Gustav Benjamin Schwab (1792-1850) berichtet ähnlich wie Luise Mariette Zöppritz geb. Hartmann (1802-1874) über Johann Georg August von Hartmann: „In Heidelberg war er von Jung=Stilling, Professor an der dortigen Kameralschule seit 1783, als Haus= und Tischgenosse aufgenommen, und wurde diesem nahe befreundet, so daß sie sich später gegenseitig Töchter aus der Taufe hoben. Daß sie in ihren Ansichten nicht immer übereinstimmten, that ihrer gegenseitigen Liebe keinen Eintrag; weil aber doch oft wiederholter Streit und dabei Mangel an Nachgiebigkeit von beiden Seiten auch der innigsten Liebe hätte Eintrag thun müssen, so trafen sie die Uebereinkunft, nicht mehr zu streiten, wenn sie entgegengesetzter Ansicht waren, sondern zu schweigen. Einmal nahm Stilling seinen jungen Freunde zulieb den wohlverwahrten alten Schneiderhandwerkszeug wieder hervor, um ihm eine Mütze zu ändern, die sich Hartmann angeschafft hatte und die dem Kennerauge Stilling mißfiel. Dieses lange sorgsam bewachte Andenken kam unserem Hartmann zu seinem innigen Bedauern abhanden.“ (Vgl. unter 1792 die von Johan Gerhard Carel Kalckhoff berichtete Anekdote.) – (Hartmann imm. Heidelberg 9.11.1785 (Scient. cameral cultor wirtembergicus; hier August als einziger Vorname), imm. Tübingen 7.10.1782 (Nr. 38124).)

In Heidelberg schloß Hartmann auch mit Matthisson das erste Band einer dauernden Freundschaft. Dieser konnte so an J. von Müller schreiben: „Heidelberg, den 28. Januar 1787. Hartmann und von Rieben, zwei edle Jünglinge, die sich durch Kenntnisse und Fleiß, vorzüglich aber durch reine Herzensgüte vor allen hier Studirenden auszeichnen, werden nach Mainz kommen, um Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen, mein theurer Müller. Sie verdienen von Ihnen gekannt zu seyn, und deswegen empfehle ich Ihnen diese meine Freunde angelegentlich und herzlich.

Johann Georg August von Hartmann schloss sich der „damals von Mesmer und Pichegru in Carlsruhe errichtete[n] Gesellschaft zur Anwendung des thierischen Magnetismus als Heilmittel, an der alle dortigen Aerzte Theil nahmen und für die eine schöne Localität im Schlosse eingeräumt war“ an. Er „wurde später auch Mitglied derselben und vollzog in der Folge selbst mehrere magnetische Kuren.“

Jung-Stilling wurde von Hartmann in diese Kreise einbezogen und am 1787-03-26 initiiert Baron Karl Wilhelm von Rosenfels (geb. 1761, gest. (Suizid) Graz 9.09.1811 (; n. A. Wien 6.02.1811)) ihn in Karlsruhe in die Puisegursche Form des Mesmerismus, die in Frankreich dominierte. Bereits am 1787-03-04 hatte von Rosenfels die bei Johann Georg August von Hartmann (1764-1849) getan.

von Rosenfels war Sohn des Prinzen Eugen von Baden und erwarb 1786-09-20 in Straßburg das Patent der dortigen Société harmonique des amis réunis, das ihm erlaubte, als ‚Lehrer‘ tätig zu werden. (Kur-Badischer Hof- und Staats-Calender für das Jahr 1805, S. 32: In der Liste der „Titular=Officiers à la Suite vom Corps und Pensionaires“ findet er sich unter den „ObristLieutnants“.)

Über die Karlsruher und Straßburger Tätigkeiten im Sinne Mesmers sind wir durch vielerlei Zeitungsberichte usw. gut informiert.

Ebenso findet sich Literatur zum Thema:

Journal von und für Deutschland 1787, 11. Stück. S. 449-453 und Fortsetzungen 1788, 2. Stück: S. 119-121, 267: „Aussichten einer collegialischen Verbindung mehrerer Aerzte in Carlsruh den Thiermagnetismus betreffend.

Journal von und für Deutschland 1788, 2. Stück, S. 121-127: „III. Hofrath Boeckmanns Erklärung über die Bittschrift der Carlsruher Aerzte an seinen Fürsten den Marggrafen [sic] von Baden.“ – Böckmans Brief v. 1788-02-09 an Publikum

Archiv für Magnetismus und Somnambulismus: Fünftes Stück, Straßburg: akadem. Buchhandlung 1787, S. 101-103: Böckmann: „Nachahmungswürdiger Entschluß der Aerzte in Carlsruhe.“

Journal von und für Deutschland 4. Jg., 1787, H. 11, S. 449-458: „XVVI. Aussichten einer collegialischen Verbindung verschiedener Aerzte in Carlsruh, die Lehre des Thiermagnetismus betreffend.“ – Darin Brief an Großherzog 1787-12-17 von Leuchsenring, Schrickel, Stückelberger, Walz, Gmelin; an Schweickhardt und Maler vom 1787-12-14 von denselben, deren Antworten.

Journal von und für Deutschland 4. Jg., 1787, H. 10, S. (III f. des Umschlags): „Nachricht den Magnetismus betreffend“ Walz aus Karlsruhe 1787-12-27: Böckmann bemüht sich um Untersuchung

Archiv für Magnetismus und Somnambulismus: Fünftes Stück, Straßburg: akadem. Buchhandlung 1787, S. 101-103: Böckmann: „Nachahmungswürdiger Entschluß der Aerzte in Carlsruhe.“

Journal von und für Deutschland 4. Jg., 1787, H. 11, S. 449-458: „XVVI. Aussichten einer collegialischen Verbindung verschiedener Aerzte in Carlsruh, die Lehre des Thiermagnetismus betreffend.“ – Darin Brief an Großherzog 1787-12-17 von Leuchsenring, Schrickel, Stückelberger, Walz, Gmelin; an Schweickhardt und Maler vom 1787-12-14 von denselben, deren Antworten.

 

Beispielhaft sei genannt:

Heinrich Funck: Das magnetische Hellsehen und Schlafreden in Alt=Karlsruhe und in der badischen Markgrafschaft. – In: Die Pyramide- Sonntags-Beilage des Karlsruher Tagblatts Nr. 48 v. So 1917-12-03, S.

Meyer, Werner: Heinrich Jung-Stilling [,] ein Bahnbrecher der Parapsychologie. - In: Neue Wissenschaft. Zeitschrift für Grenzgebiete des Seelenlebens, Olten, Schweiz 7, 1957, S. 22-30, 73-82, 103-119.

Baier, Karl (1954-): Meditation und Moderne: ‪zur Genese eines Kernbereichs moderner Spiritualität in der Wechselwirkung zwischen Westeuropa, Nordamerika und Asien, Bd. 1, Würzburg: Königshausen & Neumann 2009, ISBN 382604021X, 9783826040214. = Wien, Univ., Habil-Schr., 2008.

Bittel, Karl: Der berühmte Hr. Doct. Mesmer vom Bodensee. Zweite veränderte Auflage. Friedrichshafen a. B.: See-Verlag (1940. - 1. Aufl. 1938.)

Jörg-Ulrich Fechner: Erfahrene und erfundene Landschaft Aurelio de’ Giorgi Bertòlas Deutschlandbild und die Begründung der Rheinromantik. Opladen: Westdeutscher Verlag 1974; ISBN 13-978-3-531-09052-8 = Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaft. – Die Bemerkung S. 98: „Die Gestalt des Majors von Rosenfels läßt sich in keinem Nachschlagewerk finden.“ läßt sich hier also mit Inhalt zur Person füllen; dto. zu den Personen Anm. 40 ff.; ebenso finden sich dort Ergänzungen.

C[hristian]. H[einrich]. Pfaff: Ueber und gegen den thierischen Magnetismus und die jetzt vorherrschende Tendenz auf dem Gebiete desselben. Hamburg: Perthes & Besser 1817; Vorwort datiert 1817-10-26; S. VII: Böckmann behandelte 1789 Pfaff. – S. 56 Schutzgeist im Hades besonders durch Jung-Stilling im südlichen Deutschland „zu Credit gekommen“; Hofrat Klein bemüht ihn auch.

  1. 104: Somnambüle erklärt nach Jung-Stilling, dass der Mensch aus Körper, Seele und Geist bestehe

Eberhard E[mil]. von Georgii-Georgenau: Biographisch-genealogische Blätter aus und über Schwaben. Stuttgart: Emil Müller 1879, S. 320 und passim.

 

Mesmer in Königsberg

Nicht unbemerkt soll auch sein die folgende Information zu Greis – Weiss – Weiß – Gries: ##318

Am 1812-03-05 disputiert in Königsberg der stud. med. Karl Ludwig Klose (geb. Breslau 21.08.1791, gest. Dresden (n. A. Breslau) 23.09.1863; PRUTZ: Albertina S. 167.) über seine Dissertation: Historiam Mesmerismi s. magnetisme animalis criticam exhibens.“ In ihr erscheint Greis unter: „Opponentium spartam tuebuntur: Ioannes Fridericus Greis, Argentoratensis, et Ferdinandus Guilielmus Raddatz, Schievelbein. - Neomarch, Medicinae Cultores.“

 

 

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