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Jung-Stilling und Jonathan Swift
(geb. Dublin 30.11.1667, gest. ebd. 19.10.1745.)


 
Bisher sind nur zwei Stellen im Werk Jung-Stillings bekannt geworden, an denen er Swift benennt. Da es sich um die gleiche Stelle im Swiftschen Werk handelt, muss sie Jung-Stilling beeindruckt haben.
 
Die erste Stelle im Aufsatz von 1783/85:


„Sicherer Weg / für / einen deutschen Fürsten, / Landwirthschaft, Fabriken und Hand- / lung in seinen Landen blühend zu / machen / von / Johann Heinrich Jung.“

 
wird vom Herausgeber Gerhard Merk (Festreden 1988, S. 42-60,“ Anm. S. 60-62) nur mit dem kurzen Hinweis kommentiert:

 

„12 Jonathan Swift: A Tale of a Tub. Er erschien zunächst anonym 1704.“

  
Der zweite, bedeutend interessantere Text findet sich im
 
Lehrbuch / der / Staats=Polizey= / Wissenschaft / Von Johann Heinrich Jung / der Weltweisheit und Arzneygelehrtheit Doctor, und / öffentlicher ordentlicher Lehrer der Oeconomie, Finanz= / und Cameral=Wissenschaft zu Marburg. / - / Leipzig, / in der Weidmannischen Buchhandlung / 1788.“
 
Hier heißt es:
 
„§. 512.
Der Mensch ist sinnlich und vernünftig; ersteres
aber wenigstens in diesem Leben in weit höherem Grad
als lezteres; dies gilt vorzüglich vom Volk; die Ueber=
zeugung der Vernunft ist bey weitem nicht hinlänglich
den Willen zu lenken; die sinnlichen Mittel sind so nö=
thig und so würksam, daß sie sehr oft nicht einmal der
Vernunft bedürfen, um zu einer Handlung zu bestim=
men. Wie fürchterlich feyerlich war die Verkündigung
des Mosaischen Rechts auf dem Berg Sinai? – wie
pompös und hinreißend der Israelitische Gottesdienst? –
Man hätte zur Zeit der Reformation die läppischen und
abergläubischen Ceremonien in zweckmäsigere und an=
ständigere verwandeln, aber nicht alles abschaffen sollen;
aber Swifts Johann riß die Borten mit einer solchen
Furie herunter, daß auch der Rock zerfezt wurde; auch
Martin hats bisher nicht viel besser gemacht.“
 
War Merk nicht dem Hinweis auf „Herrn Peters Rock“ nachgegangen, so kann dies hier nachgetragen werden:
 
“A Tale of a Tub” erschien zuerst anonym 1704. Justus van Effen (geb. Utrecht 21.02.1684, gest. ’s-Hertogenbosch 18.09.1735) übersetzte dies Werk und ließ es in La Haye 1721 erscheinen, so auch:
 
„Le Conte du Tonneau, Contenant tout ce que les Arts et Sciences Ont de plus Sublime Et de plus Mystérieux; Avec plusieurs autres Pièces très-curieuses. Par le fameux Dr. Swift. Traduit de l’Anglois. Tome Premier. [Vignette] A La Haye, Chez Henri Scheurleer. = M. DCC. LVII.“
 
1729 wurde es aus dem Französischen in die deutsche Sprache übersetzt.
Wir dürfen annehmen, dass Jung-Stilling dieses Werk während seines Aufenthalts in Straßburg/Strasbourg kennen gelernt hat.
 
Benutzt wird hier die Ausgabe:
 
„Dr. Jonathan Swifts Mährgen von der Tonne. Nebst übrigen dazu gehörigen Schriften. Neue Auflage. [Vignette] Mit Kupfern. Hamburg und Leipzig, 1764.“
 
S. 80 wird das Kleid, die drei christlichen Konfessionen symbolisierend, vom Vater übergeben (; s. ebd. die Anm.).

 
Swift vergleicht die Kirche mit glatten Kleid aus feinstem Tuch, an das alle nun Borten anbringen. Luther fing an, Borten abzutrennen; Johann Calvin ebenfalls, wobei er auch das Tuch zerriss.
 
Jung-Stilling bezieht sich hier vor allem auf die Seiten 150 ff. im Abschnitt
 
„Sechster Abschnitt. Fortsezung des Mährgens von der Tonne.“ S. 147 ff.
 
Hier sei nur kurz das Wesentliche des Textes genannt:
 
S. 153 f.: „Daher fügte es sich, daß als er [Hans/Johann/Johannes] eine Hand voll Goldspizen etwas zu heftig herunter gerissen, er [S. 154:] zugleich seinen ganzen Rok von oben bis unten entzwey riß. […] so riß er in der Wut ein ganzes Stük Tuch, und alles was darauf war, weg, schmieß es in den Koth, und fuhr auf solche grimmige Art immer fort: […].“ – Johann Calvin.
 
S. 151: „Martin war der erste; er riß auf einmal eine ganze Hand voll Nestel weg, und als er das zweyte mal ansezte, mussten wol bey zwölf Ellen Franzen herunter. Nachdem aber dieses geschehen, hielt er eine Weile inne. Er sah ganz wohl, daß noch vieles übrig war. Indessen war die erste Hiz vorbey, und er entschloß sich nun weiter bescheidener zu Werk zu gehen, […].“ – Nach den Handlungen von Hans heißt es dann S. 154: „Allein Martin welcher damals ganz besänftiget und gesezt war, bat ihn um aller Liebe willen. ‚er möchte doch seinem Kleid nicht Schaden thun; denn er würde kein solches wieder bekommen. […]“ – Martin Luther.
 
 
(S. 185 zu Martin-Mar-Prelate (Marre-Martin, Martin Marprelate =„Martin Hau-den-Pfaffen“ oder „Martin Misch-den-Pfaffen-auf“). – Die Marprelate-Kontroverse bezeichnet die Auseinandersetzung zwischen einem oder mehreren puritanischen Schriftstellern und der Church of England in den Jahren 1588/89.)
 
 
Siehe auch die Ausgabe:
„Satyrische und ernsthafte Schriften, von Dr. Jonathan Swift. Vierter Band. [Vignette] – Hamburg und Leipzig, 1760.“ [Vorwort S. VI unterz.: „Hamburg im Augstm. 1759. J. v. Breitenfels.“ = Johann von Breitenfels = Johann Heinrich Waser, auch: Johann Heinrich Waser von Winterthur; geb. Veltheim (heute Stadtteil von Winterthur) 17.09.1713, gest. Winterthur 23.12.1777).] Bd. 4 ist Nachtrag zu Bd. 3 (1758; 1759, Neue Auflage. 1764), der „Das Mährgen von der Tonne“ S. 1-262 enthält, so enthält Bd. 4 auch das Inhaltsverzeichnis zu beiden Bänden.
 
Nebenbei:
In seinem Brief vom 1780-11-19 erwähnt Jung-Stilling Johann Heinrich Waser und im Tagebucheintrag vom 1803-07-01 wird eine „Fr[au]. Beer-Waser“ genannt.
 
Vgl.:
Gödden, Walter u. Iris Nölle-Hornkamp: Empfindsames Westfalen. Frühe Spuren englischer Dichtung in der westfälischen Literatur. – In: Westfälische Forschungen. Zeitschrift des Westfälischen Instituts für Regionalgeschichte des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe 44, Münster: Aschendorff 1994, S. 156-209. [S. 176-180 zu Jung-Stilling].