Jean Paul Friedrich Richter

   
Jean Paul, geb. Wunsiedel 21. März 1763, gest. Bayreuth 14. November 1825;
 
seit dem 18. Juli 1817 Dr. phil. h. c. der Universität Heidelberg,
 
sein Porträt findet sich u. a. in: "Museum deutscher Gelehrten und Künstler – in Kupfern und schriftlichen Abrissen [Vignette] – Breslau. in [sic] August Schalls Buch= und Kunsthandlung. 1800."
   
Jean Paul war "kanonischer Verwandter" von Friedrich Heinrich Christian Schwarz, dem Schwiegersohn Jung-Stillings. Er war nämlich Pate der am 1. Oktober 1809 um 22:30 Uhr in Heidelberg geborenen Carolina („Lina“) Viktoria Natalia Schwarz. Dies ist das 9. Kind aus der Ehe Schwarz/Jung und Jung-Stillings vierzehntes Enkelkind. Nach der Geburt, die „leicht und glücklich“ war, wird sie am 15. Oktober bei Verlesung des Gevatterbriefs getauft, am 4. April 1824 konfirmiert und verstirbt am 30. April 1873 in Heidelberg.
 
Sie erhielt ihren Namen von ihrer weiteren Patin, Caroline Rudolphi (1754-1811), der Leiterin einer Erziehungsanstalt für Mädchen in Heidelberg. Caroline Rudolphi hob Lina Schwarz selbst aus der Taufe, während "Ihre vierzehn Pensionäre, weißgekleidet, jede eine Blume in der Hand, standen bei dem heiligen Akt im Halbkreis um sie herum, und nach Beendigung desselben legte jede ihre Blume auf das Kind. Diese hatte zuvor auch Kränze geflochten, womit der Altar geschmückt war." (Otto Rüdiger, 1903, S. 234.)
 
Wann nun der Kontakt zu Jung-Stilling geknüpft wurde, ist nicht bekannt. Jedoch irrt sich Richard Otto Spazier, ein Neffe Jean Pauls, im Jahr, sicher 1814 mit 1817 verwechselnd, wenn er schreibt
 
"Desto glänzender, romantischer, mannigfaltiger wurde, [sic] die im folgenden Jahre 1817 unternommene Reise nach Heidelberg und den langersehnten Rheinstrom. Die Aufnahme, die der Dichter hier fand (wohin zu gehen ihn zunächst die Briefe des mit glühender Liebe sich ihm nähernden jüngern Heinrich Voß veranlaßt hatten) war wahrhaft dityrambisch [überschwänglich, rauschhaft] und übertraf sogar, wenigstens in ihrer Massengrundgebung, die zur Zeit der Titanepoche in Weimar und in Berlin gefundene. Den Seelenrausch, den ihm damals die Jugendkraft seiner Phantasie erzeugt, führte ihm hier die dityrambische Natur zu. Geistreiche Frauen wetteiferten mit Männern wie Hegel, Thibauth (mit seiner reichen Akademie für Kirchenmusik), Paulus, Schwarz, Creuzer, die Gebrüder Voß, Sternberg, Jung=Stilling &. &., ihm alle möglichen Genüsse des Geistes und Herzens zuzuführen, und ihm Triumphzüge in den Städten Heidelberg, Mannheim und Main, auf dem Heidelberger Schlosse, den Neckar und dem Rheine zu bereiten. Geben wir hier nach unserer früheren Reise noch einmal seine eigene Beschreibung zweier Momente."
 
Ende Juli 1817 schreibt Jean Paul an Charlotte von Kalb geb. Freiin Marschall [Marschalk] von Ostheim, 1761-1843, die er in seinem „Titan“ als „Linda“ unsterblich machte:
 
der Professor Schwarz, seine Frau ist eine Tochter des seligen Stillings, den ich meinen Freund nennen durfte.
 
Und schon zuvor im Brief vom 26. Juli 1817 an seine Gattin heißt es:
 
In der ganzen Stadt [Heidelberg] hätt’ ich kein besseres und frömmeres Haus finden können, als dieses, da die Schwarz eine Tochter von Stilling ist [.]
 
Bereits im Jahr 1809 schreibt Johann Paul Friedrich Richter „Der witzig und zornig gemachte Alltagsklubb“, was dann in seinen 1810 erschienenen „Herbst-Bluminen“ Band 2 gedruckt wird. Hier heißt es (Werke Bd. 30, S. 225-243, hier S. 236-237):
 
„Als Alltagsklubbist saß noch ein gesetzter, alter, heimlich=herrnhutischer Konsistorialis da. Auch dieser mußte sich von den Fingerspitzen des Künstlers die Nasenwurzel von fernen besprengen lassen, um dann als Kehrstephan zu sagen: ‚der Teufel mag wissen, was der Himmel mit dem Universum haben will. - Will der Teufel Leute holen, so hol‘ er blos Teufel. - Und überhaupt sind denn nicht die meisten Chri= [S. 237:] sten so schwer gerade zu ziehen, als ein Wolfsschwanz krumm? - Und hätt‘ uns nicht Eva das ganze neue Testament ersparen können? O! Potztausend Sapperment, wird hier jeder fromme Mann mit Stilling, nämlich mit Jung ausraufen; da nach diesem *) Potztausend Gott Zebaoth bedeutet und Sapperment Gottes Sakrament.‘“ [Die Anm. lautet:] „*) In Jungs grauem Manne.“
 
Am gleichen Ort, geschrieben im November 1816, in Band 3, wo der Abschnitt 16 lautet: „Landnachtverhandlungen mit dem Manne im Monde, sammt den vier Präliminarkonferenzen“. In „Erste Präliminarkonferenz oder vorläufige Besprechung zur Landnachtverhandlung“ heißt es (Werke Bd. 31, S. 300-301 und S. 333):
 
„Es ist aber dieser Leibnitz über eine geographische Meile hoch*), und ich habe also des Mond= [S. 301:] manns Größe nicht übertrieben; höchstens mag er nur eine russische Werste kürzer sein, als ein Engel, dessen Länge der Hofrath Stilling*) zu fünf Meilen schätzt.“ [Die Anm. lauten ja am Seitenfuß:] „*) So benennt und mißt Schröter (in seinen selenotopographischen Fragmenten S. 142.) den höchsten südlichen Mondberg. *) Dessen grauer Mann. St. 12. S. 401.“
 
Selenotopographische Fragmente zur genauern Kenntniss der Mondoberfläche, ihrer erlittenen Veränderungen und Atmosphäre sammt den dazu gehörigen Specialcharten und Zeichnungen von Johann Hieronymus Schröter. Göttingen: Rosenbusch, Bd. 1: 1791, XX, 676 S., XLIII Tafeln; Bd. 2: 1802, XXII, 565 S., LXXV Tafeln.
 
 
 
Ebd. in den "Bluminen" heißt es in einer „Landnachtverhandlung.“:
 
„Die goldne und nicht schlecht ausgedrückte Regel, welche Stilling *) für den 27. Februar aufgibt: ‚Vermeide auch in Gesprächen sinnreiche Einfälle, angenehme Geschichten und allen spaßhaften Scherz!’ befolgen mehre in Wochenblättern auch außer dem 27. Februar aus Noth, ohne besonderes Christenthum.“ [Die Anm. lautet:] „*) S. dessen Taschenbuch &. J. 1815 den 27. Febr.“
 
In einem Brief vom 26. März 1816, von dem zwei Versionen gedruckt sind, schreibt Jean Paul aus Bayreuth:
 
"Im zurückgeschickten Kästchen war freilich nicht viel Neues, wenn ich die schönen zur Ausfüllung hineingelegten Dachziegel ausnehme. Viele Stillingiana sind Dachziegel=Surrogate. Indeß brauchen wir den Stein vielleicht gar nicht, da das Kästchen schon […] fuhrwagenfähig wird."
 
bzw. in der anderen historisch-kritischen Edition:
 
"Im zurückgeschickten Kästchen war freilich nicht viel neues, wenn ich den schönen Dachziegel ausnehme. Viele Stillingiana sind Dachziegel=Surrogate. Indeß brauchen wir vielleicht den Stein gar nicht, da das Kästchen schon […] fuhrwagenfähig wird."
 
Allem Anschein nach hat Jean Paul einige – welche? – Werke Jung-Stillings als Ballast angesehen, die nur zum Beschweren da sind.
 
 
   

Jean Paul Friedrich Richter verfasst im Juni 1808 sein Gedicht „Müller, Jung, Pestalozzi“.

 
Müller, Jung, Pestalozzi.
 
(Im Juni 1808.)
 
Wie kommt es, Schweiz, daß deine Thäler lachen,
 
Indessen deine alten Berge weinen?
 
Die Thränen Berge müssen, soll’ ich meinen,
 
Das Thal doch endlich gleichfalls weinen machen!
 
 
 
Und wenn auch jene dich nicht mehr bewachen,
 
Die Gletscher Zwergen unersteiglich scheinen,
 
Wie, daß sich deine Größern nicht vereinen,
 
Die Eisaltäre betend anzufachen? –
 
 
 
Doch mag die Nachwelt dein Gericht beginnen,
 
Ich will dich nur zu dreien Tabors führen,
 
Auf denen Gott sich dir noch will verklären!
 
 
 
Der eine macht heilsame Thränen rinnen,
 
Der Andre reiht sie auf in Perlenschnüren,
 
Der drittte trocknet einst der Erde Zähren!
 
 
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