Straßburg/Strasbourg in Johann Heinrich Jung-Stillings Erinnerung

 
Zu Gottlieb Konrad Pfeffel (1736-1809) und seinem Gedicht auf Johann Heinrich Jung-Stilling siehe man hier.
 
Das Abschiedsgedicht von Johann Michael Ott auf Jung-Stilling bei dessen Abreise aus Strasbourg findet sich hier.
 
Johann Heinrich Jung-Stillings Äußerungen in der "Lebensgeschichte" (hrsg. Benrath; "Wanderschaft", S. 262 ff.) sind bekannt. Weniger bekannt ist seine Beurteilung – noch vor "Jugend" und "Wanderschaft" – dieser Zeit in:
Die / Theodicee / des / Hirtenknaben / als / Berichtigung und Vertheidigung / der / Schleuder desselben / von / Johann Heinrich Jung / Doktor der Arzeneygelahrtheit / zu Elberfeld. / [Vignette: Weinrebe mit Ranke, 35 x 15 mm] / - [Linie 168 mm] / Frankfurt am Mayn, / bey den Eichenbergischen Erben / 1776.
Hier heißt es S. 172:
"Zu dieser Zeit gerieth ich in die große Welt, und kam auf die hohe Schule, ich wurde mit Teutschlands größten Genie's bekannt. Ich wurde in die schönen Wissenschaften hineingerissen; ich wurde angefeuert, dies und jenes zu schreiben, mit einem Wort, ich wurde durch die sonderbare Freundschaft großer Männer, gleichsam als wie durch einen Strom fortgerissen, ich las die besten Originaldichter und Schriftsteller Engellands und Teutschlands, und bekam gar bald meinen Antheil an Geschmack, Beurtheilungskraft und Ton der großen Welt."
 
Noch 1783 erinnerte sich Jung-Stilling durchaus mit Freude an seinen Aufenthalt in Straßburg, wenn er schreibt:
„ich freute mich in Strasburg immer auf Linsen mit einem Stück Speck dazu, das schickt sich recht zusammen.“
 
 
 
1780 schreibt Jung-Stilling in einem Brief an Lersé, gedruckt bei:
August Langmesser: Jacob Sarasin [,] der Freund Lavaters, Lenzens, Klingers u. a. - Ein Beitrag zur Geschichte der Genieperiode. Mit einem Anhang: Ungedruckte Briefe und Plimplamplasko, der hohe Geist. Zürich: E. Speidel 1899. S. 133-135:
"Nun Bruder auch ein Wort von mir. Ich zog von Strassburg nach / Elberfeld, um ein practischer Arzt zu werden. Der feurige Gedanke: / Gott hat Dich zum Arzt berufen, machte mich so fest im Vertrauen, / dass ich glaubte, ich würde ein merkwürdiger Arzt werden. Allein ich / fand gerade das Gegenteil. An gehörigen Kenntnissen fehlte es mir / nicht, allein ich fand mit Erstaunen, dass der gewöhnliche Gang des / practischen Arztes nicht auf Kenntnissen, sondern auf Charlatanerie /: auf / Teutsch Betrug :/ beruht und dass ohne diese Eigenschaft ein solcher Mann / unmöglich sein Glück machen könnte. Ich erstaunte, wie ich das merkte, / gab mich mit Manneskraft an's Studieren, indem ich glaubte Geheimnisse / zu finden, die mir jene greuliche Eigenschaft ersetzten. Nun denk, / Bruder, was ich fand, als ich durch tausend labyrinthische Gänge endlich / an's Ziel kam und die keusche Jungfer Medicin sah. Da fand ich ein / äusserst einfältiges Bauernmädchen. 'Freund,' sagte sie lächelnd, 'du / findest nicht, was du suchest. Ich bin eine arme Dirne, die dir nicht / Brod geben kann. Ein Dutzend Mittel heilt, was zu heilen ist, das / Uebrige alles hat meine Mutter Natur unter der Hand, die heilt und / tödet, sowie Allvater will. Die Hure Charlatanerie sitzt draussen in / einem herrlichen Tempel und lässt sich räuchern, macht fette, geile / Bäuche und - ' - Ich küsste sie und sagte: Nun will ich dich doch / lieben, Tochter der Natur, und ich weinte. Sieh, Bruder, ganze Bogen / voll müsste ich Dir schreiben, wenn Du alle meine Leiden wissen woll- / test, aber sie sind unzählig. Endlich nach sieben Jahren, wie es auf's / höchste kam, da rief mich die ewige Liebe hier nach Lautern und nun [S. 135:] bin ich recht in meinem Element; alle meine Kenntnisse nüzen mir hier / vollkommen. [...]"
   
 
1782 schreibt Jung-Stilling dann in:
[Schlözer, August Ludwig:] August Ludwig Schlözer's Professors in Göttingen der kaiserl. Rußischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg, der königl. Schwedischen in Stockholm, und der kurfürstl. Bayrischen in München, Mitglieds Briefwechsel meist historischen und politischen Inhalts - Zehender Theil, Heft LV-LX. Nebst vollständigen Registern über das ganze Werk. [Vignette] - Göttingen, im Verlage der Vandenhoekschen Buchhandlung 1782
"9. Antwort auf die Stats= und Landwirtschaftliche / Nachrichten von Nassau=Siegen, welche von einem Dillenburger Ungenannten oben Heft XLVII S. 273. als eine / Verteidigung eingerückt worden: / von Johann Heinrich Jung, Prof. zu Lautern.
[...] Wo, Herr Gegner! wo mit Spott? Hat man mich zu Dillenburg verspottet: so heist das nichts, denn diese Stadt hat eben sowenig wie jede andere, Anspruch auf das Recht, dem Publiko den Ton anzugeben. Spott habe ich nie erdultet, im Gegenteile von jeher als Gelehrter die Freundschaft und Achtung der würdigsten deutschen Gelerten genossen. Schon zu Straßburg waren Herder und Göthe meine waren Freunde; und so könnte ich ein grosses NamensVerzeichniß berümter Männer hieher setzen, wenn ich auf diese Art meinen im Dunkeln schleichenden Gegner beschämen möchte. Was mich von jeher drückte, war Armut. Diese gereicht mir aber bei allen, die meinen Stilling gelesen haben, zu keiner Schande, vielweniger zu seiner Verspottung. [...]
 
 
1788 heißt es dann in dem
Lehrbuch / der / Staats=Polizey= / Wissenschaft / Von / Johann Heinrich Jung / der Weltweisheit und Arzneygelehrtheit Doctor, und / öffentlicher ordentlicher Lehrer der Oeconomie, Finanz= / und Cameral=Wissenschaften zu Marburg. / - / Leipzig, / in der Weidmannischen Buchhandlung / 1788
"[...] Indessen wurde ich mit einem rechtschaffenen Bandfabrikanten zu Ronsdorf, eine gute Stunde von Elberfeld, bekannt, ich verband mich mit seiner ältesten Tochter, nahm im Jahr 1770 im Herbst meinen Abschied von Herrn Flender, nachdem ich sieben Jahre in seinem Dienst gewesen war und ging nun nach Straßburg, um die Arzneikunde zu studieren. Die sonderbaren Schicksale und die fast wunderbare Vorsorge Gottes, welche ich in allen diesen Umständen erfahren habe, stehen in Stillings Lebensgeschichte nach der Wahrheit beschrieben, und ich übergebe sie hier, weil ich jetzt nur den Zweck habe, meine Geschichte als Gelehrter mitzuteilen.
Zu Straßburg geriet ich in einen Zirkel von Männern, der außerordentlich viel zu meiner Ausbildung beitrug: Goethe studierte auch da und speiste mit mir an einem Tisch, so auch der jetzige Inspektor der Pfeffelschen Kriegsschule in Kolmar, Herr Lerse, ferner Herr Lenz und besonders der ehrwürdige Aktuarius Salzmann, lauter Männer von vorzüglichem Geist und Herzen. Herder hielt sich eine Zeitlang dort auf, und ich hatte die Ehre, genau mit ihm bekannt zu werden. Indessen hörte ich die trefflichen Männer Spielmann und Lobstein nebst Schurern, Ehrmann und anderen geschickten Lehrern mehr."
 
1795 heißt es dann in der "Zueignungs=Schrift / an alle heimwehkranken Leser meines Heim= / wehbuches.", unterzeichnet am 8. September, zum
Der Schlüssel zum Heimweh":
"Ehe ich nach Strasburg reiste um dort zu studiren, fühlte ich mich schlechterdings unfähig etwas Druckwürdiges zu schreiben: denn je mehr ich las, desto mehr sahe ich ein, wie viel dazu erfordet würde. Dort aber wurde ich mit Freygeistern bekannt, und jezt erst lernte ich alle Einwürfe kennen, die man gegen die christliche Religion macht; [...]. [...] Schon in Strasburg fasste ich den Vorsatz, den Kampf des Christen auf seinem ganzen Lebenswege in ein episches Gedicht, und zwar in Hexametern, einzukleiden, es wurde mir aber widerrathen, und so unterblieb es."
 
 
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