und Jung-Stilling
 
Umfangreich sind wir über das Thema informiert durch Klaus Pfeifer und Gerd Propach (s. u.). Jedoch lassen sich diese Darstellungen durch Kleinigkeiten auffüllen:
 
Die beiden Briefe Hufelands an Jung-Stilling sind mehrfach gedruckt worden. Sie werden daher hier nicht mehr wiedergegeben (siehe die Texte hier). 

JUNG: Sendschreiben Nr. 109, S. 235. Danach gedruckt bei PFEIFER: Hufeland S. 90 f. – MERTENS: Spuren S. 20 f. – Propach S. 289 f.
JUNG: Sendschreiben Nr. 110, S. 235-236: Danach gedruckt bei PFEIFER: Hufeland S. 91. – MERTENS: Spuren S. 21 f. – Propach S. 290.
 

Seit Juli 1783 hält sich Hufeland bis 1793 in Weimar auf und liest auch in dieser Zeit Jung-Stillings Lebensgeschichte. Dies berichtetet er 1837 in Bd. 84 von „Hufeland’s Journal der practischen Heilkunde“ (Berlin: Reimer; hier S. 13 ff.; S: 28). Es heißt hier:
 
„Sehr wohlthätig war mir noch in dieser Zeit das Lesen von Stilling’s Jugend zur Stärkung des Glaubens und des kindlichen Vertrauens auf Gott, wofür ich dem Verfasser noch im Grabe danke.“
 
Hufeland war vom 11.01.1807 bis zum 15.01.1808 in Memel. Er schreibt: „wichtiger Abschnitt meines Lebens“; „zum ersten Mal seit meiner Jugend [...] las ich wieder das Wort Gottes“. In dieser Zeit - am 1808-03-21 – schreibt Jung-Stilling aus Karlsruhe an einen uns noch unbekannten Empfänger, der durchaus Hufeland sein könnte/wird (aufgelistet in Edition Schwinge S. 39). Der Brief lautet: (Zur Elektrizität und dem Magnetismus siehe unter 1789 hier.)
 
N° 146.
Die ungemein wohlabgefaßte Krankengeschichte, und überhaupt die vernünftige und zweckgemäße, aber leyder! unzulängliche Bedienung der guten Patientin überzeugt mich, daß der Siz der Krankheit gar nicht in den Augen sondern unmittelbar im feinsten Organismus liegt, der zunächst auf die Seele, und diese auf ihn würckt. Es haben sich entweder sehr feine scharfe Theilgen mit dem fluido nerveo=vitali vermischt, oder die Reizbarkeit hat sich vermehrt, oder beydes ist zugleich die Ursache der Krankheit; Hier ist kein anderes Mittel übrig als der Magnetismus aber dieser wird auch gewiß helfen. Es ist vielleicht das erstemal in meinem Leben, daß ich zu diesem Mittel rathe, aber diese Patientin ist auch unter vielen Taussenden die sich meines Raths bedient haben, die Erste, bey der, der Magnetismus so streng indizirt wird.
Ich ersuche daher die Patientin, oder die, die sich Ihrer annehmen, dies mein Consilium, dem verehrungswürdigen Archiater Hufeland, dem ich mich gehorsamst empfele, mit zu theilen, den ich dann hiemit ersuche, die Patientin, durch einen gesunde ächt moralisch gesinnte Person magnetisiren zu laßen, und wenn sie Somnambüle werden sollte, genau ihren Verordnungen zu folgen, und das Magnetisiren so lang fortzusetzen, bis sie ihre vollkommene Gesundheit wiedererlangt hat, zugleich aber bitte ich im Fall des Somnambulismus alle vorwitzigen Fragen zu Vermeiden, weil dadurch die Patientin leicht in Rapport mit dem Geisterreich gebracht, und zu Schwärmereyen und Irrthümern verleitet werden könnte. Übrigens muß der oder die Magnetiseur Von gesunder und starker Leibes constitution seyn.
Was ich so eben vom Rapport mit dem Geisterreich gesagt habe, das bitte ich nicht so ohne weiters zu verwerfen, ich habe davon unläugbare, und sehr traurige Erfahrungen, Sachen die man ja leicht vermeyden kann. Ich beziehe mich hier auf meine Theorie der Geisterkunde, die jetzt in Nürnberg bey Raw herauskommt.
Übrigens bin ich gewiß, daß der Magnetismus die Patientin unter Gottes Beystand gesund machen wird; welches ich von Herzen wünsche.
Carlsruhe d. 21sten März 1808.
Dr. Joh. Heinr. Jung
gt. Stilling Grosherzogl.
Badischer Hofrath.
Dürfte ich wohl um Nachricht vom Erfolg bitten?
 
 
Auf diesen Brief bezieht sich Hufeland dann im Jahr 1809 in seinem „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst herausgegeben von C. W. Hufeland und K. Himly. Bd. XXIX, Berlin: Reimer 1809.“ S. 34 f. berichtet er darin über einen Krankheitsfall, den er dann gemeinsam mit Carl Alexander Ferdinand Kluge (1782-1844) behandelte. Es heißt hier:
 
„[…] Dies erzeugte die Idee, daß dieser Zustand ganz für die magnetische Behandlung geeignet sei, und zugleich die feste Ueberzeugung, daß, wenn irgend Hilfe möglich sei, sie einzig und allein dadurch erhalten werden könne. Diese Idee theilte ich der Kranken mit, und sie ward davon eben so lebhaft durchdrungen. Merkwürdig war es, daß ein andrer Arzt, Hr. Hofrath Jung zu Heidelberg, 150 Meilen von hier, dem als einem berühmten Augenarzt, ohne mein Wissen, der Bruder der Kranken den Fall vorgelegt hatte, ebenfalls den Magnetismus als das einzige Heilmittel empfahl, welche Nachricht hier ankam, als die Kur schon angefangen war. […]“
 
Am 1815-11-28 schreibt Roxandra von Stourdza in Königsberg an Jung-Stilling in Karlsruhe. Man liest:
„In Berlin habe ich die Bekanntschaft des Vortrefflichen Hufeland gemacht, wir waren bald gute Freunde und sprachen sehr viel von ihnen. Er liebt sie zärtlich, und deswegen habe ich ihn auch sogleich lieb gewonnen. Sagen sie es ihm wenn sie ihm schreiben.“
 
Auch sonst ist Hufelands Journal eine Quelle, die bisher anscheinend unbeachtet geblieben ist. Im „Journal der practischen Arzneykunde und Wundarzneykunst hrsg. v. C[hristoph]. W[ilhelm]. Hufeland […] und J[ohann]. Ch[ristian]. F[riedrich]. Harles [später Harleß; …]. XLIV Bd., Berlin: Realschul-Buchhandlung 1817, Stück 3, März 1817“, findet sich S. 87 ff. der Artikel: „Magnetismus.“, darin heißt es S. 169:
 
„Jung in seiner Geistertheorie nimmt einen Aether- oder Lichtmenschen in uns an, der durch den Magnetismus frei und mit der Außenwelt in unmittelbare Verbindung gesetzt wird.“
 
Im März 1821 bezeichnet ein Autor in diesem Journal diese „Theorie“ dann als „ziemlich willkührlich geschaffene“ Theorie.
 
Im selben Journal heißt es ein Jahr später in Band XLVII, S. 110 f. (eine Somnambule sieht die Gestalt der weißen Frau, die sie wohl in Jung-Stillings Theorie der Geister-Kunde gesehen hatte, eine Person, die ihr die Rezepte diktiert):
 
8. Ueberhaupt aber dient die Geschichte allerdings zur Bestätigung anderer früherer Erfahrungen, in welchen das Vermögen, in die Ferne zu sehen, den künftigen Krankheitszustand zu prophezeihen, das Innere des Körpers wahrzunehmen, und in der Seele anderer Menschen zu lesen, bei andern Somnambulen in einem viel höheren Grade und auf eine weniger zweideutige Weise sich entwickelt hat. Bei der gegenwärtigen spielte die Phantasie eine wichtige Rolle, und ihre wirklichen Anschauungen waren gewöhnlich mit Phantasiebildern vermischt. Sie hat in diesem Stücke, so wie in Hinsicht der moralischen und frommen Tendenz ihrer Vorstellungen die größte Aehnlichkeit mit einer mir bekannten Somnambule. Auch diese, mit einer sehr lebhaften Phantasie begabt, glaubte gewöhnlich, daß ihr das, was sie über ihren physischen und moralischen Zustand, die anzuwendenden Heilmittel, den moralischen Charakter anderer Personen u. s. w. angab, von irgend einem geistigen Wesen, gewöhnlich einem Genius in Gestalt eines Jünglings, ihr vorgesagt, oder, auf einem Zettel geschrieben, vorgehalten werde, und, so wie diese Somnambule immer die weiße Frau sah (deren Abbildung sie wahrscheinlich vor Jungs Geisterkunde gesehen hatte), so war bei jener Somnambule der Geist ihres Großvaters das Gespenst, das ihr häufig vorschwebte, und mit welchem sie sich oft im Schlaf unterhielt. Zu den Phantasieen gehört ohne Zweifel auch die Idee von einem Häutchen unter dem Magen, das nur bei Somnambulen vorhanden sey. Wahrscheinlich hat sie einmal etwas von der wichtigen Rolle gehört oder gelesen, welche die Nervengeflechte in der Nähe des Magens bei Somnambulen spielen.“
 
 
Das Literarische Wochenblatt, hrsg. von August von Kotzebue, erscheint 1819 (erneut) mit dem zweiten Band. Auf den Seiten 174-176 berichtet es von Hufelands Journal und dem dortigen Bericht über die Patientin, die der weißen Frau ähnlich sah, also über den vorstehenden Artikel. 
 


 
 
Literatur:
 
Klaus Pfeifer: Medizin der Goethezeit. Christoph Wilhelm Hufeland und die Heilkunde des 18. Jahrhunderts. Köln: Böhlau 2000. [– Rezension: Robert Jütte in: F.A.Z vom Mi, 15.11.2000, Nr. 266, S. 72 unten, Sp. 1-3.]
 
Klaus Pfeifer: Ein Briefwechsel zwischen Johann Heinrich Jung-Stilling und Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836). – In: Erich Mertens (Hrsg.): Auf den Spuren von Jung-Stilling. Studien zu Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817). Freundesgabe für Alfred Klose zum 70. Geburtstag. Herausgegeben im Auftrag der Jung-Stilling-Gesellschaft zu Siegen. Siegen: Jung-Stilling-Gesellschaft (1998. – ISBN 3-928984-21-7.) S. 13-24.
 
Klaus Pfeifer: Christoph Wilhelm Hufeland. Mensch und Werk. Versuch einer populärwissenschaftlichen Darstellung mit 35 Abb. und einem dokumentarischen Anhang. Halle (Saale): Niemeyer 1968 (Verlagslizenz 315/89/68).
 
Klaus Pfeifer: Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) und Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836). - In: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimatvereins e. V. Bd. 47, 1970, H. 3: Dezember, S. 89-92. 
 
Gerd Propach: Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) als Arzt. Köln: Forschungsstelle Robert-Koch-Straße 1983 = Arbeiten der Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität zu Köln Bd. 27 = Kölner medizinische Beiträge hrsg. v. Marielene Putscher. ISSN 0172-7036. - ISBN 3-925341-26-9.
 
Walter von Brunn: Hufeland. Leibarzt und Volkserzieher. Selbstbiographie von Christoph Wilhelm Hufeland. Neuherausgegeben und eingeleitet. Stuttgart: Schramm (1937).

 

„Johann Heinrich Jung-Stilling. ‚Wenn einen der König des Himmels und der Erden zum Werkzeug macht’“. – In: Harald Salfellner (Hrsg.): Mit Feder und Skalpell. Grenzgänger zwischen Literatur und Medizin. Prag: Vitalis 2014, ISBN 978-3-89919-167-7, S. 21-56. – Geschrieben Dezember 2010, erschienen 2014.
 

 

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