Einführung:

  
Nicht beachtet wurde bisher, dass Jung mit dem Zaren Paul (gest. 23. März 1801) einen Briefwechsel kurz vor dessen Tod begonnen hatte. Vielleicht trägt diese Notiz zur Auffindung der Korrespondenz bei.
 
   
Informierend ist der Aufsatz: von Klaus Pfeifer:
Beziehungen Jung-Stillings zu Rußland. – In: Unsere Heimat und die Russen. Tagungsbericht zur Arbeitskonferenz des Arbeitskreises 'Heimatgeschichte im Westerwald-Verein' am 05. März 1988 in Bad Ems. Hrsg. v. Hermann Josef Roth in Zusammenarbeit mit Hermann-Josef Hucke. Montabaur: Westerwald-Verein 1898, S. 2-8
Interessant ist auch das einführende Kapitel „Jung-Stilling in Rußland.“ bei
  
Gogol und Jung-Stilling. Ein Vergleich. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde einer Hohen Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München vorgelegt von Josef [Vladimir] Krawtscheniuk [geb. 7.10.1924] aus Tarnopol (Galizien) 1951. (IV, 149, Blatt, I Blatt Lebenslauf; masch.), S. 6-23.
Eine genaue Darstellung dieser Beziehungen Jung-Stillings zu Rußland steht jedoch noch aus. (Siehe unten den Literaturhinweisen.)
 
Aber auf die erstaunlichen Parallelen und deutlichen Unterschiede zwischen Jung-Stilling und den „Stillen im Lande“ auf der einen und den russischen Altgläubigen auf der anderen Seite macht Michael Schippan S. 6 aufmerksam.
  
Es sei noch vermerkt, dass Jung-Stillings Sohn Friedrich in russische Dienste übernommen wurde; zu ihm siehe ausführlich hier.
 
Zu Nikolai Michailowitsch Karamsin/Karamzin siehe man unter diesem Link.
 
  

Jung-Stillings Werke in russischer Sprache

Jung-Stillings Werke sind in Russland häufig gelesen worden. Die umfangreiche Kenntnis der mystischen Literatur – und desgleichen der Bibel–, die der (spätere) Zar Alexander I. Pawlowitsch besaß, beweist eine Leseliste, die er "Ihrer Kaiserlichen Hoheit Großfürstin Katharina Pavlovna zu eigenen Händen" zusandte. (Über das Zustandekommen dieser Liste siehe man auch unten die Arbeit von Danilov.) Zum Brief Jungs vom 1815-04-27 siehe hier.
  
Alexander nennt darin neben Jakob Böhme, Swedenborg und Saint-Martin "Die Werke Stillings" und beklagt: "Alle in deutsch. Russisch gibt es unbedeutende Bruchstücke."
Siehe: Martin Winkler (Hrsg.): Slavische Geisteswelt. Russland. Darmstadt u. Genf: Holle (1955) = Geist des Abendlandes hrsg. v. Hermann Noack, S. 160-163, Zitate hier S. 163.
Zur Leseliste siehe auch
Francis Ley: Alexandre 1er et sa Sainte-Alliance (1811-1825). Avec des Documents inédits. Préface de Pierre Pascal. Postface de Georges Bidaut. Paris: Fischbacher (1975), S. 56 ff., bes. S. 57, 58. (Siehe auch unter dem URL http://www.ville-ge.ch/geneve/archives/fonds/ley.htm.)
  
Geiger verzeichnet S. 581 f. eine von Fritz Lieb erstellte Liste von neun Titeln, die in russischer Sprache erschienen sind. Auch die Bibliographie von Klaus Pfeifer nennt einige Titel.
  
 
In einem Bericht aus dem Jahr 1817 (oder früher), der 1819 publiziert wurde, ist zu erfahren:
"In der Theologie scheint auch hier der Geist der Mystik viel Empfänglichkeit für die Offenbarungen seiner Nebelgebilde zu finden, und es ist wohl kein Zweifel, daß die Frau v. Krüdner [sic; Krüdener],wenn ihr Weg sie hieher führen sollte, eine große Zahl Verehrer und Jünger erhalten würde. Heinrich Stillings Schriften sind ins Russische übersetzt; man glaubt hier, daß sie auf die religiöse Bildung des Volkes vortheilhaften Einfluß haben werden, man bietet daher alles auf, sie zu verbreiten und der Kaiser hat dem Uebersetzer derselben mit einem Brilliantring und 40,000 Rubel beschenkt. – vorzüglich ausgebreitet und bedeutend soll die Secte der Martinisten seyn […]"
 
Das Urteil von Nikolai Michailowitsch Karamsin/Karamzin (1766-1826) findet sich hier.
  
  
Karoline von Freystedt schreibt in ihren Memoiren S. 101, dass vieles zeigte
"… wie sehr die Mystik in jener Zeit dank dem Kaiser Alexander zur Mode geworden war, wie eine Kleidertracht. Frau von Krüdener und Jung=Stilling, - ihre Schriften musste man gelesen haben, um in der Gesellschaft etwas zu gelten."
Erinnerungen aus dem Hofleben. Von Freiin Karoline von Freystedt. Mit 2 Bildern der Markgräfin Amalie von Baden. Hrsg. v. Karl Obser. Heidelberg: Winter 1902.
  
  
Jedoch waren nicht alle überzeugt von Jung-Stilling oder hatten einfach nicht die Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. So der Admiral Alexander Semenowitsch Schischkov/Schischkoff (1754-1841). Dieser war damals Sekretär Alexanders. Vielleicht war es zu dem Zeitpunkt, als Jung-Stilling 1814 Alexander traf und ebenfalls Schischkow aufsuchte. Dieser schreibt in seinen Memoiren:
"Auch ein gewisser ihr - der Frau von Krüdener - ähnlicher Herr Stilling, ein schon ziemlich bejahrter Mann, besuchte mich, [... aber es] gefielen mir doch seine Ideen und eine gewisse sich bisweilen äußernde Sonderbarkeit seiner Gedanken so wenig, daß ich ihm durch meinen trocknen Empfang die Lust benahm, wieder zu kommen."
Memoiren des Admiral A. Schischkow über die Zeit seines Aufenthalts bei der Person des wohlseligen Kaisers Alexander I. (in Function eines Staatssecretärs) während des Krieges mit den Franzosen in den Jahren 1812 bis 1814. Aus dem Russischen übersetzt von Carl Goldhammer. Leipzig, bei Paul Gotthelf Kummer. 1832. S. 193 f.
  
 
Auch Anatolie, der Erzbischof von Minsk, hatte Eckardshausen und Jung-Stilling gelesen.
 
 

Auswanderung nach Russland

Jung-Stillings Werke führten auch dazu, dass viele Deutsche in Russland den "Bergungsort" sahen. Hier wollten sie siedeln, um das Jüngste Gericht abzuwarten und um hier ihren Eingang in das Reich Christi zu finden.
  
Johannes Harder († 1987) gab 1983 einen persönlichen Bericht über solche Auswanderungen vor der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V.
Johannes Harder: Jung-Stilling, Rußland und die endzeitlichen Erwartungen bei rußlanddeutschen Kolonisten im 19. Jahrhundert. - In: Jung-Stilling-Studien von Johannes Harder und Erich Mertens. 2. durchgesehene und erweiterte Auflage. Siegen: Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. 1987. S. 9-25. = Schriften der J. G. -Bibliothek Siegerland e. V. Bd. 15.
Umfangreich berichtet unter Hinzuziehung von Jung-Stillings Werken darüber auch
Gerhard Adler: Jung-Stilling und die Auswanderung nach Russland. Sendung des SWR 2 [Südwestdeutscher Rundfunk], Dienstag, 16. Dezember 2000; 10:05 bis 10:30. [Manuskripte sind dort erhältlich.]
Johannes Barkhahn: Selig sind, die Heimweh haben. Heinrich Jung, genannt Stilling, ein Freund Goethes 1740-1817. - In: Die Kommenden. Eine unabhängige Zeitschrift für geistige und soziale Erneuerung Nr. 11, 22. Jg. v. 10. Juni 1968-23, Freiburg i. Br.: Verlag Die Kommenden (Druck: Rombach & Co) 1968, S. 19-21. (M. 1 Abb. nach Kessler/Dannecker.)
Ernst Benz: Das Reich Gottes im Osten. Jung-Stilling und die deutsche Auswanderung nach Rußland. - In: Ders.: Endzeiterwartung zwischen Ost und West. Studien zur christlichen Eschatologie. Freiburg: Rombach (1972) S. 118-133. – Ursprgl. in: Evangelium und Osten. 7, 1934, Nr. 12, S. 1-23; 8, 1935, S. 61-71.
Georg Leibbrandt: Die Auswanderung aus Schwaben nach Rußland 1816-1823. Ein schwäbisches Zeit= und Charakterbild. Stuttgart: Ausland u. Heimat Verlags=Aktiengesellschaft 1928 = Schriften des Deutschen Ausland=Instituts Stuttgart. Reihe A: Kulturhistorische Reihe. Hrsg. i. A. des Wiss. Beirates v. Walther Goetz, Karl Sapper, Paul Traeger, Carl Uhlig, Wilhelm Volz. Bd. 21
Renate Vowinckel: Ursachen der Auswanderung gezeigt an badischen Beispielen des 18. und 19. Jahrhunderts. Stuttgart usw.: Kohlhammer 1939 = Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte Beiheft 37; = Diss. Heidelberg.
Weitere Literatur siehe hier unten!
 
 

Universität Charkow ehrte Jung-Stilling

Zwischen und an den Flüssen Charkow, Lopan und Netjesch wurde die Stadt Charkow (Har'kow) im 17. Jahrhundert als Stützpunkt gegen die Krimtartaren abgelegt. 1780 wurde sie Hauptstadt des gleichnamigen Gouvernements, später Hauptstadt der Sowjetukraine, bis sie dann von Kiew abgelöst wurde.
  
Die Universität Charkow wurde 1804 von Zar Alexander I. gegründet. Goethe hatte als Mitglied des Rats der Neugründung den Rittmeister Theodor Pilger aus Hessen vermittelt. Der errichtete dann an der Universität Charkow sein veterinärmedizinisches Institut und publizierte dort etliche Abhandlungen. Auch gründetet er die erste ukrainische Zeitschrift unter dem Namen „Ukrainskij Domowok“, die die Zensur später verbot.
  
1812 hatte Ferdinand Karl Schweikart einen Ruf an die Charkower Universität angenommen. Er hatte sein Studium der Rechtswissenschaft 1792 in Marburg aufgenommen. – Auch Johann Daniel von Schmerfeld (1774-1811) – ein Schüler Jung-Stillings – wurde nach Charkow berufen.
  
Es wird berichtet, dass deren Rektor neben Christusbildern auch Bilder von Jung-Stilling als Wandschmuck aufhängen ließ.
 
Nach Hildegard Schaeder: Autokratie und Heilige Allianz. Nach neuen Quellen. Fotomech. Nachdr. d. Ausg. 1934 u. d. T.: Die dritte Koalition und die Heilige Allianz. Darmstadt: Wiss. Buchges. 1963 (2. erg. Aufl.) Fußnote 110, S. 60.
 
Dies wird übernommen von:
 
 [Faivre, Antoine:] Jung-Stilling Johann Friedrich [sic! recte Johann Heinrich] (1740-1817). – In: Encyclopædia univeralis. Thesaurus – Index [Band:] D – Kowal. Paris: Encyclopædia univeralis (1996), S. 1935, Sp. 3 – S. 1936, Sp. 1. [Seit 1975 erscheint dieser Artikel in der Encyclopædia univeralis; auch die neueste CD-ROM hat den Namensfehler.]
Unklar bleibt der Hinweis auf dem Jahr 1957, wonach eine Jung-Stilling-Büste (!) in den Räumen der Universität in Kiew bis zum Jahr 1917 gestanden habe.
  
Im Garten von Iwan Wladimirowitsch Lopuchin (1756-1816) im Dorf Savinskoe bei Moskau gab es eine nach Jung-Stilling benannte Insel "mitten in dem malerischen Teichspiegel liegend".
  
Siehe
Danilov, Andrej V.: Iwan Lopuchin. Erneuerer der russischen Freimaurerei. Seine Lehre von der inneren Kirche als eigenständiger Beitrag zum Lehrgebäude der freimaurerischen Mystik. Dettelbach: Röll 2000, ISBN 3-89754-152-1; = Quellen und Forschungen zur europäischen Ethnologie Bd. 23; zugl. Diss. Regensburg 1999, S. 39 f.
 
Nadedja Gorodetzky: Saint Tikhon of Zadonsk, inspirer of Dostoevsky. St. Vladimir's Seminary Press 1976, ISBN 091383632X, 9780913836323; hier S. 216 ("'island of Yung-Stilling'" [sic]).
 

Literatur

Siehe zunächst noch neben der oben genannten Literatur zur Auswanderung:
Tatjana Högy [geb. Lanko]: Jung-Stilling und Rußland. Untersuchungen über Jung-Stillings Verhältnis zum 'Osten' in der Regierungszeit Kaiser Alexanders I. Siegen: Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. 1984 = Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. Bd. 12. (II, 160 S., 2 Abb. – Ursprgl. Phil. Diss. Marburg 1954; damals ungedruckt.)
Michael Schippan: Zwei Romane Jung-Stillings in Russland ("Theobald oder die Schwärmer" und "Das Heimweh"). Siegen: J. G. Herder-Bibliothek e. V. 2000 = Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. Bd. 33. [VI, 93 S., dann 12 S. Anhang, davon 10 S. Abb.]
Zwischen Straßburg und Petersburg. Vorträge aus Anlaß des 250. Geburtstages von Johann Heinrich Jung-Stilling. Hrsg. v. Peter Wörster. Siegen: Selbstverlag der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. 1992 = Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V., Bd. 25. (Hier ist S. 146 auch eine Jung-Stilling gewidmete Schrift in russischer Übersetzung mit dem Titelblatt abgebildet. – Viele Informationen zum Thema ebd. S. 41-96.)
 
Klaus Pfeifer: Jung-Stilling und das Heil aus dem Osten. – In: Offene Tore, H. 3, 2010, S. 160-180.

Jung, Arden Ernst: Die „russischen“ Nachfahren Jung-Stillings. Der letzte Namensträger. - In: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimatvereins 58, 1981, H. 3-4, Oktober 1981, S. 167-175.

  

Jung, Arden Peter: Die „russischen“ Nachfahren Jung-Stillings. Der letzte Namensträger starb 1944 in Berlin. 2. Teil in Zusammenarbeit und nach den Unterlagen seines Vaters Arden Ernst Jung †. - In: Siegerland. Blätter des Siegerländer Heimatvereins e. V. 61, 1984, H. 2, S. 80-88.

  
Pesenson, Michael A.: Napoleon Bonaparte and Apocalyptic Discourse in Early Nineteenth-Century Russia. – In: Russian Review, Bd. 65, H. 3 (Juli 2006), S. 373-392.