Vielen ist Jung-Stilling ein verehrungswürdiger Mensch, was sich in den Äußerungen zeigt, die sie über ihn gemacht haben. Davon zeugen auch die vielen Einträge in Lexika, Enzyklopädien usw. (Siehe unter den würdigenden Texten.)
  
 
Ein anderer Bereich ist der der Esoterik, in den Jung-Stilling „eingeordnet“ ist und der ihn auch in die Nähe von Rudolf Steiner, Jakob Lorber u. a. rückt. Dazu siehe man ausführlich hier.
 
Ein Beispiel für eine Würdigung zeigt der unten folgende Nachruf, einer von den vielen, die sich unter den "Texten" finden lassen. 
 
Seit vielen Jahren erscheinen gereimt sog. "nachtodliche Belehrungen" von Jung-Stilling. Stellvertretend - man vgl. dazu auch hier - sei hier nur genannt
Jung-Stilling belehrt von Christlieb Himmelfroh Siegen. Kirchhundem: AK-Verlag 1991.
Hier liest man in Anm. 18:
"Siona = Begleitengel von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siehe Heinrich Jung-Stilling: Szenen aus dem Geisterreich, 6. Aufl. Bietigheim (Rohm) 1973, S. 219 ff (S. 279: Siona diktiert Jung-Stilling zu Lebzeiten in die Feder). Bei nachtodlichen Erscheinungen von Jung-Stilling war Siona häufig sein Begleiter. Siehe Treugott Stillingsfreund: Erscheinungen im Siegerland. Kreuztal (verlag die wielandschmiede) 1987, passim, Gotthold Untermschloß: Begegnungen mit Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen (Kalliope Verlag) 1988 sowie Glaubrecht Andersieg: Allerhand vom Siegerland. Siegen (Höpner) 1989, S 96, S. 99, S. 167, S. 171."
  
Sie schienen neu zu sein, doch gab es schon im 19. Jahrhundert Erscheinungen von Jung-Stilling, von denen der hier abgedruckte Text einer somnambulen Apokalyptikerin zeugt.
 
  
  

Ein würdigender Nachruf

(Er findet sich auch hier.)    
 
Am 2. April d. J. starb zu Karlsruhe, [...], Johann Heinrich Jung genannt Stilling, Großherzoglich Badischer geheimer Hofrath an Altersschwäche. Er war geboren den 12. Sept. 1740 in dem kleinen Dorfe Imgrund in dem Nassau-Siegenschen.
 
Sein Leben hat er selbst in dem vielgelesenen Buche Stilling bis auf die Zeit seines Greisenalters mit einer Wahrhaftigkeit und Treuherzigkeit beschrieben, welche sogleich alle ansprach und dem Vf. gewann. Der letzte Band davon, „Stillings Alter,“ [sic] zugleich das letzte Werk, womit er sich beschäftigte, und das er bereits angefangen hatte, ist jetzt unter der Presse und wird nächstens erscheinen.
In der Voraussetzung, daß die Hauptmomente seines Lebens wenigen unbekannt sind, werde hier bloß der Rückerinnerung wegen folgendes bemerkt:
Der Sohn armer Bauersleute mußte er anfangs das Schneiderhandwerk erlernen, aber seine früh aufstrebende außerordentliche Geisteskraft, verbunden mit praktischer Frömmigkeit, führte ihn stufenweise als Schulmeister, Handlungsdiener, Hauslehrer, Arzt, öffentlichen Lehrer der Cameralwissenschaften durch ein rastlos thätiges gehaltreiches Leben zu einer hohen Stufe von Geistes- und Herzensbildung, und zu einem Wirkungskreise, wie ihn selten ein Mann von seinem Stande erlangt, und der ihm Freund ein allen Erdtheilen erwarb.
In Straßburg studierte er Medicin, und hier war es, wo Göthe [Goethe] und Herder, die zu gleicher Zeit mit ihm sich zu Straßburg befanden, seine akademischen Freunde wurden, eine Verbindung, die Göthe für werth hielt, in seinem Leben zu erwähnen.
In Elberfeld prakticirte er nach vollendeten medicinischen Studien als Arzt, und wurde hier anfangs gegen seinen Willen veranlaßt, sich im Stechen des Staares zu versuchen. Der Versuch gelang jedoch, so glücklich, daß bald eine Menge an dem Staare Leidender zu Jung ihre Zuflucht nahmen, und durch die Geschicklichkeit seiner Hand das Gesicht wieder erhielten.
Die Anzahl derselben vermehrte sich täglich, und schon vor mehrern Jahren belief sich die Summe der von ihm vom Staare geheilten, unter welchen selbst manche Blindgeborne waren, auf mehr als Zweytausend. Viele kamen in der Folge noch hinzu, und noch in seinem hohen Alter war seine Hand, obgleich schon Krankheitssschwäche sich seiner bemächtigt hatte, fest genug, mehrere auf das Glücklichste von dem Staare zu befreyen.
Hiebey bewies er eine seltene Uneigennüzigkeit, Armen von ihm geheilten nahm er nicht nur nie für die an ihn verrichtete Cur etwas ab, sondern oft entließ er sie auch noch bebeschenkt und erfreute sie so auf doppelte Weise.
Auf seiner wissenschaftlichen Laufbahn wurde er in das Cameralistische Fach geführt, und bey der Gründung der Cameral-Hohenschule zu Kaiserslautern durch den Kurfürsten von der Pfalz, Karl Theodor, des ersten Institutes dieser Art in Deutschland (1774) war er einer der frühesten und verdientesten Lehrer derselben.
Mit eben dieser Anstalt wurde er 1784 nach Heidelberg versetzt; aber schon einige Jahre nachher als öffentlicher Lehrer in diesem Fache auf die Universität zu Marburg berufen.
Er war eine der ersten in Deutschland, welche dieses Fach wissenschaftlich bearbeiteten, und eine neue Bahn brachen. Auch schrieb er Lehrbücher über alle Zweige dieses Faches, über die Finanzwissenschaft, Polizey-Wissenschaft, Vieharzneykunde u. s. w., über welche Lehrbücher noch jetzt auf manchen Universitäten Vorlesungen gehalten werden.
Bey der ihm eigenen Gewandheit des Geistes war es ihm ein Leichtes, sich jeder Wissenschaft zu bemächtigen, welcher er sich zu widmen veranlaßt wurde. Sein mündlicher Vortrag war ausgezeichnet lebendig und klar, und nicht leicht mißlang es ihm, das Interesse und die volle Aufmerksamkeit seiner Zuhörer zu fesseln.
Sowohl hierdurch als durch seine Schriften verbreitete sich sein Ruf als akademischer Lehrer selbst in das entfernteste Ausland, und wer einmal sein Zuhörer gewesen war, hing fortdauernd mit inniger Liebe und Dankbarkeit an ihm.
Indessen lebte in seinem Gemüthe ein mächtig gefühlter Beruf für christliche Frömmigkeit und Tugend zu wirken, welcher alle seine übrigen Besterbungen und seine übrige Thätigkeit weit hinter sich zurückließ.
Er verdankte es seinem erhabenen Freunde, dem verewigten Großherzog von Baden Karl Friedrich, daß er, ohne zu bestimmten Geschäften verpflichtet zu seyn, nach Heidelberg und von da nach Karlsruhe berufen, und in eine Lage versetzt wurde, worin er seinem religiösen Berufe ganz leben konnte.
Sowohl literarisch als durch die ausgebreitetste Correspondenz und besonders auch durch seinen von Hohen und Niedern, und von Menschen der verschiedensten Denkart gesuchten und wegen des Geistreichen auf der einen, und der Hochgemüthlichen auf der andern Seite geschätzten Umgang hat er stark auf sein Zeitalter gewirkt.
Mögen auch manche seiner religiösen Vorstellungen zu individuell gewesen seyn, und hin und wieder Schwärmerey geweckt haben: er selbst war nicht Schwärmer in dem Grade wie manche ihn sich dachten.
Dagegen sprach schon er bloße Anblick desselben, seiner geraden und hohen Gestalt, seines hellen, offenen und reinen Auges, noch mehr eine längere Unterhaltung mit ihm, durch die sich immer ein gesunder nüchterner Verstand aussprach und eine Richtigkeit der Ansicht menschlicher Angelegenheiten, welche mit Schwärmerey unvereinbar ist.
Als biedern und ungeheuchelten Menschenfreund, dessen Handeln aus der reinsten, ungetrübtesten Quelle fließt, zeigte er sich auf die vielfachste und seltenste Art, im Verborgenen wie öffentlich, und der schärfste Beobachter desselben sah sich gezwungen zu bekennen: er wolle nicht scheinen, sondern seyn.
Als Christ war er dies im hohen Sinne des Wortes; eine Frömmigkeit, die ihn sein ganzes Leben hindurch begleitete, war nicht erkünstelt, sondern in das Innerste seines geistigen Wesens verwebt, und der Leitstern, nach dem seine Blicke unverrückt gerichtet waren.
Und wie er gelebt hatte, so zeigte er sich auch noch besonders auf seinem Sterbebette, nur daß sein Geist, während er sich von seiner irdischen Hülle losarbeitete, zugleich bereits, wie aus mehreren Aeusserungen desselben erhellt, manche vielleicht zu sinnliche Vorstellungen von dem Zustande des Menschen nach dem Tode und der Ewigkeit, gegen reinere und geläutertere vertauscht zu haben schien.
  
 
 
 

Philippine Demuth Bäurle 

 
und ihre Reise in den Jupiter
  
(Bäurle geb. Weinheim 2.06.1816)  
  
  
 
Achte Reise in den Jupiter.
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Den 8. Dezember machte sie ihre achte und letzte Reise in den Jupiter. Sogleich nach der Ankunft ihres Führers sagte sie : daß sie bitte, sie heute ja nicht mit vielen Fragen zu belästigen, sie wolle alles, was ihr zu sagen erlaubt wäre, von selbst angeben ; zugleich bemerkte sie dabei, daß sie nach diesem Schlafe zwanzigmal in Schwäche verfallen werde.
Als sie auf die angegebene Zeit in dem Jupiter angekommen war, da sagte sie:
„Nun komme ich wieder an ein Thor, die Säulen desselben sind blau glänzend, die Stadt nennt sich Israel ; die ausgezeichnete Wunderschönheit des Thores und der Stadt, übertrifft wieder die Vorigen. Bei meinen Reisen in den Mond und Merkur, sind mir die zuletzt gezeigten Städte wie etwas geringer vorgekommen, als di [sic; die] zuerst bereisten nun ist es aber anders. – Die Steine, mit welchen die Straße belegt ist, sind so glatt als wie Glas und Purpurroth ; die ganze Stadt funkelt zusammen, da ist es ganz göttlich. – Jetzt komme ich gegen den Versammlungssaal der Seligen. – Es nähert sich mir ein Seliger, der mich an meiner linken Hand faßt. *) Jetzt gehet mein Gang so schnell und leicht, als ob ich Flügel hätte. – Ich habe nur noch zehn Treppen --
 *) Sie hielt ihren Führer, und jenen, gleich fest.
  
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zu besteigen ; in wenigen Augenblicken bin ich oben. Mit dem Engel, der mich begleitet, kann ich nicht reden, er ist aber sehr freundlich und liebevoll gegen mich. – Nun trete ich n den Saal und der Mitführer verläßt mich wieder, er ist ein Lehrer und stellt sich oben an ; nun will ich doch meinen Führer fragen, wer dieser ist. – Es ist der verstorbene Heinrich Jung, Stilling, oder der graue Mann genannt, welchen ich schon in meiner vierten Reise in den Merkur, *) als Lehrer im Jupiter angegeben habe. Die Lehrer haben vor den Lernenden doch einen nicht geringen Vorzug, und sind Gott um Vieles näher. – In der Mitte des Saales ist eine goldene Säule, auch hängen wie mehrere Kronleuchter, – es sind aber doch keine – in demselben herunter, sie sind blos zur Verschönerung des Saales da, nicht aber zu einer Beleuchtung, denn der Saal ist an sich selbsten voll Licht und Klarheit. Die Zahl derer, die da sind, ist in Vergleichung der Größe des Saales wieder geringe, und doch, sagt mit mein Führer, seyen von allen Nationen und Religionen Selige da. – Es giebt so thörichte Menschen, die sagen können : wo Gott aber für die Menschen, die seit den Weltzeiten gelebt haben, Raum genug finden wolle ; das sind recht alberne Fragen, denn da ist Raum über Raum, die Welt mag stehen, so lange sie immer will  Gott hört in seinen Wirkungen und immer neuen Schöpfungen gar nicht auf. – Den Lehrunterricht habe ich,, der hohen Worte halber, wieder nich [sic; nicht] fassen und begreifen können, sie sind für mich, die ich noch im Fleische wandle, ganz und gar nicht faßlich. – Für jetzt hat der Lehrunterricht ein Ende, nun beginnt wieder Musik und Gesang, beides macht mich zweifach entzückt, sie singen das Lied, welches in dem alten Würtembergischen [sic, Württemberg] Gesangbucht Nr. 274, vorkommt, wovon die erste Strophe also lautet : „Herr Gott dich loben wir ; […] -- *) Siehe Seite 43. [Hier wird nach Verstorbenen gefragt, u. a. auch nach Jung-Stilling, Goethe, Sokrates, Luther u. a. Zum Verbleib Jung-Stillings erhielt man die Antwort: „Der hat eine ansehnliche Stelle als Lehrer im Jupiter.“]
  
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[…] „Der Aufenthalt dahier vergehet mir zu schnell, wie einige Augenblicke ist er vorüber. – Ich freue mich allzusehr auf den Christtag, da will ich das richtige Jahr, Tag und Stunde angeben, wenn Christus geboren ist, dieses Fest wird bei uns nicht an dem richtigen Tage gefeiert. – Mein Führer sagt : da werde ich mich erst wundern, in welche Herrlichkeit ich alsdann geführt werde ; bis dorthin werde ich aber noch schwächer werden, als ich es wirklich bin. – Am Schlusse dieser meiner letzten Reise hierher, darf ich auch auf unsere Erde herunter sehen. – Nun werde ich wieder durch einen wunderschönen Garten geführt, es begleiten mich wieder zwei Führer ; Blumen und Bäume sind über alle Maßen schön, so auch deren Wohlgeruch mehr als erquickend ; die Wege sind aber wieder ganz schmal.“
Während dieser Durchwanderung gab sie wieder ein Kräutchen an, welches ihr Bruder pflücken sollte, und bestimmte den Platz ganz genau, wo es stehe, da bei bemerkte sie : daß Weinreben, klein geschnitten, abgesotten, und dieses Wasser als Fußwasser gebraucht, für die Glieder sehr stärkend sey. Darauf fuhr sie fort :
„Ich werde später auch noch in eine Apotheke *) geführt werden. – Wegen Hurerei und dergleichen fraget mich ja nicht, eine jede solche und andere unnütze Frage, werde ich unbeantwortet lassen.“
Indem sie im Begriffe war den Garten zu verlassen, so wurde sie noch gefragt, was derselbe für eine Benennung habe? Darauf sagte sie :
„Er heißt Sodomna. – Nun darf ich auf unsere Erde herunter sehen, es kommt mir vor, als wenn ich durch ein Fenster sähe, sie erscheint mir nicht größer, als wenn ich durch ein Fenster sähe, sie erscheint mir nicht größer, als ein kleiner Ball, womit die Kinder spielen, und siehet schwärzlich aus ; ich würde sie gar nicht beachten, wenn mich mein Führer nicht besonders darauf aufmerksam machte, sie giebt auch gar keinen Glanz von sich, wohl aber -- *) Dieses geschah auch wirklich, es kann aber darüber keine weitere Mittheilung gemacht werden.
  
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der Mond. Der Jupiter stehet von unserer Erde aus gegen der Sonne wie im Mittelpunkt, er ist nämlich eilf Millionen Meilen von unserer Erde, und zehen Millionen Meilen von der Sonne entfernt. – Mein Führer sagt mir : von der Sonne aus werde mir unsere Erde nicht größer erscheinen, als ein starker Stecknadelknopf. – Ich bin schon sehr weit oben. – Nun nimmt mein Führer Abschied, und giebt mir, wegen meinem so hohen Vergnügtseyn, aus dem Liede Nr. 160. im alten Würtemb. Gesangbuche : „Befiehl du deine Wege &.“ den eilften Vers mit auf den Weg : […]
Damit hatten ihre Reisen in den Jupiter ein Ende.
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- Vorgänge nach dieser Reise. –
Die angekündigten Schwächen traten bald nach ihrem Erwachen ein, und waren aber anfänglich nur in der Dauer von fünf bis sechs Minuten, so sprach in denselben sehr wenig, und nur von dem, was im sie herum vorgieng, dieses gab sie aber alles richtig an  ehe die neunte Schwäche sich einstellte, so sagte sie, daß diese eine halbe Stunde daure, was bei den aufgelegten Uhren auf die Secunde hin eingetroffen ist. Sogleich mit Anfang derselben sagte sie :
„Nun will ich etwas mittheilen, was mir mein Führer in meiner letzten Reise eröffnete, das ich aber wohlweislich verschwiegen habe, welches auch mein Führer begünstigte, weil der Auflauf als zu stark geworden wäre, obwohl der Anwesenden doch eine
  
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Menge seyn werden. – Es scheint mit ein unbekannter Seliger, und dieser kann mit mir reden; ich fragte denselben, wer er sey ? Er antwortet : ich bin ein naher Anverwandter von dir, und stamme eines Theils von einem Geschlecht her, von welchem auch du eines Theils deine Abstammung hast, denn mein Vater und deine Mutter sind leibliche Geschwister, ich bin der ins einem 19. Jahre verstorbene Georg Goelz. – O, vor Glanz und Klarheit hätte ich ihn gar nicht erkannt, wenn er sich nicht namentlich zu erkennen gegeben hätte : er sagt mir, in meinem nächsten Schlaf, der keine Schwäche sey, werde ich für meine künftige Reise eingesegnet, und das von Heinrich Jung Stilling, um deßwillen habe derselbe mich auch heute mit meinem Führer in den Saal, aus demselben und in den Garten begleitet ; ich, sagte G. G., und dein Bruder Fritz erscheinen bei dieser Handlung als Zeugen, bald nach derselben aber wird Stilling in die Sonne versetzt werden. – Nach diesem Schlaf werde ich eine viertel Stunde eine wachende Ruhe erhalten.“
Diese erfolgte, und so wie solche vorüber war, so verfiel sie richtig in die zehnte Schwäche, aber diese, so wie die vorhergehende waren wirklich somnambüler Schlaf. Bald darauf gerieth sie in eine außerordentliche Freude, wegen der großen Gnade und Barmherzigkeit, die ihr widerfahre.
„Ach! – rief sie – wenn ich nur Flügel hätte, um diesen dreien, die zu mir kommen, entgegen fliegen zu können !“
Nun brachte sie ihr Bettgewand ganz in Ordnung, verlangte einen S hurz [sic; Schurz], welchen sie sitzend im Bette umgebunden hatte, und so wie sie damit fertig war, so sprach sie :
„Nun machet mir Raum, ich muß aus dem Bette, die Handlung gehet nun vor sich.“
Darauf gieng sie mit voller Kraft aus dem Bette, nahm einen Teppich, breitete solchen auf dem Boden aus, und fiel sodann auf ihre Knie nieder. Gleich darauf empfieng sie mit einer bewunderungswürdigen Ehrfurcht Stilling, wie auch die beiden Zeugen, und reichte jedem mit aller Demuth die Hand. Als die einsegnung ihren Anfang nahm, so warf sie siich aus wahrhafter Demuth auf ihr Angesicht nieder, richtete sich aber sogleich von selbst wieder auf und erhob ihre Hände gefaltet gen Himmel ; nach diesem reichte sie ihre Linke Hand den Zeugen, die zur rechten und lnken Seite standen, die rechte reichte sie Stilling, der vor ihr
  
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stand ; während dieser Handlung gab sie ein Zeichen, daß eine Handauflegung auf den Kopf bei ihr vorgehe. Als diese vorüber war, so nahm sie von jedem mit dem Zeichen der tiefgefühltesten Demuth Abschied ; nachdem selbe abgegangen waren, so stunde sie vog [sic; von] selbst auf und legte sich ohne Hilfe zu Bette ; darauf sagte sie :
„Die kraftvollen Worte, die Stilling bei meiner Einsegnung über mich ausgesprochen hat, vermag ich gar nicht auszudrücken. Diese Handlung war mehr als heilig, ich habe mich hiebei auf das heiligste verpflichte, den dreieinigen Gott auf ewig treu zu bleiben ; Ihr werdet erfahren, daß ich gewiß eine wahre Christin werde ; erwartet aber nicht, daß ich es heute schon bin, das erfordert eine längere Zeit. Stilling reichte mir einen goldenen Becher, aus welchem ich zweimal das Einsegnungswasser getrunken habe, *) welches sehr kräftig und köstlich war, und einen tiefen, tiefen Eindruck in meiner Seele zurück gelassen hat ; dieses und die Worte giengen mir durch Mark und Bein.“
Sie wurde nun gefragt : warum sie sich mit dem Angesicht auf die Erde geworfen habe ? da sagte sie :
„Meine Niedrigkeit und die große Gnade, diem ir zu Theil geworden ist, brachte mich dazu, daß i ch mich zu Stillings Füssen niederwarf, allein er hat es ganz und gar nicht geduldet, sondern mich selbsten sogleich aufgerichtet mit den Worten „Eine solche Erniedrigung ist nur bei Gott allein gültig und angemessen.“ – Ich werde später, so wie ich einen andern Stern bereise, immer wieder auf das neue eingesegnet ; meine Einsegnung von der Sonne aus in das neue Jerusalem, wird die feierlichste werden. – Stilling war auch etwas somnambül, und konnte sich dessen, was ihm vorkam, stets erinnern. – Ich sehe eine Taube um mich herum fliegen.“
Sie machte mir ihrer linken Hand immer eine Bewegung, diese Taube aufzufangen, es war ihr aber nicht möglich. Gleich nachher erwachte sie und bald darauf erfolgten die weitern zehn Schwächen, jede derselben aber war von kurzer Dauer und ohne besondere Angaben, als alle vorüber waren, sagte sie : -- *) Alle Anwesende haben ein wirkliches Schlucken sichtlich an ihr wahrgenommen. –
  
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„Nun bin ich sehr matt, lasset mich jetzt in meiner Ruhe.“ und nahm auch für diesen Tag keine Speise mehr zu sich. [...]"