In seiner Zeitschrift „Der Graue Mann“ schreibt Jung-Stilling über die französischen Emigranten und ihr Schicksal in Deutschland folgendes (Der Graue Mann, Heft 2, 1797, S. 94 f.):

 

„Er. Wenn’s mit Ihr so fort geht – Ja! Doch ich muß dir noch mehreres von meinen lieben Bauersleuten erzälen: Im Sommer [1795], als das Flüchten so stark war, kamen etliche dreysig Personen, Männer, Weiber und Kinder, mehrentheils vornehme Leute, des Abends an ein etwas abgelegenes Bauernhaus, alle waren müde, und konnten nicht weiter; freundlich lud sie alle die Bäuerin in ihre Hütte, brachte sie alle in ihre Stube, speiste sie alle so gut sie konnte und die ganz kleinen Kinder nahm sie in ihre besondere Pflege und wachte bey ihnen, damit ihre abgematteten Mütter, wie sie sagte, auf dem Stroh desto ruhiger schlafen könnten, bey dem allen gieng ihr ihr Mann fleisig an die Hand, und als die Flüchtenden des Morgens weggiengen, so nahmen die guten Leute nur wenig für das Essen; denn sie hatten das Gut gepachtet, und konnten nicht viel verschenken.“

 

In diesem Zusammenhang ist Jung-Stillings Einsatz für die Familie von Barst im Jahr 1796 und 1797 darzustellen. Carl Heinrich Baron von Veyder-Malberg (der „Chur Trierische Cammerherr Weidre“) besuchte 1796 auf seiner Reisen nach Gotha, Erfurt und Weimar in Marburg Jung-Stilling und nimmt von diesem ein Empfehlungsschreiben an Goethe mit.

  
  
Zu Veyder-Malberg siehe Genalog. Handbuch des in Bayern imm. Adels, Bd. 5, 1955, S. 259 f.
   Gothaisches genealogisches Taschenbuch der Freiherrlichen Häuser auf das Jahr 1868. 18. Jg. Gotha: Justus Perthes [1867]. S. 942: Veyder=Malberg (geb. Oberehe 28.02.1767, ehel. Therèse Forget de Barst). – Diese Angabe auch bei Kneschke.
   Im Wappenbuch der Östereichischen Monarchie findet sich als Bild 70 das Wappen der Freiherren von Veyder. – Siehe dazu Neuer Nekrolg der Deutschen, 8. Jg., 1830, Ilmenau 1832, S. 330 ff.: Franz Carl Baron Veyder von Malberg, k. k. Kämmerer und österr. Generalmajo usw., geb. 1775, gest. 12.04.1830.
   Alexandra Feilen: Der barrierefreie Naturerlebnispfad: Eine Studie am Beispiel des ehemaligen Campingplatzes "Zur Wackenmühle" in der Gemeinde Rehlingen-Siersburg. Hamburg: Diplomica Verlag 2007; ISBN 3836656094, 9783836656092; S. 81: Jean Forget de Barst (geb. Barst 17.02.1689, gest. 14.10.1778) ehel. 27.04.1715 Charlotte de Cailleux de Velmont; 11 Kinder entsprangen aus dieser Verbindung. Einer seiner Söhne war Franz Wilhelm Henry Forget (geb. 06.09.1722, gest. 25.04.1784; Hauptmann im Regiment Nassau), er ehel. Franziska de Wolkring bei Dudenhofen
   Johann Jakob Röhrig: "Ich schwöre es!" unter der Fahne des ersten Napoleon. Jugendgeschichte des Hunsrücker Dorfschullehrers Johann Jakob Röhrig, von ihm selbst erzählt. Books on Demand Engelskirchen 2008, ISBN 3940980102, 9783940980106; S. 12: 1809 erhielt man dort einen Französischlehrer, einen Emigranten namens de Barst, „der verstand es aber, seinen Schülern die Regeln begreiflich zu machen.“
   Louis de La Roque / Edouard de Barthélemy: Catalogue des gentilshommes en 1789 et des familles anoblies ou titrées depuis le primier empire jusqueà nos jours 1806-1866, Bd. 1, 1866. Darin : „Catalogue des Gentilshommes de Lorraine et du Ducjé de Bar.“ Darin „Bailliage de Bouzonville.“ dort S. 17 ff. die „De Barst“ und die „Forget de Barst“.
   [Jean Baptiste Jullien] de Courcelles: Dictionnaire universel de la noblesse de France. Bd. 5. Paris: Au Bureau général de la noblesse de France, 1822, S. 147: Charles-Ferdinand de Forget de Barst ehel. Thérèse baronne de Veider; deren Tochter Marie-Anne ehel. 1798 Jacques Husson de Bermon (geb. Bar le-Duc 17.10.1761); aus dieser Ehe ging hervor Marie-Madeleine-Adélaide-Ernestine Husson de Bermon (geb. 12.12.1799).


 
In wieweit Verbindungen zwischen den Personen Wreden, Knigge,Göchhausen, Dereser, Reichard usw. mit Veyder-Malberg bestanden, sei der Spezialforschung überlassen, aber vielleicht erklärt dies die Verwendung Jung-Stillings für von Barst.

 
Karl Joseph (von) Wreden/Wrede, Dr. jur. utr.; geb. Mannheim 1761, n. A. 1763, gest. 1829; 1827 von der hessisch-nassauischen Regierung ab Bischof für Mainz postuliert; „Wreden ist geistlicher Referendar des biedern und vortreflichen Kurfürsten Maximilian von Kölln“ (Eudämonia Bd. 4, 1797, S. 309) und dessen einflußreicher Vorleser.
    
Karl Siegmund Anton von Göchhausen (1740-1824).
    
Heinrich August Ottokar Reichard (1751-1828).
    
Johann Anton („Thaddäus“) Dereser (1776-1802); Brief an Wreden 9.07.1796, SA Düsseldorf, Köln. Geistl. Archiv Nr. 534; nach Jahrbuch es Köln GV Bd. 33-37, S. 166, Anm. 61.
    
Adolph Freiherr Knigge (1752-1796).

 

Jedenfalls schreibt Jung-Stilling am 1796-10-23 aus Marburg nahezu gleichlautend an Goethe in Weimar und Heinrich August Ottokar Reichard in Gotha. Der Brief an Goethe ist in der Edition Schwinge S. 190 abgedruckt. In ihm heißt es:

 
Marburg den 23sten 8br. 1796
Auf der Lothringischen Gränze lebten drey adliche Damen, die Wittwe von Barst mit ihren 2 Schwägerinnen Fräuleins von Barst. Diese wurden unter Robespierres Regierung bis aufs Hemd ausgeplündert, ihre Wohnung bis auf die Erde abgebrannt, und dann das Gut verkauft; so bettelarm kommen sie alle drey zu ihren Verwandten, dem Freyherrn von Malberg in der Eifel, dessen Sohn Cammerherr am Churtrierischen Hof ist; hier wurden sie erquickt, gekleydet, und ernährt; nun kam aber auch die Reyhe an den Herrn von Malberg, auch dieser wurde ausgeplündert und verjagt. Die guten Damen flüchteten nun über den Rhein, lagen auf einer Streu in einer Bauernstätte, nähten und stickten, und der edle junge Mann, der Cammerher von Malberg gieng dann mit ihren Arbeiten hausiren und verkaufte sie, 

 
Franz Karl Veyder von Malberg schreibt nun aus Weimar am 1796-11-26 an Goethe betr. Recommendation seiner Verwandten von Barst in Gotha. Der Absatz von Galanteriewaren und anderer Artikel seiner Verwandten möge in Gotha gefördert werden.

 
Vgl. HAHN: Goethebriefe2 S. 147, Nr. 472. – Ernst u. Renate Grumach: Begegnungen und Gespräche: 1793-1799 Bd. 4. Walter de Gruyter, 1965, ISBN 3110081059, 9783110081053, S. 258: „Laß mir doch wißen was Du von dem Ch. trierischen Cammerherrn weißt der sich bey mir hat melden laßen, u. vorgiebt er sey gestern bey Dir gewesen. Durch allerhand umstände [sic] kömmt er mir ein wenig verdächtig vor.

 
Karl Siegmund Anton von Göchhausen schreibt vor dem 1796-12-15, wohl aus Eisenach, an August Prinz von Sachsen-Gotha und Altenburg. Er gibt Auskunft über Jung-Stillings Schützling de Barst. Sie seien seinem Bruder E. A. A. von Göchhausen von Herrn Revolutions-Almanachs-Rath Reichard (H. A. O. Reichard) empfohlen gewesen; er ist auch bereit, für die Unglücklichen … alles zu thun. – Rücksendung von Jungs Brief in Begleitung der Gazetta universale (Nr. 86 v. 1796-10-25, = S. 681-688 des Jg.)

 
Vgl. KOLTES: Regesten Bd. 2, Nr. 512.

 
August Prinz von Sachsen-Gotha und Altenburg schreibt 1796-12-15 an Goethe; dieser erhält den Brief Jung-Stillings vom 1796-10-23 wieder nebst Antwort und die Gazetta universale.

 
Vgl. HAHN: Goethebriefe2 S. 156 f., Nr. 514. - Nach meiner Durchsicht der genannten Nr. ist nichts zu von Barst in der Gazetta universale enthalten.

    
Vor dem 1796-12-23 schreibt Madame de Barst an Goethe und an Johanna Maria Henriette v. Wedel und an J. Georg Leberecht v. Luck betr. Jung-Stillings Brief vom 1796-10-23.

 

Vgl. HAHN: Goethebriefe2 S. 160, Nr. 525 und 526. - GOETHE: WA (Raabe) Bd. 52, S. 119, Nr. 3453a druckt diesen Brief ebenfalls ab; in den Erläuterungen dazu schreibt Raabe S. 122 von dem Galanteriewarenladen in Erfurt, was richtig Gotha heißen muss (W. Rasch).
Vgl. Ernst u. Renate Grumach: Begegnungen und Gespräche: 1793-1799 Bd. 4. Walter de Gruyter, 1965, ISBN 3110081059, 9783110081053, S. 258, 264.
HÖFER: Goethe S. 15, Nr. V:

 
So heißt es nach Goethes Hand:

  
ich ersuche hierdurch Frau Cammerherr von Wedel und Herrn Cammerherr von Luck gehorsamst, ihre Bitte zu begünstigen und entweder den Frauenzimmern unmittelbar oder mir die Resolution auf ihr Gesuch um so mehr bald bekannt zu machen, als sie etwas spät einlangen um zum heiligen Christe noch etwas von ihren Waaren absetzen zu können.

 
Der Jahrgang 1796 der „National=Zeitung“, auf den sich die Zeitung selbst im Januar des folgenden Jahres bezieht, berichtet in seiner Nr. 47 vom 24. November 1796, Sp. 1 unter der Rubrik "Erfurt." über das Schicksal der Damen Barst.
Hier liest man im Jahr 1797 Sp. 21-22:

 
„Berichtigung. Man hat mit Rührung einen Artikel in der Nat. Zeitung N. 47. S. 1057. gelesen, in welchem ein Menschenfreund aus edler Absicht das traurige Schicksal der Familie von Barst und die Theilnahme eines ihres Verwandten daran geschildert hat. Da dies aber zu verschiedenen Auslegungen Anlaß geben kann : so wird man veranlaßt, hier zu versichern, daß keine andere Absicht bey dieser Bekanntmachung zum Grunde gelegen, als die, – der Familie von Barst in ihrem Handelsgeschäft (da sie in Erfurt wegen der dasigen Accisverfassung nicht verkaufen kann, und also gezwungen ist die Messen zu beziehen) unter Teutschlands Edelgesinnten Freunde und Gönner zu verschaffen, und ihnen bey den dazu unternommenen Reisen, Absatz ihrer Waaren und freundschaftliche Aufnahme zu bewürfen. Keinesweges aber ist die Absicht gewesen, andere Verhältnisse aufzustellen, und die harten Schicksals=Prüfungen herzuerzählen, welche diese Familie mit vielen Tausenden noch Unglücklichern theilet, bey deren Schilderung die Hand der Freundschaft die geringe Theilnahme eines ihrer Verwandten merklich verschönert hat.“

 
 

 



 
Vielleicht dienen diese Notizen dazu, weiteres zu diesen Beziehungen herauszufinden!
 
 

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