Nachdem nun Jung-Stilling als Autor dieses Textes ausgeschlossen werden konnte, sei der Text dennoch hier ohne die Auszeichnungen des Textes wiedergegeben. Zu den Ausschlussgründen siehe man hier.
 
"Vorschlag zu zweckmäßiger Erleichterung des Selbstunterrichts in Sprachen, sonderlich der Lateinischen."
 
 Im Januar-Heft der "Deutschen Monatsschrift" erschien der hier abgedruckte Aufsatz. Sowohl mit der darin vertretenen Ansicht zur Erziehung und zur Schule ist er sehr modern.
 
Dieser Artikel mit dem Titel "Vorschlag zu zweckmäßiger Erleichterung des Selbstunterrichts in Sprachen, sonderlich der Lateinischen." wird gewöhnlich Jung-Stilling zugeschrieben. Zwar war Jung-Stilling 1785 Hofrat geworden, jedoch reicht dies sicherlich zur Zuordnung nicht aus. Ebenso ist der Stil des Aufsatzes unterschiedlich von dem Jung-Stillings. Die Begriffe Meyerhöfe (siehe jedoch Jünglings-Jahre, LG S. 90) und Korporalstock deuten m. M. n. auch auf eine andere Gegend hin, als auf die, in der Jung-Stilling lebte.
 
Die Anerkennung des eigenen Willens der Knaben im Text ist zu hinterfragen, denn Jung-Stilling äußert sich z. B. in der "Rede über den Werth der Leiden" von 1789 noch anders:
"die Pflicht der Erzieher gegen ihre Zöglinge: Erkenntniß der Pflichten, und vollkommne Geschmeidigkeit, Biegsamkeit, Gehorsam des Willens gegen diese Pflichten, diese beyden Stücke machen alles aus. Wird das Kind von Jugend auf unterrichtet in dem, was recht ist, und wird unaufhörlich sein eigener Wille gebrochen, und gegen seine Pflichten folgsam gemacht, so gelingt die Erziehung gewiß, und wir bilden zuverläßig edle Menschen" [...]"Gehorsam gegen die Pflichten, gegen die ewigen und unveränderlichen Gesetze unserer Glückseligkeit, den können wir von jedermann, dessen Führung uns anvertraut ist, unbedingt fordern".
An einer anderen Stelle meint Jung-Stilling im Jahr 1784:
"Wenn sich aber die Eltern um ihre Kinder nicht bekümmern, wenn sie sie nach der neusten Mode, ihrer Natur nach aufwachsen lasen, ihnen keine Lust und kein Vergnügen wehren, wenn sie ihren eigenen Willen nicht brechen, so wachsen sie auf, ihre Lüste werden Herr über sie, und sie können sich nicht mehr bezwingen,".
Auch wäre dies – nach meiner Kenntnis – einer der wenigen Texte, in denen Jung-Stilling auf die englische Sprache eingeht. Dies ist wiederum in Bezug auf seine Geheimschrift von Bedeutung.
Siehe zu diesem Text nun auch den Aufsatz von
 
Gerhard Schwinge über Jung-Stillings Kenntnis der (klassischen) Sprachen in:
Reinhard Düchting: Sibi et amicis. Erinnerungen Kleine Studien Schriftenverzeichnis. Mit einem Brief von Georg Ellinger an Fritz Homeyer und Beiträgen von [...]. Hrsg. v. Jolanta Wienlocha. (Heidelberg:) Mattes (1006, ISBN 3-930978-77-6), S. 205-210 (m. 1 Abb. S. 209).
 
Dieser sechste Beitrag in der Zeitschrift ist unterz. S. 71: "Jung." - Seitentitel: "VI. Vorschlag zur Erleichterung / des Selbstunterrichts in Sprachen." S. 343 des Bandes im "Inhalt des ersten Bandes." im "Januar."-Teil liest man: "VI. Vorschlag zur Erleichterung des Selbstunterrichts in / Sprachen. Von Herrn Hofrath JUNG. . S. 62". – Im Intelligenz-Blatt der NAdB 7, 1793, S. 52 wird diese Ausgabe der Monatschrift angezeigt und auch dieser Artikel genannt.
 
 
Deutsche
Monatsschrift.
-
1793.
Januar bis April.
-
Erster Band.
Mit Kupfern.
-
Freymüthig und bescheiden.
-
Berlin, 1793.
bey Friedrich Vieweg dem älteren.
 
Hefttitel:
 
Deutsche Monatsschrift.
1793. Januar.
 
 
 
 
 
 
62     VI. Vorschlag zur Erleichterung
--
VI.
Vorschlag
zu zweckmäßiger Erleichterung des Selbstunter=
richts in Sprachen, sonderlich der Lateinischen.
- [eL]
Es ist wol entschieden, daß bey einigen Leuten der mündliche,
und besonders der öffentliche, Unterricht in einem an sich so
trocknen Studium, wie das Studium der todten Sprachen,
vor dem Privatunterricht und mehr noch vor dem Selbstun=
terricht große Vorzüge haben müsse. Jener ist weit leben=
diger und angenehmer, er erhält Lust und Liebe zum Lernen,
und der Schüler hat oft mehr Nutzen vom bloßen Zuhören, als
er, einsam und eingeschlossen in seiner Stube, auf dem bisheri=
gen ungebahnten, weit umführenden, abschreckenden Wege des
Selbstunterrichts, bey gar viel größerer Anstrengung, gewiß
nicht finden würde. Der Umgang mit jungen Leuten seines Al=
ters ist ihm überdieß in andrer Rücksicht ungemein heilsam zur
Stärke und Gewandheit des Körpers, zur Gegenwart des Gei=
stes, zur Entwicklung seines ganzen Wesens, zur Gleichschätzung
seiner selbst mit andern Knaben, die über und unter seinem Stan=
de sind, folglich zur Gründung eines für die ganze übrige Lebens=
zeit wohlthätigen Gefühls von männlichem Stolz und männlicher
Bescheidenheit.
Wo also die öffentlichen Schulen ihrer Bestimmung entspre=
chen, wo der Lehrer Kenntnisse, Willen, Rechtschaffenheit und
 
     des Selbstunterrichts in Sprachen.     63
--
eine zweckmäßige Methode besitzt; wo zwar noch wilde Knaben=
streiche verübt werden, wo aber keine Laster, besonders keine heim=
lichen, im Schwange sind: - da laß, gewissenhafter Vater!
o du ängstliche Mutter! deinen Knaben sich holen, was er da=
selbst zu holen vermag: eben keine Gelehrsamkeit, denn das kann
er nicht und soll er nicht, aber doch immer die erste Grundlage
dazu. Er lerne da nur lernen; er erwerbe sich nur das,
was so unumgänglich nothwendig ist, um sich dereins durch Men=
schen und Dinge muthig und besonnen durchzudrängen. Wenn er
denn auch einmal nach Haus kommt, mit einem Riß im Kleid,
oder wol gar mit einer Beule am Kopf, so muß dich das in die=
nem unverkünstelten und sichern Systeme im geringsten nicht irre
machen.
Aber gut und nicht sittenvergiftend müssen doch also die
Schulen seyn, gut ihre Lehrer, gut ihre Methode – und haben
wir deren schon viele? –
Ich weiß wohl, künftig werden sie nicht mehr so selten seyn.
Denn an manchen Orten hat man schon solche Einrichtungen ge=
troffen, welche mindestens zeigen, daß man die großen Gebrechen
unsers Schulwesens fühle. – Aber man betrachtet doch noch
immer nicht die Schulen als die wahresten Nationalanstalten, als
solche Anstalten, die auf die ganze Bildung der ganzen männlichen
Menschheit von größestem Einfluß seyn könnten. Noch immer
hat man sich nicht über die zu ergreifenden Mittel vergleichen,
noch immer nicht diese Mittel in wirkliche Anwendung bringen
wollen.
Doch, über jede wichtigere Angelegenheit des Menschen
geht seit einiger Zeit in allen Köpfen eine große und heilsame Re=
volution vor. Wir haben allerdings mehr als bloße Vermu=
thung, daß solche sich auch über das Schulwesen vieler deutschen
 
64     VI. Vorschlag zur Erleichterung
--
Länder nach und nach erstrecken, und demselben eine ganz vernunft=
mäßige Verfassung geben werde.
Aber wie viele Zeit kann noch darüber hingehn! Denn, wenn
unsre meisten Väter des Vaterlandes für alles, was zu ihrer so
genannten Erholung dient, Geld genug haben, so haben sie über=
all keins für die dringendsten Angelegenheiten und Bedürfnisse
der Menschheit, keins also für die Unterstützung des so ärmlichen
Schulstands, keins also für die bessere Einrichtung der Schulen
selbst. In so vielen größern oder kleinern Städten, wo sich dem=
nach – nur schlechte und seelenverderbliche Anstalten dieser Art
befinden, hauptsächlich auch in den zahllosen kleinen Landstädtchen,
Dörfern, abgelegenen Landhäusern, Meyerhöfen, u. s. w. wo
man freylich weit besser gar keine, als solche elende Schulen be=
sitzt, – in diesen unüberdenklich häufigen Fällen sieht sich daher
noch sehr lange so mancher redliche Vater, und mehr noch so
manche besorgte Mutter in der äußersten Verlegenheit. Die la=
teinische Sprache ist und bleibt einmal noch für lange Zeit dieje=
nige Thür, durch welche man unumgänglich zu jeder Gattung
von ausgebreiteten Kenntnissen eindringen muß. Latein wird also
zu jeder gelehrten Beschäftigungsart erfodert, Latein muß also
der Knabe nothwendig lernen. Aber wie fängt man es an, wenn
man gar keine, oder doch nur, in andrer Absicht, eine für Geist
und Körper äußerst gefährliche Gelegenheit dazu hat? Dem Va=
ter fehlt es, um seinen Sohns selbst zu unterrichten, oft an Wis=
senschaft, oft an Muße, oft an Willen, oft an Geduld. Die
Mutter sieht sich vollends gänzlich außer Stande, ihrem Sohne
diese Gattung von Bildung zu geben. Man muß also dem Kna=
ben einen Informator halten! Wie viele sonstige Unbequemlich=
keiten und Nachtheile kann dieß haben! Wie drückend kostbar ist
dieß auf alle Fälle für die meisten Eltern! Können sie sich also nicht
     dazu
 
     des Selbstunterrichts in Sprachen.     65
--
dazu verstehn, so müssen sie ihren Sohn gänzlich von sich entfernen.
Dieß streitet aber wieder völlig wider alles elterliche Gefühl, gegen
alle elterliche Bestimmung, gegen alles wahre Wohl ihres Kindes.
Sehr beklagenswerth ist es vollends, wenn sie ihren Sohn auf
ein entlegenes Gymnasium schicken müssen, und, wie es leider
oft der Fall ist, dasselbe alle Eigenschaften besitzt, um seinen Kopf
zu verschrauben, und sein Herz zu vergiften.
Häusliche, elterliche Bildung ist und bleibt also diejenige,
welche die Natur verordnet, eingeleitet, und gewiß auch auf alle
mögliche Weise erleichtert hat. Und diese Bildung soll der arme
Knabe zu seinem ewig unersetzlichen Schaden entbehren; bloß
weil er Eine Sprache, und noch dazu eine todte, lernen soll?
Kann denn dieß die nothwendigste, die einzige Bestimmung seines
Alters seyn, welcher man alle andre Rücksichten, auch die wich=
tigsten, auch die heiligsten aufopfern muß? Und gäb' es denn
durchaus kein Mittel, beyde Zwecke mit einander zu vereinigen?
Kein Mittel, das Eine zu thun, und das Andere nicht zu lassen? –
Wer nur einigermaßen auf die Geschichte seines Lernens ge=
merkt, der wird gefunden haben, daß er im Grunde wenig ge=
lernt, worin er nicht sein eigner Lehrer gewesen. Jeder andre,
und war er auch der geschickteste und gewissenhafteste, konnte
nichts anders thun, als Winke und Anleitung geben, um die Wiß=
begierde zu wecken und zu unterhalten, und dann das Uebrige dem
eignen Fleiß, und dem eignen Scharfsinn zu überlassen.
So bald der Knabe das eilfte, zwölfte Jahr erreicht hat,
und von der Natur und der Erziehung nicht ganz verwahrlost
worden, so bald regt es sich in ihm, seine Kenntnisse zu erwei=
tern. Die bisher ganz planlose, kindische Geschäftigkeit lenkt sich
nun auf wesentlichere Gegenstände, und erhebt sich bis zur Thä=
tigkeit. In die Welt, in welche er jetzt erst wirklich tritt, bringt
     Deutsche Monatsschrift. 1793. Januar.     E
 
66     VI. Vorschlag zur Erleichterung
--
er jungen, frischen Muth, Gesundheit, Kraft, Wißbegierde,
ein neues, williges Gedächtniß. Sechs volle Jahre kann er nun
sammeln und muß er sammeln, wenn er einen festen Grund le=
gen will zu künftiger Geschicklichkeit, Thätigkeit und Glückselig=
keit. Die Leidenschaften sind noch nicht bis zu dem Grade erwacht,
und können nach Verhältniß der Beschäftigungsliebe des Jüng=
lings nicht zu dem Grade erwachen, daß sie sich seiner ganz be=
mächtigen; er müßte denn durch Luxus und andre Verkünstelung
schon verschroben und verdorben seyn. Er wird sich also gern be=
schäftigen, er wird also auch gern Latein lernen, wenn man ihn
nicht durch eine verkehrte oder gar tyrannische Methode davon
abschreckt.
Einen Weg müßte man daher entdecken und einschla=
gen, auf welchem sorgfältige Eltern, auch wenn sie selbst
keine gelehrte Bildung bekommen hätten, dennoch ihren
Sohn, so bald er, gegen das eilfte, zwölfte, dreyzehnte
Jahr, Lust und Trieb zum Latein lernen fühlt, dahin bringen
könnten, daß er, unter ihrer freundlichen Aufsicht und Anfeu=
rung ganz von selbst das Nothwendigste der lateinischen Sprache
sich eigen machte: daß also keine verkehrte und verhaßte Lehrart,
kein pädagogischer Korporalstock, der jedes Ehrgefühl äußerst be=
leifdigt, oder endlich ganz zerstört, den jungen Menschen auf
sein ganzes Leben gegen diese Sprache mit Ekel erfüllte, son=
dern daß er schrittweise, muthig und froh in derselben, wie in
andern Zweigen des ihm nothwendigen Lernens, bis zu einem ge=
wissen Grade sich empor hülfe, und eben dadurch seinen Fleiß und
sein Selbstvertrauen stärkte, spornte, belohnte. –
Zu einer Zeit, da einer meiner Freunde nicht die geringste
Kenntniß der englischen Sprache besaß, fiel ihm ganz von ohnge=
fähr das neue Testament, englisch und fanzösisch gegen einander
 
     des Selbstunterrichts in Sprachen.     67
--
übergedruckt, in die Hände. Der Inhalt war ihm natürlicher=
weise bekannt, er konnte also das Englische sehr bald verstehn;
wo er es nicht verstand, da zog er das Französische zu Rathe;
Als er nachmals hörte, daß die neue Cyropädie von Ramsay
 
 La nouvelle cyropédie ou les voyages de Cyrus. Avec un discours sur la théologie & la mythologie des anciens. Par [Chevalier] M. [Andrew Michael] Ramsay [1686-1743]. En françois et anglois. Edition augmentée. St. Malo chez L. H. Hovius, fils 1786; 2 Bde. = A new cyropaedia ort he travels of Cyrus; auch als Mikrofilm: Woodbridge, Conn.: Research Publications Inc. 1986, = The Eighteenth Century; reel 5193, no. 3. – Siehe den Text unter http://misraim3.free.fr/divers/les_voyages_de_cyrus.pdf und auch http://sunzi.lib.hku.hk/DLC/ebooks/detail.jsp?bib=B27881404.
 
ebenfalls englisch und französisch gegen einander über abgedruckt
sey, verschafte er sich diese, und las wieder das Englische auf die
nämliche Weise. Die Grammatik machte er sich unter der Hand
gleichfalls bekannt. Dadurch erhielt er denn bald eine solche
Grundlage im Englischen, daß er sich noch gar viel leichter und
schneller hätte selbst forthelfen können, wenn er andre und stufen=
weise schwerere Bücher, aber eben so mit gegenüberstehender
Uebersetzung, gefunden hätte.
Und eben auf diese Erfahrung meines Freundes gründet sich
mein nachstehender Vorschlag zu einem allgemeinen Lehr=
buch der lateinischen Sprache zum Selbstunter=
richt junger Leute. Ich nähre den sehr angelegentliche
Wunsch und die sehr freudige Hofnung, dieser Vorschlag werde
recht bald einen wackern, denkenden Mann finden, der ihn wirk=
lich ausführe, und sich dadurch den Dank vieler Eltern und ins=
besondre vieler Jünglinge erwirbt.
Bey diesem Lehrbuch denk' ich mir aber folgende Ein=
richtung.
Im ersten Bande. Das Nothwendigste der Gramma=
tik. Also überhaupt ein Begriff der Sprache; von der lateini=
schen und ihrer Oekonomie insbesondre. Deklinationen. Konju=
gationen. Regeln. Abweichungen. Alles kurz, zweckmäßig ge=
ordnet, klar, faßlich.
In mehreren folgenden Bänden. Eine ganz zweck=
mäßige Chrestomathie aus klassischen Schriftstellern der Römer,
 Chrestomathie = Mustersammlung.
um die jungen Leute nicht allein gleich mit dem wahrsten Latein,
     E 2
 
68     VI. Vorschlag zur Erleichterung
--
sondern auch, zur Erhebung ihres Selbstgefühls, unmittelbar
mit großen und berühmten Schriftstellern dieses großen und be=
rühmten Volks näher bekannt zu machen. Größtentheils prosai=
sche Stücke. Zuletzt auch poetische. Anfangs ganz leichte. Dann
immer schwerere, möglichster Zusammenhang beträchtlicher
Stücke. Bemerkung der Quantität in jedem Falle, wo der jun=
ge Leser zweifeln könnte. Gegen über dem lateinischen Text eine
so wörtliche Uebersetzung, daß sie genau die nämliche, und zwar
Anfangs, wie jene, bezifferte Wortfolge beobachtet, um die Ab=
weichung dieser letztern und überhaupt den ganzen Genius der
beyden Sprachen – das schwerste in jeder! – desto anhaltend
fühlbarer und anschaulicher zu machen. Verweisung auf die merk=
würdigsten Regeln und Anweichungen von denselben.
Im vorletzten Bande. Eine elegante, jedoch so viel
wie möglich treue Uebersetzung, theils um im Nothfall die wört=
liche zu verstehn, theils und hauptsächlich auch, um sich mit dem
guten, deutschen Styl bekannt zu machen, indem man mit ihr
die seinige jedesmal vergleicht.
Im letzten Bande. Ein zweckmäßiges Wörterbuch,
worin aber jedesmal die Bedeutungen der Wörter ganz so folgen,
wie sie logisch aus einander entstehen, damit der junge Mensch
den Zusammenhang der so verschiednen Bedeutungen leicht einse=
hen, und sie sich um so viel besser merken könne. Diejenigen,
welche in der Chrestomathie selbst vorkommen, werden theils
durch eine andre Schrift, theils auch durch Hinweisung auf die
Stellen selbst merkbar gemacht.
Als nothwendig trennbarer Anhang. Eine kurze
und leicht zu fassende, leicht zu befolgende Anleitung für Eltern &.
was sie, bey dem Selbstunterricht des jungen Menschen zu beob=
achten haben.
 
     des Selbstunterrichts in Sprachen.     69
--
Mit diesen Hülfsmitteln kann es ihm, wie mich dünkt, un=
möglich schwer und unangenehm fallen, täglich einige bestimmte
Stunden zu diesem Selbstunterricht zu verwenden; besonders
wenn der Vater oder die Mutter diejenigen menschlichen Mit=
tel gebrauchen, die so sehr in ihrer Gewalt stehen, ihn zu ermun=
tern und zu stärken. Wie er so, vom Leichtern immer zum
Schwerern übergehend, wirkliche Fortschritte macht, und sich
ihrer bewußt ist, wächst auch sein Muth und sein Selbstvertrau=
en. Intereßirt ihn nun vollends Sprache und Inhalt, – und
deswegen sollte man sich nur höchst selten vor dem zwölften Jahre
mit ihr beschäftigen, – so wird er sich bald in den Stand setzen,
den Text fertig herunter zu lesen, und nur noch höchst selten die
gegenüberstehende wörtliche, oder die deutsche Uebersetzung zu
Rathe zu ziehen.
Wenn sich der Knabe dadurch gewöhnt, sich allein und gern
zu beschäftigen, so ist es überdieß der sicherste Weg zum derein=
stigen wahren Studiren. Die jungen Leute sind, ich wiederhole
es, gewöhnlich wißbegierig genug, aber anhaltendes Sitzen, an=
haltendes Arbeiten wenigstens ist ihrer ganzen Natur und Nei=
gung entgegen. Sie müssen also nicht allein bis zum nöthigen
Grade durch Inhalt, Methode und Fortschritte dazu gereizt und
gestärkt werden; sie müssen auch zu gleicher Zeit Freyheit behal=
ten, ihrer sonstigen übersprudelnden Lebensfülle und Geschäftig=
keit, die unendlich wohlthätiger und nützlicher sind, als mancher
Stubengelehrter meint, nach Wohlgefallen und Bedürfniß Lust
zu machen.
Dem jungen Menschen, welcher so seine bestimmte Stun=
den dem Latein und seinen andern Studien, wovon ich vielleicht
anderwärts einmal sprechen werde, gewidmet hat, bleibt aber
auch alsdann Zeit genug, um noch mit andern Knaben Knabe zu
     E 3
 
70     VI. Vorschlag zur Erleichterung
--
seyn, ein genaues Register über alle Vogelnester der ganzen Ge=
gend zu führen, und, wenn ihm das Glück recht günstig ist, ein
Pferd an die Tränke zu reiten. Alles, was so der Geschmack
des jugendliche, ach! dieses glücklichen Alters mit sich bringt,
hat der Schöpfer sehr absichtlich und sehr weise in die Natur des
Knaben gelegt, und sollte daher mit wahrer Ehrerbietung, Freu=
de und Dank betrachtet und beurtheilt werden.
Und hat denn der junge Mensch auf diese Weise das vier=
zehnte, funfzehnte Jahr erreicht, hat er schon einen diesem Alter
angemessenen Vorrath von Kenntnissen gesammelt, hat er seinen
Geschmack an Wissenschaft nun bis zum Hunger gereizt, dann
findet sich ja wohl ein seinem Wohnort, oder doch nicht so gar
entlegen davon ein geschickter und wohlwollender Mann, der
sichs zur Freude macht, ihm weiter fortzuhelfen, damit er
seine Zeit bis zur Universität – er muß sie lieber drey Jahre
zu spät beziehen, als Eins zu früh – so nützlich ausfüllen und
verwenden könne, daß er genau in dem Verhältniß einen desto
reifern und reichern Kopf wieder daher zurückbringe, je reifer
und reicher er ihn mit dahin genommen.
Aber man wird vielleicht einwenden, wenn dieß auch bey
einem jungen Menschen angeht, der wirklich Lust und Trieb zum
Lernen hat, was fängt man denn an, wenn einem andern das
Lernen gänzlich verhaßt ist? – Verhaßt ist das Lernen wol kei=
nem Menschen von gesunden Sinnen, wenn man ihn nur nicht
zur Unzeit und nach einer schlechten Methode dazu zwingt; folg=
lich werden dergleichen Fälle von entschiedener Abneigung äußerst
selten seyn. Wo sie aber wirklich eintreten, da ist ohnehin jede
Mühe verloren, da ist's weit vernünftiger und menschlicher, den
Knaben nicht gerade zu dieser Beschäftigungsart zu zwingen, so
bald er durchaus keine Neigung und Fähigkeit dazu hat, sondern
 
     des Selbstunterrichts in Sprachen.     71
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ihn lediglich dem, zu was ihn ursprünglich der Schöpfer orga=
nisirt hat, zu überlassen. Wer hierin einer entgegengesetzten
Meinung ist, der gebrauche alle die tyrannischen Mittel, die ihm
die Natur, aber nicht die Vernunft in seine Gewalt gegeben, er
zerarbeite sich, den armen Züchtling zu etwas zu machen, was
er doch niemals werden kann, er vergifte ihm so die schönste Blü=
te des Lebens, und jede künftige Erinnerung an sie: ich kann den
Marterer, die wie den Gemarterten, nur bedauren.
     Jung.
 
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