Jung-Stilling und Zar Alexander I. Pawlowitsch

 
 
 
   kein Treffen am 10. Dezember 1813 oder am 21. April 1814
 
 
Porträt des Zaren im "Taschenbuch" 1815
 
 
Ein unerklärlicher Fehler
 
  
Unter den Jung-Stilling-Orten ist bereits einiges zu Jung-Stillings Beziehungen zu Russland gesagt. Hier soll noch detaillierter Jung-Stillings Verhältnis zum Zaren dargestellt werden. Siehe auch den Breif vom 1815-04-27 hier.
 
Im Oktober 1814 erschien Jung-Stillings "Taschenbuch für Freunde des Christenthums. – Auf das Jahr nach Christi Geburt 1815.", dem Band ist dieses Porträt vorgesetzt und es findet ebd. S. 3-6 seine Erklärung; Porträt des Zaren nach Leonhard Schlemmer.
 
 
Das Bild des Zaren Alexander I. Pawlowitsch schwankt in der Beurteilung. Dies ist z. B. dargestellt in den Aufsätzen
Erich Mertens: Jung-Stilling und der Kreis um Frau von Krüdener. - In: Peter Wörster (Hrsg.): Zwischen Straßburg und Petersburg. Vorträge aus Anlaß des 250. Geburtstages von Johann Heinrich Jung-Stilling. Siegen: Selbstverlag d. J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. 1992 = Schriften der J. G. Herder-Bibliothek Siegerland e. V. Bd. 25, S. 41-96.
 
Die Heilige Allianz von 1815 und Johann Heinrich Jung-Stilling. – In: Erich Mertens (Hrsg.): Auf den Spuren von Jung-Stilling. Studien zu Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817). Freundesgabe für Alfred Klose zum 70. Geburtstag. Herausgegeben im Auftrag der Jung-Stilling-Gesellschaft zu Siegen. Siegen: Jung-Stilling-Gesellschaft (1998. – ISBN 3-928984-21-7.) S. (66)67-92. (S. 66 Abb. Metternichs.)
 
 
Im Zuge der Feldzüge der Befreiungskriege kam Alexander auch nach Heidelberg, Baden-Baden und Karlsruhe. Immerhin war seine Gattin Elisabeth Tochter des badischen Herrschers. Bereits am 2. Dezember 1813 begrüßt ihn das Heidelberger Wochenblatt (S. 199, vgl. ebd. S. 203) mit einem Gedicht: „Auf die Ankunft Sr. Majestät des Kaisers Alexander in Heidelberg.“ (Er kömmt! er kömmt! Eilt Ihm entgegen!)
Vielleicht fand zu diesem Zeitpunkt die Begegnung mit dem russischen Admiral Schischkow (1754-1841) statt, die dieser in seinen Memoiren erwähnt. Jung-Stilling verweist auf diesen Besuch des Zaren in Karlsruhe in einem Brief Friedrich Karl Spitteler von der Deutschen Christentumsgesellschaft in Basel:
Baden (Baden), den 20. Juli 1814
Als im verwichenen Dezember der Russische Kayser in Carlsruhe war [so am 14. Dezember zur Abnahme einer Parade des traditionsreichen Semjonow-Garde- und eines Kirgisen-Regiments], so hatte er gewünscht, mich zu sprechen. Die Zeit war aber zu kurz, und er verschob es bis zu seiner Wiederkunft.
 
 
Leider verliest sich Otto W[ilhelm]. Hahn hier (in seiner Dissertation S. 681, Anm. 166) und macht daraus ein Treffen zwischen Jung-Stilling und dem Zaren am 10. Dezember 1813. Tatsächlich fand dieses Treffen erst am 9. und 10. Juli 1814 statt. Jung-Stilling trifft Kaiser Alexander und dessen Gattin bei der Markgräfin von Baden in Bruchsal und nimmt, neben Minister vom Stein sitzend, an der kaiserlichen Tafel teil. Tischgäste sind auch General Fürst Wrede und Fürst Ypsilanti.
Martin Brecht nennt ein Treffen am 21. April 1814 in Bruchsal; auch dies ist falsch. Er bezieht sich auf Geiger S. 321 mit Anm. 82 auf S. 580, wo der 15. Juni 1814 als Briefdatum genannt ist und verwechselt das Treffen des Zaren mit dem der Zarin, das bei Geiger S. 320 mit dem Datum des 21. April 1814 genannt ist.
In seinen Aufzeichnungen (s. Lebensgeschichte, Hrsg. Benrath) S. 694 schreibt Jung-Stilling:
„10.7. 1814 den 10ten Jul. hatte ich eine merkwürdige Unterredung mit dem Kayser Alexander von Rusland. Am nämlichen Tage erhielt ich von der Kayserin eine jährliche Pension von 300 Gulden.“
 
 
Das wichtigere Gespräch ist das am 10. Juli. Es fand von 9 Uhr bis 10:15 Uhr statt.
Jung-Stilling schreibt in seinem Merkbuch ("Lebensgeschichte" hrsg. Benrath, S. 694):
10.7. 1814 den 10ten Jul. hatte ich eine merkwürdige Unterredung mit dem Kayser Alexander von Rusland. Am nämlichen Tage erhielt ich von der Kayserin eine jährliche Pension von 300 Gulden.
Die Hofdame Roxandra Stourdza schließt sich dem dort von Alexander und Jung-Stilling geschlossenen Freundschaftsbund an. Sie gibt das Gespräch zwischen sich und Alexander wieder:
 
'[...] Jai [= Alexander] vu Yung-Stilling ce matin. Nous sommes expliqués comme nous avons pu, en allemand et en français; j'ai bien compris pourtant que vous aviez formé avec lui en Dieu un lien d'amour et de charité qui devait être indissoluble. Je l'ai prié de me recevoir en tiers dans cette alliance, et nous nous sommes donnés la main là-dessus. Y consentez-vous aussi?' - ‚Sire, ce lien existait déjà'. A ces mots il prit ma main avec attendrissement, et je sentis deslarmes rouler dans mey yeux. La pendule sonnait l'heure du dîner, je me hâtai de gagner ma chambre, et quelques minutes après j'étais dans le salon de m-me la margrave, au milieu de la foule et du bruit.
Mémoires de la Comtesse [Roxandra] Edling (née Stourdza). Demoiselle d'honneur de sa Majesté l'Impératrice Élisabeth Alexéevna. Moscou (Imprimerie du S-t Synode. 1888.) [Vor- und Nachwort von P. B. = Peter Iwanowitsch Bartenjew], S. 151.
Natürlich muss der Inhalt des Gesprächs geheim bleiben, aber manches wissen wir dennoch. Zum einen äußert sich Jung-Stilling in seinen z. T. noch unveröffentlichten Briefen über diese Zusammenkunft, zum andern schreibt er auch in seinen Zeitschriften darüber.
In einem umfangreichen Brief vom 15. Juli aus Karlsruhe an seinen Schwiegersohn Friedrich Heinrich Christian Schwarz in Heidelberg berichtet er ausführlich über " Die merkwürdigsten [Tage] meines Lebens"; denn es war
ein wichtiges unVergeßliches Gespräch über die Politischen Verhältnisse Europens, über Die Veschiedene Religionspartheyen, über den Anwachs Des Reichs Gottes, und die nahe Zukunft, und dann über Das wahre Praktische der Christlichen Religion.
Abschließend fügt er dem Brief noch an:
N. S. Ich habe nie mit jemand gesprochen, Der in allen Puncten Vom kleinsten bis zum Grösten so einstimmig mit mir denckt als der Kayser Alexander, er ist ein wahrer Christ, im strengsten Sinn unser Gespräch währte fünf Viertel Stunde
In einem undatierten aber gleichzeitigen Brief in Privatbesitz, wohl an Magister Dann, schreibt er:
Alexander thut Alles, so bald Er vom Willen des Herrn überzeugt ist, aber ohne dies rührt Er keinen Finger.
Ein weiteres Dokument ist der schon genannte Brief an Spittler vom 20. Juli., in dem es gleich am Anfang heißt:
Der Inhalt darf nur den bewährtesten, klügsten und verschwiegensten wahren Christen mitgetheilt werden, aber nie vors Publikum kommen."
 
Dieser umfangreiche Brief ist gedruckt bei
Ernst Staehelin: Die Christentumsgesellschaft in der Zeit von der Erweckung bis zur Gegenwart. Texte aus Briefen, Protokollen und Publikationen. [Bd. 2.] Ausgewählt und Kommentiert. Basel: Friedrich Reinhardt 1974. = Theologische Zeitschrift, hrsg. v. d. Theol. Fak. d. Univ. Basel, Sonderband IV, S. 281 f.
und in französischer Übersetzung bei
Francis Ley: Alexandre 1er et sa Sainte-Alliance (1811-1825). Avec des Documents inédits. Préface de Pierre Pascal. Postface de Georges Bidaut. Paris: Fischbacher (1975), S. 313-315 als „Annexe III“.
Aus all diesen Zeugnissen und dem folgenden Bericht im "Grauen Mann" ergibt sich damit ein klares Bild der Unterredung, das auch durch den Bericht Varnhagen von Enses entfaltet wird.
Weitere Informationen in den bei Schwinge abgedruckten Briefen.
 
 
 
In seinem
Taschenbuch / für / Freunde des Christenthums. / - [eL 36 mm] / Auf das Jahr nach Christi Geburt / 1815. / - [eL 38 mm] / Von / Dr. Johann Heinrich Jung / genannt Stilling / Grosherzoglich Badischer Geheimer / Hofrath. / - [eL 59 mm] / Nürnberg, / im Verlag der Rawischen Buchhandlung.
findet sich das Porträt des Zaren. Ab S. 175 schreibt Jung-Stilling zu den Zeitereignissen und S. 5 liest man:
Ausserordentlich merkwürdig ist mir der Umstand, daß die drey Befreier zugleich auch aus allen dreyen Hauptconfessionen der christlichen Religion die Häupter sind: Kaiser Franz ist der erste und vornehmste katholische=, Kaiser Alexander der erste und vornehmste griechische=, und König Friedrich Wilhelm der erste und vornehmste protestantische Fürst. Die drey Repräsentanten der gesammten Christenheit braucht der Herr, um das grose Traumbild der Staatsverfassung, das sich die falsch aufgeklärte Vernunft mit so vielem Triumph in Frankreich errichtet hatte, zu zertrümmern.
Sicherlich finden sich hier Anklänge an die Heilige Allianz, denn der Jahrgang 1816 des "Taschenbuchs" zeigt das Porträt Franz I. Da der Jahrgang 1817 nicht erschien, kann man annehmen, dass hier Friedrich Wilhelm III. hätte porträtiert werden sollen.
 
 
Im "Grauen Mann" berichtet Jung-Stilling über dieses Gespräch mit dem Zaren folgendes:
 
"Daß ich im verwichenen Sommer eine merkwürdige Unterredung mit dem russischen Monarchen gehabt habe, ist durch mich selbst und durch Andere bekannt geworden. Ich weiß, es gibt Freunde, welche wünschen, den Inhalt dieser Unterredung hier zu lesen, allein bei ruhigem Nachdenken werden sie sich selbst bescheiden können, daß dies nicht schicklich ist: erstlich würde es mir als Prahlerei ausgelegt werden, und zweitens würde es dem Kaiser gar nicht gefallen, wenn Er es erführe - und Er erführe es gewiß - was mit Vorsatz unter vier Augen gesprochen wird, das darf nicht mit Vorsatz allgemein bekannt gemacht werden; so viel kann und darf ich aber doch laut und öffentlich sagen, ohne den Vorwurf kindlicher Altersschwäche, oder gar der Hofschmeichelei zu verdienen, daß der Kaiser Alexander den festen Vorsatz hat, als ein wahrer Christ zu leben und zu sterben, und das wahre Christenthum auf alle Weise und durch alle mögliche Mittel zu befördern; ein Beweis davon ist die kräftige Unterstützung der russischen Bibelgesellschaft, die mit großer Thätigkeit fortwirkt. Der Kaiser selbst macht aus der heiligen Schrift sein tägliches Studium, seine Bibel sah ich auf seinem Tisch, sie glich einem Schulbuche, das schon mehrere Jahre gebraucht worden. Außer der Bibel liest er wenig, außer dem, was er Amtswegen lesen muß. Der Fürst Alexander Galitzin, welcher Präsident der Bibelgesellschaft und auch der heiligen Synode der russisch=griechischen Kirche ist, ist ebenfalls ein wahrer Christ, und überhaupt ein vortrefflicher Mann. Es gibt wohl wenig Höfe, an denen so viele wahre praktische Religion vorherrschend ist, als an dem russischen. Die Kaiserin, die holdseligste Dame von der Welt, liebt die Religion, und ihre drei Hof= oder Ehrendamen, die ich durch vielen Umgang kennen lernte, sind exemplarische geist= und erfahrungsreiche wahre Christinnen.
Bei dem großen Gottesdienst, den ich mit dem Kaiser, der Kaiserin und dem Hof beiwohnte, machte ich einige wichtige Bemerkungen: Es wurde eine griechische Messe gelesen, die aus lauter Litaneien, Gebeten, Chören und Gesängen besteht, zwischen durch kamen auch Lectionen aus dem Evangelium vor. Die Chöre und Gesänge ergriffen mich wunderbar. Musikalische Instrumente haben die Griechen gar nicht, aber ihr Gesang hat sein Gleiches nicht, es ist ein ruhig fortschreitender vierstimmiger Choral im vier Viertel=Tact, die Harmonie ist morgenländisch, aber herzerhebend und unvergleichlich; das Gospodi pomilu, Kyrie Eleison, Herr erbarme dich unser! schallt mir noch in den Ohren.
Da die russische Kirche streng darauf hält, daß nichts in den Kirchengebräuchen geändert wird, so vermuthe ich, daß ihre Gesänge noch aus den ersten Zeiten der christlichen Kirche herrühren, und wer weiß, ob nicht noch Melodien aus der jüdischen Tempel=Musik dabei sind, denn die ersten Christen wählten doch wohl die dem Gottesdienst geweihten Melodien zu ihren Psalmen und Liedern.Bei der Messe genießt der Priester nicht allein das Abendmahl, auch nicht etwa eine Hostie, oder auch Brod allein, sondern er communicirt mit seinen Diaconen, und zwar unter beiderlei Gestalten mit Brod und Wein. Von der Anbetung des Brods ist gar die Rede nicht. Die Duldung dieser Kirche ist auch sehr löblich, denn es kommt keinem Russen in den Sinn, zu glauben, seine Kirche sey die allein seligmachende, sonder es ist ihm genug, wenn man nur von Herzen an Jesum Christum glaubt, Ihn göttlich verehrt, in seinem Leiden und Sterben seine Seligkeit sucht und Seine Lehren befolgt. Daß bei dem Allem diese Kirche noch manche Mängel und Gebrechen hat, das wird ein vernünftiger Russe selbst nicht läugnen. Doch genug hievon, wir wollen nun sehen, was uns der graue Mann zu sagen hat."
 
 
Unerklärlich ist es, dass es dann eine solche Fehlbeurteilung geben kann, wie sie Wilhelm Schwarz 1935 gibt:
 
Schwarz nach Kürschners dt. Lit.-Kalender 1949, Sp. 577 geb. Sulzbach am Kocher 2. März 1898; 1935 wohnhaft in Ellwangen an der Jagst, Dalringer Str. 17, Studienrat, Dr. phil., weitere Veröffentlichungen und Sterbedaten bisher nicht eruierbar.
 
Schwarz schreibt S. 369 unten in
 
Wilhelm Schwarz: Die Heilige Allianz. Tragik eines europäischen Friedensbundes. Stuttgart: Cotta 1935
 
"Beide [= Jung-Stilling und Kaiser Alexander] haben sich nie gesehen".
Leider ist diese falsche Angabe noch nicht beendet, der Autor fährt nämlich fort:
"und ihre religiös-politischen Anschauungen waren grundverschieden".
 
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