Jung-Stillings "Schleuder eines Hirtenknaben" von 1775
 
 
Zur Einordnung dieses Buches siehe man unter 1775 unter Werke.
 
 
 
Die Schleuder
eines
Hirtenknaben
gegen den
hohnsprechenden Philister
den Verfasser
des
Sebaldus Nothanker
von
Johann Heinrich Jung,
Doktor der Arzneygelehrtheit in Elberfeld.
[Vignette]
- [Linie fett/mager 69 mm]
Frankfurt am Mayn
bey den Eichenbergischen Erben
1775.
 
Titelblatt; verso vakat.
 
=============
 
An das Publikum
_________.
 
Alle, die mich kennen, werden bey
Lesung dieser Blätter staunen und
sagen: Wie kommt der zu einem solchen
scharfen und hämischen Styl? — Die
mich aber nicht kennen, werden mich
gewiß aus folgenden Bogen auch nicht
kennen lernen. Es war meinem Her=
zen recht lästig, einem Menschen zu
Leibe zu gehen, der mich geradezu nicht
mehr beleidiget hat, als auch andere
Christen. Beyden Arten von Lesern
aber muß ich aufrichtig sagen, daß ich
einen Antrieb in meinem Gewissen
fühlte, dem Herrn Verfasser des
Sebaldus Nothanker und denen,
A 2     die
 
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die über seine ungesalzene Schmiere=
reyen lachen, öffentlich vor der ganzen
Welt ins Gesicht zu sagen, daß er ein
boshafter Spötter der Religion und
ein Stümper von Romanenschreiber
sey. Dieses nicht nur zu sagen, son=
dern auch zu beweisen, ist gar nicht
schwer.
Ein ernster Zweifler, der mit Wahr=
heitsliebe die Grundsätze der christlichen
Religion untersucht, muß weder gestrie=
gelt noch gehechelt werden. Ein jeder
sey seiner Meynung gewiß, und wers
glaubt zu seyn, der ist glückselig. Ich
für mein Theil bin der Wahrheit von
Jesu Christo, seiner seligmachenden
Gnade, der Wiedergeburt, Rechtfer
tigung und Heiligung so gewiß, als der
strengsten mathematischen Wahrheiten.
Die wunderbaren Schicksale meines
Lebens, und die sichtbaren Erhörun=
gen meiner Seufzer zu Jesu Christo,
sind mir mehr als alle Demonstationen;
allein, wenn ein andrer sonst guther=
ziger ehrlicher Mann diese Ueberzeugung
nicht hat, soll ich den darum nicht lie=
ben, nicht hochschätzen? –
Vol=
 
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Voltaire ist nunmehro ein alter
Greis, dem Ende seiner Tage nahe:
darum will ich nicht, einer unzeitigen
Geburt gleich, noch seine grauen Haare
zupfen. Der gerechte Vergelter, dessen
Barmherzigkeit unergründlich ist, wird
wissen, was mit ihm in der Ewigkeit
anzufangen ist. Alle seine mit unge=
meinen Witze gesalzene Spötteleyen sind
so fein, daß sie unter der niedern Klasse
von Menschen nicht viel Schaden an=
richten können, besonders da seine
Sachen französisch geschrieben, und
für Werkeltagsmenschen zu hoch sind;
wiewol dieser Mann mit der Toleranz
doch eine solche Gleichgiltigkeit in der
Religion in die Welt eingeführt hat,
daß es mit Thränen nicht genug zu be=
klagen ist. Eben diese witzigen Spöt=
tereyen dieses französischen Dichters haben
die Gottesgelehrten rege gemacht, daß sie
ihm durch vernünftige Beweisgründe
haben begegnen wollen; dadurch aber ist
noch mehr Schade als Nutzen angerichtet
worden: denn da die christliche Religion
sich nur auf historische Thatsachen und
auf eigne Seelenerfahrung gründet, so
     A 3     ist
 
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ist klar, daß durch die Demonstration
weiter nichts herauskam, als ein heid=
nisch= moralisch= philosophisches Chri=
stenthum, nicht viel besser als Confu=
cianismus, Mahometismus und der=
gleichen. Aus diesen Abweichungen der
Theologen von der uralten apostolischen
Bekehrungsmethode, sind nun leider
mehr Socinianer, Sociniano = Natu=
ralisten, Deisten, Freygeister und Spöt=
ter entstanden, als durch alle voltärische
Witzeleyen. Hätte man die Leute auf
den Glauben an den auferstandenen
Weltheiland, zum Gebet um Erleuch=
tung und zu rechtschaffener Sinnesän=
derung verwiesen, und sie dazu ange=
halten, ohne sich mit dergleichen Thor=
heiten abzugeben, indem es nicht mög=
lich ist, daß Sachen, die vor so vielen
hundert Jahren geschehen sind, können
mathematisch demonstrirt werden; so
würde man erfahren haben, daß
Christus Recht habe, wenn er sagt,
daß diejenigen, welche den Willen sei=
nes himmlischen Vaters thun würden,
innewerden sollten, daß seine Lehre von Gott sey.
Die
 
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Die Menschen sind von Natur ge=
wohnt, den Reizen ihrer Sinnlichkeit
zu folgen und derselben Genüge zu lei=
sten; es ist aber gewiß, daß eben die
Menschen Anlage haben, zu einer hohen
Vollkommenheit zu gelangen, zu welcher
sie auch von ihrem Schöpfer bestimmt
sind. Nun hat aber die Erfahrung von
jeher gelehrt, daß der Mensch, wenn
er seiner Sinnlichkeit und ihren Reizen
folgt, nicht vollkommener, sondern im=
mer unvollkommner werde. Es ist also
gewiß, daß wir Menschen, wenn wir
das Ziel unsrer Schöpfung, die wahre
Glückseligkeit erreichen wollen, unsrer
Sinnlichkeit absterben, und einen ihr
entgegengesetzten Weg einschlagen müs=
sen. Diesen Weg zeigt uns nun die
christliche Religion. Es läßt sich leicht
begreifen, daß eine höhere Kraft zu
unserer Besserung nöthig sey, als die
wir selbst besitzen: denn da es ein Wi=
derspruch ist, daß eine Kraft sich selber
sollte überwinden können, so folgt na=
türlich, daß noch eine andre hinzukom=
men müsse, wenn wir uns selbst über=
winden sollen. Nun ist aber Chri=
A 4     stus
 
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stus dazu Mensch geworden; dazu
hat er gelitten; dazu ist er auferstan=
den, daß er durch seinen Geist, durch
seine Gnade auch in uns die Werke des
Fleisches (das ist, die Reize der Sinn=
lichkeit) zerstöre und überwinde.
Diese Vervollkommnung thut aber
nun freylich, sonderlich im Anfange,
dem Menschen wehe. Und darum haben
die Philosophen von jeher gesucht, ob
man nicht einen andern Weg finden
könne, der gemächlicher sey; und dieses
ist endlich, wenigstens menschlichem
Wahne nach, gelungen.
Spinoza und Edelmann bra=
chen das Eis; sie wusten den Faden so
einzufädeln, daß, da einmal gefunden
worden, daß die Welt mit den Men=
schen eine Maschine sey, die nach un=
unterbrochenen gesetzmäßigen Folgen
ihre Umwälzungen in einemfort verrich=
tete, nunmehr die immerwährende fort=
dauernde Mitwirkung des Schöpfers
nicht mehr nöthig sey. Gott, das lie=
benswürdigste Wesen, das von Anbe=
ginn sich als einen König der Menschen
immer
 
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immer in Regierung derselben thätig
bewiesen, wurde nunmehr als ein von
der Welt entfernter Gott angesehen,
der sich gar nicht mehr mit seiner Hände
Werk melirte. Leibniz und nach ihm
Wolff traten in Deutschland auf, da
sie aber von den allerersten Grundsätzen
der Ersten nicht genugsam abwichen,
nicht genug die Erfahrungssätze der
göttlichen Offenbarung an die Welt
mit in ihr System einflochten: so
wurde die Sache, ob sie es schon beyde
recht gut meynten, gar nicht gebessert.
Gott bleibt immer ein metaphysischer
Gott, und dem Alterthume zu Ehren,
und aus Höflichkeit glaubt man noch
immer, daß ehemals ein guter Mann
in der Welt gewesen, der Christus
geheissen habe.
Da nun die Leibniz= Wolffianische
Lehre zur Schulphilosophie geworden:
(wir haben auch wirklich keine bessere)
so werden junge Leute, die studiren sol=
len, dadurch zum Demonstriren einge=
leitet. Die Seele, des Demonstrirens
gewohnt, betrachtet nun alles mit ma= [mathematischem]
     A 5     thema=
 
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thematischem Auge, geht mit dieser
Rüstung ins Religionssystem ein; da
kann sie nun nicht mehr fort, da heißts:
Glaubet an das Evangelium.
Der Jüngling, der gewohnt ist, immer:
Warum zu sagen, erschrickt, daß er
ohne Demonstration glauben soll; jetzt
fällt ihm ein Buch vom Voltaire
in die Hand, und, siehe da! er wankt und zweifelt.
Dieses ist nach meiner Meynung
die erste Quelle, woraus unsre heutige
freygeisterische Zeiten zu erklären sind.
Wie sehr wär es nun zu wünschen,
daß unsre Gottesgelehrten endlich ein=
mal aufhörten, in Religionssachen aus
vernünftig seyn sollenden Grundsätzen
zu demonstriren. Nichts aber ist ver=
kehrter, als gar die Bibel darnach re=
formiren zu wollen! Ist die Vernunft
über die Offenbarung, ey! so haben
wir sie nicht nöthig, und wir sind Hei=
den, wie die Griechen und Römer
waren: und alsdann ist die Anlage
des menschlichen Geistes vom Schöpfer
übel gemacht worden, und alle seine
     großen
 
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großen Meßiasanstalten, von Anfang
der Welt her, sind vergeblich gewesen.
Ist aber die Offenbarung über die Ver=
nunft: so arbeiten die Theologen, welche
sie reformiren wollen, gegen Gott, und
also zum Verderben.
Es läst sich also einsehen, wie behut=
sam heutigen Tages ein Schriftsteller zu
Werke gehen müsse, der von Religions=
sachen schreiben will, daß er weder zum
Aberglauben noch zum Unglauben wanke.
Doch kann keine größere Frevelthat be=
gangen werden, als wenn ein Mensch
bey so kritischen Umständen auf die aller=
insinuanteste Weise auftritt, und die
äußere sowol als innere Verfassung
unsrer liebenswürdigsten Religion zu
untergraben sucht. Die Religion, die
doch in den beynahe achtzehenhundert
Jahren, die sie gedauert hat, mehr
gute und rechtschaffne Menschen, bey
aller ihrer Ausartung, gebildet hat,
als die ersten viertausend Jahre alle
Religionen zusammen; ich will von der
individuellen Glückseligkeit eines jeden
wahren Christen nicht einmal reden.
     Bey
 
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Bey allen diesen kritischen Umstän=
den tritt in der Mitte der protestanti=
schen Kirche ein Buchhändler, Herr
Nicolai in Berlin, auf, schreibt mit
einer ironischen Laune einen Roman,
unter dem Titel: Leben und Mey=
nungen des Herrn Magister
Sebaldus Nothanker, ein Buch,
worinnen die Prediger der protestanti
schen Kirche, und mit ihnen die aller=
theuersten Wahrheiten der Religion,
auf eine so infame Weise durchgezogen
und lächerlich gemacht werden, daß es
mit Thränen nicht genug zu beklagen
ist, wie viel Menschen dadurch zu la=
chen und zu sündigen gereizt werden.
Unsre deutschen Jünglinge, die sich
entweder dem Kaufmannsstande oder
der Gelehrsamkeit widmen wollen, die
einestheils in diesen freydenkerischen Zei=
ten leben, anderntheils ohnehin zur
Eitelkeit und zum Lesen der Romanen
inkliniren, kaufen dieses Buch häufig.
Sie lesen; die ironisch = launische
Schreibart kitzelt; der natürliche
Mensch haßt ohnehin die ihn bessernde
     Reli=
 
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Religion; wird froh über alle die
Mängel der Kirche, was halb wahr=
scheinlich ist, überredet ihn; sein Haß
gegen alles, was heilig ist, wird größer;
Kirche, Lehrer, Gotteswort und Sakra=
mente werden altfränkisch und lächer=
lich, und nun ist der Freygeist voll=
kommen.
Sehen Sie, geehrte Leser! Die=
ses schädliche Buch hab ich mir vorge=
nommen zu widerlegen, und die Ehre
der Religion gegen diesen hohnspre=
chenden Philister zu vertheidigen.
Und weil ein trockner dogmatischer Styl
von unsern deutschen Jünglingen nicht
würde gelesen werden, so hab ich mich
einer aufgeweckten Schreibart bedienen
müssen. Ich habe den Verfasser nicht
mehr schonen können, als geschehen ist:
Niemand verdient mehr bittre Ver=
weise, als einer, der göttlichen Dingen
hohnspricht, ohne Mittel zu etwas bes=
serem anzuweisen.
Ich hoffe, keiner Entschuldigung nö=
thig zu haben, daß ich, als Arzt, mich
mit theologischen Sachen abgebe. Ein
jeder
 
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(Ende der Vorbemerkung, Beginn des Textes)
 
 
jeder Christ ist verbunden, seine Reli=
gion zu vertheidigen, wo ihr gerades=
wegs und noch mit Hohn widersprochen
wird. Ueberdas kommen dergleichen
Bücher selten den Theologen in die
Hände; wie könne sie aber vertheidi=
gen, wenn sie von nichts wissen. Und
endlich greift der Verfasser die Predi=
ger vornehmlich an: es wird also mir,
als einem Unpartheyischen, besser an=
stehen, ihm unter Augen zu treten.
 
Hony foit qui mal y pense.
==
[Vignette Gartentor mit Einblick in den Garten]
 
[Vignette, dann Initial I] Ich mag Ihnen in der heutigen
Tages gewöhnlichen Waffen=
rüstung nicht entgegen ge=
hen; ich bins eben nicht ge=
wohnt: und wenn ichs ge=
wohnt wäre, so muß ich Ihnen dreist sagen,
Sie verdienen nicht, daß man Ihnen
ordnungsmäßig vors Gesicht komme.
Sie haben da ein Buch geschrieben, oder
besser, Sie haben eins angefangen zu schrei=
ben; denn wenns rund werden soll, so bin
ich gewiß, daß noch ein hübscher Band,
wenigstens, zusammengedichtet und getrach=
tet werden muß. Mit diesem Büchlein lasst
     uns
 
Neue Seite:
 
16     =
uns beyde nun einmal ans Tageslicht gehen,
und es im hellsten, reinsten Sonnenstrahle
betrachten. – Wer sind Sie? – Das
will ich Ihnen sagen, mein Herr! Nächst
dem, was Sie auf der Titelseite allem Ver=
muthen nach werden gesehen haben: Ein
vernünftiger Verehrer der erhabensten
Religion Jesu Christi, uns also ein
Ritterbürtiger, der sich, kraft seines Namens
und Standes beynahe zu gut hält, es mit
kleinen Fadengeisterchen aufzunehmen. Aber
mit Ihnen, mein Herr! scheint mir doch in
etwa der Mühe werth zu seyn. Sie machens
zu bund! Jetzt ernstlich zur Sache !!!
Die Religion Jesu Christi hat auch
für denjenigen, der sich nicht dazu bekennt,
so was ehrwürdiges, daß er sich, wenn er
nur nicht gar ein Thier vom Menschen ist,
nicht unterstehen wird, dieselbe lächerlich zu
machen.
Wer? Was? Was wollen Sie? Wer
will denn eure Religion – Warten Sie,
Herr Verfasser! so weit sind wir noch nicht.
Und doch gibts anjetzo solcher Thiere
genug. – Stelle man sich einen rechtschaff=
nen Christen vor: hat nichjt sein Bekenn
     nis
 
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=     17
niß Einfluß auf Leben und Glückseligkeit der
ganzen Menschheit? – Beruhiget es nicht
das Herz des Christen? Er fühlt Wonne
und Seligkeit auch im Leiden; heißts En=
thusiasmus, heißts, wie ihr wollt! Er
geht stille daher, bedauert euch übergroße
Menschen oder Riesengestalten und ver=
schwindet. Ihr verschwindet, und dann
gilts Rechtens; da ist keine Berliner Schule,
kein schöngeisterisches Tribunal mehr, wo
man über diesen Witz lacht, über jenen Stich
sich kitzelt; dieses schön preist, jenes wahr
heißt und was des mehr ist: Da wird nach
dem ächten Maaßstabe der Natur gemessen
werden; da wirds heissen: Du! welche
war deine Absicht, wie du Nothankers
Leben schriebst? Die Antwort – Ha!
Ich wollte eben die Pfarrer ein wenig strie=
geln, und so im Vorbeygange die Schön=
geister kitzeln und lachen machen. Sagen
Sie mir, wird Ihnen da der ernste Beherr=
scher der ganzen Menschheit, der Donnerer
im hohen Himmel, dessen Worte fressende
Feuerstrahlen sind, wird Ihnen der auch
Gnade zulächeln? – Der, vor dessen Ange=
sicht Erde und Himmel wegbebt, wird der
eines spöttelnden Geistes schonen, der seine
Rechte aufhebt, mit Wiedergeburt, Alle=
gorie der ehrwürdigen Offenbarung (das ist
sie
 
Neue Seite:
 
18     =
sie doch immer, auch wenns nur menschliche
Werke wären) und dergleichen den Spott
treibt? Hören Sie das Urtheil, das gewiß
gesprochen werden wird, wenn Sie nicht
zum Vater der Menschen hintreten und sa=
gen: Vater! Ich habe gesündiget im Himmel
und vor dir u. s. w.
„Du hast ein Buch geschrieben. Die
„ Ursache war, deinen Witz, deine Kunst
„ zu zeigen, ein berühmter Autor zu seyn.
„ Die Materie dazu nahmst du, nach dem
„ herrschenden Geschmacke deiner Zeit, aus
„ der schwachen Seite meiner Anhänger; es
„ waren aber doch meine Knechte u. Diener,
„ wie verdorben sie seyn mochten: denn sie
„ bekannten sich zu mir. Tausend Jüng=
„ linge und Jungfrauen machtest du lachen,
„ freutest dich mit ihnen, daß mein Reich
„ so schwach und schlecht aussähe, verdarbst
„ vollends den zarten Keim zukünftiger Bes=
„ serung des Geistes nach meinem Sinne,
„ und machtest also mein Heiligthum zugleich
„ lächerlich. Weiche von mir, du gehörst
„ in mein Reich nicht! „ –
Hören Sie, mein Herr! es sieht freylich
im Lehrstand eben so verdorben aus, als auch
in den andern Ständen. Auch selbst im hoch=
     blühen=
 
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=     19
blühenden Schöngeistenstande wage sich
manch Zwergmännchen, thürmt Balken von
Druckpappier [sic] wie hohe Berge aufeinander,
steht oben drauf, ruft: Guck! da bin ich
auch. Allein, es ist wahr, ich möchte doch
nicht gerne den Gesandten eines großen
Königs, der im Mamen seines Principals
in meiner Stadt residirt, schimpfen, wenn
er auch in aller Form Rechtens ein Lump
wäre. — Der König würde seine Ehre
retten und sagen: Mensch! wer hat dich
über meine Sachen zu Richter gesetzt? –
Aber lieben und belohnen wird mich der
König, wenn ich mit treuem und frommem
Herzen seiner Knechte einen zurechtweise.
Das bleibt immer wahr: auch der allerun=
würdigste Prediger steht doch da, als Gesand=
ter Gottes und Christi; sein Charakter soll
uns doch immer ehrwürdig bleiben, wenn
uns seine Person um so viel verächtlicher ist.
Welch Volk unter allen Völkern hat nicht
immer Respekt gegen seine Priesterschaft be=
obachtet! und wie hat die Nachwelt von
denen raisonnirt, die sie verspottet haben?
Allein, laßt uns ins Detail gehen, um
Ihnen recht gründlich zu weisen, daß Sie
erstlich nicht einmal Geschick haben, ein
Buch mit Geschmack zu schreiben, und her=
     B 2     nach,
 
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20     =
nach, daß es keine Bigoterie von mir ist,
was ich Ihnen schon oben gesagt habe, son=
dern daß es wahr und volle Gewißheit sey,
die auch der vollendeteste Freydenker einse=
hen wird.
Wären Sie von Profeßion ein Gelehrter,
d. h. müsten Sie mit Bücherschreiben Ihr
Brod erwerben, so müste man Sie billig be=
dauern. Allein, dieses ist hier der Fall
nicht; blos der Kitzel sticht Sie, Ihre
Waare zu Markte zu bringen, und, siehe da!
ein Propanz, ein Unding, das in keiner Welt
unter allen möglichen wahr seyn kann,
kommt ans Licht. Gekauft wirds doch, ja,
mein Herr! – leider! – Laßt uns ein=
mal die Hauptperson beym Lichte besehen!
Herr Magister Nothanker ist der Held des
Stücks. Er ist ein braver ehrlicher Mann,
der um ein paar paradoxer Sätze willen, im=
mer unglücklich, dadurch aber niemals klug
wird, sondern, wenns dem Autor gefällt,
seine Maschine wieder an einen andern Ort
zu bewegen, so muß er zu allem Unglücke
wieder ein Paradoxon sagen; ein Mann,
der so oft durch Schaden gewitziget worden,
der doch so ziemlich indifferent und tolerant
ist, wird sich wol hüten, ferner Dinge zu
predigen, die ihn unglücklich machen, und
     die
 
Neue Seite:
 
=     21
die auch, nach seiner eignen Einsicht, nicht
einmal zum Wesen der Religion gehören.
Aber die Geschichte muste doch fortgehen, und
also, Herr Magister! sie müssen wieder ein
Paradoxon predigen.
Doch diese Figur und des Majors seine
präsentiren sich noch am besten; nur Schade!
daß der Herr Verfasser eben nichts empfin=
det, auch den empfindsamen Magister nichts
fühlen läßt, wenn es zweifelhaft wird, ob
seiner Gattin erster Sohn wirklich sein ist.
Schade, daß auch der kaltherzige Verfasser
bey dem Tode der Wilhelmine ironisch von
apokalyptischer Entzückung redet, das reimt
sich, wie ein Seiltänzer zum jüngsten Gericht.
Ewig ists nicht wahr, daß Wilhelmine
eine Wolffianerin ist; doch mag sie meinet=
wegen!
Uebertrieben sind die mehresten Charak=
ter; wer nur halbes Gefühl hat, wirds inne
werden.
Doch der erste Band mag vergessen wer=
den; ist nichts daran gelegen. Aber zum
zweyten Bande! Wer da Ohren hat zu
hören, der höre! –
     B 3     Die
 
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22     =
Die erste Carricatur von Menschen ist,
wie uns der Herr Verfasser weißmacht, ein
Pietiste. Ey was! ein Pietiste? – Ja,
mein Herr ! und doch muß ich Ihnen sagen,
daß dieser Unsinn, den Sie da an Mann
bringen wollen, wieder ganz am unrechten
Ort ist. Einen wahren Pietisten lächerlich
zu machen, wäre mehr als teuflisch. Also
einen falschen Pietisten – und diese Per=
sonnage da, die Sie so heissen, ist gar kein
Pietist, mehr Sinzendorfianer, und die= [sic; Zinzendorf]
ses auch noch nicht: das Ende zeigts, es ist
ein Phantom, das sich nirgend schickt, als
in den Kopf des Herrn Verfassers. Aber
was ihm auch verdirbt, so geräth ihm doch
sein Spott über die heiligsten Sachen immer.
     Ein falscher Pietist ist ein Mensch, der
die allerhöchste Moralitär affektirt, der sich
darstellt engelrein zu seyn, doch aber eben
so wol Mensch ist, wie ein andrer: nur daß
er seine Schwäche verbirgt, und, um mehr
als andre so zu scheinen, so schmählt er gern
auf die Unvollkommenheiten der Menschen,
besonders seiner Mitchristen. Jetzt sehen
Sie! Ein falscher Pietist heist mit einem an=
dern Wort ein Erzheuchler. Hätten Sie
nur diesen ihren Mann so recht erbaulich von
der Kraft des Christen gegen die Versuchun=
     gen
 
Neue Seite:
 
=     23
gen (aber ohne Spötteleyen) reden; hätten
Sie ihn über die Schwäche andrer Menschen
klagen, und dann bey der ersten Gelegenheit
zum Kampf gegen die Lüste fallen lassen, so
wäre ein falscher Pietist herausgekommen.
Doch das wäre zu vernünftig für den Herrn
Verfasser. –
     Gut! – daß der Schatten des ehrlichen
Mannes im Frieden ruht, der ehemals das
alte Lied: Wacht auf, ruft uns die
Stimme, gemacht hat. Ihn wirds nicht
 
Philipp Nicolai (1556-1608), 1599; Text und Melodie.
 
stören, daß dieses zwar alte, aber noch im=
mer unsträfliche Lied, das Signal zur rasend=
sten Spötterey christlicher Religionssätze ge=
ben muß! – Wen wirds nicht kränken,
wenn irgend ein Porträt eines seiner Vor=
fahren mit einer Narrenkapppe gekrönt wird!
Nothanker sieht einen vor sich gehen,
der dies Lied singt, er naht hinzu und singt
mit.
Nach einigen Wortwechselungen kom=
men wir zu etwas, das zum Steckenpferd
der Hrn. Verf. gehört. Da ist die Rede
von der Verdorbenheit des Menschen, die
der sogenannte Pietist im höchsten Grade
behauptet. Nun da lachen Sie dann, Herr
     ? 4     Ver=
 
Neue Seite:
 
24     =
Verfasser! und halten – Noch ehe Sie
auslachen, hören Sie! Moses hat wenig=
stens dem Gotte der Wahrheit in den Mund
gelegt: Das Dichten und Trachten des
menschlichen Herzens ist böse von Ju=
gend auf und immerdar; und Moses lügt
wol nicht.
Eben diese göttliche Majestät klagt durch
die ganze Bibel über die Verdorbenheit seiner
Menschen. Der, der sich aus Liebe für sie
zu todte martern lies, darf ich in dieser Sa=
che den Namen nennen? den grösten Na=
men! Jesus Christus (zittern Sie für die=
sem Heiligthume) beklagte und beweinte seine
ganze Lebenszeit durch bis in den Tod die
Verdorbenheit seines Volks. Ja die Bi=
bel! – da sind wir nicht einerley Mey=
nung.
Nun so kommen Sie denn. Sie wer
den doch glauben, daß der Mensch einer
höhern Moralität fähig sey, als er, über=
haupt betrachtet, wirklich hat; und werden
Sie mir nicht auch zugestehen, daß es unge=
heure Lasten unter den Menschen giebt? –
Ja, daß die Menschen, ins Ganze genom=
men, abstrahirt von aller Erziehung, alle
miteinander nicht den Weg der philosophi=
     schen
 
Neue Seite:
 
=     25
schen Tugend, geschweige der christlichen,
einschlagen: Wenden Sie mir keine wilde
Nationen ein, die haben die Schranken der
Naturgesetze aus der ersten Hand. Sebal=
dus Einwendung ist die Sprache aller Frey=
geister, die nichts für sündlich halten, als
was just der menschlichen Geselligkeit zuwi=
der ist. Ey! Das gesteh ich; ist das aber
nicht auch Sünde, was unsre moralische
Verbesserung aufhält? – Der Mensch
kann durch den Weg der christlichen Religion
zu hoher Vollkommenheit gelangen, die
Erfahrung lehrt häufig, daß es auch wirklich
geschehen ist. Wer aber nun die Mittel der
christlichen Religion versäumt, oder gar von
sich stößt, sündigt der auch nicht, versteht
sich, wenn sie ihm bekannt sind? – Hatte
also der Pietist nicht recht, wenn er sagte:
Die arme menschliche Natur sey ganz
verderbt: und war Ihr Nothanker nicht
ein elender Theologe, da ers läugnete? –
Nun aber schauert mir die Haut. Jetzt
gehts über die göttliche Gnade her. –
Gnade! das hohe apostolischgeadelte Macht=
wort Gottes und Christi.
Der Pietist sagt: Wie können wir
etwas Gutes wirken, wenn es die allein
     B 5     wir=
 
Neue Seite:
 
26     =
wirkende Gnade nicht wirkte; dieses
legen Sie der Person in den Mund, die Sie
lächerlich machen wollen. Ihren Sebald
lassen Sie antworten. Die Gnade wirkt nicht
wie ein Keil aufs Klotz. Gott
habe die Kräfte zum Guten in uns
selbst gelegt. Er wolle, daß wir thä=
tig seyn sollen, so viel Gutes zu thun,
als uns möglich ist. Er habe Würde
und Güte in die menschliche Natur
gelegt.
Schämen müssen Sie sich vor Gott und
Menschen, daß Sie so elend räsonniren!
Hören Sie die erhabnen Lehrsätze der Apostel
ins Kurze gefaßt.
Die menschliche Natur ist ganz ver=
dorben, d. i. die Menschen, sich selbst über=
lassen, wandeln ihre Wege fort, dergestal=
ten, daß sie, anstatt immer mehr Gott ähn=
licher, mithin vollkommen glückselig zu wer=
den, immer zurück bleiben, immer mehr
und mehr ihre Seele mit vergänglichen
Scheingütern sättigen, und also sich immer
mehr und mehr vom Entzwecke, [sic; Endzweck] wozu sie
bestimmt sind, entfernen, denn ihre Leiden=
schaften, die Wurzel mit all ihren Zweigen
wird immer genährt, und auf diese Weise
     ist
 
Neue Seite:
 
=     27
ist also an keine Verbesserung des mensch=
lichen Geistes zu denken.
Sehen Sie sich um, hat jemal eine phi=
losophische Moral der ganzen Welt dieses
geleistet? – ich nehm ein paar einzelne Fälle
aus. Die philosophische Moral also ist un=
kräftig, den Menschen zu seiner bestimmten
Vollkommenheit zu bringen.
Jesus Christus kommt in die Welt.
Er und seine Apostel zeigen die höchste Mo=
ral in ihrer majestätischen Einfalt, und die
ganze Welt muß sagen, sie ist die schönste.
Aber jezt, wie sieht’s ums Halten aus ?
auch der Mensch, der sich mit allen seinen
Kräften dran giebt scheitert und bringts
nicht zu Stande. Nun zeigt uns eben der
Geist Jesu Christi, der die Apostel belebte,
wie wir auch dazu gelangen können, daß uns
Christi Joch sanft und eine leichte Last wird.
Nemlich:
Christus war sterblich. Er muste durch
Leiden und Tod vollkommen gemacht, und
also der Herzog der Seeligkeit und der un=
sterbliche König der ganzen Creatur werden.
Nach der Einnehmung seines Thrones sandte
     er
 
Neue Seite:
 
28     =
er seinen Geist, der mit würkender Kraft
den menschlichen Geist unterstützen sollte,
sobald der Mensch nur herzlich seiner Hülfe
begehre.
Diese wirkende Kraft des Geistes Jesu
Christi heissen wir Christen die Gnade.
Nicht wahr, mein Herr Nothanker!
Das sind böhmische Dörfer? – Ja, aber
denn auch keinen Schritt weiter. So haben
Sie auch nicht Recht, einen Küster oder
Dorfschulmeister zu belachen.
Nun weiter! Daß Sie die christliche
Religion lächerlich machen wollen, versteht
sich am Rande; daß Sie aber nichts davon
wissen, gar keine Kenntnisse von den Ge=
heimnissen derselben haben, das ist sehr
schlecht! Es ist unerhört, daß ein Mensch,
der so viel tausend Bücher, die von derselben
handeln, verkauft hat, seine Waare nicht
besser kennt. Unerhört ist es, etwas zu lä=
stern, das man gar nicht versteht. – Sie
müssen wol so einen Kanngiessergeist haben,
der sich in höhere Sachen mischt, als seine
Vernunft reicht. Hin zum Nachteulennest!
wer den Tag scheut.
     Der
 
Neue Seite:
 
=     29
Der Pietist fährt fort Wahrheiten zu sa=
gen, die der Hr. Verf. für Narrheiten
halten muß, weil er sie lächerlich machen
will. Er behauptet nemlich: die Tugenden,
welche wir aus eignen Kräften ausüben,
seyen Scheintugenden. Um Gott wohlge=
fällig zu werden, müsse man Elend und Un=
würdigkeit an sich sehen.
     Wollt ihr zu Jesu Herden,
     So müst ihr gottlos werden!
     Das heist, ihr müst die Sünden
     Erkennen und empfinden.
Die Gnade müsse alles in uns thun; wir
müsten recht klein, recht unwürdig werden.
     Wenn wir uns mit den Siechen
     Ins Lazareth verkriechen.
Wie musten Sie so froh seyn, als Ihr Ge=
hirn den Fund ausgebohren hatte!
Woltersdorf ist auch bei uns in ge=
 
Die Geschwister Karl George Woltersdorf (1727-1809) und Ernst Gottlieb Woltersdorf (1725-1761); siehe zu beiden: Geschichte des Pietismus. Im Auftrag der Historischen Kommission zur Erforschung des Pietismus hrsg. v. Martin Brecht, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler und Hartmut Lehmann Bd. 2,.1995, S. 342 ff.
 
segnetem Andenken. Es bleibt dieser theure
Name ehrwürdig bis ans Ende der Tage.
Ihm wirds nichts schaden, daß derselbe in
diesem Buche unschuldiger Weise wie aus [sic; ans]
schwarze Brett angekrazt worden; von Ihm
sollen obige Strophen seyn.
     Jezt
 
Neue Seite:
 
30     =
Jezt laßt uns sehen, Herr Nothanker,
wie weit die Schleuder reicht.
Paulus sagt irgendwo: Wo die Sün=
de mächtig ist, da ist die Gnade
noch mächtiger. Der Pietist redet also wieder
 
Römer 5, 20.
 
aus der Bibel. Nun damit Sie auch sehen,
daß diese Lehre gar kein Unsinn ist, sondern
so gar wohl mit der Vernunft übereinstimme,
so merken sie auf:
Wenn der Mensch sieht, daß seine Kräfte
nicht zureichen, sich vollkommner zu machen,
Gott ähnlicher zu werden, so fleht er also,
wie oben gesagt worden, um den göttlichen
Beystand. Der Geist Jesu Christi fängt
an ihn durch die Wirkung der Gnade zu un=
terstützen. Alle Seelenkräfte werden erhöht,
verstärkt, folglich auch der Verstand. Jetzt
fängt der Mensch an einzusehen, welche
Reinigkeit dazu gehöre, vollkommen zu wer=
den, wie der Vater im Himmel vollkommen
ist; auf der andern Seite sieht er seine so
sehr abgewichne Natur, den großen Abstand
zwischen ihm und Gott; er sieht wirklich ein,
daß alles dasjenige, was er vorhin als Tu=
genden angesehen, blos aus Eigenliebe ge=
bohrne Handlungen sind: mit einem Wort,
er erkennt sein Elend. – Die Gottesge=
     lehrten
 
Neue Seite:
 
= 31
lehrten haben also die Erkenntniß der Sünde
von jeher für den ersten Grad des ausüben=
den Christenthums gehalten. Gar recht
sagt also der seinem Gott bis in den Tod ge=
treue Woltersdorf: daß der Mensch sich
für gottlos erkennen, daß er seine Sünden
empfinden müsse. Vollkommen wahr ists,
daß sich ein Mensch müsse zu Christo gleich=
sam wie ein Kranker, Ohnmächtiger, der
sich nicht rathen noch helfen kann, hinbege=
ben . Hat nun der fromme Mann dieses ein
bisgen einfältig in Versen gesagt; ey! was
werden einem Bauersmann, und derer sind
doch die meisten, Klopstocks Oden helfen?
Selbst Gellerts Lieder sind noch für manchen
zu hoch, wie ich aus Erfahrung weiß. Ver=
besserung der Kirchengesänge ist mehrenteils
Thorheit.
Sebaldus, der just so redet, wie sein
Verfasser will, um den Pietisten endlich
blos zu stellen, sieht alles dieses wie der Esel
das umlaufende Mühlrad an, spricht ordent=
lich wie ein ausgemachter Dummkopf, und
endlich sagt er ganz unerträglich, unbegreif=
lich schwachsinnig: „Ich pflege das Vater
„Unser zu beten; darin steht nichts vom
„Durchbruch, nichts vom Bundesblute,
„nichts von der Wiedergeburt und von der
     „allein=
 
Neue Seite:
 
32     =
„alleinwirkenden Gnade. „Ey! Der ist doch
wol der elendeste unter allen Dorfpfarrern!
Stauzius hat recht, daß er Ihn weggejagt
hat, wenn er nicht besser weiß, was Ver=
nunft und Unsinn ist! Der ist ein lebendes
Zeugnis von der Weisheit dessen, der Ihn
so schön ausstaffirt hat. Ists möglich, daß
so viel große und gelehrte Männer einen so
aberwitzigen Schriftsteller können ungehechelt
lassen. Doch – da die Religion lächerlich
werden sollte, so muste ja die Hauptperson
des Buchs, die ihr allenfalls noch zur Brust
stehen konnte, ein feinherziger Kerl seyn.
Erstlich: Wer hat Ihnen weiß gemacht,
daß Unser Vater, oder Vater Unser,
wie Sie wollen, ein Inbegriff aller Wahr=
heiten der Religion sey? Hat nicht Christus
selbst anderswo gesagt: Ringet darnach,
daß ihr eingehet durch die enge Pforte:
 
Lk 13, 24
 
Dieses bedeuten wir mit einem Wort, und
nennen es Durchbruch. Sagt nicht Chri=
stus: Er lasse sein Leben für die Schaafe?
Schärft Er dieses nicht durch das hochbedeu=
tende Brodbrechen und Kelchdarreichung
zum ewigen Andenken ein? Thun wir also
unrecht, wenn wir den geheimnißvollen Tod
unsers Erlösers und seine seegensvolle Frucht
mit dem Worte: Bundesblut, ausdrük=
     ken? –
 
Neue Seite:
 
=     33
ken? – Hat Er nicht ausdrücklich dem
Nikodemus die Wiedergeburt angedrun=
 
Ev. Johannes Kap. 3. 7. 19
 
gen? Und endlich zum Ueberfluß: Was be=
redest du, elender Nothanker, denn, wenn
du sagst: Dein Reich komme! – Schliest
diese Bitte nicht alle Anstalten und Reichs=
verfassungen Gottes und Christi in sich? –
Entweder Sie müssen offenherzig geste=
hen: ich will gar mit Christo nichts zu thun
haben; Er geht mich nichts an: und als=
dann gehören Sie zu einem andern Menschen=
volke, sind ein elender Missethäter, der sich
untersteht, Majestäten zu lästern, und ver=
dienen auch von dem Könige, dem Sie die=
nen, Strafe; oder Sie bekennen sich zu
Christo, alsdann wird auch dieser Gott der
Schöpfung wissen, was Er mit Ihnen zu
thun hat.
Nun kommen wir so vor und nach zur
Ewigkeit der Höllenstrafen, wie? – das
weiß ich nicht; wir kommen eben drauf,
mögen als einmal ein paar Ruthen lang sprin=
gen, schad’t nicht. Das Wort Schwefel=
pfuhl muß mit den Haaren herbeygezogen
werden. Sebald kann ohne alle Gnade
seinen Räubern verzeihen und gute Besserung
wünschen. Das ist nicht wahr, ohne Heu=
     C     cheley
 
Neue Seite:
 
34     =
Heucheley und ohne Gnade Feinde zu lieben, ist
eine Schimäre. Haben doch viele Herrn
Pfarrer dem Verfasser nichts zuleide gethan;
Christus mit seiner Lehre hat ihm nichts
zuleide gethan, und doch – Wo ist Liebe! –
Dieses hatt’ ich vorbeygegangen, muste
aber nachgeholt werden.
Nun singt der Pietist ein altes einfälti=
ges Lied von der schrecklichen Qual der Ver=
dammten.
Dieses Lied braucht wieder der Verfasser
die Religion zu höhnen. Und doch redet
Christus von Heulen und Zähnklappern; von
Flammen, worinn der reiche Mann uner=
trägliche Pein litte; vom höllischen Feuer,
wo der Wurm nicht stirbt, und das Feuer
nicht verlöscht; von Verfluchten, die vor
seinem Angesichte wegbeben und ins ewige
Verderben weichen sollen. Johannes, der
sanfte Liebesjünger, sahe einen Schwefel=
pfuhl, worinn das Thier und der falsche
Prophet mit ihren Anhängern von Ewigkeit
zu Ewigkeit gepeinigt werden sollten. Hatte
nun der alte Dichter unrecht, wenn er die=
sen Ort schrecklich abmahlte? – Und ge=
     wiß,
 
Neue Seite:
 
=     35
wiß, dieses Lied kann die Kraft haben, zu=
weilen noch wol einen rohen Menschen vom
Rande des Verderbens zurück zu scheuchen.
Man geht immer sicherer, dem muthwilligen
Volke härter zu drohen, als man Willens
ist zu strafen.
     Sebald fragt den Pietisten, ob er ein
Wiedergebohrner sey? – Ja! antwortete
dieser, vor drey Jahren den 11ten Septem=
ber, Nachmittags um 5 Uhr u. s. w. Elende
unerträgliche Spötterey über die Bekehrung!
Konnte denn Paulus nicht die Stunde an=
zeigen, wann er bekehrt worden? Mir sind
viele dergleichen Exempel bekannt, unter
andern ein Schreiner, den ich in der Cur
gehabt, welcher über dem Saufen und Spie=
len plötzlich dergestalt über seine Sünden ge=
rührt worden, daß er wie todt zur Erde ge=
fallen, und von der Zeit an ein andrer
Mensch geworden. Schämen müssen Sie
sich in Ihr Herze, elender Spötter! Da
tappen Sie wie ein Maulwurf im Finstern,
wollen immer unter Ihrer Mutter Erde fort,
machen hier und dort einen Haufen im Gar=
ten Gottes. Der Knabe kommt, scharrt
sie auseinander, und –
     C 2     Was
 
Neue Seite:
 
36     =
Was den Spott über die Liebe betrifft,
daß es nemlich ungereimt sey, wenn die
Frommen ihre Mitmenschen werden sehen
zur Verdammniß gehen, ohne Mitleid dar=
über zu haben: da ist es nicht einmal der
Mühe werth, sich weitläuftig über einzulas=
sen. Wenn einmal weiter kein Verhältniß
mehr zwischen Mensch und Mensch ist, als
blos in der Uebereinstimmung der morali=
schen Vollkommenheit: so wird mir ein Feind Gottes
eben so gleichgiltig seyn, als ein ander
abscheulich Thier auch –
Nachdem der Pietist dem Sebaldus noch
eine Lection von der christlichen Gelassenheit
gelesen, so springen wieder ein paar Räuber
hervor. Wieder Räuber! Ja, mein lie=
ber Leser! Wir haben wieder ein paar Räu=
ber; sie kommen aber nur, den Pietisten zu
prüfen, wie gelassen er im Unglück ist.
Sebaldus gibt seine paar Groschen willig
hin; der Pietist aber sträubt sich, sucht seine
Kostbarkeiten zu retten, die er bey sich hat.
Die Räuber werden endlich durch das An=
schlagen des Hundes verjagt. Der Pietist
ist ungedultig, flucht auf die Räuber.
Nothanker gibt ihm seinen alten Oberrock
willig hin, weil er seiner Kleider beraubt
worden. So endigt sich der erste Abschnitt
     des
 
Neue Seite:
 
=     37
des Buchs und mit ihm die erste Gruppe des
historischen Gemähldes, eines Hohnbildes,
das zum Verdruß des Hausherrn am heiligen
Orte stehet, wo die heiligsten Wahrheiten
einer Person in den Mund gelegt worden,
die, um belacht zu werden, da ist, und wo
die Person, die der Religion das Wort reden
sollte, entweder unerträglich dumm, oder
gar wie ein Freygeist sich aufführet.
Wir müssen aber doch auch mit dem
Kunstauge dieß Unding da ein wenig an=
schauen, Lehrjungenarbeit! Die Zeichnung
ist steif, unwahrscheinlich; das Colorit, wie
bunte Lappen, Licht und Schatten! – Da
hat nun der Mann sein eigenes; er legt das
Licht gegen die dunkle Körper an, Schatten
und Gegenschein aber gegen das Licht des
Himmels. Der Pietist ist ganz und gar
nicht wahr; er ist so wenig Pietist, als der
Herr Verfasser. Diese Art Menschen, ich
rede von falschen Pietisten, treiben die Werk=
heiligkeit sehr stark, halten nicht viel auf
den Trost, den wir von der Gnade haben
sollen; glauben mehrentheils die Wieder=
bringung aller Dinge; sind überdem zurück=
haltend, klug und fein. Und was endlich die
gröbste Unwahrheit ist, daß er auf die Räu=
ber soll geflucht haben; das ist nun einmal
     C 3     aller
 
Neue Seite:
 
38     =
aller Pietisten wesentlicher Karakter, nicht
zu fluchen: daher sogar unter dem gemeinen
Volk eine Art von Sprüchwort läufig ist,
wenn einer sagt: Ich bin wol eben nicht
fein (das heist, ich bin kein Pietist)
aber ich fluche doch nicht. Der Herr
Verfasser hat ein anders von den Herrn= [Herrnhuter]
hutern aufgeschnappt, dieses legt er seiner
Personnage in den Mund, ist aber wieder
eben so wenig Sinzendorfianer [Zinzendorf] als Pietist.
Diese Leute haben weit mehr Feinheit, und
schärfen gar nicht stark das Schreckliche der
Höllenstrafen ein; sie haben in ihren Lehrsätzen
einen gewissen Ton von Liebe, Leutseligkeit
und Verträglichkeit, den sie oft so hoch trei=
ben, daß er ins Ekelhafte fällt. Sehen
Sie, Herr Romanschreiber! daß Sie nicht
einmal die erste und nöthigste Bedürfniß einer
Geschichte oder eines Gedichtes kennen!
Wollten Sie einwenden, Sie hätten eine
individuelle Person schildern wollen, die um
Ihrer Lehrsätze willen da ist: Ja, aber dann
muste er auch einen individuellen Namen
haben, nicht Pietist heissen; und wozu ist
dieser Kerl denn da? Ey! Er soll Religions=
wahrheiten – still – davon haben wir
schon geredet, sind aber noch lange nicht
fertig. Sebald Nothanker soutenirt sich
eben so übel; bald ist er ein feiner Kopf, bald
     uner=
 
Neue Seite:
 
=     39
unerträglich dumm; bald scheint er viel Ge=
lehrsamkeit zu haben, bald ist er wieder ein
Tölpel. Und nun endlich die Räuber! –
Hilf, Himmel! wieder Räuber! Vor ein
paar Stunden ist noch der Postwagen ge=
plündert worden, und doch sind die Räuber
gar nicht bang; sie machen sich nicht aus
dem Staube, sondern begehen aufs Neue
Räubereyen auf öffentlicher Landstraße –
nahe bey Berlin – wo der wachsamste Be=
schützer, der mächtige Friedrich thront, dessen
Adlers Auge auch bis an unsre Grenzen
Sicherheit und Schutz verschaffet. Und
überdem ist es keine Kunst, den armen Pie=
tisten aller seiner Grundsätze vergessen zu
machen, wenn man ihn in eine so furchtbare
Szene führt; und doch sehe ich nicht, daß
er etwas ungereimtes begieng, außer daß er
am Ende den Räubern fluchte; und dieses
ist offenbar gelogen. War es denn Unrecht,
daß er seine Sachen zu verbergen suchte? –
War Herr Sebaldus nicht ein elender Lüm=
mel, daß er seinen Kameraden so ganz ruhig
plündern ließ, da nur zween Räuber waren?
Doch sie sind ein paar feigherzige Kerls:
wenigstens, gibts wol hier nichts zu lachen,
waren doch tausend andre Mittel, den armen
Pietisten in Versuchung zu führen. Das
heist recht den Magen schmieren, daß er nicht
     C 4     in
 
Neue Seite:
 
=     40
in die Ohren kreische, und doch thut ers.
Ist es nun nicht wahr, daß der Herr Ver=
fasser zum Romanenschreiben gar kein Ge=
schick hat? –
Im zweyten Abschnitt ist wiederum die
Hauptsache, den Pietisten zu hecheln; der
Autor läßt ihn erbärmlich über den Verfall
der Berliner Einwohner klagen, schelten,
brüllen, damit er ihn brav verhaßt machen
könne. Hören Sie, wie der Herr Magister
Nothanker ihn so recht schön bey der Nase
kriegt, und ihn heimschickt: Er verweist den
Pietisten auf den blühenden Staat, auf
Handel und Wandel. – Geh nach Haus,
armer Pietiste! dieses kannst du nicht läug=
nen: ergo bist in der Patsche. Der Pie=
tist weiß sich auch wirklich nicht zu helfen;
wär ich aber an seiner Stelle gewesen,
so würde ich dem Magister geantwortet
haben:
Athen, Rom und Carthago waren ehe=
mals blühende Staaten; wo aber blühende
Staaten sind, da sind die Menschen nicht
lasterhaft, sondern da herrscht die christliche
Religion: folglich Athen, Rom und Car=
thago hatten rechtviel gute Christen. (Ist
eben kein syllogismus in barbara, thut aber
     nichts;
 
Neue Seite:
 
=     41
nichts; der Herr Verfasser, als ein guter
Logiker, kann ihn reduciren.)
Jetzt trete herzu, wer Vernunft, will
nicht sagen, wer Religion hat: kommt alle
her, und sehet!
Sebald und der Pietist kommen nahe
bey Berlin. Die Bürger und Bürgerinnen
spatzieren da ordentlich, wie in großen Städ=
ten Sonntags Nachmittags gewöhnlich ist,
indem die mehresten Menschen die Woche
durch die freye Luft nicht genießen können.
Der Mann, den der Verfasser die wich=
tigsten Wahrheiten bisher hat reden lassen;
der wenig oder gar nichts Ungereimtes gesagt
hat, als wo er nicht sich selbst gleich ist, das
ist, wo ihn sein Verfasser verhunzt hat.
Dieser Mann, dieser Pietist, der im Auge
eines rechtschaffnen christlichen Lehrers Re=
präsentant der Religion wird, der fängt an
über die Spatzierenden zu raisonniren und
sagt:
„Siehe da die Kinder Belials! wie sie
„den Lüsten des Fleisches nachziehen! wie
„sie den Weg der Sünde gehn, reiten und
     C 5     „fah=
 
Neue Seite:
 
42     =
„fahren! Immer gerade in den höllischen
„Schwefelpfuhl hinein! „
Wenn das Ton eines vernünftigen Men=
schen, Ton eines falschen, Ton eines wahren
Pietisten, Ton eines Christen, ja Ton un=
serer Religion überhaupt ist; wenn jemal
solcher Unsinn von jemand anders als vom
Verfasser des Nothanker unserer Religion
angedichtet worden (denn dieser Pietist ist,
wie gesagt, bis auf einige wenige Carrica=
turstriche, ein wahrer Christ) so will ich die
Hand auf den Mund legen.
Nein! – niemals hat eine Sekte der
Religion den Christen das Spazierengehen,
fahren und reiten untersagt oder verboten.
Man siehet, wie boshaft und giftig der Ver=
fasser die Pietisten, und in dieser Person,
die er da aufführt, die Religion anzuschwär=
zen gesonnen ist. Dieser sein verwünschter
Vorsatz wird sonnenklar in dem Auftritte,
der nun folgt.
Ich sehe voraus, wie viel Menschen bey
dieser rasenden Scene lachen werden, mit
diesem Lachen aber sich einen giftigen Dolch
durch die Seele bohren, welche Wunde schwer
heilen wird. Wehe dem, durch welchen
     Aerger=
 
Neue Seite:
 
=     43
Aergernisse kommen! es wär ihm besser, daß
ein Mühlstein an seinen Hals gehangen, und
er ins Meer geworfen würde, da es am tief=
sten ist. Höre ein jeder redlicher, recht=
schaffener Mann zu, und wenn ers hört, so
zittre ihm Mark und Bein! –
Ich will die ganze Stelle hersetzen,
um meine Leser zu überzeugen, mit wem
ichs zu thun habe, und ob ich schul=
dig sey, fein säuberlich mit dem
Knaben umzugehen. Es heist
Seite 28 also:
„Endlich gerieth der Pietist (unter dem
„spatzierenden Berliner Volke nemlich) an
„einen Kerl, der, nach seinem braunen Rock
„und rund um den Kopf herum abgeschnitt=
„nen Haaren, nichts anders als ein Schläch=
ter oder Gerber seyn konnte. Mein
„Freund! redete ihn an, er gehet, um
„sich die Zeit zu vertreiben: O! wenn er
wüßte, wie wol dem ist,
„Der da seine Stunden
„In den Wunden
„Des geschlachten Lamms verbringt. „
„Herr! sagte der Kerl mit starren Au=
„gen: Was kann mir das helfen! Ich      „bin
 
Neue Seite:
 
44     =
„bin vorigen Sonntag im Lamme gewe=
sen, aber das Bier war sauer! „ –
Johannes der Täufer sahe Christum ge=
hen. Er sagte zu den Umstehenden: Siehe!
das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde
trägt. Durch die ganze Apocalypse wird
Christus unter dem Bilde des geschlachteten
Lamms vorgestellt; dieses Bild ist also bald
achtzehenhundert Jahre Wappen und Schild
unsers Königs gewesen. Es ist wahr. Die
Herrnhuter haben es auf eine unvorsichtige
Art profanirt und lächerlich gemacht; allein,
sie habens aus Einfalt und in guter Mey=
nung gethan. Nun kommt unser Verfasser
und stellt diese ehrwürdige Allegorie, Wap=
pen und Schild des von vielen Millionen
Menschen göttlich verehrten Königs, des
Gottes, der ihm Leben und Existenz, reich=
liche Unterhaltung zur Fortdauer seines Da=
seyns mit unendlicher Liebe und Treue gege=
ben, gleichsam am Pranger zum Schauspiel
und Hohngelächter auf; Mahlt einen Chri=
sten lächerlich ab, ein Unding von Christen,
der es keinen in aller Welt giebt; läßt zur
Unzeit denselben Reimen eines einfältigen
gutmeynenden Mannes vom Lamme daher=
sagen, damit der niedrigste Pöbel Koth auf
dieses heilige Bild werfen möge; es geschie=
     het;
 
Neue Seite:
 
=     45
het; ein schlechter Kerl sagt eine Sottise
dazu. Nun lache, wer lachen kann! wer
aber nur den Schein eines Christen haben
will, der weiche von dieser gräulichen Stelle.
Der dritte Abschnitt hat uns reichlichen
Stoff, von dem Herzen des Verfassers zu
urtheilen, an die Hand gegeben. Aber Ihnen,
Herr Chodowieki! muß ich sagen, daß ich
mich wundere, wie Sie Ihre Meisterhand
zu so rasendem Unsinne haben herleihen kön=
nen. Die Adjeux von Calas machten mich
weinen, die Kupfer im Nothanker auch.
 
Jean Calas, geb. Lacabarè, de près de Castres, 19. März 1698, gest. 9. März 1761, ehel. 19. Oktobre 1731 Anne-Rose Cabibel; 6 Kinder: Marc-Antoine (getauft: 7. November 1732), Pierre, Louis und Donat, Anne und Anne-Rose. – Voltaire griff ein, und: « Avec un sens étonnamment moderne de la publicité et de la manipulation de l'opinion publique, il encourage la publication d'une estampe représentant pathétiquement les adieux de Calas à sa famille et souscrit lui-même pour douze estampes. Cette gravure aura un retentissement considérable et sera même reproduite sur des couvercles de tabatière. ». Jean Calas wurde verdächtigt, seinen am 13. Oktober 1761 tot aufgefundenen Sohn erhängt zu haben, weil er dessen Konversion zum Katholizismus nicht ertragen habe. Voltaire brachte den Prozeß an die Öffentlichkeit und bewirkte eine Revision (vgl. alter Meyer Bd. 3, S. 694 f.) – Evtl. handelt es sich dann um Kupfer zu u. U. auch folgenden Schriften: Jean Calas à sa femme et a ses enfans, Héroide par M. Blin de Sainmore. Paris: Jorry 1765, 24 S. – Adrien M. Blin de Sainmore: Johann Calas an seine Gemahlinn und Kinder. Ein Heldenbrief. Hamburg 1766, 20 S. – Vgl. Christian Felix Weiße: Trauerspiele, 5. Die Flucht. Jean Calas. 1780, 328 S. – Vgl.: http://membres.lycos.fr/plavergne/afcal.htm.
 
Von jenem haben Sie Ehre, von diesem
aber nicht.
Wir wollen nun den Fuß weiter setzen.
Der Pietist soll uns nicht mehr aufhalten;
seine wenigen Auftritte geben Wink und Fin=
gerzeig zu einem schändlichen Charakter. Er
ist ein Wucherer u. s. w. Lauter Pinsel=
züge, die das Bild immer unwahrscheinlicher
machen.
Des Herrn Verfasser Endzweck ist,
vornemlich die Lehrer der protestantischen
Kirche lächerlich zu machen. Das versteht
sich nun von selbst, daß es wol seine Ab=
sicht nicht ist, rechtschaffne wohlverdiente
     Män=
 
Neue Seite:
 
46     =
Männer, nemlich die es nach seiner Mey=
nung sind, durchzuziehn und zu hecheln.
Da er aber die Grundwahrheiten der Reli=
gion Jesu Christi nicht glaubt, so ist leicht
einzusehen, daß auch recht gottselige Predi=
ger seinem Spotte nicht entgehen werden.
Ich muß aber, ehe wir weiter gehen, von
dem Lehrstande der protestantischen Kirchen
und seiner Verfassung noch ein anders
sagen, damit ich des Hrn. Verf. wie auch
meine Leser, in den rechten Gesichtspunkt
stellen möge, aus welchem wir beyde nebst
unsern Schriften betrachtet werden müssen.
Zu den Zeiten Christi und seiner Apostel,
wurden fast alle, die seine heilbringende
Lehre annahmen, wirklich moralisch gebessert.
Denn diejenigen, die zu einer Sinnes= und
Herzensänderung keine Lust hatten, blieben
bey ihrer hergebrachten väterlichen Weise,
und wenige derselben bekannten sich zu Chri=
sto. Diejenigen aber, die Ihn und seine
Lehre aufnahmen und an Ihn glaubten, de=
nen gab er Macht, Gottes Kinder zu wer=
den. Zu dieser Zeit war also die Kirche wol
am lautersten. Da nun die Lehre Christi
zur praktischen Besserung des Menschen,
das Evangelium eine buchstäbliche Erkennt=
nis erfordert, so wurde dasselbe in gewisse
     Lehr=
 
Neue Seite:
 
=     47
Lehrsätze und Glaubensbekenntnisse verfaßt,
um es auch der Jugend beybringen zu kön=
nen. Bey dem allen aber blieb es noch im=
mer eine willkührliche Sache, Christum
mit seiner Lehre anzunehmen, und also ein
Kind Gottes zu werden. Es wurden also
aus den Kindern der ersten Christen ent=
weder Mundbekenner, Schein= und Namen=
christen, oder wahre Christen. Diese Thei=
lung des Menschen in zweyerley Sorten, ist
natürlich, sie wird auch bleiben bis zur Voll=
endung der jetzigen Verfassung des Reichs
Christi. Aus diesem Grunde ist auch klar,
daß man von der Christenheit, ins Ganze
genommen, nie nach Lehre Christi, son=
dern nach der Beschaffenheit der menschlichen
Natur überhaupt urtheilen müsse, und daß,
wenn vom eigentlichen Reiche des Erlösers
die Rede ist, man sich die wahren Anhänger
desselben, die durchs ganze menschliche Ge=
schlecht unter den verschiednen christlichen
Religionspartheyen zerstreut sind, in einen
geistlichen Staatskörper zusammengedenken
müsse, der aber erst nach der großen Schei=
dung der guten und bösen Menschen seine
volle Kraft erreichen kann.
Da in Religionswahrheiten leicht Miß=
begriffe und Zweifel, auch Vergessung der
     ein=
 
Neue Seite:
 
48     =
einmal gefaßten Wahrheiten einschleichen
konnten, so musten bey Ausbreitung der
christlichen Lehre in allen Gegenden Aufseher,
Lehrer angeordnet werden, die die Gründe
und Lehrsätze der Religion gründlich inne hat=
ten; damit sie die Irrenden zurechtweisen,
und überhaupt auch auf falsche verführerische
Menschen und Lehrsätze Acht haben konnten.
Nun fieng aber das Christentum an, sich
durch viel Königreiche und Länder auszubrei=
ten; folglich wurde die Anzahl der Bischöffe
oder Lehrer ungemein groß. Es war gar
leicht, daß auch diese lange nicht einerley
dachten; und also muste die Einheit der Lehre
nothwendig Schiffbruch leiden, besonders da
die Bischöffe sowohl Menschen waren, als
andere, und also sowohl als andere, Schein=
christen werden konnten. Man sahe dieses
ein, veranstaltete Synoldalversammlungen,
Concilien, vereinbarte sich auf denselben,
fand nützlich, Oberaufseher zu bestellen, da=
mit die Einigkeit destobesser Stand halten
konnte; und damit ich kurz seyn möge, man
gerieth endlich darauf, einem einzigen Bi=
schoffe die Aufsicht der ganzen Kirche anzu=
vertrauen. Man sieht leicht ein, daß, so
nützlich diese Verfassung seyn konnte, wenn
ein solcher Patriarch oder Erzbischof ein
rechtschaffner Christ war, so viel tausendmal
     schäd=
 
Neue Seite:
 
=     49
schädlicher war es aber, wenn er gottlos
war. Die Erfahrung redet für die Sache.
Da nun die Religion auch so unendlich vie=
len Einfluß auf die politische Staatsverfas=
sung hat; so ist begreiflich, daß die Einrich=
tung des geistlichen Standes, oder, wenn
ich so reden darf, das Kirchenregiment, auch
darnach eingerichtet werden muß, in soweit
aber nur, als es die Reinigkeit der Lehre,
ohne befleckt zu werden, ertragen kann.
Bey der Reformation ist die erste reine apo=
stolischevangelische Lehre ganz lauter, bis
auf einige unbedeutende Punkte, unter den
Protestanten wieder ans Licht getreten.
Alle fernere Reformation in dem Wesent=
lichen der protestantischen Kirche ist Defor=
mation, ist Verschlimmerung: Wer das
läugnet, der läugnet, daß Evangelium Ev=
angelium ist, und wer sie verspottet, der
verspottet Christum mit seiner Lehre. Ich
hab oben gesagt, daß das Kirchenregiment
genau mit dem politischen verknüpft sey, und
eins ohne das andre nicht bestehen könne, ohne
Nachtheil entweder der Religion, oder auch
des Staats. Nun gehe man in die Zeiten
der Reformation zurück, und sehe, wie da
die Staatsverfassungen in Europa, geistlich=
weltliche und weltlichgeistliche, so unendlich
verworren und wunderbar durcheinander
     D     hiengen.
 
Neue Seite:
 
50     =
hiengen. Nach der Religionsverbesserung
musten also in jedem Lande und in jeder Ge=
meinde, nach den Umständen eingerichtete
Verträge, Rechte und Gesetze über geistliche
Stiftungen, dieses und jenes aufs neue re=
gulirt und angenommen werden. Die Pre=
diger, denen die Aufsicht darüber anvertraut
worden, musten sie beym Antritt ihres Amts
beschwören und halten, damit Ruhe und
Einigkeit unter den verschiednen christlichen
Partheyen wieder hergestellt werden könnte.
Diese geistlichpolitische Einrichtung nun darf
eine Parthey um der andern Willen nicht
leicht ändern; besonders, da noch festgesezt
ist, daß an vielen Orten nur gewisse bestimmte
Religionen seyn dörfen, wo immer eine auf
die andre genaue Acht hat, und wo auch die
kleinsten Umstände heilig beobachtet werden
müssen, wenn nicht öfters unendliche Un=
ruhen und Verwirrungen entstehen sollen.
Nun hat sich seit der Zeit alles in der Welt
sehr geändert; es ist daher leicht zu begreifen,
daß viele Kirchengebräuche, Gesetze und Ge=
wohnheiten heutiges Tags theils sehr unge=
reimt, theils ganz unnöthig geworden; we=
gen der politischen Verfassung der Religions=
partheyen aber doch noch immer streng beob=
achtet werden müssen.
     Wir
 
Neue Seite:
 
=     51
Wir müssen daher die Menschen, und
also auch den geistlichen Stand beobachten,
wie er ist, und nicht, wie er seyn soll. Da
gehen dann sich großdünkende starke Geister,
moquiren sich über dergleichen Lücken, Män=
gel und Gebrechen. Ich sage aber vor der
ganzen Welt:
Trotz dem, der die Religion und
Kirche tadelt, ohne zugleich
bündige und unfehlbare Mittel
anzugeben, wodurch ihre Män=
gel gehoben werden können!
Eben so, wie es mit den politischen Kir=
chenverfassungen ist, so steht es auch mit den
innern, d. i. mit Lehrsätzen und Meynun=
gen. Die wesentlichen der christlichen Reli=
gion sind einfach, ihrer sind wenig, und sie sind
gar annehmlich; zu diesen sind die Prediger
verbunden, und es ist ihre theure Pflicht,
alle andre Meynungen so sehr zu entfernen,
als sie nur können, weil die Einheit des
Glaubens durch viele Meynungen unendlich
leidet.
Das ist aber zu beklagen, daß die Lehrer
diese ihre Pflicht so oft mit Gewalt, mit
Raserey und schrecklichen Verfolgungen aus=
geübt haben, anstatt daß es mit liebreichem
     D 2     sanftem
 
Neue Seite:
 
52     =
sanftem Geiste geschehen sollte; und dieses ist
auch in dem vor uns habenden Buche am
Stauzius zu tadeln. Denn daß er einen
Prediger, nemlich Sebaldus, absezt,
weil er die Ewigkeit der Höllenstrafen läugnet,
das ist ein eben so ein großer Fehler nicht, und
das will ich klar beweísen. Der gemeine
Pöbel, zu allen, auch den gröbsten Aus=
schweifungen aufgelegt, kann durch lebhafte
Predigten von der Schröcklichkeit [sic, Schrecklichkeit] der Höllen,
von vielen Lastern zurückgehalten werden;
die Erfahrung lehrt es täglich, da die wenig=
sten sich durch liebreiche Lockungen ziehen las=
sen. Was wird also ein Prediger anricheten,
der ihnen die Hölle leicht, erträglich, und
gar Endlich vorstellt, wird der nicht allen
Lastern Thür und Thor öffnen? Sehr weiß=
lich haben Christus und seine Apostel dieser
Meynung sorgfältig vorgebaut. Und gesezt
auch, sie wäre wahr; dieser oder jener wäre
davon überzeugt, so rath ich ernstlich, die=
selbe um des Volks willen geheim zu halten.
Hatte aber Stauzius andre geheime Ursachen
zu Sebalds Absetzung; ließ er ihn hernach
im Elend herumlaufen; sorgt er nicht für
einen andern Brodverdienst, überhaupt be=
handelte er ihn nicht mit Liebe; das sind
Stauzius persönliche Bosheiten, und dem
Predigtamte gar nicht aufzubürden. Bos=
     heit
 
Neue Seite:
 
=     53
heit ists von unserm Verfasser, daß er die
Prediger so hechelt, es liegt ein geheimer
Haß gegen diesen Stand darunter verborgen.
Ja, was noch am allermeisten in die Augen
leuchtet, und was diese Bosheit am klärsten
beweiset, ist, daß alle die Fehler, die unser
Verfasser dem geistlichen Stand aufbürdet,
am allerwenigsten heutigen Tages existiren,
sehr einzelne Fälle ausgenommen. Ist es
nun nicht unmenschlich, auf eine so hämische
Weise einen würdigen Theil der Menschheit,
der am meisten Beziehung auf die Gottheit
hat, durchzuziehn und zu verspotten.
Folgende Grundsätze stelle ich also fest;
und aus diesem Gesichtspunkte fahre ich fort,
das unsinnige Buch zu recensiren, weil es
der unzweifelhaft wahre Stand eines Kri=
tikers von dieser Art ist.
Die äußere Kirchenverfassung der pro=
testantischen Religionen, kann unter jetzigen
politischen Umständen nicht viel verbessert
werden. Ihrer innern Verfassung nach,
was die Lehren betrifft, ist sie ganz unver=
besserlich, weil sie genau mit dem Evange=
lium von Christo übereinstimmen.
     D 3     So
 
Neue Seite:
 
54     =
So lange die Menschen sind, was sie
jezt sind, so lange wird auch bey der höchsten
Reinigkeit der Lehre immer ein äussers und
ein inners Reich Christi seyn, d. i. es wird
Namchristen und wahre Christen, böse und
gute Menschen geben.
Weil die Prediger Menschen sind, so
muß man Ihnen auch menschliches Recht
wiederfahren lassen, und man fordert un=
mögliche Dinge, wenn man behauptet, daß
das Predigtamt mit lauter frommen Leuten
besezt werden soll.
Wenn ein oder andrer unter ein und
andrer Parthie herrschende Misbräuche ent=
deckt, so mag er sie öffentlich anzeigen, zu=
gleich aber auch Mittel anweisen, wie mans
besser machen könne. Will man saty=
risiren? meintwegen! Wenn nur auch zugleich
etwas bessers entdeckt wird. Einmal: was
ich nicht besser machen kann, muß ich auch
ungespottet lassen!
Durch das Predigtamt wird den Kindern
das Evangelium bekannt gemacht, die Men=
schen werden wöchentlich wenigstens einmal
darinnen unterrichtet, mit einem Wort, auf
ihnen beruhet blos und allein die Fortdauer
     des
 
Neue Seite:
 
=     55
des äussern Reichs Christi, und in
demselben auch die Vermehrung des innern. Folg=
lich sind die Lehrer der Kirche immer die
Gesandten und die Residenten Gottes und
Christi unter den Menschen. Sobald also
ihr Amt verspottet und lächerlich gemacht
wird, sobald wird auch die äußere Anstalt
des Reichs Gottes unter den Menschen lä=
cherlich gemacht, mithin Gott gelästert und
seinem Zeug Hohn gesprochen. Bedient
aber einer oder der andere sein Amt unwür=
dig, so hat ein jeder Christ Recht, sobald er’s
einsieht, entweder im Druck oder auch in
Geheim, auf eine ernste Art diesen Fehler
anzuzeigen, Besserung zu fordern und anzu=
weisen.
Tritt aber einer in unsrer Mitten auf,
der selbst mit den Grundwahrheiten der Re=
ligion, mit Gnade, Buße, Selbstverläugnung,
Wiedergeburt und Heiligung den Spott
treibt; der sich untersteht, in einem der Ju=
gend gefälligen Tone, diese Wahrheiten, mit=
hin die Religion selbst, und die Lehrer der=
selben, auf eine sophistische, höhnische Weise
zu erniedrigen und lächerlich zu machen, mit=
hin die Vestungswerker der Stadt Gottes
auf eine gefährliche Weise untergräbt, und
ihre junge Mannschaft zur Rebellion ver=
     D 4     führt
 
Neue Seite:
 
56     =
führt – was verdient der? Ein jeder
rechtschaffner Mann wird sichs selbst beant=
worten können.
So ein Mann ist der Verfasser des Le=
bens und Meynungen des Magister Noth=
anker. Daß er so die Religion behandelt,
ist zum Theil schon bewiesen, und daß er die
Lehrer der Kirche mehrentheils unrechtmäßig
mishandelt, das wird sich nun im Verfolg
ausweisen.
In Berlin verläßt der Pietist den Ma=
gister Nothanker, und geht zu einem be=
kannten Freunde. Sebaldus aber, von
allem Nothdürftigen entblöst, geht kummer=
voll herum, und geräth endlich an eine Kirche.
Diese ist gestopft voll; denn es predigt ein
junger Kandidat, der eine erbauliche Rede
von der wahren christlichen Liebe hält. Nach
Endigung derselben geht auch Sebaldus
mit andern wieder heraus, weiß aber nicht
wohin weiter. Nun kommt der Kandidat
mit vollem und rundem Gesichte, mit einer
weißgepuderten, in sanften Locken wallenden,
bis auf die Schultern und auf die Mitte des
Rückens herabhangenden Perücke, auch aus
der Kirche: süß und selbstgefällig ist seine
Mine, sieht immer gerade vor sich hin, dankt
     mit
 
Neue Seite:
 
=     57
mit langsamen Kopfneigen rechts und links
den gemeinen Leuten, die seinen steifgestärk=
ten Kragen und auf dem Rücken schwim=
menden Mantel grüßen u. s. w. Er geht
nach Haus. Sebaldus glaubt sich in sei=
nen Umständen am besten an diesen jungen
Menschen addreßiren zu können, als welcher
NB. so fein von der christlichen Liebe
gepredigt, geht also hinter ihm zum Hause
hinein, findet da die Eltern sehr vergnügt
über ihren Sohn, daß seine erste Predigt so
gut abgelaufen. Nun redet Sebaldus,
die Predigt des Herrn Kandidaten mache
ihm Mut, sich bey seiner jetzigen Verle=
genheit an ihn zu wenden, er sey selbst ein
Prediger, obgleich seines Amts entsetzt, habe
sein Geld und Empfehlungsschreiben verlo=
ren, bittet ihn um Obdach und guten Rath.
Der Kandidat fragt ihn mit einer sehr
weisen und ernsthaften Mine, warum er
seines Amtes entsetzt worden? Sebaldus
antwortet: Wegen Abweichungen von den sym=
bolischen Büchern.
Der Vater des Kandidaten und sein
Sohn verweisen ihm das (der Herr Ver=
fasser läßt es sie aber auf eine höhnische Weise
thun, damit es was zu lachen gebe.) Der
     D 5     Kann=
 
Neue Seite:
 
58     =
Kandidat fragt, was er dann eigentlich in
den symbolischen Büchern unrecht fände.
Sebaldus antwortet: Die Ewigkeit der
Höllenstrafen. Nun schlägt der Kandidat
die Hände über dem Kopfe zusammen, kreuzt
und segnet sich gleichsam, und nach einigen
Wortwechselungen sagt der Vater: „Was?
„keine ewige Höllenstrafen? Das wäre
„schön, wenn mein Nachbar an der Ecke
„gegenüber nicht sollte ewig verdammt wer=
„den! er, der das Predigtamt verachtet,
„der in gar keine Kirche geht, der mir
„einen Proceß an den Hals geworfen, der
„ihn gewonnen hat, der gottlose Mann!
„der Atheist! der Separatist! „ Sebal=
dus geht hier weg und zu dem Separatisten,
der gegenüber wohnt: diesem erzählt er, was
bey dem Kandidaten vorgefallen, in Hoff=
nung, besser aufgenommen zu werden. Der
Separatist sagt mit schwacher und sanfter
Stimme:
„Ich wundre mich nicht über meines
„Nachbarn unchristliche Rede, denn er hat
„den Geist nicht, der das Leben giebt.
„Freylich sind die symbolischen Bücher eine
„Erfindung des Teufels, so wie der ganze
„geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ
„ist ein Hoherpriester. Die Geistlichen
     „haben
=     59
„haben die Welt von jeher verführt, und
„da er, mein Freund! von dem Stande ist,
„so geh er in Gottes Namen, wohin er
„will, ich habe nichts mit ihm zu schaffen. „
Dieses ist wieder eine Scene, die des
Herrn Verfassers würdig ist; wir wollen
ernstlich sehen, ob Wahrheit in dem Ding ist.
Es ist kurios, daß just der Magister an
eine Kirche geräth, wo von der christlichen
Liebe geredet wird. Wir lassen das gehen;
doch sieht man, daß der Herr Verfasser
Zwang anwendet, um sein Gruppe heraus=
zubringen. Der Kandidat hat bis auf die
Allongeperücke viel Wahres; doch sind diese
vielleicht in Berlin noch Mode.
Aber nun, daß der Magister sich an den
Kandidaten wendet, um Hülfe bey ihm zu
suchen, weil er von der christlichen Liebe ge=
predigt, ist ein unerträglich dummes Stück,
und ewig nicht wahr! an einen Kandidaten,
der seine erste Predigt gehalten, und also
für seine eigne Beförderung besorgt seyn
muß! – Und was ebenso unbegreiflich
dumm ist: Der Magister sagt gleich an=
fangs dem Kandidaten, der jetzt ins Predigt=
amt tritt, daß er wegen Abweichung von
     den
 
Neue Seite:
 
60     =
den symbolischen Büchern sey entsetzt worden,
und bringt wieder die Ewigkeit der Höllen=
strafen aufs Tapet. Das ist eine so grobe
Unwahrheit, als eine seyn kann. Sebaldus
hat alles dieses gewiß nicht gesagt; er würde
die Ursache seines Schicksals sorgfältig vor
dem Kandidaten, der noch keine Weltkennt=
nis hat, verborgen haben, wenn er mehr als
Hirngespinnst des Verfassers gewesen. Und
endlich der Separatist redet so grob und un=
wahr, daß man deutlich daraus siehet, daß
der Verfasser niemal einen Separatisten ge=
hört und gesehen hat. Eben so grundfalsch
sind die Worte des Vaters des Kandidaten.
Der allerabscheulichste Böswicht redet so nicht
im Ernste.
Wir machen also hier wieder einen klar=
bewiesenen Schluß: Der Herr Verfasser
gehört unter die schlechtesten und ungereim=
testen Dichter unsers Jahrhunderts!
Nun müssen wir aber auch die Absicht
dieses Gemäldes untersuchen. Die erste ist:
Den jungen Kandidaten lächerlich zu machen.
Die zweyte ist: Die schlechte Uebereinstim=
mung der Handlungen der Geistlichen mit
ihren Lehren höhnisch zu belachen. Die
dritte: Die Eitelkeit der Eltern wegen ihres
     Sohns
 
Neue Seite:
 
=     61
Sohns lächerlich zu machen. Die vierte:
Das feste Anhalten der Geistlichen an die
symbolischen Bücher ungereimt und lächerlich
zu machen. Die fünfte: Die Separatisten
in ein so scheußliches Licht zu stellen, daß man
ihrer lachen muß.
Wer dieses Ding da im Buche selber in
seinem ironisch=launischen Style liest, wird
mir ohne Bedenken Beyfall geben.
Wie? wenn ich aber klar beweise, daß
alle Bolzen des Verfassers fehlgeschossen
haben? Was folgt dann aus der ganzen
Sache? – Das wollen wir hernach sehen.
Daß ein junger Mensch, der seine Studien
glücklich vollendet, der seine erste Predigt
mit Beyfall und glücklich geeendigt, nun mit
einem vergnügten und selbstgefälligen Ge=
sichte, seinen mit vollem Rechte entzückten
Eltern, die er Geld, Sorge und Mühe gnug
wird gekostet haben, in die Arme eilt, ist
gar nicht zu belachen, es ist ganz natürlich
und menschlich.
Daß der Kandidat von der christlichen
Liebe schön predigte, sie aber an dem armen
Magister Sebald nicht ausübte, ist wieder
ganz natürlich. Des Magisters Bedürfnisse
     waren
 
Neue Seite:
 
62     =
waren weitaussehend, und da er seines Va=
ters Beutel, der ein mittelmäßiger Bürger
war, ziemlich mochte erschöpft haben, auch
selbst nunmehro Patronen zur Beförderung
für sich suchen muste, so war es grob von
Sebaldus, der ja dieses alles wol denken
konnte, sich an ihn zu wenden, und der
Kandidat vollkommen zu entschuldigen, daß
er ihn, ohne ihm zu helfen, gehen ließ.
Dem Kandidaten war endlich gar sehr
zu verzeihen, daß er fest an die Symbolen
sich hielte, sein zeitlich Glück beruhte darauf,
und wo konnte er was anders wissen und
glauben, da sie ihm mit vollem Recht ange=
drungen worden.
Was endlich den Separatisten betrifft,
so mag ich mich bey demselben nicht aufhal=
ten: es ist ein Phantom in dem Gehirn des
Verfassers und sonst nirgends gebohren,
wovon sich kein einziger Separatist in der
Welt getroffen findet.
Nun die Folge aus diesem allem, mein
Herr Autor! Sie ist entsetzlich! – Ich
möchte sie um alle Welt nicht auf der Seele
haben. – Sie dichten der Religionsver=
fassung der Kirche Jesu Christi Unwahr=
     heiten
 
Neue Seite:
 
=     63
heiten an, stellen sie zur Schau aus, machen
sie lächerlich; leichtsinnige Leser, deren es
doch einen erschrecklichen Haufen gibt, wer=
den hingerissen; sie entdecken hie und da
einen ähnlichen Zug, nehmen das Ding an,
lachen mit, bekommen einen Abscheu vor
Kirchen und Lehrern, die ihnen nach Ihrer
Schilderung niederträchtig und lächerlich vor=
kommen und – doch ich mag nichts weiter
sagen, es wird einem ganz weh ums Herz.
Sehen Sie noch nicht bald ein, was Sie für
eine abscheuliche Rolle auf Gottes Erdboden
spielen?
Im sechsten Abschnitte kommen Episoden
vor. Sebaldus geräth endlich an einen
Mann, der mit ihm ähnliche Schicksale ge=
habt, ihn daher auch wegen Aehnlichkeit der
Gesinnungen liebt und für ihn sorgt. Dieser
Herr F. geht einmal mit dem Magister spa=
zieren und erzählt ihm seine Geschichte.
Sehen Sie, Herr Verfasser! sehen Sie
diese Episode an! Diese sind anständig und
nicht zu tadeln. Sie spotten darinnen nicht,
lassen den Herrn F. als einen moralischen
Prediger reden, als einen Prediger nach der
Mode, der seine eigne freye Gedanken hat.
Der Superindent ist wiederum ein wahrer
Mensch; er handelt, wie ein solcher Mann
     wol
 
Neue Seite:
 
64     =
wol zu handeln pflegt, wenn er zwischen Thür
und Angel ist. Herr F. hat Umgang mit
einem jungen Officier, der allem Vermu=
then nach ein Freygeist oder Deist ist. Die=
ser Umgang scheint dem Superintendenten
gefährlich; er ermahnt den jungen Prediger,
das hilft aber nicht; es kommen Verläum=
dungen von andern Predigern dazu; Herr
F. wird abgesetzt, wird unglücklich.
Der Herr Verfasser will hier die Welt
belehren, daß die Lehrer der Christen mehr
mit philosophisch denkenden Menschen um=
gehen sollen, um selbst solche zu werden.
Ich muß diesem so sehr vernünftig scheinen=
den Satze begegnen: ich bitte mir daher des
Lesers Aufmerksamkeit aus, denn ich will
gründlich zu Werke gehen.
Jesus Christus bezeugt von sich selbst:
Ich und der Vater sind eins; niemand kann
zu mir kommen, es sey denn, daß ihn ziehe
der Vater. Ich bin der Weg, die Wahr=
heit und das Leben. Niemand kommt zum
Vater, denn durch mich. Wer mich siehet,
der siehet den Vater. Er stellt sich dar, als
den einzigen Gesandten Gottes, der gekom=
men sey, die Welt zu erlösen, dem der Vater
nach seiner Erhöhung die Macht gegeben
     habe,
 
Neue Seite:
 
=     65
habe, die Welt zu richten, der auch wirklich
dereinst kommen werde, mit allen Heiligen,
als Beherrscher des ganzen menschlichen Ge=
schlechts vom Adam an bis ans Ende der
Tage, um über eines jeden Menschen ewiges
Schicksal zu gebieten; der alsdann die Tod=
ten auferwecken, die Lebenden aber verwan=
deln wird: ja, eben dieser Christus giebt sich
an, als das wahre Mittel zur Seligkeit,
Brod und Wasser des Lebens; verspricht
nach seinem Tode wieder aufzustehen, den
Tod zu überwinden und dann seinen Geist
auf seine Nachfolger herabzusenden, um sie
mit außerordentlichen Gnadenkräften zu ver=
sehen und auszurüsten.
Auf diese Weise hat sich Christus darge=
stellt vor dem jüdischen Volk, und so hat er
und seine Jünger von ihm bezeuget.
Wenn wir nun alle obige Eigenschaften
zusammennehmen, so läßt sich das wenig=
stens nicht läugnen, daß der allmächtige Gott
Christum sich ganz gleich gemacht habe, und
daß beyde Personen vorerst einmal ein We=
sen ausmachen. Doch das geht uns hier
nicht an; ich will nur das vestsetzen: Jesus
Christus ist der vollkommne Gott der Mensch=
heit, wenn seine Worte Wahrheit sind.
     E     Nun
 
Neue Seite:
 
66     =
Nun folgt ganz natürlich, wenn einer
ein Christ seyn will, so muß er glauben, daß
Christus das sey, wovor er sich ausgegeben
hat, oder er widerspricht sich selbst. Glaubt
er das, so muß er auch glauben, nicht allein,
daß Christus wahrer Gott, und wahrer
Mensch ist, sonder auch, daß seine Lehre
und die Lehre der Apostel Wahrheit sey,
folglich daß ein Mensch aus eignen Kräften
nicht die Vollkommenheit erreichen könne,
der er fähig ist, und die erfordert wird, ewig
glückselig zu werden, sondern daß er den
Weg des Glaubens, der Buße, der Recht=
fertigung, Wiedergeburt und Heiligung ein=
schlagen müsse, wie er im Evangelium und
in den protestantischen Kirchen nach den sym=
bolischen Büchern gelehrt wird. Geht nun
jemand in etwa von diesem ab, so wider=
spricht er sich selbst, und seine Religion wird
ein Unding, das nicht zusammenhängt, das
unwahr ist.
Es gibt daher kein Mittel, das Christen=
thum und den Deismus zu vereinigen, weil
eins dem andern gerade widerspricht. Es
ist derowegen vergebliche Arbeit, wenn man
nachgibt, den Socinianismus unterstützt,
blos die Sittenlehre treibt, und also eins
mit dem andern vermischen will.
     Das
 
Neue Seite:
 
=     67
Das bleibt eine ewige Wahrheit:
Entweder Christus ist mir der allge=
nugsame Gott zur Seligkeit in seinem
himmlischen Vater, in sich selbst und
durch seinen heiligenden Geist, oder er
geht mich weiter nichts an, als der
große Lama, oder Mahomet und Con=
fucius. [Konfuzius]
Derowegen muß eine Scheidung gemacht
werden: Wir müssen entweder Christen seyn,
wie die wahren Christen seyn sollen, oder
wir müssen Deisten seyn. Diejenigen, welche
zwischen beyden den Mantel nach dem Winde
hängen, sind Nothankers, sind Leute, die
sich weder hier noch dorthin schicken.
Der Herr Verfasser und alle, die seiner
Meynung sind, thun also besser, wenn sie
sich öffentlich dafür bekennen: Wir wollen
keine Christen seyn; die andern aber, die
sich zu Christo halten, müssen genau bey der
Lehre Christi und seiner Apostel bleiben, und
nicht ein Haar breit davon weichen, weder
zur Rechten noch zur Linken.
Sie sehen also, Herr Verfasser! daß
der Superintendent nicht unrecht hatte, sorg=
fältig zu seyn, als er den Umgang des jun=
     E 2     gen
 
Neue Seite:
 
68     =
gen Predigers mit dem Freydenker gewahr
wurde. Das ist aber freylich zu beklagen,
daß sich von jeher Eigennutz, Eigenliebe und
Handwerksneid mit unter die heiligsten Dinge
gemischt hat. Allein das gibt Ihnen gar kein
Recht, deswegen den ganzen geistlichen Stand
lächerlich zu machen. Man gehe in derglei=
chen Sachen ernsthaft zu Werke, damit der
Pöbel vor heiligen Dingen Ehrfurcht behalte.
Aber nun wieder zu unsrer Sache. Jetzt
wird aus Berlin geschildert, wie die Ein=
wohner, nemlich in Religionssachen, denken.
Die Pfarrkinder zu St. Nicolai am Mol=
kenmarkt in der Stralauergasse, bis zur
Paddengasse hinauf, halten am meisten auf
eine Orthodoxie; man kann da noch eh=
renfeste Bürger über Erbsünde und
Wiedergeburt disputiren hören. Ey!
sogar über Erbsünde und Wiedergeburt.
Das kommt dem Verfasser wirklich altfrän= [altfränkisch]
kisch vor – eben als wenn das doch nun
einmal eine ausgemachte Sache wäre, Erb=
sünde und Wiedergeburt seyen längst offen=
barte Thorheiten. –
Erbsünde ist, nach dem reinen Begriff
eines Christen, die von dem ersten Menschen
allen seinen Nachkommen angeerbte Unfähig=
     keit,
 
Neue Seite:
 
=     69
keit, zu der Bestimmung zu gelangen, zu
welcher der Mensch geschaffen ist, und eben
die vom ersten Menschen allen seinen Nach=
kommen angebohrne Fähigkeit, das Thun
und Lassen nach den Reizen der Sinnlichkeit
einzurichten. Ist das nun so etwas Unge=
reimtes? – Haben Sie Ursache, darüber
zu spotten? Haben Sie selbst nie gewünscht,
moralisch besser zu werden, als Sie wirklich
sind? Haben Sie nicht darnach gestrebt,
diesen Grad der Vollkommenheit zu errei=
chen? Haben Sie aber nicht dabey gefühlt,
daß Sie gern wollten, daß die lüsternen
Reize zur Sinnlichkeit Sie überwältigten?
Haben Sie da nicht die wirksame Erbsünde
an sich empfunden?
Wie vortreflich ist aber nun die christliche
Religion, die uns Mittel anweist, wie
man dieser Verdorbenheit entweichen und
Gott wohlgefällig werden könne! Ein Mensch,
der von Herzen gern anders werden will, als
er ist, wird zu Christo hingewiesen; er betet
also um Aenderung seines Sinnes, übergibt
sich ganz an die Leitung des Geistes Christi.
Allmählig verspürt ein solcher anfangender
Christ, wenn er beharret, mehr Einsichten
über seinen eignen Zustand; er wird gewahr,
daß er wirklich viel schlimmer ist, als er ge=
     E 3     glaubt
 
Neue Seite:
 
70     =
glaubt hat, weil sein Verstand anfängt, auf=
geklärter, das ist erleuchtet zu werden: so
kommen ihm die Forderungen Gottes an die
Menschen, und sein eigenes Unvermögen,
immer klärer und gewisser vor; er sieht, daß er
in solchem Zustand unmöglich mit dem rein=
sten Wesen der Gottheit vereiniget werden
kann. Er erkennt, daß Gott gewiß den
Menschen so unvollkommen nicht erschaffen
hat, als er ist, und fühlt also, daß in die=
sem Zustande seine Beschaffenheit nach die=
sem Leben entsetzlich seyn müsse. Dieses alles
ist ihm so überzeugend in seinem Gemüthe,
daß keine Demonstration gewisser seyn kann.
Nun fängt der Mensch an zu zittern und zu
zagen, weiß keinen Rath und Trost mehr;
auf einer Seite sieht er den gerechten Gott,
der Vollkommenheiten an ihm fordert, die
er an sich gar nicht findet; auf der andern
Seite empfindet er seine Schwäche, daß er
nie diese Vollkommenheit werde erreichen
können. In diesen Umständen bittet er um
Vergebung, flehet um Rath und Hülfe, und
verspricht, seinen Willen ganz von dem Geist
Jesu Christi regieren zu lassen. Diesen
Zustand nennen wir die Buße. Darauf
lenkt sich das Gemüthe zum Evangelium, und
sucht da Ruh und Trost. Dieses sagt ihm
nun, Christus habe durch sein Leiden und
     Tod
 
Neue Seite:
 
=     71
Tod allen Forderungen Gottes an die Men=
schen gnug gethan, er solle nur vesten Glau=
ben an den Erlöser fassen, so werde er für
seine Seele Ruhe finden. Diese Lehre von
der Gnugthuung Christi hatte der Mensch
vielleicht wol historisch geglaubt, aber nicht
von Herzen; jetzt dringt ihn aber die Noth,
um Glauben zu bitten. Vor und nach wird
ihm die Sache klar in seinem Gemüth, und
was der natürlichen Vernunft unbegreiflich
und gar ungereimt vorkam, das beginnt sie
nun einzusehen; er verwundert sich, daß er so
thöricht gewesen und die göttlichen Rathschlüs=
se, die in der ganzen Schöpfung nicht, sondern
nur allein in dem ganz unbegreiflichen Gott
ihren zureichenden Grund haben, habe begrei=
fen wollen; jetzt glaubt er, Christus sey
sein Erlöser, und darauf fühlt er auch na=
türlicher Weise, daß ihm seine Sünden ver=
geben worden. Auf diese Vergebung der
Sünden folgt nun auch die Rechtfertigung
so, daß er versichert ist, Gott habe ihn zu
Gnaden angenommen, und Christi Gerech=
tigkeit für die seinige erklärt. Darauf ent=
steht nun ein Friede in dem Gemüth, eine
Beruhigung, die unbegreiflich ist, und mit
demselben bekommt der Mensch eine solche
Liebe und Zutrauen zum Erlöser, daß er tau=
send Leben für ihn hingeben könnte. Wäh=
     E 4     rend
 
Neue Seite:
 
72     =
rend diesem Frieden und dieser Liebe verspürt
er eine Lust und eine Kraft, alles das zu
thun, was die evangelischen Gebote von ihm
fordern, daß ihm das Joch Christi sanft
und eine leichte Last wird. Diese Verände=
rung, die dem Menschen durch die göttliche
Gnade oder den wirkenden Geist Christi
widerfährt, heissen wir nun die Wiederge=
burt, die durchs Taufwasser, das ist, die
äußerliche Bekänntniß zu Christo nothwen=
dig zuerst, und dann durch den Geist zu
Stande gebracht werden muß. Nun fängt
die moralische Verbesserung des Menschen
an. Wir nennen dieses die Heiligung;
da aber freylich noch immer der Mensch
Mensch bleibt. Allein, sobald eine solche
eingerichtete Menschenseele die Bürde des
Leibes und mit ihr die sinnliche Reize able=
gen wird, so wird sie gewiß zu den Anstalten
des Reichs Christi in der anderen Welt zum
Endzwecke des ewigen Vaters bey der Schö=
pfung des Menschen, vollkommen geschickt,
und also unendlich glückselig seyn.
Dieses alles begreift nun freylich ein
Mensch nicht, der es an sich nicht erfahren
hat, glaubt es nicht; aber was thut das zur
Sache. Wenn ich einem Bauer, der einen
vollkommnen guten Verstand hat, erzähle,
     daß
 
Neue Seite:
 
=     73
daß es in den äussersten nordischen Gegenden
ein halb Jahr aneinander Tag, und ein halb
Jahr aneinander Nacht sey, so staunt er
mich an, lächelt über meinen Wahnsinn,
sagt, haben die Leute da denn eine andre
Sonne als wir? Sobald ich ihm aber sage,
die Sonne stehe still, und die Erde drehe sich
herum, so lacht er aus vollem Halse, und glaubt
ich sey ganz unsinnig. Also: Wer unsre Lehre
nicht begreifen kann, und sich darum von
ihr abwendet, der mags thun, wir zwingen
Niemand, mehr zu glauben, was er nicht
glauben kann. Das kann unsern Lehrern
aber Niemand verdenken, wenn sie auf Men=
schen wachsam sind, die zur äussern Bekennt=
niß gehören, daß sie dieselben für Verfüh=
rung warnen, da doch so mancher recht ver=
nünftige Mann verführt werden kann; auch
daß sie dieselben von der Gemeinschaft der
Gemeinde abschneiden, oder gar, wenns Lehrer
sind, sie ihres Amts entsetzen, damit nicht
schwachdenkende Gemüther in rath= und
trostlose Umstände gesezt werden mögen.
Wie übel und wie unverantwortlich ha=
ben Sie also gehandelt, Herr Verfasser!
daß Sie über eine Sache urtheilen, die Sie
gar nicht verstehen, weil Sie keine Erfah=
rung davon haben! – Wie teuflisch aber
     E 5     ist
 
Neue Seite:
 
74     =
ist es nicht auch zugleich, das Heiligthum
so vieler Millionen Menschen zu verspot=
ten! – Wollen Sie sagen, das thäten
Sie ja nicht, Sie verspotteten nur die Feh=
ler – Ey! Sie spotteten doch über die
Gnade, über die Lehre von der menschlichen
Verdorbenheit, über die Wiedergeburt, und
wenn das auch nicht wäre: Sie spotteten
über Fehler unsrer Lehrer, wo keine sind,
und wo Sie dieselben treffen, da verdienen
sie Mitleiden, und keinen Spott.
Einmal: es bleibt dabey, in Religions=
sachen Satyre zu brauchen, ist unmenschlich.
Wo aber sogar durch dieselbe die Religion
selbst verspottet wird – ich mag nicht sagen,
was für eine Frechheit dazu erfordert werde.
Im siebenten Abschnitte kommen die
Spatzierenden, Herr Nothanker und Herr
F. zur Lindenallee, setzten sich auf eine Bank,
an deren anderm Ende ein Prediger und ein
Kandidat sitzen, die unter sich zusammen
reden, und zwar just von dem Ueberhand=
nehmen der Freydenkerey in Berlin.
Ich kann mich über der Hrn. Verfasser
nicht genug verwundern, daß er nicht ein=
sehen kann, wie wenig die historische Wahr=
     heit
 
Neue Seite:
 
=     75
heit beobachtet worden. Ueberall treffen sich
just Prediger, überall sagen sie just dasjenige,
was der Verfasser lächerlich machen will,
und dieses ist noch dazu entweder nicht wahr,
oder unerträglich dumm. Warum unter=
steht er sich doch einen Roman zu schreiben,
ohne daß er Geschick dazu hat! und warum
untersteht er sich doch Sachen zu beurtheilen,
die er gar nicht versteht! Warum belacht er
Fehler, die zu beweinen wären! Ist das
nicht unsinnig? –
Alle, die dieses lesen werden, hieher,
und hört den Kandidaten und den Prediger
sprechen, und dann urtheilt.
Der Kandidat: „Es müssen doch noch
„einige andre Ursachen seyn, warum die
„Freydenkerey so sehr in Berlin überhand
„genommen hat. Ueppigkeit und Wollust
„gehn in andern großen Städten auch im
„Schwange, aber man sieht da nicht so viel
öffentliche Freydenker.
Der Prediger: „Freylich! unsre schöne
„Heterodoxe Herren, die die Religion so
„menschlich machen wollen, und die dabey
„die Würde unsers Standes ganz aus der
„Acht lassen, sind am meisten Schuld dar=
     „an.
 
Neue Seite:
 
76     =
„an. Sie wollen den Freydenkern nach=
„geben, sie wollen sie gewinnen. Als ob
„es sich für uns schickte, mit Leuten solches
„Gelichters Wortwechsel zu führen. Man
„muß ihnen kurz und nachdrücklich den Text
„lesen; man muß ihnen das Maul stopfen;
„man muß sich bey ihnen der Ehrfurcht
„zu erhalten wissen, die sie uns schuldig
„sind.
Der Kandidat: „Das ist wahr. Nur
„ists zu beklagen, daß diese Leute für alle
„ehrwürdige Sachen, und besonders für den
„Predigerstand, nicht die gehörige Ehr=
„furcht haben.“
Nun geht dieser Ton ein paar Blätter
so fort, wo die Beyden über die philosophi=
sche Moral ein wenig hohnlächeln, die we=
nige Ehrfurcht gegen ihren Stand beklagen,
ein wenig Pabstthum wünschen. Bey dem
Vernünftlen komme nichts heraus, der
Laye müsse glauben, es käme hier nicht auf
Vernunft, sondern auf die Bibel, auf eine
übernatürliche Offenbarung an u. s. w.
Der Prediger fährt fort: „Und unsre
„neumodische Theologen, die die Welt ha=
„ben erleuchten wollen, die so viel unter=
     „sucht,
 
Neue Seite:
 
=     77
„sucht, vernünftelt, philosophiert haben,
„wie wenig haben sie ausgerichtet, wie müs=
„sen sie sich krümmen und winden! Sie phi=
„losophiren Sätze aus der Dogmatik weg,
„und lassen doch die Folgen dieser Sätze ste=
„hen; sie brauchen Wörter in mancherley
„Verstand, sie verwickeln sich in ihre eigne
„Schlingen, sie sind auf äusserste inkon=
„sequent „ –
Laßt uns dieses einmal beym Lichte bese=
hen: Der Herr Verfasser will hier wieder
ein paar Lehrer schildern, so wie er glaubt,
daß sie durchgehends wären, oder daß es
noch welche so gebe.
Ich muß aber sagen, daß ich in meinem
Leben einen so dummpfaffischen Ton nicht
gehört habe, und wenn ein Prediger zu
Berlin noch so redet, so muß ich sagen, es
sey zu arg. Es ist gewiß nicht wahr, daß
dieser Ton unter den Geistlichen Mode ist.
Der Herr Verfasser wird wenigstens in jetzi=
gen Zeiten sehr wenige mehr finden, die so
reden; folglich ist es unergründliche Feind=
schaft auf das Predigtamt, um es verhasst
zu machen. In dieser Scene sehen wir auch
klar, was der Autor will; denn alles, was
er die Prediger sagen läßt, kommt ihm un=
     gereimt
 
Neue Seite:
 
78     =
gereimt vor; und doch, wenn man alles
das, was er hinzugethan hat, um die Pre=
diger verächtlich zu machen, wegnimmt, und
sie es nur mit einem liebreichen Tone sagen
läßt, so haben sie gar nicht unrecht, nach
christlichem Sinne nemlich; und also ist es
wiederum ein abscheulich Gewäsche zum Nach=
theil der Religion; denn ein junger Mensch,
der diese Stellen liest, wird auf die Zähne
knirschen, und ein Geistlicher wird ihm ver=
ächtlich vorkommen, und mit ihm die Lehre,
die er vorträgt. Mein Gott! welch ein
schädlich Buch ist es doch für die Religion.
Nun mischt sich auch der Sachwalter
des Herrn Verfassers mit ein, der Herr
Sebald Nothanker.
     Wo es noch Mode ist, die Lytaney zu
singen, da mag man wol mit einrücken: Für
einem Lehrer, wie Sebald Nothanker,
behüt uns lieber Herre Gott!
Er antwortet dem obigen Prediger auch
endlich und sagt: „Und wenn sie denn nun
„inkonsequent wären? Wer einzelne Vor=
„urteile bestreitet, aber viele andre damit
„verbundne nicht bestreiten kann oder darf,
„kann, seiner Ehrlichkeit und seiner Einsicht
     un=
 
Neue Seite:
 
=     79
„unbeschadet, inkonsequent seyn; oder schö=
„ner: Die Verbesserer der Religion mögen
„immerhin ein zerrissenes Buch seyn, das
„weder Titel noch Register hat, und in wel=
„chem hin und wieder Blätter fehlen; aber
„auf diesen Blättern stehen nöthige, nütz=
„liche, vortreffliche Sachen, und ich will
„diese Blätter ohne Zusammenhang lieber
„haben, als Meeners Beweis der Ewig=
„keit der Höllenstrafen, und wenn dies
„Buch auch noch so komplet wäre.“
 
Heinrich Meene (1710-1782): Unparteyische Prüfung der Abhandlung: Schrift- und Vernunftmässige Ueberlegung der beyderseitigen Gründe für und wider die ganz unendliche Unglückseligkeit der Verbrecher Gottes und deren endliche selige Wiederbringung u. s. f., angestellet und zur Rechtfertigung der Gedanken des Hochwürdigen Herrn Abts von Misheim von dem Ende der Höllenstrafen herausgegeben von Heinrich Meene. Helmstaedt: Weygand 1747; Nebentitel: Die gute Sache der Lehre von der unendlichen Dauer der Höllenstrafen mit wahrscheinlichen Gründen der Vernunft und umstreitigen Beweisthümern der Offenbarung; a. u. d. T.: Die gute Sache der Lehre von der unendlichen Dauer der Höllenstrafen / Heinrich Meene. Helmstädt 1748. – Siehe auch: Vernünftige Gedanken von der Ewigkeit der Höllenstrafen / Schubert, Johann * 1741 /1742. - Johan Ernst Schuberts Derer phil. Faculteten zu Wittenberg und Jena Adjuncti Vernünftige und schriftmäsige Gedanken von der Ewigkeit der Höllenstrafen: Nebst einer Vertheidigung wieder einen ungenanten Freund der Wiederbringung / Johan Ernst Schubert. - Andere und vermehrte Auflage. - Jena. Bei Johan Adam Melchior, 1742. Dritte und vermehrte Auflage. - Jena und Leipzig im Verlag Jo. Adam Melchiors sel. Witwe. Cahla, gedruckt bey Georg Friedrich Schreibern, 1748- Zwei Briefe von der Ewigkeit der Höllen-Strafen / Formey, Jean Henri Samuel. Franckfurt u. a., 1763.
 
Gut, Herr Magister! Ungeachtet Er
wieder ganz zur Unzeit, ohne Anlaß und
Ursache, mit der Ewigkeit der Höllenstrafen
auskramt, und ich also meinen Augen kaum
trauen darf, ob ich mit einem Gespenst oder
mit einem Menschen rede, so muß ich doch
ein Wort zu dieser seiner Gesinnung sagen:
Ist das Neue Testament die Richtschnur sei=
nes Glaubens? „Ja! in soweit, als ich
„sehe daß es mit der Vernunft überein=
„stimmt. „
So muß ich Ihm sagen, daß er ein
großer Thor gewesen, da er einen Commen=
tar über die Apokalypse geschrieben, denn da
wird Er mit seiner Vernunft wol wenig
ausrichten; aber wir lassen das jezt an seinem
     Orte.
 
Neue Seite:
 
80     =
Orte. Wo das Neue Testament mit der
Vernunft nicht übereinkömmt, da muß es
entweder auf diese Zeiten nicht passen, oder
es muß Dinge enthalten, die man zwar nicht
begreifen kann, aber doch wahr seyn können:
oder es muß offenbare Widersprüche enthal=
ten. Was die historische Gewißheit anbe=
langt, die geht uns jezt nicht an, denn Sie
sowol, als alle neue Religionsverbesserer,
quasi! nehmen sie an; also: enthält nun
das Neue Testament Punkte, die uns nicht
mehr angehen, so sind es besondre Modifi=
kationen besondrer christlicher Gemeinden,
und diese fallen ins Auge. Wir abstrahiren
diese, und schränken uns blos ein auf die
Lehre von Jesu Christo, diese also muß nun
entweder Dinge enthalten, die der natür=
lichen Menschenvernunft zu hoch sind, oder
die ihr widersprechen. Enthält sie Dinge,
die ihr zu hoch sind, und man will diese nach
der Vernunft reguliren, so ist die Religions=
verbesserung eben anzusehn, als wenn fünf
oder sechs wackre rothbackigte Schuljungens
Eulers und Kästners Schriften von der
höhern Mathematik, nach ihrem guten Kna=
benverstande reformiren wollen; der eine
wird das Wort: Equation, der andre:
Paralaxe, ausstreichen. Ist ja doch Un=
sinn in den Worten da, lieber Martin!
     verstehn
 
Neue Seite:
 
=     81
verstehn sie nicht, laßt`s uns ausstreichen;
wollen`s thun, dann gehen und Blindemaus
spielen.
Beweist man uns aber, daß die Lehre
Christi Widersprüche enthalte, dann auch
keinen Augenblick länger gewartet: Was hin=
ken wir denn auf beyden Seiten! Entweder
ein wahrer Bekenner Christi, oder ein Deist!
Weder kalt noch warm zu seyn, ist ausspeyens
würdig.
Der Prediger beantwortet des Sebal=
dus hämische Rede mit wahrem Menschen=
verstande; er sagt:
„Sie sind also, wie ich merke, ein
„Gönner der neuern heterodoxen Theologen.
„Sie werden also alles, was dahin gehört,
„wohl überlegt haben; denn Herren Ihrer
„Art handeln niemals unüberlegt. Sagen
„Sie mir doch, was für ein Christenthum
„wir bekennen möchten, wenn diese Herren
„so fortfahren, wie sie angefangen haben. „
Und dieses ist doch gewiß wahr, was
dieser Prediger da sagt. Der Hr. Verfasser
will die ungereimte Denkungsart der evange=
lischen Lehrer zeigen, und läßt sie gar oft die
Wahrheit sagen.
     F     „Ey
 
Neue Seite:
 
82     =
„Ey nun,“ sagt Sebaldus, „es könn=
„te wol ein sehr christliches Christenthum
„werden. „
Ich meyne, wenn man die wesentlichsten
Stücke hinausschmeist, das wird ein Christen=
thum seyn! –
Der Prediger antwortet: „Christlich?
„ja, ein heidnisch Christenthum wird es
„werden. Hören sie wol? Heidnisch ist der
„wahre Name! –
Nun läugne, wer läugnen kann, ob das
nicht wahr ist! Vernünftige Moral, die
aus eignen menschlichen Kräften hervorge=
bracht und ausgeübt wird, ist das wahre
eigentliche feine Heidenthum; wer Lust dazu
hat, der gehe hin, und er wird finden, daß
das alte Sprichwort wahr ist: Viel Köpfe,
viel Sinne. Ein jeder wird sich eine neue
Moral schmieden, so wie es für ihn am be=
quemsten ist. Der gemeine Mann, der
selbst nicht zu denken gewohnt ist, will was
Sinnliches haben; wird wieder Abgötter,
wie vor einigen tausend Jahren auch.
Menschen! Merkt auf die Zeichen der
Zeiten. Die Apostel, Jesus, haben es
lang voraus gesehen, sie haben`s gesehen!
Unter andern Paulus an den Timotheum
im zweyten Brief am dritten Kapitel: Das
sollt du aber wissen, daß in den lezten
     Tagen
 
Neue Seite:
 
=     83
Tagen werden gräuliche Zeiten kom=
men u. s. w. – Verräther, Frevler,
aufgeblasen, die mehr Wollust lieben,
denn Gott. Die haben den Schein
eines gottseligen Wesens, aber seine
Kraft verläugnen sie; und solche meide.
Aus denselben sind, die hin und her
in die Häuser schleichen, und führen
die Weiblein gefangen, die mit Sün=
den beladen sind, und durch mancher=
ley Lüste getrieben werden. Sollte man
nicht meynen, Paulus hätte die heutigen
schönen Geister dem Frauenzimmer sehen die
Cour machen am Nachttisch, am Putztisch,
auf dem Kanapee u. s. w. Ferner: Lernen
immerdar, und können nimmer zur
Erkenntnis der Wahrheit kommen.
Heist das nicht Weissagung? Beynah acht=
zehnhundert Jahre vorherzusagen, was aus
dem menschlichen Geschlechte werden soll;
und siehe! es wird! –
Die Fülle der Heiden fängt an ein=
zugehen; wer eine aufmerksame Seele
hat, der merke auf! und stehe auf seiner
Hut! Seelig ist der Knecht, den der
Herr wachend findet, wann Er kom=
men wird!
     F 2     Se=
 
Neue Seite:
 
84     =
Sebaldus ist es nun einerley, wie
man’s heist, „heidnisches oder christliches
„Christenthum; das menschliche Geschlecht
„wird durch eine Benennung weder glücklich
„noch unglücklich. „ Wie? wenn aber die
Benennung die Natur der Sache trifft,
ists auch einerley? Mögen seyn, was wir
wollen, wenn wir nur so dem Trieb unsrer
Natur folgen können, wie auch die andern
Thiere; unsre Nachbarn; wollen gern auf
die Menschheit Verzicht thun.
Was dünkt Ihnen? Hr. Verf. Das
ist so die rechte Sprache, nicht wahr? Sie
mögen sie behalten, für sich behalten; sie
müssen aber denn auch andre ehrliche Leute
ungeschoren lassen, die nicht so denken wie
sie, und nicht so beleidigende Sachen in die
Welt hineindrucken lassen.
Der Prediger und Sebald wechseln noch
einige Worte, wo es noch einmal ein wenig
über die symbolischen Bücher hergeht.
Der Herr Verfasser versteht unter die=
sen symbolischen Büchern nothwendig die
Augsburgische Confeßion, den Heidel=
bergischen Katechismus, und was sonst
noch dafür angenommen wird; diese Dinge
sind ihm eben so, wie die Bibel, lächerlich
und ganz nungereimt und unnöthig. Noth=
wendig muß es allen Freydenkern, und her=
     nach
 
Neue Seite:
 
=     85
nach auch einigen heutigen Reformatoren so
vorkommen, sonst würden erstere nicht lachen
und spotten, letztere aber nicht verbessern wollen.
Ist die Bibel ganz Offenbarung, so ha=
ben wir keinen Streit; ist sie nur zum Theil
Offenbarung, und das, was Offenbarung
ist, soll mit der Vernunft herausgesucht
werden, so ist die Vernunft über die Offen=
barung, und wir haben gar keine nöthig; ist
sie gar nicht Offenbarung, so ist wieder
nichts zu streiten.
Was die andern Symbole betrifft, so
sind das Sachen, gleichsam Verträge und
Glaubensbekenntnisse, die unsre Voreltern
zu ihren Zeiten verfaßten, und nach den
damaligen Umständen verfassen musten, auf
welchen der Religionsfrieden im Römischen
Reiche beruht; wer davon abgehen will,
mag’s unsertwegen thun. Ist ein u. anders
darinnen, das vielleicht unnöthig wäre, und
kann es nicht ohne Unruhe verlassen werden,
ey, so lasse mans. Ins Ganze aber genommen,
seh’ ich nicht ein, daß man der menschlichen
Freyheit was vergebe, wenn man sich zu
gewissen Verträgen verbindet, die, ob sie
wol nicht so nöthig sind, doch nicht schaden.
Was aber die Symbole vom Evangelium in
sich fassen, das ist Glaubenslehre, die genau
von einem Christen beobachtet werden muß.
     F 3     Ich
 
Neue Seite:
 
86     =
Ich hab oben gnug von äusserer und innerer
Religionsverfassung geredet, je besser die
äusserliche Einrichtung gemacht werden kann,
ohne sich in gefährliche Umstände zu setzen,
je lieber ist es uns, nur das Innere muß nicht
leiden. Wie schwer das aber bey unsrer
heutigen Staatsverfassung sey, kann ein halb
Vernünftiger einsehen. Wenigstens ist es
politische Kannengiessersarbeit, wenn ein
Bürger in Berlin, dessen Fach es gar nicht
ist, von dergleichen zu schreiben, dem es an
gehöriger Religionserkenntniß, sowol was
das äussere als innere betrifft, mangelt,
und also nothwendig fehlen muß; wenn sich,
sag ich, ein solcher Mann dahinstellt und
von so was urteilt. Gottlos ist es aber,
die Mängel und Fehler mit dem Wesentlichen
des Reichs Christi zu verspotten.
Im achten Abschnitt werden die Sym=
bole und die Moden der Kleidung der Leh=
rer verglichen.
„Die Erfahrung lehrt, heist es S. 90.
„daß die Meynungen sich nicht minder ver=
„ändern, als die Kleidertrachten. Es geht
„daher auch den symbolischen Büchern eben
„so, wie der Kleidung der Geistlichen.
„Als die symbolischen Bücher gemacht wur=
„den, enthielten sie blos die allgemeinan=
„genommne Meynungen aller Glieder der
     Luthe=
 
Neue Seite:
 
=     87
„Lutherischen Kirche; so wie die Kleidung
„der Geistlichen, dem Schnitte nach, die
„Kleidung aller gelehrten Leute, und die
„schwarze Farbe eines Biedermanns war,
„wenn er feyerlich erschien. Als die Klei=
„dermoden sich änderten, so blieben die
„Geistlichen in derselben wol vierzig oder
„fünfzig Jahre zurück, so wie es Ihnen
„noch oft in der Litteratur und Philosophie
geht. Endlich änderte sich die Welt so
„sehr, daß der Schnitt des Glaubens und
„der Kleidung, der zu Luthers Zeiten allen
„guten Leuten gemein war, endlich das
„Symbolum eines besondern Standes blieb.
„Und dennoch befürchte ich, es gehe noch
„in einer andern Absicht, der Konformi=
„tät mit den symbolischen Büchern, wie
„den Aermeln und den Mänteln der
„Geistlichen; obgleich jene immer Ortho=
„doxie heist, und diese immer schwarz blei=
„ben, so haben sie beyde doch, sonderlich seit
„fünfzig Jahren, so viel kleine aber wesent=
„liche Veränderungen erlitten, daß im
„Grunde ein guter alter orthodoxer Dorf=
„pastor, der seit Buddeus Zeiten an keine
„Veränderungen, weder in der Gelehrsam=
„keit, noch in Rockschößen und Perücken
„gedacht hat, von einem jungen orthodoxen
„Diakon jetziger Zeit, der vier Jahre lang
     F 4     „in
 
Neue Seite:
 
88     =
„in adlichen Häusern Hofmeister gewesen ist,
„aller Konformität unerachtet, eben so stark
„in der Kleidertracht, als in der Glaubens=
„lehre verschieden ist. [„]
Auf dieses folgt nun die Geschichte der
geistlichen Kleidermoden in Berlin, vom
Spener an, bis auf diesen Tag. Und Hr.
Chodowieki, der vortrefflichste Zeichner
unsrer Zeit, hat alle diese Figuren lächerlich
genug aufs Titelkupfer gezeichnet.
Alles dieses mag nun wahr seyn, oder
nicht: Wer gerne lacht, wird wiederum lachen.
Immer greift der Herr Verfasser den
Lehrstand an, wo ers am wenigsten verdient.
Hier ist der Ort, wo ich davon reden muß.
Daß der Lehrstand eben so grundverdor=
ben ist, wie auch alle andere Stände, das
siehet man aus dem schlechten Erfolge, den
mehrentheils ihre Bedienung des Evange=
liums in der Verbesserung der Menschen
hat. Die Kleidermoden der Prediger sind
hier eben so unbedeutend, als die vermeinten
Veränderungen der wahren Orthodoxie.
Diese ist und bleibt immer die einzige wahre
christliche, bis dahin, wo die Sebalde
Nothankers anfangen zu arbeiten.
Das erste, das man anzumerken hat, ist,
daß sie sowol als andre Menschen sind: daher
es dann auch kommt, daß sich überall mensch=
     liche
 
Neue Seite:
 
=     89
liche Verdorbenheit mit einmischen, die
aber in diesem Falle besonders wichtigen Folgen
haben können. Aus dieser Quelle entspringt
nun ein andrer Fehler, nemlich, daß unter
den Predigern ebensowol die Wenigsten
wahre Christen sind, als auch unter andern
Ständen.
Wo nun ein Prediger ein wahrer Christ
ist, da siehet man auch noch immer das
Evangelium seine Kraft beweisen, das heist:
die Menschen, wenigstens einige, werden
gebessert.
Sobald aber ein Prediger nicht nach der
Lehre des Evangelii wandelt, sobald wird
der Stolz seine erste Plage seyn; er wird
sich auf die Haushalterschaft Gottes und
Christi was rechts einbilden, und aus diesem
Grundsatze eben so gut herrschen wollen, als
es ein jeder andrer natürlicher Mensch will,
wo er nur Gelegenheit dazu finden kann.
Aus eben dem Grunde, da niemand von der
Wahrheit der Religion überzeugt seyn kann,
der nicht ihren Geboten nachlebt, indem blos
der Glaube erst die Ueberzeugung wirkt,
folgt dann auch abergläubische Dummheit.
Dem allen ungeachtet predigen doch diese
Leute evangelische Wahrheiten! und da ihr
Stolz und Dummheit nach der Reformation
wenig wichtige Folgen, ausgenommen sehr
     F 5     selten
 
Neue Seite:
 
90     =
selten, und noch mehrentheils in einzelnen
Fällen haben kann, so geschieht dem gemei=
nen Besten, ins Ganze genommen, wenig
Schaden darunter, wol aber dem Reiche
Christi.
Diesem Verderben des Lehrstandes die
gehörigen Mittel entgegen zu setzen, erfordert
Weisheit, und ist nicht die Arbeit eines Re=
ligionsspötters. Das beste Mittel ist, zum
Predigtamte solche Leute zu wählen, die von
ganzen Herzen Christo und seinem Evange=
lium in Lehre, Leben und Wandel getreu sind,
so wirds bald besser werden. Solche Män=
ner sehen immer in ihrer Amtsführung auf
das Wesentliche, auf Herzens= und Sinnes=
ändrung ihrer Zuhörer, und daher, da sie
Christen sind, ist von ihrem Stolz und
Dummheit wenig oder nichts zu besorgen.
Ich kann gar wohl die Quelle anzeigen,
aus welcher die heutige Verachtung des Lehr=
standes herkommt. Der Voltärsche [Voltaire] Geist
hat sich so allgemein gemacht, daß auch die=
jenigen, die sich äußerlich zu Christo beken=
nen, sich schämen, von ihm und seiner Lehre
zu reden; die schöne Philosophie ist jetzt
Mode, und die macht jene altfränkisch und
zum Theil lächerlich. Da nun die Geistli=
chen wegen ihres Amtes noch immer davon
reden, und allem, was von Christo abführt,
     wider=
 
Neue Seite:
 
=     91
widerstehen müssen, dieses aber bey unbekehr=
ten Geistlichen immer mit Stolz und Dumm=
heit verpaaret geht, auch noch dazu dieser die
mehresten sind, so muß der Lehrstand noth=
wendig verächtlich werden.
Nun ist die Frage, ob man durch Spöt=
teleyen die Sache ins Allgemeine beßre oder
nicht?
Die Beantwortung dieser Frage beruht
nur auf der Erörterung folgender Frage:
Wird die wahre Religion Christi dadurch
befördert, wenn die Geistlichkeit lächerlich
und verächtlich gemacht wird? Denn daß
solches durch Spötteleyen zuwege gebracht
wird, ist gar keine Frage, daran zu zweifeln
wäre.
Ich will dieses alles durch ein Gleichniß
erörtern, so wirds in ein helles Licht gesetzt
werden.
Ein gewisser Fürst hatte eine schöne und
große Stadt, die von vielen Menschen be=
wohnt wurde, die sich alle recht wohl und
reichlich nährten. Der Fürst muste eine
sehr lange Reise thun; damit aber doch die
Stadt ruhig verwaltet würde, so verfaßte er
gewisse Statuten und Gesetze, nach welchen
gewisse dazu bestimmte Männer, deren über
ein jedes Quartir der Stadt einer oder meh=
rere bestimmt worden, alles richten und
     schlich=
 
Neue Seite:
 
92     =
schlichten, und die Einwohner, nach der Regel
derselben zu leben, anführen sollten. Was
geschah? Diese Männer regirten die Stadt;
da sie aber ungleich die Gesetze auslegten, so
warf sich endlich einer zum Regenten auf,
machte noch viele Nebengesetze, und die an=
dern alle musten ihm gehorchen. Dieses
dauerte eine Zeitlang, so fanden sich gewisse
Männer, die mit der Monarchie gar nicht
zufrieden waren: sie fingen an dagegen zu
streiten, forderten ihres Fürsten Gesetzbuch,
gabens allen Leuten zu lesen, und strichen
alles darinnen aus, was von jemand anders,
hinzugeflickt worden. Das gieng eine Zeit=
lang sofort; da aber diese letztere Aristokra=
tisten theils träg in ihrem Amte, theils auf
Nebenumstände tyrannisch, theils im Wesent=
lichen lau wurden: siehe! so fand sich ein
Bürger in der Stadt, der fieng an mit höh=
nischen spitzigen Reden den Bürgern zu sagen,
daß sie Bürger wären: Sie wären ja wackere
freye Leute auf Gottes Erdboden, wären ja
selber klug genug; warum Sie sich doch nach
gewissen alten Gesetzen beherrschen ließen,
da man nicht wüste, von wem sie eigentlich
wären? Ja, der Fürst! das ist so eine
Sache; er kann wol einmal ein guter Mann
hier in der Stadt gewesen seyn – Hört!
besser ists, wir kehren uns gar an nichts; ist
     ja
 
Neue Seite:
 
=     93
ja der Kaiser unser aller Oberherr. Was
will uns der altfränkische Fürst sagen? Es
heist in den Gesetzen: Er soll des Kaisers
Sohn seyn, sein Erbprinz – mag er –
geht uns nichts an, wir halten uns an den
Kaiser. Da sagen die Leute: Der Kaiser
und sein Sohn haben die Gesetze so bestätigt
und gemacht; allein, wer weis, obs wahr
ist? Es sind doch viele Ungereimtheiten
darinn, lächerliche Dinge. Was ist des
Krams all nöthig? Wir sind gesittete
Menschen: es ist ja natürlich, daß einer den
andern liebe. Dieser Mann bracht es so
weit, daß der mehrste Theil der Menschen
so wurde, wie er. Man dachte nicht viel
mehr an den Fürsten, eben so wenig an den
Kaiser; der schuldige Tribut wurde unsäglich
viel kleiner, und so wurde der Weg zur Un=
abhänglichkeit gebahnt.
Der Monarch in der Stadt kehrte sich
nicht viel dran, ließ die Leute denken und
setzte sein Regiment fort. Die Aristokratier
aber waren verschiedner Meynung. Einige
gaben sich dran und untersuchten die Gesetze
aufs neue; sie glaubten, es könnte wol ein
Vergleich getroffen werden; einer meynte
zu finden, daß der verreiste Herr ein guter
vornehmer Patritius in der Stadt gewesen
seyn könnte, der diese Gesetze zum Besten
     dersel=
 
Neue Seite:
 
94     =
derselben gemacht habe. Die gemeine Sage,
daß er bald wiederkomme, sey eine Sache,
die unwahrscheinlich wäre. Da dieser Herr
also ebensowol ein Bürger sey, wie sie, wenn
er auch allenfalls ein kaiserlicher Minister
geworden wäre: so könne er ihnen doch nicht
übelnehmen, wenn sie die Gesetze nach der
jetzigen Denkungsart ein wenig geändert,
auch wol ein und anders darinnen ausge=
strichen hätten. Andre von eben diesen Ari=
stokratiern wollten gar von keinem Vergleiche
hören und sehen, hielten genau auf dem alten
Buchstaben, schändeten und schmälten auch
die Demokratisten oder kaiserlichen Freyleute,
schalten sie für Rebellen, gaben auch zuwei=
len Ohrfeigen, wo sie konnten. Diese Zelo= [Zeloten]
ten wurden endlich gar verhaßt in der Stadt.
Die Demokratier, deren am allermehresten
waren, lachten darüber, hießens Kann=
benstreiche; und weil sie glaubten, daß ihre
Stadt eine kaiserliche freye Reichsstadt wäre,
so glaubten sie, auch die Zeloten müsten ihre
Freyheit haben, sowol als sie.
Unter den Aristokratiern waren aber noch
immer einige stille Leute. Man sagt, daß
sie geheime Korrespondenz mit dem Fürsten
hätten. Diese ermahnten überall, wo sie
Gelegenheit dazu hatten, die Einwohner,
sie möchten genau nach den Gesetzen des Für=
     sten
 
Neue Seite:
 
=     95
sten sich halten: man fände sich ja wohl dabey;
sie wüßten, er würde bald kommen, und
dann würde er gewiß seine treuen Anhänger
mit unabsehbarem Glücke belohnen. Diese
stillen Aristokratier hielten sich also geheim,
warteten ihres Amts, und beklagten den Zu=
stand der Bürgerschaft.
Bey diesen kritischen Umständen, da die
Demokratier oder Freydenker überall den
Meister spielten, und alles dem Fürsten an=
fieng abtrünnig zu werden, der Monarch
zwar noch glaubte, er wäre, was er immer
gewesen, und die Aristokratier, wie oben ge=
meldet, in drey Faktionen, [sic; Fraktionen] in Vergleichs=
kommissarien, in Zeloten und in fürstliche
Aristokratier getheilt waren, läßt sich leicht ver=
muthen, daß die Demokratier, als die herr=
schende Parthey, weder die Monarchischen,
noch die Aristokratier werden haben leiden
können, sondern einen mit dem andern, so
viel an ihnen ist, werden gesucht haben zu
unterdrücken. Die Aristokratier waren also
alle drey Partheyen, wie man allgemein
glaubte, unnöthige Bürger.
Nun trugs sich einmal zu, daß man des
Morgens, als man aufstund, ein Bild auf
dem Markt entdeckte. Es stund am höchsten
Orte, so daß Klein und Groß es von wie=
tem und nahem sehen konnte. Es war eine
     strohene
 
Neue Seite:
 
96     =
strohene Statue in riesenmäßiger Größe, in
Satyrengestalt, mit Geisfüßen, Bockshörner
auf dem Kopf, und das Gesicht war von
Pappier [sic; Papier] oder Pappendeckel so geformt, daß
es mit den Augen nach einem nach der Seite
hinstehenden aristokratischen Hause schielte,
und sein Maul dabey zum Lachen verzerrt
war. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand
wies es auf dieses Haus. Die Kleidung
dieses Strohmannes war genau, so, wie sie
die Aristokratier zu tragen pflegen. Unter
seinen Geisfüßen lagen verschiedne sinnbildi=
sche Figuren, deren Namen aus dem fürst=
lichen Gesetzbuche genommen waren, als:
Gnade, Wiedergeburt &. Auch sahe
man da das Wappen des Fürsten in der
Hand eines Aristokratiers, wie er dem Stroh=
manne unter den Füßen lag; doch war das
Wappen so gekehrt, das es konnte mit Koth
beworfen werden. Unten am Fußgestelle
stand mit großen Buchstaben: Sebald
Nothanker, ein Aristokratier. Knaben
und Männer, Jünglinge und Jungfrauen
stunden zu Tausenden um dieß Bild, lachten
aus vollem Halse, klatschten, und wo sie
hernach einen Aristokratier fanden, da warfen
sie Koth auf ihn.
Nun entsteht die große Frage, wie es
fernerhin mit der Stadt zugehen werden? –
     Darauf
 
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Darauf läßt sich nichts antworten. Wir
Aristokratier glauben es zu wissen, und die
Demokratier glaubens zu wissen.
Ich weis aber eins gewiß, und das ist
Folgendes:
Die Gesetze sind da, und in denselben
stehts, der Fürst der Stadt sey der Erbprinz
des Kaisers; dieser und unser Fürst haben
eine und dieselbe Regierung; was einem ge=
schähe, geschähe auch dem andern. Nun,
was ist dann sichrer, als daß man sich diesen
Gesetzen unterwerfe? Ders thut, fehlt ge=
wiß nicht, wenn sie auch unnöthig wären,
denn das kaiserliche Interesse wird doch da=
durch vermehrt; wers aber nicht thut, läuft
entsetzliche Gefahr, auf ein großes kann
seyn einstweilen Rebelle gegen den Kaiser
und seinen Sohn zu seyn: denn daß die De=
mokratier sagen, sie verehrten den Kaiser und
nennten ihn ihren Oberherrn, das ist so viel
gesagt, als: der Kaiser ist ein ehrlicher
Mann, wofür wir Respekt haben; wir thun
aber, was und gefällt, und sind ihm weiter
nichts schuldig. Wies aber mit dem Herrn
Pasquino und seinem Strohmanne aus=
sehen wird, wenn dereinst der Fürst kommt;
ob er damit zufrieden seyn wird, wenn er
ihm antwortet: Die Aristokratier waren
     G     Schur=
 
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98     =
Schurken; sie thaten nicht, was uns De=
mokratiern gefiel; darauf wollt ichs um aller
Welt willen nicht wagen, an seiner Stelle
zu seyn.
Hiemit will ich meinem Büchlein ein
Ende machen. Obige aus der gegenseitigen
Schrift angeführten Stellen sind hinlänglich,
zu beweisen, was ich beweisen will. Nur
noch ein Wort an alle Zweifler:
Wie kann man sich in jetzigen Zei=
ten am besten beruhigen: Wie kann
man zur Gewißheit kommen?
Hört alle, Große und Kleine! Schaut
die ganze Welt an uns sehet! Alles lebt
und bewegt sich. Reducirt alles auf die er=
sten Centralkräfte, auf die anziehende und
wegstoßende Kraft; denkt und urtheilt nun
unpartheyisch: Ist das denn etwas Begreif=
liches, daß der Stein, wenn er in die Höhe
geworfen wird, wieder auf die Erde fällt?
noch nie hat es ein Mensch herausdemonstri=
ren können; es ist immerwährende Wir=
kung der Allmacht Gottes, die da will, daß
ähnliche Körper nach dem Verhältnis ihrer
Massen sich anziehen, unähnliche aber sich
abstoßen sollen; von diesen Centralkräften
sind noch viel Sachen bis dahin, wo unsre
Vernunft zu begreifen anfängt. Gnug,
es bleibt dabey, die Grundlage alles Lebens
     und
 
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und aller Bewegung beruht auf der fortdau=
ernden Wirkung der schöpferischen Macht
Gottes. Diese Macht hat sich gewisse Ge=
setze vorgeschrieben, nach welchen sie in dieser
Welt handeln will. Diesen Satz will ich
auf die menschliche Seele anwenden. Die
Seele hat eine deutliche Vorstellung von
gewissen Sachen; sie ist sich deren bewust,
sie ist sich ihres Daseyns mit höchster Deut=
lichkeit bewust; was ist das nun? Auf, Ver=
nunft! ergünde [sic; ergründe] sich selbst, was du bist! –
sie kanns nicht; sie kann nichts weiter ent=
decken, als daß sie da ist, und daß sie nach
gewissen Grundtrieben handelt; sie kann
nicht einmal aufhören zu denken, wenn sie
will; sie ist nicht souverain, sie lebt
wieder abhänglich von dem, der da befiehlt:
Du Stein sollt ewig fallen, wenn du in
den Stand gesezt wirst, daß du fallen kanst.
Es ist also ausgemacht, daß die Vernunft
Gränzen um sich herum hat, über welche sie
nicht wegkann. Bey diesen Umständen,
da die Seele so eingeschränkt ist, hat sie
doch einen unendlichen Hunger nach Erkennt=
nissen. Ein Mensch, der mit diesem Hun=
ger nun in die Dinge der Schöpfung ein=
geht, stirbt, eh er kaum angefangen hat.
Die Welt hat schon bald sechstausend Jahre
gestanden, und noch siehts erschrecklich man=
     G 2     gelhaft
 
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100     =
gelhaft in den Wissenschaften aus; folglich
ist unläugbar:
Der Mensch ist für diese Leben nicht
allein da, denn er erreicht seinen
Endzweck nie.
Der menschliche Geist ist aber doch einer
Erhöhung seiner Kräfte fähig, und er ist
ihrer nicht umsonst fähig, wenn anders ihr
Schöpfer ein weiser Schöpfer ist.
Ist der Mensch für dieses Leben nicht
allein da, so muß ein anders Leben auf die=
ses folgen, und ein Mensch muß, seinen
wesentlichen Kräften nach, ebenderselbe nach
dem Tode seyn, der er zuvor war; das ist,
er muß sich dieses Lebens noch erinnern kön=
nen, sonst wär er so gut, als wenn er neu=
gebohren, das ist, ein andrer Mensch wäre.
Ist die menschliche Seele sich ihrer ersten
Grundanlage nicht bewust, so muste die im=
merfortdauernde schöpferische Machtkraft
wieder nach fortdaurenden Gesetzen die Seele
fortschaffen, d. i. erhalten. Nun ist aber
die Seele, ihren Kräften nach, einer Er=
höhung oder Verbesserung fähig! – Jezt,
meine Herrn Freygeister und Deisten! wo
sind die Grundregeln anzutreffen, die der
Natur der Seele angemessen, die fähig sind,
den Menschen nach seinem Zustande zu ver=
feinern, seine Erkenntniß zu vermehren,
     und
 
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und ihn in den Stand zu setzen, seine Be=
stimmung zu erreichen? – Von aussen,
durch bloße sinnliche Wirkungen der Schö=
pfung auf uns, bringen wir der Seele tau=
senderley Mannigfaltigkeiten bey, sie fällt
immer von einem aufs andre, und es kommt
am Ende weiter nichts heraus, als wir ha=
ben unsre Existenz verbessert, aber nur die
Existenz für dieses Leben. Da dieses aber
kurz ist, so haben wir schlecht für uns gesorgt,
wenn wir weiter nichts besitzen können.
Von jeher haben die Verständigsten des
menschlichen Geschlechts eingesehen, daß
die Verbesserung des menschen darinn be=
stünde, und daß er einen viel höhern Grad
der Menschheit erreichen könnte, wenn er
nur in sofern die Schöpfung gebrauchte, als
es zu Erhaltung seines Daseyns nöthig wäre,
im übrigen aber seine Seelenkräfte dazu an=
wendete, Gottes liebenswürdige Eigenschaf=
ten kennen zu lernen, wie er sich in der
Schöpfung an die Menschen offenbart habe,
und zu diesem auch andre Menschen zu lei=
ten und zu führen. Alle, die diesen Weg
einschlugen, fühlten im Innersten ihrer Seele
ein unbekanntes Wohlthun, welches das zu=
stimmende Ja der Gottheit ist, die immer
am Rade der Natur auch in der menschlichen
Seele umdreht. Allein, es gieng solchen
     G 3     weisen
 
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102     =
weisen Männern, als wenn man einen
Mühlstein in einem engen Thal einen Berg
herablaufen läßt; er erhält sein stren=
ges Herablaufen und immerfort beschleunigte
Bewegung, zwar so viel Kraft übrig, daß
er die andre Seite ein Stück Wegs wieder
heraufläuft, bald aber wieder zurücksinkt und
liegen bleibt. Wo kann sie sich selbst ver=
bessern, wo kann sie ihre Kräfte erhöhen,
wenns der nicht thut, der sie erhält! Der
Weg, dazu zu gelangen, ist untrüglich.
Ich will Ihnen denselben zeigen; und alle
vernünftige Menschen werden sagen müssen,
ich hätte Recht.
Wer also ein herzliches Verlangen in
sich verspürt, daß er gerne wollte so seyn,
wie er seyn muß; der da empfindet, wie
mangelhaft es um ihn aussieht. (denn die
andern, die schlechterdings zufrieden sind,
wie es geht, die zufrieden sind, wenn sie
das vornehmste Thier heissen, und ferner
kein Verlangen bey sich spüren und ruhig
sind, mit denen red ich nicht. Ich rede
nur mit denen, die Wahrheitshungrig sind,
und aus Wahrheitsliebe zweifeln, was sie
thun sollen;) diesen geb ich folgenden Rath,
der sie nicht betrügen wird.
     Erst
 
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Erst müsen sie sich vornehmen, das allge=
meine Gesetz der Natur, allen Menschen wohl=
zuthun, fest und unverbrüchlich zu halten; ferner
auch alles dasjenige, was uns die gesunde Ver=
nunft lehrt, was unsre und des Nebenmenschen
Glückseligkeit befördert, aber wesentlich beför=
dert; mit einem Wort: was einen jeden seine
innere Ueberzeugung lehret thun, das thu er,
ohne es zu unterlassen, und prüfe alle Handlun=
gen nach dem Probiersteine der innern Ueberzeu=
gung dessen, was Gut und Bös ist: geb also
fleißig auf sich selbst und seine Handlungen Acht,
so wird er erst gewahr werden, wie schwach er
ist, und wie wenig der Mensch geschickt ist, blos
das Naturgesetz zu halten, geschweige die Feinde
von Herzen zu lieben. Nun müßt ihrs aber nicht
machen, wie der Mühlstein, und wieder zurück
laufen, sondern ihr müßt den Vater der Natur
und der Menschen, der überall wirksam ist, um
Hülf ansprechen; ihr müßt in dieser Sehnsucht
beharren und gleichsam zum Magnet werden, um
mehrere Kräfte durch Gebet vom Vater zu er=
langen: so werdet ihr vor und nach gewahr wer=
den, daß der Vater der Natur allmächtiger
Kraft, nach Zahl und Maaß und unveränder=
lichen Gesetzen, auf alles Erschaffene wirke. Ihr
werdet finden, daß zwischen euch und ihm ein
so unendlicher Unterschied sey, daß euch der min=
deste Zusatz von seiner reinen göttlichen Kraft ein
verzehrendes Feuer werden würde. Alsdann
werdet ihr erfahren, daß die Erzählung Moses
vom Fall Adams wahr seyn müsse, indem es
unmöglich ist, daß der Gott, der so aufs strengste
nach seinen Gesetzen alles regiert, ein so ganz
unvollkommnes Ding, wie die menschliche Seele
     anjetzo
 
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104     =
anjetzo ist, sollte haben machen können. Ihr
werdet dann mit gröster Klarheit einsehen lernen,
wie entsetzlich die menschliche Natur im Verder=
ben liege; ihr werdet zittern und zagen, und
keinen Rath wissen, wie ihr nun zu eurer Be=
stimmung gelangen sollt, die euch nun unendlich
wichtig wird, indem euch nichts gräslicher vor=
kommen kann, als wenn die Seele sollte vom
Leibe getrennet, aus dem Elemente der Gottheit
verstoßen werden, und ihr doch immer nahe seyn
und bleiben. Nun wird euch die Lehre vom Ver=
söhner Jesu Christo so handgreiflich nöthig, und
so gewiß vorkommen, daß ihr ganz und gar an
keinen Zweifel mehr denken werdet, und ihr wer=
det ihn mit beyden Händen ergreifen.
Dieses ist der einzige Weg eines Zweiflers zur
Ueberzeugung in der christlichen Religion und
deren Wahrheit zu gelangen. Ein jeder, der kein
wahrer Christ ist, doch aber Christum mit dem
Munde bekennt, thut eben so viel, als wenn er
sagt: Ich hab gehört, es soll ein Evangelium in
der Welt seyn, das so und so heist; überzeugt,
von dessen Wahrheit überzeugt ist er gewiß nicht.
Wer aber nicht überzeugt seyn will, der hüte sich
doch wenigstens ein Voltaire oder ein Verfasser
eines Nothankers zu werden.
Vignette.
 
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